Geschichte und Kultur

Vor 100 Jahren: Revolution und Konterrevolution in Deutschland

In den ersten Tagen der deutschen Revolution bildeten sich überall Arbeiter*innen- und Soldatenräte. Die Sozialdemokratie verbündete sich mit dem Militär, um so viel wie möglich von der alten Ordnung zu retten. Die Kommunist*innen wollten die Kräfte der Revolution organisieren. Der Kampf spitzte sich auf dem Reichsrätekongress zu.

Vor 100 Jahren: Revolution und Konterrevolution in Deutschland

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Nach dem Matrose­nauf­s­tand in Kiel am 4. Novem­ber bre­it­ete sich die Rev­o­lu­tion in ganz Deutsch­land aus. In Berlin disku­tierten die Rev­o­lu­tionären Obleute mit Karl Liebknecht, der am 23. Okto­ber aus dem Gefäng­nis ent­lassen wor­den war. Liebknecht forderte einen sofor­ti­gen Gen­er­al­streik – die Obleute woll­ten mehr Zeit für die Vor­bere­itung und pocht­en auf ihre jahre­lange Erfahrung der Organ­isierung im Unter­grund. Bei­de Seit­en einigten sich schließlich auf ein Datum: Mon­tag, der 11. Novem­ber. Dann wurde ein Mit­glied der Gruppe mit den Plä­nen für den Auf­s­tand festgenom­men. Hastig wurde der Tag des Gen­er­al­streiks auf Sam­stag, den 9. Novem­ber, vorver­legt. Das war damals noch ein ganz nor­maler Arbeit­stag.

Richard Müller, Führungs­fig­ur der Rev­o­lu­tionären Obleute, erin­nerte sich später daran, wie er am Fre­itagabend zur Bahn­sta­tion Hallesches Tor ging. “Schw­er bewaffnete Infan­teriekolon­nen, Maschi­nengewehr-Kom­pag­nien und leichte Fel­dar­tillerie zogen in end­losen Zügen an mir vorüber. Kein Zweifel, das sollte in Berlin die Rev­o­lu­tion des Volkes im Blute ersäufen.” Hat­te der Auf­s­tand eine Chance?

Am Sam­stag­mor­gen sam­melten sich die Arbeiter*innen vor den Fab­riken. Tausende, Zehn­tausende, Hun­dert­tausende marschierten in riesi­gen Demon­stra­tionszü­gen Rich­tung Stadtzen­trum. Sie kamen an Kaser­nen vor­bei und hofften, Sol­dat­en für ihre Bewe­gung zu gewin­nen. An ein­er der Kaser­nen schoss ein Offizier in die Menge und tötete drei Arbeit­er. Ein paar Sol­dat­en schlossen sich der Demon­stra­tion an und zeigten stolz ihre Gewehre in der ersten Rei­he. Doch der Großteil der Berlin­er Gar­ni­son hat­te keine Ahnung davon, was passierte – sie entsch­ieden, in den Kaser­nen zu bleiben und erst ein­mal abzuwarten, was passierte.

Gegen Mit­tag füll­ten hun­dert­tausende Demonstrant*innen Berlins Regierungsvier­tel. Kaiser Wil­helm II. war eine Woche zuvor in das Haup­tquarti­er der Ober­sten Heeresleitung (OHL) in Spa im beset­zten Bel­gien gereist. Mit immer verzweifel­teren Telegram­men berichtete Regierungschef Prinz Max von Baden von dem wach­senden Chaos. Er forderte den Kaiser zum sofor­ti­gen Rück­tritt auf – die einzige Hoff­nung, die Rev­o­lu­tion einzudäm­men. Doch Wil­helm zögerte. Zur Mit­tagszeit verkün­dete von Baden ein­fach, dass der Kaiser zurück­treten sei – und trat dann selb­st zurück. Auf dem Weg zur Tür hin­aus ernan­nte er Friedrich Ebert (SPD) zum neuen Reich­skan­zler.

Die Sozialdemokrat*innen waren in die Regierung kat­a­pul­tiert wor­den und der Kaiser floh in die Nieder­lande. Was soll­ten sie tun? Eine Woche lang hat­ten sie um einen Kom­pro­miss gerun­gen, um den Thron zu ret­ten. Kön­nten sie vielle­icht einen von Wil­helms Söh­nen zum neuen Kaiser krö­nen?

