Deutschland

30 Jahre lang betrogen: Rechtsruck, Massentrauma und eine neue Hoffnung

Es sieht düster aus zu den offiziellen Feierlichkeiten, die 30 Jahre Betrug an der ostdeutschen Bevölkerung zelebrieren. Im Kontrast dazu stehen die weltweiten Aufstände gegen die Folgen des Neoliberalismus. In seinem Diskussionsbeitrag vollzieht Oskar Fischer die Wunden nach, die das 20. Jahrhundert im Bewusstsein hinterlassen hat – und gibt Gründe für einen Optimismus der neuen Generation.

30 Jahre lang betrogen: Rechtsruck, Massentrauma und eine neue Hoffnung

Foto: Protest gegen Erich Honeck­er (Gen­er­alsekretär des Zen­tralkomi­tee der SED bis kurz vor dem Mauer­fall 1989) und Alfred Gomol­ka (erster Min­is­ter­präsi­dent von Meck­len­burg-Vor­pom­mern nach der “Wiedervere­ini­gung”).

Vor 30 Jahren erlebten die Men­schen im Osten eine große Ent­täuschung, nach­dem sie große Hoff­nun­gen hat­ten. Der Nieder­gang der DDR war einge­bet­tet in eine Phase weltweite Nieder­la­gen der Massen, die wir als Neolib­er­al­is­mus ken­nen. Heute, zu den 30-jähri­gen Feier­lichkeit­en des Falls der Berlin­er Mauer, ist die inter­na­tionale Sit­u­a­tion für die Arbeiter*innenklasse eine ganz andere: Frankre­ich, Chile, Guatemala, Ecuador, Haiti, Irak, Libanon, Kat­alonien… an vie­len Orte der Welt ste­hen die Men­schen auf gegen die Zumu­tun­gen des Neolib­er­al­is­mus, der sich 1989/90 kon­so­li­diert hat­te. Es gibt weltweit eine neue Hoff­nung – auf unter­schiedlichen Niveaus der Kämpfe, aber mit ein­er gemein­samen Grund­lage –, die bei uns noch nicht angekom­men ist. Was sind die Bedin­gun­gen der „Schock­starre“, die die Arbeiter*innen und Linken in Deutsch­land lähmt und wie wer­den sie aufge­hoben?

Lasst uns dafür zuerst eine Bilanz der Feier­lichkeit­en machen, die zurzeit allerorten von staatlich­er Seite her ver­an­lasst wer­den: In die Male­di­v­en fliegen darf man heute auch im Osten… wenn man es sich leis­ten kann. Das gilt auch für die freie Stu­di­en- und Aus­bil­dungsplatzwahl. Kann man nach Hartz IV wirk­lich noch behaupten, dass es in der BRD keine Arbeit­spflicht gibt? Wer keine Arbeit hat, wird bestraft, gedemütigt und aus­ge­gren­zt. Wohnen und im Alter würdig leben kön­nen sind keine selb­stver­ständlichen Dinge im Kap­i­tal­is­mus. Die Bevölkerung der DDR erlebte über die all­ge­meinen Zumu­tun­gen an die Arbeiter*innenklasse hin­aus beson­dere Angriffe, deren Sym­bol die Treu­hand ist. Die vom West­en ein­geleit­ete Dein­dus­tri­al­isierung hin­ter­ließ nicht nur wirtschaftlich Brach­land.

Über die sozialen Angriffe hin­aus fand seit der soge­nan­nten Wende, also der kap­i­tal­is­tis­chen Wieder­her­stel­lung oder Restau­ra­tion, ein seit dem Faschis­mus nicht mehr gekan­ntes Bilder­stür­men statt: Von der Geschichte bis hin zu Musik und Sport wurde die DDR im kollek­tiv­en Gedächt­nis des „wiedervere­inigten“ Deutsch­lands geschlif­f­en. Das Wort „Wiedervere­ini­gung“ selb­st ist ein Hohn, denn die Bevölkerung der DDR wurde nicht vere­inigt, son­dern geschluckt. Die Ost­deutschen wer­den seit­dem 30 Jahre lang lächer­lich gemacht, für die Wende-Ver­heerun­gen des West­ens angeklagt.

