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Die Illusion des akademischen Aufstiegs

Was hat Pierre Bourdieu mit Tony Soprano zu tun? Der Soziologe Oskar Fischer über die Entfremdung an der Uni und den Klassenkampf.

Die Illusion des akademischen Aufstiegs
Bild: Ausschnitt aus Raffaels Fresko "Die Schule von Athen"

An meiner Uni, der LMU München, studieren 50.000 Menschen, im Normalfall in engen Hörsälen und überfüllten Seminaren. Doch trotzdem fühlen sich die meisten Studierenden isoliert, entfremdet, einsam. Die “Atomisierung”, also die Zersplitterung in isolierte Einzelteile, hat die Unis fest im Griff. Heute, in der Corona-Pandemie, kann ich nur noch Online-Lehre geben, und diese Atomisierung weitet sich aus. Es ist eine Zeit der besonderen psychischen und sozialen Belastung für viele Studierende und Lehrende.

Nun möchte die bayerische Staatsregierung mit einem neuen Hochschulgesetz den “Wettbewerb um die besten Köpfe” führen, sprich eine noch neoliberalere Universität, mehr Privatisierungen, weniger Mitsprache, mehr Konkurrenz. “Elite” für die Wenigen, Prekarisierung und Existenzangst für die Allermeisten. Das ist nicht nur ein Problem an der Uni selbst: Viele verlieren ihre Jobs wegen der Krise, und auch zu Hause steigt die Belastung, denn die Pflege- und Erziehungsarbeit erledigt sich nicht von alleine. Kein Wunder, dass also in ganz Bayern Zoom-Sitzungen stattfinden, um gegen dieses Gesetz zu mobilisieren, das auch im “Mittelbau”, also bei den Lehrenden und Forschenden unterhalb der Profs, auf breite Ablehnung stößt.

Die erste Online-Lehre erlebte ich im Jahr 2009, aber unter völlig anderem Vorzeichen: Eine Studierendenbewegung gegen die Ergebnisse der Bologna-Reformen und die Einführung von Studiengebühren hatte das Audimax besetzt, sodass meine VWL-Profs ihre Vorlesungen streamen mussten. Während jener Besetzung wurde eine “Volksküche” in der LMU organisiert, es gab Würstl mit Senf oder veganen Eintopf, dazu Bier gegen Spende. Wir Besetzer:innen hatten regelmäßig Kontakt mit den Hausmeister:innen, Securities und Reinigungskräften, die unsere Aktion duldeten und zum Teil begrüßten. Die Besetzung scheiterte aber schließlich in den Weihnachtsferien, nicht durch polizeiliche Repression, sondern durch gesellschaftliche Isolation: Wir Student:innen hatten verpasst, den politischen Schulterschluss mit der Arbeiter:innenklasse zu suchen, die die Auswirkungen des Neoliberalismus schon sehr viel länger zu spüren bekam.

Pierre Bourdieu und die Legende vom Aufstieg

Viele Studierende – und auch einige Lehrende – stammen familiär aus der Arbeiter:innenklasse (dem Proletariat) oder sind Teil des Proletariats, oft ohne sich dessen bewusst zu sein. Mit dem Proletariat meine ich nicht eine kitschige akademische Vision der Arbeiter:innen, kein „abgehängtes“ Bildungsmilieu, keine „Unterschicht“. Ich meine auch nicht notwendigerweise das Industrieproletariat – obwohl dieses immer noch groß und strategisch wichtig ist. Ich meine all diejenigen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, damit andere Mehrwert daraus abschöpfen.

Zu diesem Proletariat – also der größten und umfassendsten Klasse in unserer Gesellschaft – zu gehören, ist in der Akademie bereits ein Makel: An der Uni wird Studierenden entweder beigebracht, sich für ihre proletarische Herkunft zu schämen, sie zu verbergen – besonders in den Sozialwissenschaften einer eingebildeten „Exzellenz“-Universität wie der LMU München, die ich besuchen durfte. Oder die Studieninhalte dienen im direkten, unmittelbaren Sinne der Ausbeutung der Arbeiter:innen, wie in Fächern wie “Personalmanagement” in der BWL überdeutlich wird. In dieser Kombination ist die Aufgabe der Universität im Kapitalismus, Ideologieproduktion für die Klassengesellschaft zu betreiben und Personal dafür auszubilden.

