Deutschland

Politische Arbeit in Zeiten der Isolierung?

Corona drängt uns in die Isolierung, physisch und psychisch. Dabei ist dies eine Zeit, in der noch mehr als sonst nicht politisch untätig bleiben dürfen. Wie wir weiter politisch arbeiten - oder damit anfangen - können, erklärt Anja Bethaven.

Politische Arbeit in Zeiten der Isolierung?

Bild: “Home office in con­vert­ed clos­et” by IN 30 MINUTES Guides is licensed under CC BY 2.0

Die Schulen und Uni­ver­sitäten sind geschlossen, deutsch­landweit sind Aus­gangs­beschränkun­gen in Kraft, es gilt ein weitre­ichen­des Kon­tak­tver­bot (natür­lich nur im pri­vat­en Bere­ich, während Mil­lio­nen Men­schen weit­er zur Arbeit gehen sollen, um die Prof­ite ihrer Bosse zu garantieren). Es gibt keine Ver­samm­lun­gen mehr, Tar­ifrun­den wur­den aus­ge­set­zt, selb­st die Linke und diverse Arbeitnehmer*innenorganisationen schwören auf den Burgfrieden ein (hier eine Ansprache von Diet­mar Bartsch als Audio­datei). Ist es also Zeit, unsere poli­tis­che Arbeit auszuset­zen und in eine Art Coro­naschlaf zu gehen?

Social Distancing und Nachbarschaftshilfe

Im Umgang mit Coro­na beobacht­en wir ger­ade zwei Ten­den­zen: zum Einen eine Isolierung und Depoli­tisierung. Natür­lich wird man durch die Aus­gangs­beschränkun­gen, Social Dis­tanc­ing, etc. ohne­hin schon durch die äußeren Umstände in Isolierung gedrängt. Doch auch “in den Köpfen” find­et ein Rück­zug statt. In dieser Zeit, die für so ziem­lich alle von uns irgend­wie belas­tend ist, müssen wir auf unsere psy­chis­che Gesund­heit und men­tale Sta­bil­ität beson­ders schauen und auch die von uns, die eigentlich psy­chisch gesund sind, müssen sich ver­stärkt darum küm­mern, dass das auch so bleibt.

Da liegt es nahe, und ist auch bis zu einem gewis­sen Grund notwendig, sich mit “schö­nen Din­gen” zu umgeben, das Hirn auszuschal­ten, runter zu kom­men. Und so ver­brin­gen viele von uns die let­zten Tage damit, sich einzu­graben, den Büch­er­stapel in der Ecke anzuge­hen, mal ordentlich die Woh­nung zu putzen oder Serien zu binge­watchen.

Auf der anderen Seite gibt es den Ver­such, auf lokaler Ebene Net­zw­erke aufzubauen, um sich gegen­seit­ig zu unter­stützen. Es wer­den Gaben­zäune ein­gerichtet, Einkaufs­di­en­ste organ­isiert, durch Kündi­gun­gen frei gewor­dene Arbeit­skraft wird koor­diniert (z.B. für Coro­na-Krisen­di­enst am Tele­fon, Unter­stützung in den Kranken­häusern oder bei der Ernte). Ins­beson­dere anar­chis­tis­che und autonome Net­zw­erke ver­suchen ger­ade ver­stärkt, die Com­mu­ni­ties zu stärken. Das sind enorme Zeichen der Sol­i­dar­ität von unten – es ist natür­lich wichtig, für Men­schen in Quar­an­täne oder in Risiko­grup­pen einzukaufen und aufeinan­der zu acht­en und sich zu unter­stützen. Doch “sta­bile Nach­barschaften”, so notwendig solche sol­i­darischen Struk­turen sind, kön­nen in ein­er der­art insta­bilen Gesamt­si­t­u­a­tion stets nur die schlimm­sten Auswüchse der Krise mildern, sie aber nicht über­winden.

