Geschichte und Kultur

Novemberrevolution: Was fehlte, war die revolutionäre Partei

Die Sozialdemokratie und das Militär bereiteten sich auf die Niederschlagung der Revolution der Arbeiter*innenklasse vor, doch diese hatte keine revolutionäre Partei, um sie zum Sozialismus zu führen. Welche Lektionen können aus dieser blutigen Niederlage gezogen werden?

Novemberrevolution: Was fehlte, war die revolutionäre Partei

Zum ersten und zweit­en Teil.

Am 4. Jan­u­ar 1919 feuerte die SPD den Berlin­er Polizeipräsi­den­ten Emil Eich­horn. Er war genau genom­men kein Polizist, son­dern ein Jour­nal­ist der USPD, der am Tag des Auf­s­tands eine Gruppe von Arbeiter*innen zum Polizei­haup­tquarti­er ange­führt hat­te. Sie hat­ten die „Rote Fes­tung“ am Alexan­der­platz ohne Kampf ein­genom­men, nach­dem die Polizis­ten geflo­hen waren. Zwei Monate lang hat­te Eich­horn seine eigene impro­visierte sozial­is­tis­che Polizei organ­isiert. Seinen Rauswurf lehnte er ab: “Ich habe mein Amt von der Rev­o­lu­tion emp­fan­gen, und ich werde es nur der Rev­o­lu­tion zurückgeben!”

Die USPD, die KPD und beson­ders die Rev­o­lu­tionären Obleute riefen zu einem Gen­er­al­streik auf, um Eich­horn zu vertei­di­gen. Die Massen sahen diesen rev­o­lu­tionären Polize­ichef, der begonnen hat­te, den Appa­rat der Ver­fol­gung und Repres­sion gegen die Arbeiter*innen zu demon­tieren und eigene frei­willige sozial­is­tis­che Kräfte aufzubauen, als die let­zte übrigge­bliebene Errun­gen­schaft des Auf­s­tands im Novem­ber. Und so strömten sie auf die Straßen, um ihn zu vertei­di­gen. Am 5. Jan­u­ar streik­ten eine halbe Mil­lion Arbeiter*innen, trotz der bit­teren Kälte. Die Streikführer*innen waren über­wältigt – sie hat­ten viel mehr Unter­stützung, als sie erwartet hat­ten. Am sel­ben Tag hat­te Ebert seine Unterstützer*innen zu ein­er Gegen­demon­stra­tion vor der Reich­skan­zlei aufgerufen – nur ein paar tausend niedrige Offiziere und Studierende taucht­en auf.

Das Streikkomi­tee, das sich in der Roten Fes­tung ver­schanzt hat­te, set­zte ein neues Ziel für den Streik fest. Es ging nicht länger nur um Eich­horn: Sie kon­sti­tu­ierten sich als Rev­o­lu­tion­sauss­chuss mit 53 Mit­gliedern – ange­führt von einem Tri­umvi­rat aus Liebknecht (KPD), Georg Lede­bour (USPD) und Paul Scholze (Obleute) – und dekretierten die Abset­zung der Ebert-Regierung und die Über­nahme der Macht in ihre Hände. D.h. sie erk­lärten sie als eine vol­l­zo­gene Tat­sache, bevor sie in der Prax­is durchge­set­zt war. Am fol­gen­den Tag wuchs der Streik auf bis zu eine Mil­lion Streik­ende an, um sie zu unter­stützen.