Dazu dient auch die Illusion einer Chance auf individuellen Aufstieg in der Akademie, der freilich den allermeisten verwehrt bleiben muss. Es gibt hunderte Formalismen, Sprachformeln, akademische Besonderheiten und spezielle Wissensbestände, die darauf abzielen, die Akademie von den breiten Massen abzuheben. Mit diesen Strategien grenzen sich die kleinbürgerlichen Schichten der Professor:innen und Universitätshonoratior:innen ab und hoffen auf Teilhabe an den Pfründen der Bourgeoisie, während sie Lehre und Forschung im Dienste des Kapitals betreiben.

Der Soziologe Pierre Bourdieu widmete einen großen Teil seiner Studien diesem Phänomen der sozialen Abgrenzung und des (verhinderten) Aufstiegs in die „besseren“ Kreise der Gesellschaft: wie du sprichst, wie du dich kleidest, ja sogar wie du dich bewegst, sagt aus, wo du herkommst, wer du bist.

Ironischerweise leugnete Bourdieu, selbst ein „Aufsteiger“, in seinen Theorien die Arbeiter:innenklasse als politisches Subjekt. Die marxistische Analyse des Widerspruchs zwischen der Klasse der Kapitalist:innen, das heißt den Besitzer:innen von Produktionsmitteln, und der Klasse des Proletariats, definiert diesen Widerspruch als Kampf zwischen den Klassen. Bourdieu hingegen verzauberte das Kapital zu etwas Symbolischem. Kapital ist dadurch keine Frage des Eigentums mehr, sondern wird zu einer bestimmten Verhaltensweise mit einem bestimmten gesellschaftlichen Status. Im Umkehrschluss wird der antagonistische (einander entgegengerichtete) Kampf der Klassen bei Bourdieu zu einer Frage des (Nicht-)Aufstiegs von einer Klasse in die andere, dem Versprechen der „guten, alten“ Sozialdemokratie.

Das ist schließlich auch eine Perspektive, die die Massenuniversität mit zehntausenden Studierenden den Arbeiter:innen gibt, wenn sie ihnen nicht nur mit Verachtung entgegentritt: Steigt auf, lasst eure Klasse hinter euch, werdet Teil eines besseren Lebens! Viele der großen Stipendienprogramme des Staats, der Parteien, Gewerkschaften und Religionsgemeinschaften stellen dieses Versprechen auf. Es ist im Grunde das alte Versprechen der Sozialpartnerschaft, die Behauptung des Aufstiegs eines Teils der Arbeiter:innenklasse durch harte Arbeit und Bildung. Diese Legende vom Aufstieg ist jedoch heute immer weniger plausibel: Sie basierte materiell auf der Systemkonkurrenz zur DDR, auf scheinbar wiederkehrenden Wachstumsphasen nach dem Krieg und auf dem Versprechen, dass wenn schon nicht alles gut, es zumindest für die junge Generation besser wird. Dagegen ist die „Generation Corona”, die heute studiert, in einer Zeit der dauerhaften Krise und permanenter Prekarisierung aufgewachsen. Und selbst dort, wo der Aufstieg scheinbar „gelingt“, ist er mit tiefen Widersprüchen verbunden.

Die Verwirrung der „Academia“

Es gibt eine aussagekräftige Szene in der 2000er-Serie „Sopranos“, einer Charakterstudie über einen Gangster aus New Jersey, auf dem unter anderem der Alp lastet, aus einer Maurerfamilie zu stammen und die Gepflogenheiten der Bourgeoisie nicht zu verstehen. So eckt der Hauptcharakter Tony Soprano regelmäßig dadurch an, dass er diese Rolle des Wohlerzogenen nicht verkörpern kann. Er leidet sehr darunter, im Golfclub seines Arztes von dessen bürgerlichem Freundeskreis verspottet zu werden. Als Tony in der ersten Staffel seine Tochter zu einem guten College bringen möchte, sitzt er in einer Wartehalle und liest die Zeilen eines bekannten Alumni (Ehemaligen) des College, Nathaniel Hawthorne:

Kein Mensch kann für längere Zeit sich selbst das eine und der Menge ein anderes Gesicht zeigen, ohne am Ende in Verwirrung zu geraten, welches das echte ist.