Ebert und Co. mussten anerken­nen: Wenn sie jet­zt keine Repub­lik aus­rufen wür­den, wür­den die Massen sie auf den Müll­haufen der Geschichte wer­fen. Als Demonstrant*innen am 9. Novem­ber den Reich­stag umringten, weigerte sich Ebert bekan­nter­maßen, sein Mit­tagessen ste­hen­zu­lassen und zu ihnen zu sprechen. Eberts Stel­lvertreter Philipp Schei­de­mann ging zum Fen­ster und rief: „Es lebe die deutsche Repub­lik!“ Ebert rügte ihn: „Du hast kein Recht, die Repub­lik auszu­rufen.“ Doch die Tat war getan. Ebert, der mit all seinem Geschick für Hin­terz­im­merge­spräche die Repub­lik ablehnte, war nun Kopf der neuen repub­likanis­chen Regierung.

Zwei Stun­den später hielt Karl Liebknecht eine Rede vom Balkon des kaiser­lichen Berlin­er Stadtschloss­es und proklamierte die freie sozial­is­tis­che Repub­lik Deutsch­lands. Es gab keinen Weg zurück.

Doppelmacht

Ebert war nun Reich­skan­zler, aber er ver­stand, dass die alte Regierung kein­er­lei Legit­i­ma­tion mehr besaß. Er ging zur USPD und noch in der sel­ben Nacht einigten sich die bei­den Parteien, eine neue Regierung zu bilden: Drei MSPD- und drei USPD-Mit­glieder nan­nten sich nun der „Rat der Volks­beauf­tragten“. Der Name war eine enge Anlehnung an die rus­sis­che Sow­je­tregierung.

Am näch­sten Tag nutzte Ebert eine geheime Tele­fon­verbindung zur Ober­sten Heeresleitung, um Kon­takt mit Wil­helm Groen­er aufzunehmen, dem neuen Chef des Gen­er­al­stabs. Die bei­den einigten sich darauf, den „Bolschewis­mus“ und die Arbeiter*innen- und Sol­daten­räte zu bekämpfen. Mit anderen Worten: Der Chef ein­er (nominellen) Räteregierung war ins­ge­heim ver­bün­det mit den kaiser­lichen Gen­erälen, um die Räte zu bekämpfen. Als die Rev­o­lu­tion Max von Baden dazu zwang, Ebert das Reich­skan­zler­amt zu übergeben, erk­lärte dieser: „Ich has­se die Rev­o­lu­tion wie die Sünde.“ Wie Ebert sich Jahre später erin­nerte, erkan­nten die Sozialdemokrat*innen, dass sie sich an die Spitze der rev­o­lu­tionären Bewe­gung stellen mussten, um sie zum richti­gen Zeit­punkt zu enthaupten.

Für Mil­lio­nen von Arbeiter*innen, die erst zum poli­tis­chen Leben erwacht­en, schien die SPD tat­säch­lich die Führung der Rev­o­lu­tion zu sein. Spät in der Nacht des 8. Novem­ber hat­ten die SPD-Anführer*innen ver­standen, dass sie den Auf­s­tand nicht mehr stop­pen kon­nten. Und so bracht­en sie eine Son­der­aus­gabe des Vor­wärts her­aus, in der sie zum Gen­er­al­streik aufriefen. Da die Rev­o­lu­tionären Obleute keine eige­nen gedruck­ten Mate­ri­alien hat­ten, schien es, als ob die SPD selb­st zum Streik aufgerufen hätte. Ebert und Co., die das impe­ri­al­is­tis­che Mas­sak­er aggres­siv unter­stützt und alle Parteim­it­glieder aus­geschlossen hat­ten, die auch nur eine mod­er­ate Oppo­si­tion gegen diese Lin­ie anmelde­ten, riefen nun zu „Frieden“ und „Ein­heit“ der zwei sozial­is­tis­chen Parteien auf.

Am 10. Novem­ber ver­sam­melten sich tausende Delegierte der Arbeiter*innen- und Sol­daten­räte im Zirkus Busch, um einen „Vol­lzugsrat der Arbeit­er- und Sol­daten­räte Groß-Berlins“ zu wählen. Die Rev­o­lu­tionären Obleute, die die Ver­samm­lung organ­isiert hat­ten, woll­ten ihre ganze Gruppe per Akkla­ma­tion wählen lassen. Ebert kon­nte dieses Manöver unter­brechen: Die vorgeschla­ge­nen Mit­glieder gehörten alle der USPD an – soll­ten nicht bei­de sozial­is­tis­chen Parteien vertreten sein? Bald riefen die Sol­dat­en vor der Bühne nach „Par­ität“. Liebknecht sprach von den ver­brecherischen Aktio­nen der MSPD, aber er wurde niedergeschrien. Die Ver­samm­lung wählte so einen Vol­lzugsrat – der das zen­trale Mach­tor­gan bis zum Reich­srätekongress sein sollte –, der je zur Hälfte aus MSPD- und USPD-Vertretern bestand. Karl Liebknecht und Rosa Lux­em­burg ver­weigerten bei­de die Teil­nahme. Die Ver­samm­lung bestätigte den Rat der Volks­beauf­tragten als pro­vi­sorische Regierung – der Vol­lzugsrat sollte die Arbeit der Regierung kon­trol­lieren.