Der Rev­o­lu­tion­sauss­chuss besaß eine über­wälti­gende Unter­stützung der Massen, jedoch nur wenige Mit­tel, um Macht auszuüben. Sie sandten Sol­dat­en, um die wichtig­sten Bahn­höfe zu beset­zen, während Arbeiter*innen mehrere Zeitungs­ge­bäude beset­zten, beson­ders den Vor­wärts. Das waren jedoch Aus­nah­men. 200 Matrosen wur­den aus­ge­sandt, um das Kriegsmin­is­teri­um zu beset­zen. Ihr Anführer besaß schriftliche Anweisun­gen von Liebknecht, Lede­bour und Scholze. Er präsen­tierte sie dem Türste­her, der jedoch anmerk­te, dass der Befehl zwar unterze­ich­net war, jedoch keinen Stem­pel besaß. Die Matrosen, ver­wirrt von Illu­sio­nen formeller Macht, dreht­en um, um bessere Befehle zu erhal­ten – und ver­schwan­den in den Massen. Das Min­is­teri­um wurde nie beset­zt.

Die arbei­t­en­den Massen standen einen ganzen Tag in der Kälte, und dann einen zweit­en, und warteten auf klare Hand­lungsan­weisun­gen. Der Rev­o­lu­tion­sauss­chuss, der sich in end­losen Debat­ten in seinem Haup­tquarti­er verzettelte, bot ihnen keine Führung. Am drit­ten und vierten Tag begann die Streik­front zu bröck­eln – da die Arbeiter*innen größ­ten­teils von der Hand in den Mund lebten, mussten sie zurück zur Arbeit gehen. Der Rev­o­lu­tion­sauss­chuss ver­suchte, mit der Ebert-Regierung in Ver­hand­lung zu treten – die sie doch ange­blich abge­set­zt hat­ten!

Die KPD spielte eine wider­sprüch­liche Rolle in diesem schlecht geplanten und ver­früht­en Auf­s­tand. Liebknecht und Wil­helm Pieck von der KPD-Zen­trale (also der Parteiführung) waren Teil des Rev­o­lu­tion­sauss­chuss­es. Doch Radek riet nach­drück­lich dage­gen, die Regierung zu jen­em Zeit­punkt zu stürzen. Er rief zu einem geord­neten Rück­zug, wie ihn die Bolschewi­ki nach den Julita­gen in Pet­ro­grad organ­isiert hat­ten. Stattdessen schlug er ein Aktion­spro­gramm vor: neue Wahlen zu den Räten, die Bewaffnung der Arbeiter*innen und die Schaf­fung von Arbeiter*innenmilizen, um ein­er ver­früht­en Kon­fronta­tion auszuwe­ichen und die näch­ste Offen­sive vorzu­bere­it­en. Lux­em­burgs Posi­tion in diesen kri­tis­chen Tagen war zunächst, den Auf­s­tand als ver­früht abzulehnen, bevor sie einige Tage später die Mei­n­ung änderte und ihn unter­stützte. Bürg­er­liche Historiker*innen beze­ich­nen die Jan­u­a­rauf­stände häu­fig als „Spar­takusauf­s­tand“, obwohl es in Wirk­lichkeit nicht so war.

Eberts und Noskes Ver­hand­lun­gen mit den scheit­ern­den Auf­ständis­chen waren reine Show. In Wirk­lichkeit hat­ten sie die gesamte Woche damit ver­bracht, tausende Freiko­rps-Sol­dat­en um Berlin zu sam­meln. Als der Streik zusam­men­brach, betrat die Kon­ter­rev­o­lu­tion die Stadt.

Niederschlagung

Die Freiko­rps zogen mar­o­dierend durch Berlin und betrat­en einen Arbeiter*innenbezirk nach dem anderen. Die Kämpfe konzen­tri­erten sich bald im Zeitungsquarti­er, beson­ders rund um das Vor­wärts-Gebäude. Etwa 200 Arbeiter*innen hiel­ten das Gebäude beset­zt und pub­lizierten seit ein­er Woche den „Roten Vor­wärts“. Am 11. Jan­u­ar waren sie von kon­ter­rev­o­lu­tionären Trup­pen mit Artillerie, Granaten­wer­fern, Flam­men­wer­fern und sog­ar einem Panz­er umzin­gelt. Das stolze Gebäude, errichtet mit Jahrzehn­ten von Spenden von Berlin­er Arbeiter*innen, wurde durch den Beschuss schw­er beschädigt. Die Besetzer*innen sandten eine siebenköp­fige Del­e­ga­tion mit weißer Flagge aus, um die Kapit­u­la­tion zu ver­han­deln – alle wur­den zu ein­er anliegen­den Mil­itärkaserne gebracht und zu Tode geprügelt. Die anderen 200 gaben kurz danach auf und entka­men nur aus reinem Glück dem Massen­mord.

