Unsere Klasse

Botanischer Garten: Belohnung nach langem Kampf

Der Botanische Garten in Berlin hat seine Niedriglohntochter aufgelöst. Seit dem 1. Januar erhalten die Beschäftigten endlich gleiche Löhne für gleiche Arbeit.

Botanischer Garten: Belohnung nach langem Kampf

Lukas Schmolzi arbeitet als Elektriker am Botanischen Garten. Am 29. Dezember letzten Jahres gingen er und seine Kolleg*innen ihrer Arbeit nach: Sie warteten die komplizierten technischen Anlagen in den Gewächshäusern. Am 2. Januar machen sie genau dasselbe. Zwischen beiden Schichten gibt es nur einen Unterschied: 2017 waren sie noch bei der Betriebsgesellschaft Botanischer Garten und Botanisches Museum (BG BGBM) angestellt, einer hundertprozentigen Tochterfirma der Freien Universität Berlin (FU). 2018 arbeiten die Techniker direkt für die FU, so wie alle anderen Beschäftigten im Garten.

Für diese Änderung haben Schmolzi und viele seiner Kolleg*innen acht Jahre lang gekämpft. Die 70 Mitarbeiter*innen der Tochtergesellschaft verdienten bis zu 40 Prozent weniger als ihre Kolleg*innen mit FU-Verträgen – für genau die gleiche Arbeit. „Am 1. Januar um 0 Uhr haben wir nicht nur das neue Jahr gefeiert“, so Schmolzi, „sondern auch den Betriebsübergang.“ Jede*r Lohnabhängige kennt das Wort „Outsourcing“ – ein von den Beschäftigten erkämpftes „Insourcing“ dagegen ist eine Seltenheit.

Streit bis zuletzt

Bis in die Weihnachtszeit haben der Betriebsrat und die FU-Leitung über einen Interessenausgleich gestritten. Die Wiedereingegliederten bekommen ihre gesamten Beschäftigungszeiten im Garten anerkannt, selbst wenn sie für eine andere Firma gearbeitet haben. Schmolzi zum Beispiel kam 2006 als Leiharbeiter an den Garten, und wechselte nach einem Jahr in die Tochterfirma – nun hat er eine Erfahrungsstufe, als hätte er zehn Jahre lang für die FU gearbeitet. Nach dem an der Universität gültigen Tarifvertrag der Länder (TV-L) kann das mehrere hundert Euro im Monat ausmachen.

Die FU beabsichtigt, die neun Techniker*innen aus dem Garten herauszulösen und ihrer zentralen Technikabteilung zuzuordnen. Die gesamte Gartenbelegschaft lehnte dies ab und wandte sich auch immer wieder an das Abgeordnetenhaus. Bei einer Sitzung des Uni-Kuratoriums Mitte Dezember musste der Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung, Steffen Krach (SPD), ein Machtwort sprechen. Der Senat hatte besondere Mittel für die Lohnerhöhungen bereitgestellt – und „das Geld muss eins zu eins dem Botanischen Garten zur Verfügung gestellt werden“, so Krach in der Sitzung. Würde die FU die Techniker*innen außerhalb des Gartens einsetzen, würde das gegen die finanziellen Beschlüsse verstoßen. Am Ende einigte sich das Kuratorium auf die Formulierung, dass die neun Techniker*innen nun „überwiegend“ im Garten eingesetzt werden, also mehr als 50 Prozent ihrer Arbeitszeit.

Für Ronald Tamm, der im Sicherheitsbereich arbeitet, bedeutet der erfolgreiche Arbeitskampf vor allem eines: Mehr Zeit für die Familie. „Früher haben wir nur den Mindestlohn, 8,50 Euro, verdient. Um mit zwei Kindern einigermaßen über die Runden zu kommen, musste ich jeden Monat 230 oder 240 Stunden arbeiten.“ Mit den erhöhten Löhnen kommt er nun mit 170 Stunden aus. „Und dann kann ich auch mit meinen Kindern in Urlaub fahren oder ihnen etwas zu Weihnachten schenken“, so der Gewerkschaftsaktivist. Tamm schaut ruhig in die Zukunft, „aber wir werden auch ein Auge auf die FU haben“.

Verdiente Ruhe

„Viele von uns müssen erstmals zur Ruhe kommen“, betont Schmolzi. Nicht nur die prekären Arbeitsbedingungen waren schwierig für die Gesundheit, sondern auch der Kampf dagegen. „Wir waren rund um die Uhr für den Arbeitskampf unterwegs: im Abgeordnetenhaus, bei Politikern, bei den Medien.“ Nun freut er sich auf mehr Freizeit. Seit vier Jahren ist er Betriebsratsvorsitzender. Aber dieser Betriebsrat wird zusammen mit der Tochterfirma aufgelöst. Seit Silvester ist Schmolzi wieder ein normaler Elektriker.

Ruhe ist für Lohnabhängige im Kapitalismus dennoch ein seltenes Gut. Nach wie vor werden manche Arbeiten an externe Dienstleister übertragen. Die Reinigung wird seit 2016 von der Firma Gegenbauer gemacht, auch die Schmuckgärten und die Tischlerei sind in der Hand von Fremdfirmen. Die Forderung nach Insourcing ist nicht vollständig erfüllt.

Ähnliche Konstruktionen mit Niedriglöhnen gibt es in vielen öffentlichen Unternehmen in Berlin. „Bei Charité Facility Management, beim Krankenhauskonzern Vivantes, bei den studentischen Beschäftigten muss es 2018 noch Lösungen geben“, so Schmolzi. Das bedeutet, dass die „Harten vom Garten“ auch im kommenden Jahr viel mit Arbeitskämpfen beschäftigt sein werden – trotz der verdienten Ruhe.

dieser Artikel im neuen Deutschland

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.