Was ist das Gesicht – oder wohl eher die Maske –, das die Uni von uns erwartet der Menge der „Academia“ zu zeigen? Es darf in der Massenuni, die ja die Köpfe vieler Leute braucht, durchaus die Maske einer Proletarierin sein. Jedoch muss sich diese Proletarierin dafür von ihren Klasseninteressen abwenden. Sie wird dann selbst ein glänzendes Beispiel dafür sein, was in dieser Gesellschaft „möglich” ist, während sie gleichzeitig getrennt sein wird von Millionen ihrer Klassengeschwister. Die Belohnung? Das höchst unsichere Versprechen, als eine von wenigen einmal Professorin zu werden – denn fast alles daran ist prekär. Oder eben etwas in der Wirtschaft zu reißen. Vor allem wird sie während ihrer Laufbahn eines lernen müssen: „Die Arbeiter:innenklasse gibt es nicht mehr”. Diese Erzählung, die heute an den Universitäten dominiert, macht aus der zahlenmäßig größten Klasse auf dem Planeten nur noch ein Milieu, eine Schicht, eine „große Erzählung“, etwas aus dem 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts, das spätestens 1990 abgeschafft wurde; ein Gespenst. Das heißt für die Proletarierin: Ihre eigene Herkunft gibt es nicht mehr, und es gibt kein kollektives politisches Interesse einer Klasse, für das sie sich mit ihrem Wissen als Akademikerin nun einsetzen könnte.

Doch die Realität ist das Gegenteil: Laut Statistiken der ILO befinden sich heute fast 3,5 Milliarden Menschen in abhängiger Arbeit, davon knapp 40 Prozent Frauen – die höchste Rate in der Geschichte. Die Arbeiter:innenklasse ist größer und vielfältiger als je zuvor. Jedoch ist sie zugleich auch zersplitterter als je zuvor, getrennt durch rassistische und sexistische Strukturen, Befristungen, Outsourcing und sonstige prekäre Verhältnisse.

Vielleicht wird sich diese Proletarierin, die es in der Akademie „geschafft hat“, politisch engagieren wollen, zum Beispiel bei den Grünen, in der SPD oder in der Linkspartei. Sie könnte sich dort Inklusion, Diversity und soziale Gerechtigkeit auf die Fahne schreiben. Doch wäre sie dann mitverantwortlich für die Politik der „linken” Regierungen: Outsourcing, Prekarität und das Disziplinarregime gegen Arbeitslose – auch wenn sie sich von den konkreten Maßnahmen kritisch distanzieren mag. Sie könnte auch eine scheinbar unabhängige NGO gründen, die sich genau dieser Perspektive der Wahl eines „kleineren Übels“ strategisch unterordnet und im besten Falle Lobby-Arbeit macht, anstatt die Aktivität der Arbeiter:innenklasse selbst voranzutreiben. In der Akademie ist diese Strategie weit verbreitet: Die besten, oft durchaus kritischen Köpfe, werden auf Posten in Stiftungen, NGOs oder bürokratischen Apparaten der Gewerkschaften, der SPD, Grünen oder Linkspartei eingebunden und dadurch ihres Potentials beraubt. Denn die Aufgabe dieser Apparate ist nicht, den Kampf für die Interessen der Arbeiter:innenklasse und der Massen zu organisieren, sondern zwischen diesen Interessen und den Interessen von Kapital und Staat zu vermitteln. Diese Kooptation ist ebenso ein fester Teil der kapitalistischen Massenuniversität wie ihre Verleugnung der Arbeiter:innenklasse.