Lux­em­burg und Liebknecht mussten sich schließlich ver­steck­en, zuerst im pro­le­tarischen Bezirk Neukölln, dann im bürg­er­licheren Char­lot­ten­burg. Eine kon­ter­rev­o­lu­tionäre Patrouille ent­deck­te sie in der Woh­nung eines Fre­un­des. Sie wur­den ver­haftet und zum Freiko­rps-Haup­tquarti­er im Hotel Eden gegenüber dem Zoo gebracht. Ein befehlshaben­der Offizier, Walde­mar Pab­st, war unsich­er, was genau mit diesen zwei berühmten Gefan­genen geschehen sollte. Er rief das Reich­skan­zler­amt an und erre­ichte Noske – Ebert war im sel­ben Raum und fol­gte dem Gespräch. Pab­st wollte nicht die Ver­ant­wor­tung für eine Exeku­tion übernehmen. Noske ver­weigerte eben­falls, die Ver­ant­wor­tung zu übernehmen, da er fürchtete, dass das die SPD spal­ten kön­nte. Der Bluthund sagte schließlich zu Pab­st, er müsse selb­st ver­ant­worten was zu tun sei.

Nach diesem impliziten Befehl ermorde­ten die Freiko­rps Lux­em­burg und Liebknecht. Rosa wurde außer­halb des Hotels zu Tode geprügelt, Karl wurde in einen nahe­liegen­den Park gefahren und dort erschossen. Die Mörder behaupteten, dass sie von einem Mob weggez­er­rt wor­den wäre, während er „bei einem Fluchtver­such“ erschossen wor­den wäre. Jogich­es und andere Kommunist*innen rekon­stru­ierten den genauen Her­gang des Ver­brechens in den Fol­ge­wochen.

Die Zer­schla­gung des Berlin­er Auf­s­tands bedeutete nicht das Ende der Deutschen Rev­o­lu­tion. Massenkämpfe gin­gen im ganzen Jahr 1919 weit­er: im Ruhrge­bi­et, in Mit­teldeutsch­land, in Berlin. Es gab kur­zlebige Rätere­pub­liken in Bre­men und München. Die Freiko­rps und die SPD kon­nten jede dieser Bewe­gun­gen einzeln nieder­schla­gen. Allein im März 1919 in Berlin mas­sakri­erten sie min­destens 1.200 Arbeiter*innen.

1920 hat­ten die recht­en Paramil­itärs entsch­ieden, dass die Arbeiter*innenbewegung völ­lig zer­schla­gen wor­den sei – und sie deshalb keine Allianz mit der SPD mehr braucht­en. Der Kapp-Luden­dorff-Putsch war ihr Ver­such, Ebert loszuw­er­den und selb­st die Macht zu übernehmen. Sie eroberten Berlin ohne Wider­stand, während die alte Regierung erst nach Leipzig und dann nach Stuttgart floh – unfähig, Trup­pen zu find­en, die sie vertei­di­gen woll­ten. Verzweifelt riefen Ebert und Co. einen Gen­er­al­streik aus – den ersten und einzi­gen nationalen Gen­er­al­streik in der deutschen Geschichte. Mil­lio­nen Arbeiter*innen fol­gten dem Aufruf. Die Putschregierung, abgeschnit­ten von Zügen und Telegraphen, kol­la­bierte nach nur drei Tagen.