Innere Widersprüche der DDR und ein großes Schweigen

Und dann ist da noch der Wieder­auf­stieg des besiegt geglaubten Faschis­mus, der sich durch den anti­semi­tis­chen und faschis­tis­chen Anschlag von Halle sowie den Erfolg der Höcke-AfD in Thürin­gen als zweit­stärk­ste Kraft erneut bemerk­bar macht. Wie kon­nte er wieder so stark wer­den?

Das Kap­i­tal war in der DDR enteignet, also gab es offiziell keinen Faschis­mus mehr – obwohl dieser beson­ders im Klein­bürg­er­tum natür­lich weit­er existierte, wenn auch weit schwäch­er als im West­en. Indes beze­ich­nete die DDR-Bürokratie die Mauer zur Einsper­rung der Arbeiter*innen als antifaschis­tisch, den Arbeiter*innenaufstand von 1953 als faschis­tisch.

Explo­siv wuchs der tat­säch­liche Faschis­mus allerd­ings erst nach dem Ausverkauf der DDR an, angepflanzt durch west­deutsche Nazi-Kad­er und Geheim­di­en­ste, gedei­hend auf dem Boden sozialer Ver­wüs­tung nach massen­haften Schließun­gen und Per­spek­tivlosigkeit der Jugendlichen in bewusst zur Zer­schla­gung der Konkur­renz dein­dus­tru­al­isierten Gebi­eten. Die Arbeiter*innenklasse kämpfte gegen die mas­siv­en Angriffe der Treu­hand und der Kapitalist*innen, von den Kali-Werken bis hin zu den Werften, doch sie wurde von der west­deutschen Gew­erkschafts­bürokratie im Stich gelassen – und das bis heute, wie man es an den ungle­ichen Tar­ifverträ­gen für Ost und West able­sen kann oder daran, dass den Metaller*innen im Osten die 35-Stun­den-Woche bis heute ver­wehrt bleibt. Dass ihre Hoff­nun­gen mit kap­i­tal­is­tis­chen Schlä­gen beant­wortet und ihre Kämpfe dage­gen von offizieller Seite tot­geschwiegen wer­den – dieses erneute Schweigen nach einem Massen­trau­ma –, ist prä­gend für das „vere­inte“ Deutsch­land.

Die DDR selb­st war geprägt von inneren Wider­sprüchen, die sie zu Fall bracht­en: Das Kap­i­tal wurde enteignet, doch die Arbeiter*innenklasse übte nicht die poli­tis­che Macht aus, son­dern eine bürokratis­che Clique, die die Arbeiter*innen unter­drück­te. Eine Plan­wirtschaft wurde einge­führt, doch die Pro­duk­tivkräfte blieben durch die Ide­olo­gie des „Sozial­is­mus in einem Land“ nation­al beschränkt, sodass Män­gel zu ver­wal­ten waren.

Diese Wider­sprüche waren ein beson­der­er Aus­druck des Stal­in­is­mus, der die Sow­je­tu­nion und alle Län­der des „Ost­blocks“ gefan­gen hielt: Die kap­i­tal­is­tis­chen Län­der wur­den durch die Exis­tenz der defek­ten Arbeiter*innenstaaten gehemmt, doch ihr vor­läu­figer Siegeszug des Neolib­er­al­is­mus nur aufgeschoben; mit der Strate­gie der „friedlichen Koex­is­tenz“ Moskaus wurde der inter­na­tionale Klassenkampf ver­hin­dert. Die Arbeiter*innenklasse in Deutsch­land wurde die Nazis los, doch die Volks­front-Poli­tik der Zusam­me­nar­beit mit dem Bürg­er­tum führte die inter­na­tionale Arbeiter*innenklasse weltweit in blutige Nieder­la­gen. Die Dop­pel­gesichtigkeit des deformierten, das heißt von Anfang an defek­ten, Arbeiter*innenstaats DDR wurde ganz zugun­sten des Kap­i­tal­is­mus aufgelöst, als die Bürokratie ihn zur kap­i­tal­is­tis­chen Restau­ra­tion freigab.