Stattdessen müssen wir darüber hin­aus arbeit­en, deutsch­landweit, EU-weit, weltweit. Das Coro­n­avirus und die ver­heeren­den Fol­gen, die es in den kaputt ges­parten Gesund­heitssys­te­men, mar­o­der Infra­struk­tur und indi­vid­u­al­isiert­er Gesellschaft anrichtet, sind ein weltweites Prob­lem. Aktuell gibt es die Ten­denz “jede*r für sich”, Söder für Bay­ern, linke Nach­barschaft­shil­fen für ihren Kiez. Die muss über­wun­den wer­den, um die Krise zu bekämpfen.

Depolitisierung entgegenwirken!

Das Aller­wichtig­ste: Die Coro­na-Krise ist höchst poli­tisch. Wer angesichts der katas­trophalen Sit­u­a­tion im Gesund­heitssys­tem getestet und behan­delt wird und wer nicht, wer bezahlt freigestellt wird und wer trotz Coro­na weit­er prekär arbeit­en gehen muss, ob Beschäftigte während der Arbeit Schutzk­lei­dung tra­gen kön­nen oder nicht, ob Men­schen weit­er ihre Miete bezahlen kön­nen, wer von Polizeikon­trollen in Folge der Aus­gangs­beschränkun­gen und des “Kon­tak­tver­bots” betrof­fen ist, ob noch weit­ere Ein­schränkun­gen der demokratis­chen Rechte auf uns zukom­men wer­den, und wer für die auf uns zuk­om­mende Wirtschaft­skrise am Ende blechen wird: All diese Fra­gen haben nicht eine, son­dern mehrere Antworten – je nach­dem, ob wir uns jet­zt organ­isieren oder nicht.

Klar, aktuell wer­den wir nicht ein­fach so zu Ver­samm­lun­gen aufrufen, und natür­lich gibt es weniger physiche Möglichkeit­en zur Inter­ven­tion: Die Unis sind zu, die Schulen sind zu, viele Arbeitsstät­ten sind zu – aber eben viele auch nicht. Und vor allem: Ob und unter welchen Bedin­gun­gen gear­beit­et wird, wird sehr stark davon abhän­gen, ob wir aktiv wer­den, oder ob wir in den poli­tis­chen Coro­naschlaf gehen.

Deshalb: Nutzt die zahlre­ichen Ver­net­zungsmöglichkeit­en, um Räume zur poli­tis­chen Diskus­sion zu schaf­fen. Lest Artikel zusam­men (unter dem Artikel find­et ihr ein paar Empfehlun­gen, an dieser Stelle sei auch auf die Rubrik Coro­n­avirus und “Von der Redak­tion emp­fohlen” ver­wiesen), oder auch poli­tis­che Büch­er. Das Gesund­heitssys­tem und auch die Rolle des Staates wer­den ger­ade an jedem Esstisch disku­tiert, bezieht also auch euer Umfeld und eure Kon­tak­te mit ein. Aktuell ist es sehr wichtig, dass wir unsere Ideen ver­bre­it­en. Dafür wollen wir auch unsere Web­site KlasseGegenKlasse.org zur Ver­fü­gung stellen. Wir laden euch deshalb auch ein,  immer gerne einen Gast­beitrag an uns von KgK schick­en, sei es mit Gedanken oder Antworten auf Texte, Analy­sen, Erfahrun­gen, …

Was gibt es zu tun?

Nur weil viele von uns indi­vidu­ell zu Hause fest­sitzen, heißt das eben noch lange nicht, dass das für alle von uns gilt. Beispiel­sweise BMW und Daim­ler schlossen erst sehr spät einige ihrer Werke, in Öster­re­ich, dem Spanis­chen Staat und Frankre­ich brauchte es mas­sive Arbeiter*innenproteste, um die Schließun­gen zu erwirken und die Arbeiter*innen vor dem Risiko an ihrer Arbeitsstätte zu schützen.