Klassenkampf statt Identitätsmaske

Was aber, wenn die gedachte Proletarierin diese Maske nicht aufsetzen möchte? Nun, die Existenz der Arbeiter:innenklasse ist glücklicherweise unabhängig von der Ansicht der akademischen Mehrheitsmeinung. Wie schon erwähnt, war die Arbeiter:innenklasse noch nie größer und breiter als heute.

Die meisten Studierenden sind Teil der Arbeiter:innenklasse, indem sie für ihren Lebensunterhalt jobben müssen, prekär in der Service-Arbeit zum Beispiel oder an der Uni selbst als HiWi/Studentische Hilfskraft (in allen Bundesländern außer Berlin ohne Tarifvertrag) oder als angehende Mediziner:in im Krankenhaus. Und der Wissenschaftsbetrieb ist ebenso auf der Ausbeutung von Arbeitskraft aufgebaut, die immer mehr prekarisiert wird: prekäre Lehraufträge und Scheinselbständigkeit, Bangen auf Drittmittelanträge, das Damoklesschwert des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes…

Es mutet zynisch an, dass eben denselben Studierenden und Beschäftigten, die für den Gewinn anderer schuften, beigebracht wird, es gebe keine Klassen mehr. Nur wer diese Legende verwirft, kann dem Spiel des neoliberalen Kapitalismus mit der Identitätsmaske entkommen.

In der postmodernen Akademie wird eine positive Bezugnahme auf die Klasse häufig als Kampf gegen Diskriminierung missverstanden. Es ginge darum, “Klassismus” sichtbar zu machen, worunter die Diskriminierung aufgrund von Armut oder sozialem Status verstanden wird. Doch davon spreche ich hier nicht. Ich spreche davon, Studium, Lehre und Forschung in den Dienst der Befreiung der Menschheit aus dem Joch der Klassengesellschaft zu stellen. Ausgangspunkt dafür ist die Erkenntnis, dass die Arbeiter:innenklasse nicht in erster Linie Objekt von Diskriminierung ist (obwohl sie auf verschiedenste Art und Weise diskriminiert wird), sondern ein Subjekt des Kampfes. Die Arbeiter:innenklasse ist eine universelle Klasse, die die gesamte Gesellschaft betreibt und sie rundum neu gestalten kann, wenn sie die ihr gegenüberstehende kapitalistische Klasse besiegt. Das höchste der Gefühle ist eben nicht der Aufstieg, nicht die Vermittlung der Klassen – sondern das Ende der Klassengesellschaft. Den Übergang dahin finden wir in den tatsächlichen Klassenkämpfen heute, die ein Programm brauchen. Die Aufgabe von Akademiker:innen kann in diesem Sinne darin bestehen, die Position der Arbeiter:innenklasse einzunehmen und sie als Subjekt im Kampf zu stärken.

Gegen eine neoliberale Uni heißt gemeinsamer Kampf mit den Outgesourcten

Kommen wir mit diesen Fragen im Kopf zu einem aktuellen Beispiel: dem Kampf gegen das bayerische „Hochschulinnovationsgesetz“, das zumindest in Bayern, an den Hochschulen und Unis in aller Munde ist. Es soll unter anderem Ausgründungen erlauben, Stiftungsmodelle für Hochschulen und Universitäten; „Start-Ups“, die Überführung in Anstalten öffentlichen Rechts, und es soll die ohnehin schon fast allmächtigen Hochschulräte und Präsidien weiter stärken, die zaghaften Ansätze von Uni-Demokratie ganz ausreißen. Es könnte eine Gefahr für zahlreiche kleine Fächer sein, falls sie sich nicht „rechnen“. Außerdem droht mit dem Gesetz die Wiedereinführung von Studiengebühren.