Die SPD-Regierung, die durch den Streik gerettet wurde, beschloss umge­hend eine Amnestie für alle Putsch­beteiligten. Direkt am näch­sten Tag met­zelte die erneuerte SPD-Freiko­rps-Allianz Arbeiter*innen der Roten Ruhrarmee nieder, die ger­ade erst den Putsch zurück­geschla­gen hat­ten. Kämpfe wie diese durch­zo­gen Deutsch­land bis 1923. Es gab nie eine offizielle Zäh­lung der Toten. Kom­mu­nis­tis­che Quellen aus der Zeit schätzen, dass die SPD-Regierung im Deutschen Bürger*innenkrieg 1919–20 etwa 15.000 Arbeiter*innen ermordet hat.

Die Sozialdemokratie behauptete, dass sie sowohl den Frieden als auch die Verge­sellschaf­tung der Pro­duk­tion­s­mit­tel her­beiführen würde, solange sie die Radikalen in Schach hal­ten kön­nte. Sie plakatierten in Berlin: “Die Sozial­isierung marschiert!” Aber vor diesen Plakat­en schossen rechte Paramil­itärs auf Arbeiter*innen. Eine Partei, die 43 Jahre zuvor gegrün­det wurde, um den Kap­i­tal­is­mus zu zer­schla­gen, war nun zum wichtig­sten Boll­w­erk der kap­i­tal­is­tis­chen Herrschaft gewor­den.

Die Parteifrage

Lenin erk­lärte ein­mal, dass die bolschewis­tis­che Partei durch „eine fün­fzehn­jährige (1903–1917) prak­tis­che Geschichte […], die an Reich­tum der Erfahrung nicht ihres­gle­ichen ken­nt“, gestählt wurde. Sie lernte aus „rapi­dem und man­nig­faltigem Wech­sel der ver­schiede­nen For­men der Bewe­gung: der legalen und ille­galen, der friedlichen und stür­mis­chen, der unterirdis­chen und offe­nen, der Zirke­lar­beit und der Masse­nar­beit, der par­la­men­tarischen und der ter­ror­is­tis­chen Form der Bewe­gung.“

Rev­o­lu­tionäre Sozialist*innen im Deutschen Reich im Gegen­satz dazu hat­ten von 1890 bis 1914 nichts als beschränk­te Legal­ität erlebt. Bei jed­er offiziellen sozial­is­tis­chen Ver­samm­lung war ein Polizist, der alles nieder­schrieb, was gesagt wurde, und das Tre­f­fen auflöste, wenn er der Mei­n­ung war, dass die Redner*innen gegen Geset­ze ver­stoßen hät­ten. Sozial­is­tis­che Agitator*innen lern­ten, ihre Forderun­gen in diesem geset­zlichen Rah­men zu for­mulieren.

In der Vorkriegs-SPD führten Revolutionär*innen wie Rosa Lux­em­burg mehrere Kämpfe, darunter den Kampf gegen den Revi­sion­is­mus – im Block mit Kaut­sky und anderen –; den Kampf gegen die vorge­bliche „Neu­tral­ität“ der Gew­erkschaften, die die neue Bürokratie durch­set­zen wollte, genau­so wie der Ver­such der let­zteren, einen Son­der­sta­tus in der Partei zu erlan­gen, um gegen die Res­o­lu­tio­nen der Parteikon­gresse ein Veto ein­le­gen zu kön­nen; später, ab 1910 – und dies­mal gegen den ehe­ma­li­gen Ver­bün­de­ten Kaut­sky – gegen die soge­nan­nte „Ermat­tungsstrate­gie“, die auf aus­gek­lügelte Weise die Preis­gabe rev­o­lu­tionär­er Meth­o­d­en recht­fer­ti­gen sollte. Aber als der linke Flügel nach und nach durch bürokratis­che Manöver an den Rand der Partei gedrängt wurde, organ­isierten sie keine eige­nen frak­tionellen Struk­turen. Ende 1913 ver­sucht­en Lux­em­burg, Mehring und Kars­ki eine Pub­lika­tion zu etablieren, die Sozialdemokratis­che Kor­re­spon­denz, aber das reichte nicht aus. Als der Krieg aus­brach, kon­nten sie nichts weit­er tun als 300 Telegramme auszusenden, um andere Kriegsgegner*innen zu find­en, und sie beka­men nur wenige Antworten. Sie mussten ihre ille­gale Organ­i­sa­tion aus dem Nichts auf­bauen. Obwohl Pol*innen wie Lux­em­burg, Jogich­es und Kars­ki eine aus­gedehnte Erfahrung mit kon­spir­a­tiv­er Arbeit unter dem Zaris­mus hat­ten, wurde diese in Deutsch­land kaum ange­wandt.