Dass es in Deutsch­land keine rev­o­lu­tionäre Strö­mung gab, die effek­tiv für ein vere­inigtes sozial­is­tis­ches Land ein­trat, das sich der Staatsbürokrat*innen im Osten und der Kapitalist*innen im West­en entledigt, bezahlen die Arbeiter*innen mit nun­mehr 30 Jahren Nieder­la­gen. Die Auf­ständis­chen in der ehe­ma­li­gen DDR, die ihre Bürokratie abschüt­teln, aber nicht ausverkauft wer­den woll­ten, erkan­nten schon sehr bald, dass Kohls „blühende Land­schaften“ erlogen waren. Das damit ver­bun­dene Trau­ma, vor aller Augen um die Früchte des Auf­s­tands bet­ro­gen wor­den zu sein, dass die eige­nen Kämpfe wieder in ein großes Schweigen mün­de­ten, das gehört zu den großen Wider­sprüchen im kollek­tiv­en Bewusst­sein.

Massentraumata, die man im Kapitalismus nicht verarbeiten kann

Der das Massen­be­wusst­sein prä­gende Pes­simis­mus ist keine indi­vidu­elle oder auss­chließlich psy­chol­o­gis­che Eigen­schaft, son­dern hat seine poli­tis­che Quelle in den nicht ver­ar­beit­eten Trau­ma­ta des 20. Jahrhun­derts. Sie haben sich ange­häuft, sind bis zu hun­dert Jahre alt und stam­men aus dem ver­lore­nen Ersten Weltkrieg nach dem Ver­sprechen des Platzes an der Sonne, der geköpften Rev­o­lu­tion von 1918/19, gefol­gt von der kampflosen Nieder­lage gegen den Faschis­mus und der bit­teren Nachkriegs­jahre, Jahre des Schweigens über den Holo­caust. Die Quelle des Pes­simis­mus wurde sei­ther immer neu gespeist.

Der siegre­iche Faschis­mus begrün­dete die Angst der Linken vor den Massen, die für einige gar als per se faschis­toid gel­ten, ein Ressen­ti­ment der Nieder­lage. Doch die Trau­ma­tisierung der Massen selb­st, die aus ein­er Mis­chung aus Demü­ti­gung, Schuld und Schweigen beste­ht, set­zte sich fort: Durch die Teilung Deutsch­lands und die Beerdi­gung des Klassenkampfes unter die Mantras der Sozial­part­ner­schaft (West) und der friedlichen Koex­is­tenz (Ost); durch die kap­i­tal­is­tis­che Restau­ra­tion 1990 und den Treu­hand-Ausverkauf; durch die andauernde Demü­ti­gung des Ostens; und schließlich durch die von der Gew­erkschafts­bürokratie erzwun­gene Wehrlosigkeit der Arbeiter*innenklasse gegen den Schröde­ri­an­is­mus. Wie sollte man angesichts dieser Serie der Tragö­di­en, in denen die reformistis­chen und bürokratis­chen Führun­gen jede effek­tive Vertei­di­gung ver­hin­derten, noch zuver­sichtlich sein kön­nen?