Angriffe wie diese sind nicht neu, sondern aus den gesamtgesellschaftlichen Angriffen der letzten Jahrzehnte bekannt: Privatisierung, Outsourcing, Kommerzialisierung. Es ist nicht etwa so, dass die Hochschulen die ersten wären, die so einen Angriff erleben, sie schweben nur nicht in den Wolken, wie es manche:r gern denken möchte, sondern sind Teil der Klassengesellschaft. Die Studierenden und Lehrenden sind also von der Hochschulreform nicht nur als Teil der Uni betroffen, sondern eben als Teil der Klassengesellschaft. Deren entscheidende Klasse ist die Arbeiter:innenklasse, die praktisch alles herstellt und betreibt, was es gibt, und der praktisch nichts gehört. Der Großteil der „Academia“ gehört selbst dieser Klasse an, als befristetes Prekariat, welches von einer kleinen, ständischen Kaste an Professor:innen abhängig ist. Nur wird sie ideologisch von ihrer Klassenposition entfremdet. Diese Position des überwiegend prekären “Mittelbaus” steht im Widerspruch zur Legende des Aufstiegs. Sie macht aber auch deutlich, dass sich die Frage des Klassenbewusstseins eben nicht auf angebliche Privilegien reduzieren lässt. Das Bewusstsein ist eine Frage des Klassenkampfes und der Stellung, die darin gegen die bestehenden Führungen eingenommen wird.

Das Gesundheitswesen kennt die sozialen Kernelemente der Hochschulreform schon länger, traurige Prominenz erlangten die Fallpauschalen. Die Corona-Pandemie macht mehr als deutlich, wie fatal eine profitorientierte öffentliche Infrastruktur im Gesundheitssektor – und nicht nur dort – für die Gesellschaft als Ganzes ist. In der Pandemie hat sich doppelt gezeigt, wie wichtig die Reinigung für das Bestehen des Gesundheitssystems und der Universitäten ist. Schon vor Jahren hat der Staat viel härtere Angriffe auf diesen Bereich durchgeführt, als sie uns jetzt mit der Hochschulreform treffen.

So sind die Kolleg:innen in der Reinigung und der Essensversorgung, die an den Uni-Kliniken arbeiten, outgesourct, oft in privaten Tochterfirmen. Outsourcing bedeutet, dass bestimmte Bereiche der Arbeit in Subunternehmen ausgelagert werden, und oft geht sie auch mit der Privatisierung zuvor öffentlicher Dienstleistungen einher. Das Outsourcing steht als Teil fürs Ganze für den Neoliberalismus, weil es die Beschäftigten aufspaltet, die Tarifverträge unterläuft und Öffentliches privatisiert. Es greift die kollektive Kampfkraft an, auch wenn zunächst nur einzelne Bereiche betroffen sind. Somit ist es ein Angriff auf alle Arbeiter:innen, der eine umfassende Verteidigung nötig macht. Outsourcing ist meist auch strukturell rassistisch und sexistisch, da es überwiegend gegen weibliche und migrantische Arbeiter:innen gerichtet ist. Das ist nicht nur bei der Uni ein Problem, auch die jahrzehntelang rot-grün geführte und angeblich „soziale“ Landeshauptstadt München hat es so mit ihren Städtischen Kliniken gemacht. Aber betrachten wir hier die Unis, Einrichtungen, an denen wir selbst lernen und lehren. Die Reinigung und die Essensversorgung der LMU-München-Kliniken zum Beispiel sind an Personaldienstleister outgesourct (KMD und KUM). Die für die Reinigung zuständige 100%ige LMU-Tochter KMD hat einen Jahreshaushalt von etwa 17 Millionen Euro in Gehältern und Sozialausgaben. 600 Mitarbeiter:innen sind dort beschäftigt. 2016 gab es einen Arbeitskampf der outgesourcten LMU-Klinik-Arbeiter:innen, bei der die Arbeiter:innen ein Ende des Outsourcing verlangten. Das war bei KUM, einer „Schwester“ der KMD, also auch 100%ige Tochtergesellschaft, die für Prekarisierung durch Leiharbeit und Werkverträge bekannt ist.