Das Fun­da­men­tale ist, dass sie sich nach dem Ver­rat der SPD-Führung zu Beginn des Ersten Weltkrieges nicht vor­nah­men, eine wirk­lich rev­o­lu­tionäre Partei zu grün­den. Wie Lenin erk­lärte, kann die Bour­geoisie im Impe­ri­al­is­mus nicht allein regieren – sie muss die höch­sten Schicht­en der Arbeiter*innenbewegung kor­rumpieren: die Gew­erkschafts­bürokratie und die Arbeiter*innenaristokratie. So ver­wan­del­ten sich reformistis­che Organ­i­sa­tio­nen wie die SPD in eine Art kap­i­tal­is­tis­che Polizei inner­halb der Arbeiter*innenbewegung. Wie die nor­male Polizei muss sie bere­it sein, Morde zu bege­hen, wenn die herrschende Klasse gefährdet ist. Das machte in der Hitze des Bürger*innenkriegs die Allianz der SPD mit den Freiko­rps unumgänglich.

Auch nach der Grün­dung ihrer eige­nen rev­o­lu­tionären Organ­i­sa­tion hofften die Spartakist*innen auf eine rev­o­lu­tionäre Neu­grün­dung der alten Sozialdemokratie, anstatt zur Grün­dung ein­er neuen Partei und ein­er neuen Inter­na­tionale aufzu­rufen, die vom Reformis­mus gesäu­bert wäre. Deshalb trat­en sie selb­st 1917 noch der USPD bei, als sie gegrün­det wurde. Diese Ver­mis­chung der poli­tis­chen Ban­ner mit Sek­toren, die sich einem rev­o­lu­tionären Pro­gramm und ein­er rev­o­lu­tionären Strate­gie ent­ge­gen­stell­ten, wie Haase und Kaut­sky, die sich geweigert hat­ten, sich dem Krieg ent­ge­gen­zustellen, war ein his­torisch­er Fehler, der die Arbeiter*innenklasse nur ver­wirren kon­nte. Hier gibt es ein Para­dox: Rosa führte den Kampf gegen die reformistis­che Wende der Sozialdemokratie an, in der das rev­o­lu­tionäre Pro­gramm und die marx­is­tis­che Strate­gie rev­i­diert wurde; den­noch zog sie nicht diesel­ben Schlussfol­gerun­gen aus diesen Kämpfen, die Lenin in Bezug auf den Auf­bau ein­er rev­o­lu­tionären Partei ziehen kon­nte. Eine rev­o­lu­tionäre Führung kann nicht impro­visiert wer­den; sie muss sich im direk­ten Kampf der Strate­gien zwis­chen ver­schiede­nen Schicht­en und Ten­den­zen der Arbeiter*innenklasse for­men und Kad­er aus­bilden, die „sich den Zusam­men­bruch der alten führen­den Partei zunutze zu machen“ kön­nen, wie Trotz­ki in „Klasse, Partei und Führung“ syn­thetisierte. Wenn Lux­em­burg während des Ersten Weltkriegs und zu Beginn der Rev­o­lu­tion nicht organ­isatorisch mit den Reformist*innen und Zentrist*innen gebrochen hat­te, warum soll­ten es dann die Arbeiter*innen an der Basis tun?