Die Trau­ma­ta der Arbeiter*innenklasse und der Unter­drück­ten sind vielfältig. Sie speisen sich auch aus dem nicht ein­gelösten Ver­sprechen der sozialen Gle­ich­heit der arbei­t­en­den Frauen; aus der poli­tis­chen, kul­turellen und sozialen Unter­drück­ung der Gastarbeiter*innen (West) und der Vertragsarbeiter*innen (Ost), die zur Grund­lage für die ras­sis­tis­che Spal­tung, Aus­gren­zung und fehlende Repräsen­ta­tion der Migra­tion in Deutsch­land wurde; aus den geheim­di­en­stlich unter­stützen Mor­den des NSU; und aus dem Lager­sys­tem, in das Geflüchtete gezwun­gen wer­den. Es gibt nicht nur die all­ge­meinen Trau­ma­ta, son­dern sehr viele, die einan­der über­lagern.

Der Reformis­mus in Deutsch­land ist in einem des­o­lat­en Zus­tand, was sich am sicht­barsten in der SPD aus­drückt, aber auch in den Sack­gassen der Linkspartei. Gegenüber dem Auf­stieg der Recht­en nehmen die sozialdemokratis­chen und grü­nen Parteien, die von den Nazis eben­falls ange­grif­f­en wer­den, eine zugle­ich ängstliche und oppor­tunis­tis­che Hal­tung ein. Ihre Zahn­losigkeit, ihre Pas­siv­ität ist Aus­druck der Unfähigkeit, auf das Wieder­erstarken des Faschis­mus eine Antwort zu find­en. Es ist der gle­iche Faschis­mus, dessen Zellen in Bun­deswehr, Polizei, Ämtern und Parteien, Wehrsport­grup­pen, Burschen- und Kam­er­ad­schaften nie besiegt wur­den. Dieses Szenario ist möglich, weil die Hauptverbrecher*innen des Holo­causts in Indus­trie und Mil­itär nach dem Krieg davon kamen, während die Kollek­tivschuldthese die gesamte Schuld auf die all­ge­meine Bevölkerung ablud – ein Manöver, um den kap­i­tal­is­tis­chen Inhalt des Nazi-Regimes zu ver­tuschen.

Wenn es keine Hoff­nung gibt, gegen rechts zu gewin­nen, wenn die näch­ste Tragödie unauswe­ich­lich scheint, drückt sich die Angst in ein­er Schock­starre aus – ein Pes­simis­mus der Lichter­ket­ten, der demokratis­che Worthülsen vom Rechtsstaat anruft, aber den Recht­en Meter um Meter hergibt. Heute ist es deshalb nor­mal, dass der west­fälis­che NPD-Autor Lan­dolf Ladig (a.k.a. Björn Höcke, MdL Thürin­gen) oder der Münch­n­er HJ-Mann Andreas Kalb­itz (ehem. Mit­glied der Heimat­treuen Jugend, MdL Bran­den­burg) in die Ele­fan­ten­run­den des Öffentlich-Rechtlichen ein­ge­laden wer­den und dort beanspruchen dür­fen, wahlweise den „Osten“ oder die „Demokratie“ zu vertreten. Ja, der west­deutsche Faschist Höcke ist sich nicht zu schade, den Mauer­fall für sich zu beanspruchen! Die offene und dreiste Zurschaustel­lung der Lüge, die für alle ersichtliche Ver­drehung der Real­ität, ist eine Pro­voka­tion, ein Mit­tel der Ein­schüchterung – dass diese Ein­schüchterung weit­ge­hend fol­gen­los bleibt, macht Angst.

Die Massen­trau­ma­ta in Deutsch­land sind zu tief, um von ein­er Psy­chother­a­peutin oder in ein­er Unter­suchungskom­mis­sion behan­delt zu wer­den. Allein die Rech­nung der Treu­hand-Ver­brechen kann kein Men­sch und keine Insti­tu­tion des deutschen Regimes mehr begle­ichen, geschweige denn die des Faschis­mus. Es sind offene Rech­nun­gen zwis­chen den Klassen, die man nicht vergeben kann, die die Men­schen immer wieder neu trau­ma­tisieren und läh­men. Sie kön­nen im Kap­i­tal­is­mus nicht beglichen wer­den, weil diese Gesellschaft auf der Unter­w­er­fung von Men­schen unter andere Men­schen beruht, die die Wun­den Mal um Mal wieder auf­bricht und neue hinzufügt.