Auf der anderen Seite sind hun­dert­tausende Arbeiter*innen aktuell unter widri­gen Bedin­gun­gen dem Virus aus­ge­set­zt. Lasst uns unsere poli­tis­chen Energien und Ressourcen ein­set­zen, um dafür zu kämpfen, dass die Bedin­gun­gen verbessert wer­den. Beson­ders in den Kranken­häusern (hier find­et ihr die Stim­men der Kol­legin­nen Char­lotte Ruga und Lisa Stern­berg, die am Ende des Artikels auch eine Liste konkreter Forderun­gen aufgestellt haben, die nötig wären, um sie zu schützen und zu ent­las­ten), aber auch für die anderen Sek­toren, die zum Weit­er­laufen der Gesellschaft nötig sind, wie ambu­lante medi­zinis­che Ver­sorgung, Mül­lentsorgung, Reini­gung, Einzel­han­del, … Ob und wie diese Sek­toren weit­er­ar­beit­en, darf nicht in den Hän­den der Bosse bleiben. Wie unsere Genossin Andrea D’Atri schreibt:

Die Ver­ket­tung der Ereignisse führt schnell zu einem Schei­deweg auf inter­na­tionaler Ebene: Die Regierun­gen wer­den weit­er­hin der Ret­tung der Kapitalist*innen auf Kosten unseres Lebens Pri­or­ität ein­räu­men, oder die arbei­t­en­den Massen wer­den ihr Pro­gramm durch­set­zen, das notwendi­ger­weise die Prof­ite und Vorteile der Unternehmen angreift, um die Men­schheit vor diesen Ver­wüs­tun­gen zu ret­ten.

Ob das eine oder das andere geschieht: Da wollen wir ein Wörtchen mitre­den.

Weit­er­führende Artikel

Was bedeutet es, wenn autoritäre Maß­nah­men ergrif­f­en wer­den, um den Virus einzudäm­men? Und über­haupt, wie däm­men wir den Virus ein? Ein Beitrag von Mar­co Blech­schmidt:

Coro­n­avirus eindäm­men, keinen Polizeis­taat erricht­en!

Das “gemein­same Inter­esse aller” wird beschworen, jede*r müsse ihren*seinen Teil leis­ten. Was das für uns Arbeiter*innen bedeutet, erk­lärt Ste­fan Schnei­der:

Covid-19 und Sozial­part­ner­schaft: Nein zum Ausverkauf unser­er Inter­essen!

Gegen die Coro­na-Krise: Für eine sofor­tige Umstel­lung der Pro­duk­tion zur Sicherung unser­er Gesund­heit! 11 Not­fall­maß­nah­men der Arbeiter*innenklasse , um die Pan­demie zu bekämpfen:

Gegen die Coro­na-Krise: Für eine sofor­tige Umstel­lung der Pro­duk­tion zur Sicherung unser­er Gesund­heit!

Kon­tak­tver­bot – und trotz­dem zur Arbeit? Kon­trol­liert von der Polizei? Wie bet­rifft dich der Coro­n­avirus? Schick uns deine Erfahrun­gen und Geschicht­en aus dem Beruf und All­t­ag.

One thought on “Politische Arbeit in Zeiten der Isolierung?

  1. Theresa sagt:

    Bitte denkt auch an die tausenden Men­schen, didie darunter lei­den müssen, dass die human­itäre Flüchtling­shil­fe wegen Coro­na aus­ge­set­zt wird, die abgeschoben wer­den oder an den Außen­gren­zen lei­den, weil die Cori­na­panik ger­ade alles überdeckt.Ebenso vie­len Hun­dert Men­schen die in let­zter Zeit übers Mit­telmeer ver­sucht haben zu fliehen aber nach Lybi­en zutück­gezwun­gen wür­den, weil ger­ade keine NGO’s im Meer zur Stelle sein können.Das bleibt im Text lei­der uner­wäh­nt.

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