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„Und dann ging es plötzlich doch.“ — Lukas S. über Streiks und Mitgliederentscheide

Lukas S. war Betriebsratsvorsitzender im Botanischen Garten der FU Berlin und berichtet von den Erfahrungen, die sie in ihrem herausragenden Kampf gemacht haben. Als aktiver Beobachter und Unterstützer des Kampfs der studentischen Beschäftigten kommentiert er die Strategie der Arbeitgeber*innenseite und rät den Studierenden: "Wenn man merkt, dass bei finanziellen Dingen Zeitdruck aufgebaut wird, ist meistens an dem Geschäft irgendwas faul."

„Und dann ging es plötzlich doch.“ - Lukas S. über Streiks und Mitgliederentscheide

Lukas S. war Betrieb­sratsvor­sitzen­der im Botanis­chen Garten und ein­er der Streik­führer im erfol­gre­ichen Arbeit­skampf, der mit­tler­weile zum Leucht­turm für Beschäftigte in Berlin gewor­den ist. Der Botanis­chen Garten war in der Hand ein­er 100-prozenti­gen Tochter (Betrieb­s­ge­sellschaft Botanis­chen Garten Botanis­ches Muse­um) der FU Berlin, die in erster Lin­ie dazu diente, die Löhne im Garten zu drück­en. Über zwei Jahre kämpften die Kolleg*innen mit Streiks und Aktio­nen gegen das Out­sourc­ing und Lohn­dump­ing. Im Herb­st 2016 erkämpften sie einen Tar­ifver­trag, der für einige Beschäftigte Lohn­er­höhun­gen um mehrere hun­dert Euro im Monat bedeuteten und eine 100-prozentige Ankop­plung an den Tar­ifver­trag der Län­der bein­hal­tete. Zum Jan­u­ar dieses Jahres wurde die Betrieb­s­ge­sellschaft von der FU aufgelöst. Diese Errun­gen­schaften sind das Resul­tat eines lan­gen und aus­dauern­des Kampfes der Beschäftigten, bei dem sie sich mehrere Male gegen faule Kom­pro­misse und anti-gew­erkschaftliche Angriffe der FU zur Wehr set­zten. Lukas S. hat den Kampf der stu­den­tis­chen Beschäftigten über die Monate begleit­et und erzählt im Inter­view von seinen Erfahrun­gen und gibt seine Mei­n­ung zum Ange­bot der Hochschulen ab.

Bei eurem Kampf im Garten habt ihr mehrere Ange­bote abgelehnt und weit­ergekämpft bis zum endgülti­gen Erfolg. Magst du beschreiben, warum ihr euch nicht darauf ein­ge­lassen habt, nur 80 oder 90% des TV‑L (Tar­ifver­trag der Län­der) anzunehmen?

Ja, wir haben mehrmals Ange­bote der FU abgelehnt. Ich war im Übri­gen ein­er der­jeni­gen, die überzeugt wer­den mussten, weit­er für 100 Prozent TV‑L zu kämpfen, als ein Ange­bot darunter vor­lag. Ich bin unser­er Tar­ifkom­mis­sion und der Gew­erkschaft heute noch sehr dankbar, dass sie mich an diesem Punkt zum Weit­erkämpfen ermutigt haben. Das hat jet­zt dafür gesorgt, dass sich mein Beruf­sleben stark zum Pos­i­tiv­en verän­dert hat. Ger­ade ein ablehnen­der Mit­glieder­entscheid stärkt mein­er Mei­n­ung nach die Ver­hand­lungspo­si­tion der Tar­ifkom­mis­sion, weil sie dann der Gegen­seite sagen kann, dass das näch­ste Ange­bot so verbessert wer­den muss, dass es zus­tim­mungs­fähig ist. Ich glaube, Arbeitnehmer*innen sind in solchen Entschei­dun­gen viel emo­tionaler als die Gegen­seite. Es wird von uns immer eine gewisse Dankbarkeit erwartet. Wir kön­nen da alle noch dazuler­nen. Liegt ein verbesserungswürdi­ges Ange­bot vor, muss eine Ablehnung so nor­mal wer­den wie mor­gens aufzuste­hen und sich die Zähne zu putzen.

Die Hochschulen dro­hen bei TVS­tud jet­zt damit, dass kein Ange­bot mehr in diesem Semes­ter kommt, wenn das jet­zige abgelehnt wird. Was hältst du von solchen Dro­hun­gen?

Eine Ablehnung würde in erster Lin­ie Druck auf die Hochschulleitun­gen und den Sen­at ausüben und nicht auf die Gew­erkschaftsmit­glieder, denn ger­ade die Hochschulen und der Sen­at kön­nen eine so wichtige von so vie­len Men­schen demokratisch gefällte Entschei­dung nicht ein­fach ignori­eren. Dafür ste­ht TVS­tud zu sehr in der Öffentlichkeit. Wenn sie sagen: “Das ist das let­zte Ange­bot”, dann drückt das schon eine gewisse Angst aus, weil sie wis­sen, es muss im Falle der Ablehnung nachgebessert wer­den. Ich halte die Gegen­seite für so erfahren in Tar­ifver­hand­lun­gen, dass sie bere­its jet­zt schon etwas in der Reserve haben. Was wurde den Streik­enden des Tech­nikmu­se­ums oder des Botanis­chen Gartens nicht alles gesagt, was nicht gehen würde. Und dann ging es plöt­zlich doch.

Welche Bedeu­tung hat­te Streikdemokratie bei eurem Kampf? Also wie liefen Streikver­samm­lun­gen? Wie habt ihr die Kolleg*innen überzeu­gen kön­nen, den Kampf bis zum Ende zu führen?

Bei uns wur­den selb­stver­ständlich alle Entschei­dun­gen demokratisch gefällt. Ange­bote der FU wur­den auf Streikver­samm­lun­gen und Mit­glieder­be­fra­gun­gen entsch­ieden. In Betrieb­sver­samm­lun­gen wur­den die Ergeb­nisse vorgestellt und wir ermutigten dort auch die Beschäftigten zum Weit­erkämpfen. Was auch ein wichtiger Aspekt war: Wir wur­den bei wichti­gen Entschei­dun­gen nicht unter Zeit­druck geset­zt und kon­nten Ange­bote in Ruhe auswerten. Wenn man merkt, dass bei finanziellen Din­gen Zeit­druck aufge­baut wird, ist meis­tens an dem Geschäft irgend­was faul.

Der Kampf bei TVS­tud ist der läng­ste Streik von stu­den­tis­chen Hil­f­skräften und es haben sich immer mehr Men­schen beteiligt, die vorher noch nie gestreikt haben. Was würdest du den Streik­enden gerne noch mit auf den Weg geben?

Diese Abstim­mung hat Auswirkun­gen auf die Lebens­be­din­gun­gen von tausenden Studieren­den für die näch­sten Jahre. Nie­mand kann darüber so gut entschei­den wie ihr selb­st. Ich finde es an diesem Punkt wichtig, sich seinen per­sön­lichen Net­tolohn und dessen Entwick­lung auszurech­nen und auf dieser Grund­lage eine Entschei­dung zu fällen. Alles andere lenkt nur ab. Die Frage ist: Was hab ich danach im Geld­beu­tel, verbessert das mein Leben nach­haltig und ste­ht das im Ver­hält­nis, was ich an Kraft in den Arbeit­skampf investiert habe. Am Ende geht’s ums Geld. Das klingt zwar etwas unro­man­tisch, aber dafür wer­den Arbeit­skämpfe ja geführt.

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