Über rechten Pessimismus und linken Pessimismus

Die linke (reformistis­che) Berichter­stat­tung, die Uni­ver­sitäten, die NGOs und die vie­len Reform-Bürokra­tien führen das ange­blich fehlende Bewusst­sein der Massen immer als Entschuldigung an: dass nicht mehr gestreikt wird; dass anti­ras­sis­tis­che Kam­pag­nen für die bre­ite Bevölkerung schwierig sind; dass man eben nur im Kleinen etwas machen und die Poli­tik eigentlich nicht verän­dern könne, und so weit­er und so fort. Doch auch die Arbeiter*innen in anderen Län­dern, die zurzeit in Massen auf­ste­hen, haben Trau­ma­ta der Dik­taturen, Kriege und tief­er­en sozialen Katas­tro­phen erlebt. Der ver­bre­it­ete Defätismus hat einen Über­hang im Über­bau, in den im Impe­ri­al­is­mus beson­ders starken Bürokra­tien also, und er wird immer wieder durch­brochen in den Betrieben, Schulen und Unis selb­st, die durch immer erneutes Auf­begehren der Prekarisierten, der von Ent­las­sung bedro­ht­en, der Jugendlichen fürs Kli­ma und für den Fem­i­nis­mus, der ras­sis­tisch unter­drück­ten Geflüchteten, stets neue Hoff­nung schöpfen. Das Prob­lem ist eben nicht, dass die Men­schen nicht kämpfen wollen, son­dern dass ihre Kämpfe in Nieder­la­gen geführt wer­den.

In Chile sagen die Men­schen nach der Erhöhung der Fahrpreise in San­ti­a­go um 30 Pesos, zurzeit vier Euro-Cent, was zum Auf­s­tand führte: „Es sind nicht die 30 Pesos, es sind die 30 Jahre“. Gemeint sind die 30 Jahre seit der Dik­tatur, die den blutig instal­lierten Neolib­er­al­is­mus fort­set­zten. In Frankre­ich brachte eine Kraft­stoff­s­teuer das Fass zum Über­laufen, nach­dem die Arbeits­mark­tre­form bere­its gewütet und mas­siv­en Wider­stand der Jugendlichen her­vorgerufen hat­te. Deutsch­land ist nicht Frankre­ich und Deutsch­land ist nicht Chile, aber die Bevölkerung in Deutsch­land erlebt eben­falls seit 30 Jahren nicht ein­gelöste Ver­sprechen, gar­niert mit 30 Jahren sozialen Zumu­tun­gen und Demokratieab­bau. Ich möchte nicht mut­maßen, an welch­er konkreten Frech­heit sich die näch­ste Aktiv­ität der Arbeiter*innenklasse in Deutsch­land entzün­det, son­dern ich möchte einen Punkt über Pes­simis­mus, Opti­mis­mus und die Vor­bere­itung machen.