Mit diesen Kämpfen gegen Neoliberalismus und Outsourcing sind die KUM-Beschäftigten nicht allein: In Berlin hat sich eine regelrechte Arbeitskampf-Bewegung der von den Rot-Rot-Grün-Regierungen outgesourcten „Töchter“ gebildet: CFM, VSG oder CPPZ, ausgegliederte Unternehmen der gigantischen Charité- und Vivantes-Kliniken. An ihrer Spitze erkämpften die Beschäftigten des zur Universität gehörenden Botanischen Gartens eine Wiedereingliederung durch einen Streik, der sich der Methoden der demokratischen Kontrolle und Streikversammlungen bediente. Die Streikenden des Botanischen Gartens beließen den Kampf keineswegs in ihrem Haus, sondern stehen seitdem an der Spitze der Zusammenführung von Kämpfen, mit Forderungen wie „TV-L/TVöD für alle!“.

In diesen Klassenkämpfen spielten Solidaritätskomitees Studierender eine wichtige Rolle. Im Gegenzug haben sie in den Beschäftigten unersetzbare Mitstreiter:innen für eine andere Gesellschaft gefunden, weit über den einzelnen Arbeitskampf hinaus. So verbündeten sich die Studentischen Hilfskräfte der Berliner Hochschulen und Universitäten in der Kampagne um TV-Stud (für einen studentischen Tarifvertrag) mit ihren prekären Kolleg:innen. Auch an der Alice-Salomon-Hochschule (ASH) Berlin gab es letztes Jahr einen wichtigen Kampf Studierender mit Beschäftigten in der Reinigung gegen deren Entlassung und Outsourcing. Und in Bezug auf die Hochschulreform haben Krankenhausbeschäftigte schon ihre Solidarität mit den Anliegen der Studierenden bekundet und ihre Gemeinsamkeiten betont.

Neoliberale Reform „mitgestalten“ oder Hochschule im Interesse der Studierenden und aller Beschäftigten?

Eine programmatische Schlussfolgerung, die aus diesen Kämpfen gezogen werden kann und die sich eine Bewegung gegen die Studienreform aneignen sollte, ist: Ein Tarifvertrag für alle Beschäftigten im öffentlichen Dienst! Gegen die aufgezwungene Spaltung in TV-L (Länder) und TVöD (Bund und Kommunen) sowie weitere öffentliche Tarife und Haustarife. Gegen Outsourcing, für die Rückführung aller Outgesourcten unter einem Tarifvertrag in die öffentliche Hand, für dauerhafte Verträge bei allen dauerhaften Aufgaben, seien sie wissenschaftlich oder nicht. Mit einem solchen Programmpunkt – als Teil eines größeren Programms der Arbeiter:innenklasse gegen die Hochschulreform sowie insgesamt gegen Privatisierung, Outsourcing und Krise – wäre viel für ein gesellschaftliches Bündnis getan, das über diese Reform hinaus einen effektiven, auf die Arbeiter:innenklasse gestützten, Kampf gegen den Neoliberalismus und den Kapitalismus insgesamt erlaubt.

Die zunehmende Krise und die kommenden Angriffe bieten auch die Perspektive zunehmender Konflikte und zunehmenden Klassenkampfes. Das gilt auch für Kämpfe an den Hochschulen. Für diese Kämpfe stellt sich eine strategische Frage: Wer sollen die Verbündeten sein? Wer kann eine andere Hochschule und eine andere Gesellschaft erkämpfen, die der Gesellschaft statt Profiten dient? Und das ist das von der Uni verleugnete Proletariat.

Wir haben im Kampf gegen die neoliberale Hochschulreform die Situation, dass das Gesetzesvorhaben vom Reformismus und den vermittelnden Bürokratien „mitgestaltet“ werden soll. Es gibt hier einen Druck, in den Uni-Gremien und von politischen Organisationen der Liberalen sowie des Reformismus, doch besser etwas „Einfluss zu nehmen“, solange es noch möglich sei, „konstruktiv“ mitzuarbeiten. Die Mehrheit der Arbeiter:innenklasse, besonders ihre prekarisiertesten Teile, kennen diesen Quatsch zur Genüge – noch an Hartz IV sollten die Gewerkschaften „beteiligt“ werden, um den gewaltigen sozialen Angriff dann mittragen und verteidigen zu dürfen. Im Endeffekt haben die Bürokratien die soziale Spaltung der Arbeiter:innenklasse vertieft und verwalten sie heute mit.