Franz Mehring vertei­digte in einem Brief an die Bolschewi­ki von 1918 die spar­tak­istis­che Tra­di­tion, aber fügte fol­gen­des hinzu: “Nur in einem haben wir uns getäuscht: näm­lich, als wir uns nach der Grün­dung der unab­hängi­gen Partei – selb­stver­ständlich unter Wahrung unseres selb­st­ständi­gen Stand­punk­tes – ihr organ­isatorisch anschlossen, in der Hoff­nung, sie vor­wärts treiben zu kön­nen. Diese Hoff­nung haben wir aufgeben müssen. Alle Anläufe dieser Art scheit­erten daran, daß unsere besten und erprobtesten Leute von Führern der Unab­hängi­gen als Lock­spitzel verdächtigt wur­den, was auch ein liebes Erbteil der ‘alten bewährten Tak­tik’ ist.”

Um Leo Trotz­ki zu para­phrasieren: Den deutschen Arbeiter*innen fehlten wed­er Waf­fen noch Organ­i­sa­tio­nen, um die sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion zu vol­len­den. Was ihnen fehlte, war eine rev­o­lu­tionäre Partei. Es wäre eine völ­lige Übertrei­bung, zu sagen, dass Lux­em­burg eine „Spon­taneität­s­the­o­rie“ vertreten hätte und geglaubt hätte, dass die Arbeiter*innen die Rev­o­lu­tion ohne jede poli­tis­che Führung vol­len­den kön­nten. Jedoch blieb sie überzeugt, dass die Arbeiter*innen, nach­dem die reformistis­chen Anführer*innen sie ver­rat­en hat­ten, in der Hitze des Gefechts eine neue Führung her­vor­brin­gen wür­den. Der Ver­such, die KPD zu grün­den, als die Rev­o­lu­tion schon längst im vollen Gang war, kam zu spät. Lux­em­burg und ihre Genoss*innen hät­ten mehr Zeit gebraucht, um ein Pro­gramm zu fes­ti­gen und die nöti­gen Kad­er auszu­bilden, um ihm Leben zu ver­lei­hen.

Paul Levi – Lux­em­burgs Anwalt, der nach ihrem Mord an die Spitze der KPD trat –, “sagte im Jahr 1920, dass der Haupt­fehler der deutschen Rev­o­lu­tionäre ihre Weigerung vor 1914 war, sich auf poli­tis­ch­er Ebene unab­hängig zu organ­isieren, selb­st wenn die so geschaf­fene Organ­i­sa­tion als eine Sek­te existiert hätte.“ (Pierre Broue)

Etwa 20 Jahre später erk­lärte der deutsche Trotzk­ist Wal­ter Held: “Während Lenins poli­tis­che Konzep­tion ihre höch­ste Bestä­ti­gung im plan­mäßig aus­ge­führten Okto­ber­auf­s­tand fand, erlitt Rosas Konzep­tion im Jan­u­ar 1919 einen schreck­lichen Schiff­bruch. Die deutsche Linke zeigte uns, neben ein­er Rei­he bemerkenswert­er Charak­tere und Mär­ty­er für die Sache, nur die bit­teren Lek­tio­nen ein­er erneuten Nieder­lage.“