Der linke und der rechte Pes­simis­mus sind generell unter­schiedlich. Der rechte Kul­turpes­simis­mus, der sich auf die Roman­tik und die „bürg­er­liche Rev­o­lu­tion“ bezieht, röhrt nach einem erlösenden Führer wie Höcke. Dass dieser Mann, der seine Männlichkeit wieder ent­deck­en möchte, nun nicht ger­ade mit ein­er großen Per­sön­lichkeit glänzt, tut sein­er Wirkung auf die Basis keinen Abbruch. Es sind ja nicht des Königs Klei­der oder Insignien, die ihm Macht ver­lei­hen, son­dern es ist seine Beziehung zu den Untergebe­nen, die sich ihm unter­w­er­fen. Und so ist es nicht das Genie Höck­es, das ihn vor sein­er Basis erhebt, son­dern es ist das Bedürf­nis nach Unterord­nung des belei­digten Klein­bürg­er­tums, der verzweifel­ten Deklassierten sowie der verängstigten und chau­vin­is­tis­chsten Schicht­en des Pro­le­tari­ats. Ihre eigene Macht­losigkeit angesichts der großen Ver­w­er­fun­gen eines niederge­hen­den Neolib­er­al­is­mus drückt sich in dem Bedürf­nis aus, sich über jegliche Demü­ti­gun­gen der eige­nen Massen­trau­ma­ta zu erheben und selb­st zu Unter­drück­enden zu wer­den. Die pedan­tis­che und verklemmte AfD bekommt mit Höcke den leicht erreg­baren Führer, den sie ver­di­ent und der ihr genügt.

Die Recht­en brauchen also keine beson­dere Strate­gie, denn sie ernähren sich vom Ver­fall des Kap­i­tal­is­mus selb­st. Sie wer­den immer mehr ide­ol­o­gis­ches Fut­ter haben, je schlechter es läuft. Die Linken dage­gen brauchen schon eine beson­dere Strate­gie, denn die Spon­taneität von Masse­nak­tio­nen ist unzure­ichend, um die Herrschaft ein­er Klasse über eine andere aufzuheben oder auch nur den Weg dahin einzuschla­gen, ohne von recht­en Gege­nan­grif­f­en über­rumpelt zu wer­den – das zeigte zulet­zt auf grausame Weise die reak­tionäre Wende des Ara­bis­chen Herb­stes. Der linke Pes­simis­mus basiert auf strate­gis­ch­er Rat­losigkeit. In ein­er Zeit der Rück­kehr des inter­na­tionalen Klassenkampfes in Großbuch­staben ist dieser Pes­simis­mus nicht nur unangemessen, son­dern schädlich.

Der Optimismus braucht ein Programm

Ich habe vorhin davon gesprochen, dass die deutschen Trau­ma­ta, und damit meine ich nicht nur die Trau­ma­ta der Deutschen, son­dern die Trau­ma­ta in Deutsch­land, nicht ver­ar­beit­et wur­den. Was fehlt, ist eine ehrliche Bilanz. Der Opti­mis­mus, für den ich wer­ben möchte, soll näm­lich kein leer­er Appell sein, keine Durch­hal­tepa­role, wie man sie sich bei der Sozialdemokratie abholen kann. Der rev­o­lu­tionäre Opti­mis­mus beruht nicht auf ein­er pos­i­tiv­en Lesart der Welt­lage, son­dern auf dem heuti­gen und dem kom­menden Klassenkampf.

Inter­na­tion­al kehrt der Klassenkampf auf die Welt­bühne zurück, warum sollte er dauer­haft vor Deutsch­land Halt machen? Gibt es einen magis­chen Bann, der auf diesem Land liegt, während die EU auseinan­der­fällt und die ganze Welt insta­bil­er wird? Nein, Kämpfe wird es wieder geben und es gibt sie vor allem in den an den Rand und nach unten gedrück­ten Sek­toren der Gesellschaft schon jet­zt. Die Strate­gie für diese Kämpfe beste­ht darin, mit denen, die vor­ange­hen, die Arbeiter*innenklasse anzus­prechen und per­spek­tivisch anzuführen. Es ist dafür gar nicht die Haup­tauf­gabe, für mehr Kampf zu agi­tieren, son­dern einen gesellschaftlichen Dia­log über Pro­gramm, The­o­rie, Strate­gie und Meth­ode der Arbeiter*innenklasse sowie den Inhalt der Organ­isierung zu suchen. Eine der Vor­bere­itungsauf­gaben heute ist die Ver­bre­itung der Idee, dass die Arbeiter*innenklasse Gewinne ein­fahren kann, anhand von Beispie­len wie den Kämpfen an den Kranken­häusern, die noch klein sind, aber die ihre Kraft nicht auss­chließlich durch ihre Errun­gen­schaften selb­st ent­fal­ten, son­dern eben durch ihre Beispiel­haftigkeit für viele mehr.