Eine Politik, die sich gegen die Prekarisierung in den öffentlichen Sektoren insgesamt wendet, erlaubt eine Zusammenarbeit mit den Kämpfen im Gesundheitssystem, die in der Pandemie eine besondere Wichtigkeit haben und die eine große Dynamik in den letzten Jahren erlebten. Durch einen Kampf für eine Hochschule im Interesse der Studierenden und aller Beschäftigten ist ein Bruch mit der elitären Ideologie der bürgerlichen Universitäten möglich. Dazu braucht es auch die Lehre aus der letzten großen Uni-Bewegung um 2009, dass die Studierenden einen gemeinsamen Kampf mit der Arbeiter:innenklasse führen müssen, um ein besseres Leben in einer von Beschäftigten und Studierenden bestimmten Uni und für eine von Arbeiter:innen bestimmten Gesellschaft zu erkämpfen.

Dieser Artikel erscheint im Klasse gegen Klasse Magazin #1. Schau dir hier die gesamte Ausgabe an.

One thought on “Die Illusion des akademischen Aufstiegs

  1. Jean sagt:

    Sehr richtig erkannt. Ich bin zudem der Überzeugung, daß das Kapital sich verrennt.
    Die eigene Konkurrenz zwingt zur Automatisierung und schaft so den kaufkräftigen Arbeitnehmer in weiten Teilen erstmal ab; siehe Banken und Versicherungen.
    Ohne ein starkes Staatliches Gegengewicht geht der Konsumgesellschaft die Kundschaft aus. Den Begriff „Kampf“ halte ich für obsolet, da sich der Kampf gegen etwas Richtet sich aber der Aktivismus für etwas einsetzt. Letztlich gibt es an einigen Punkten der Welt das Extrema des „Elfenbeinturms“. Kleine Abgeschlosse Habitate von „Reichen“ die hinter Mauern in großer Angst vor den „Armen“ existiren. Ich hab mir das mal in Südafrika angeguckt. Ist nicht schön. Produktion Gütern und Wert sollten und werden auch bereits neu gedacht.
    Ich sehe das Problem der Unfähigkeit zum Strategemwechsel aus einer über Jahrhunderte etabliert Gesellschaftsordnung heraus. Die Beschleunigung des Kapitalismus durch den Neoliberalismus im Zusammenspiel mit dem technischen Fortschritt lenkt die Gesellschaft aus der Bahn. Wir könnten probieren den Fortschritt aufzuhalten, doch UmweltProbleme lassen dies nicht zu. Und es wäre auch historisch und eigenreflecktif unbedacht, da die Marktökonomie den Fortschritt erzwinkt. Das scheitern der Sozialisten Staaten des zwanzigsten Jahrhunderts zeigt dies nur all zu deutlich.
    Wenn also der Kapitalismus zu einer monopolisten Gesellschaft führt die auf maximal Profit basiert, was zu negativen Spannungen innerhalb der Gesellschaft führt, sollte zunächst der Staat als aktiver Wirtschaftsteilnehmer den Markt zu gewichtigen Teilen bespielen, und zwar in 100% der Infrastruktur und wie z.B. mit Airbus auch in Bereichen des Nichtinfrastrukturelken, um eine stabile Normierung des Werte der Arbeit zu generieren. Ein schönes Beispiel ist auch Wien in bezug auf Wert des Wohnraums dadurch das der Staat 30% des Wohnungsmarktes besitzt gibt es insgesamt ein weiterführendes Preisniveaus.

    Ich Suche Personen und Instutionen für eine zusammenarbeit für eine „stabile“ / Paradies gleiche Gesellschaft.

    Mit freundlichen Grüßen
    Jean D. Sikiaridis

    Vorstandsvorsitzender von TURBA e.V.

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