Schlussfolgerungen

Der gescheit­erte Auf­s­tand in Berlin Anfang 1919 zeigt die Dialek­tik der Geschichte. Jahrzehn­te­lang hat­te die Arbeiter*innenklasse in Deutsch­land daran gear­beit­et, Struk­turen für ihre Befreiung aufzubauen: Zeitun­gen, Gew­erkschaften, Vere­ine jeglich­er Art, und ihre eigene poli­tis­che Partei mit ein­er starken Vertre­tung im Par­la­ment. Doch ohne eine klare Strate­gie für die Eroberung der Macht durch rev­o­lu­tionären Kampf und in der Hoff­nung auf einen langsamen Über­gang zum Sozial­is­mus ver­wan­del­ten sich diese Werkzeuge zur Befreiung schließlich in Waf­fen gegen die Arbeiter*innen. Es waren die sozialdemokratis­chen Struk­turen, die auf den Ent­behrun­gen von Gen­er­a­tio­nen von Arbeiter*innen aufge­baut wor­den waren, die den Kap­i­tal­is­mus vor der rev­o­lu­tionären Welle 1918/19 ret­teten.

Die Deutsche Rev­o­lu­tion zeigt, dass jede pro­le­tarische Rev­o­lu­tion Struk­turen der Selb­stor­gan­i­sa­tion wie Räte auf­bauen wird. Diese Struk­turen, ob sie Räte oder Sow­jets oder anders heißen, sind notwendig, um die Macht­frage zu stellen. Doch die Bil­dung von Räten in ganz Deutsch­land war nicht aus­re­ichend, um die Macht der Arbeiter*innenklasse zu sich­ern. Eine rev­o­lu­tionäre Partei, die inner­halb dieser Organe der Selb­stor­gan­i­sa­tion arbeit­et, ist notwendig, damit die Mehrheit der Arbeiter*innenklasse der Bour­geoisie und ihren Handlanger*innen entschei­dende Schläge zufü­gen kann. Räte, die von Reformist*innen ange­führt wur­den, waren schlim­mer als nut­z­los.

Es gab in absoluten Zahlen nicht viele Freiko­rps in Deutsch­land. Doch sie hat­ten den entschei­den­den Vorteil, dass sie zen­tral organ­isiert waren. Sie kon­nten sich von ein­er Stadt in die näch­ste bewe­gen und die rev­o­lu­tionäre Bewe­gung über­all dort nieder­schla­gen, wo sie ihren Kopf hob. Die Arbeiter*innen im Gegen­satz dazu mussten sich mit den mageren Ressourcen beg­nü­gen, die sie jew­eils lokal zur Ver­fü­gung hat­ten. Viele Arbeiter*innen, die von der USPD bee­in­flusst waren, glaubten, dass es möglich wäre, ein Sys­tem aufzubauen, welch­es die Räte mit einem Par­la­ment ver­söh­nen kön­nte. So waren sie bere­it, mit der SPD-Regierung und ihren recht­en Paramil­itärs zu ver­han­deln – während diese kein­er­lei Illu­sio­nen in mögliche Kom­pro­misse besaßen.

Die Rev­o­lu­tion würde 1921 einen erneuten ver­früht­en Kampf begin­nen, und 1923 erneut offen auf­steigen und erneut niedergeschla­gen wer­den. Als Resul­tat der Nieder­la­gen dieser Kämpfe, sowie als Ergeb­nis nicht geführter Schlacht­en (dies­mal schon mit der Rolle des Stal­in­is­mus) in den let­zten Tagen der Weimar­er Repub­lik, kon­nten die Nazis tri­um­phieren. In ihrer eige­nen neg­a­tiv­en Weise bewiesen die Sozialdemokrat*innen, dass Lux­em­burg Recht hat­te: „Sozial­is­mus oder Bar­barei“. Die Sozialdemokratie ret­tete Deutsch­land vor dem „Bolschewis­mus“, aber nur, indem sie das Land der Bar­barei aus­lieferte.

One thought on “Novemberrevolution: Was fehlte, war die revolutionäre Partei

  1. Anarchist sagt:

    Der Stal­in­is­mus war eben schon damals keine Alter­na­tive zum Kap­i­tal­is­mus.

    Genau­so wenig wie über­haupt irgen­deine Partei welche die gesamte Führung für sich beansprucht demokratisch sein kann.

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