Die „linken“ Regierun­gen haben sich als nut­z­los erwiesen, sie ver­wal­ten das Elend der kap­i­tal­is­tis­chen Restau­ra­tion nur weit­er. Die nöti­gen Kämpfe müssen niedrigere Arbeit­szeit und die Anhebung des Lohn­niveaus umfassen, sodass es keine Diskri­m­inierung des Ostens mehr gibt. Wir brauchen das Ver­bot von Masse­nent­las­sun­gen und Schließun­gen sowie die Ver­staatlichung schließen­der Betriebe, wie es zum Beispiel Neue Hal­berg Guss bei Leipzig immer wieder dro­hte oder wovon die Kolleg*innen beim Maschi­nen­bauer Union Chem­nitz jet­zt bedro­ht sind, unter Arbeiter*innenkontrolle. Wir brauchen von Seit­en der Gew­erkschaften einen Kampf gegen Rechts und für die Gle­ich­stel­lung migrantis­ch­er Arbeiter*innen, mit Mobil­isierun­gen und Streiks statt Son­ntagsre­den und Coca-Cola-Anti­ras­sis­mus. Wir brauchen einen fem­i­nis­tis­chen und anti­ras­sis­tis­chen Kampf der Arbeiter*innen, die sich nicht spal­ten lassen, die im Kampf den neolib­eralen Chau­vin­is­mus der AfD und die Kapitalist*innen kon­fron­tieren. Und für all das brauchen wir einen bun­desweit­en antibürokratis­chen Kampf um die Führung der Gew­erkschaften selb­st, die in Ost wie West von der Sozial­part­ner­schaft gefan­gen gehal­ten wer­den.

Diese Kämpfe mögen in Deutsch­land noch vere­inzelt sein, aber mit Fri­days for Future ist eine Jugend­be­we­gung da, die an Jugend­be­we­gun­gen der let­zten Jahre anschließt, und die ein großes Poten­zial hat. Mit ihr betritt eine jugendliche Gen­er­a­tion die anfängliche Bühne der Poli­tisierung, eine Gen­er­a­tion, die die großen Nieder­la­gen in Deutsch­land noch nicht erlebt hat und die zum ersten Mal seit dem Krieg nicht mehr glauben kann, dass es ihr bess­er gehen wird als ihren Eltern. Diese Gen­er­a­tion fragt sich nach den Lebens­grund­la­gen ihrer Zukun­ft, angesichts der bere­its stat­tfind­en­den ökol­o­gis­chen Katas­tro­phe. Es ist also eine Gen­er­a­tion, die nach einem Pro­gramm und nach ein­er Strate­gie fragt, und die nicht isoliert ist wie die Arbeiter*innen im Auf­s­tand von 1989, son­dern die sich mit den auf­ständis­chen Jugendlichen über­all auf der Welt zusam­men tun kann. Heute, 30 Jahre nach der Tragödie für die Arbeiter*innen, bere­it­en wir uns darauf vor, eine Tragödie für die Kapitalist*innen zu organ­isieren.

One thought on “30 Jahre lang betrogen: Rechtsruck, Massentrauma und eine neue Hoffnung

  1. Inge + Richard sagt:

    Ric freut sich sehr, daß dieser Artikel endlich
    erschienen ist.

    Ich denke, daß dieser Artikel einen Aktivierungs- und Organ­sa­tion­sansatz für die Jugend inter­na­tion­al darstellen kann und geeignet ist die Phan­tasie der fortschrit­tlichen Jugend im Osten anzure­gen.

    Wir wer­den uns bemühen, die Inten­tion des
    Artikel zu unter­stützen.

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