Die Ver­samm­lung war chao­tisch ver­laufen: Jed­er kon­nte auf­tauchen und sich als „Delegiert­er“ vorstellen. Viele der Sol­dat­en, die vor der Bühne schrien, repräsen­tierten nie­man­den außer sich selb­st und die Sozialdemokrat*innen, die sie zur Ver­samm­lung mit­ge­bracht hat­ten. Selb­st Leute mit Man­dat waren häu­fig klein­bürg­er­liche Abenteurer*innen ohne wirk­liche Basis in der Arbeiter*innenbewegung – was zu Beginn ein­er Rev­o­lu­tion nichts Ungewöhn­lich­es ist. Die Ver­samm­lung im Zirkus Busch war höch­stens ein allererster Schritt hin zu ein­er wirk­lichen Arbeiter*innendemokratie, der von der SPD-Bürokratie geschickt manip­uliert wurde.

Der erste Arbeiter*innenrat in Berlin war der Erfahrung in Rus­s­land im Feb­ru­ar 1917 nicht unähn­lich: Die Vertre­tung der Arbeiter*innen beschränk­te sich auf die Bestä­ti­gung ein­er pro­vi­sorischen Regierung, die von den alten Mächt­en einge­set­zt wor­den war. Die Dop­pel­macht in Deutsch­land formierte sich. Doch in dieser ersten Etappe war sowohl die alte als auch die neue Macht in der Hand des­sel­ben Mannes: Friedrich Ebert. Viele Arbeiter*innen hofften, dass die Räte und ein Par­la­ment nebeneinan­der existieren kön­nten – das war die Posi­tion der USPD. Die Kräfte, die woll­ten, dass die Räte alle Macht ausübten, der Spar­takus­bund, waren eine fast unsicht­bar kleine Min­der­heit. Die Rev­o­lu­tionären Obleute hat­ten keine klare Strate­gie – sie ließen eins ihrer Mit­glieder, den Arbeit­er Emil Barth, Mit­glied des Rats der Volks­beauf­tragten neben Ebert wer­den, während Richard Müller auf den Vol­lzugsrat fokussierte.

„Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten!“

In Rus­s­land basierten die Räte der Arbeiter‑, Sol­dat­en- und Bauern­deputierten – „Sow­jets“ auf Rus­sisch – auf ein­er lan­gen Tra­di­tion der Arbeiter*innendemokratie. Weil sie sich nicht legal organ­isieren kon­nten, waren die Arbeiter*innen daran gewöh­nt, ihre eige­nen Streikkomi­tees zu wählen. Die Sow­jets bestanden so aus Delegierten aus den Fab­riken und Kaser­nen. Diese Delegierten kon­nten jed­erzeit abgewählt wer­den. Als die Rus­sis­che Rev­o­lu­tion von Feb­ru­ar bis Okto­ber voran­schritt und sich die Massen radikalisierten, wur­den immer weniger Men­schewi­ki und immer mehr Bolschewi­ki zu ihrer Vertre­tung in den Räten gewählt.

Die deutsche Arbeiter*innenbewegung hat­te im Gegen­satz dazu über Jahrzehnte gigan­tis­che Appa­rate aufge­baut. Jede Arbeiter*innenorganisation hat­te eine per­ma­nente Leitung, die nur bei peri­odisch stat­tfind­en­den Kon­gressen demokratisch kon­trol­liert wer­den kon­nte. Präzise bürokratis­che Organ­i­sa­tion schien den Arbeiter*innen völ­lig nor­mal zu sein, die durch die Schule der deutschen Sozialdemokratie gegan­gen waren. („Der deutsche Arbeit­er ist erzo­gen im Geist von Organ­i­sa­tion und Diszi­plin. Das hat seine starken und schwachen Seit­en“, wie Leo Trotz­ki später kom­men­tierte.)

Als es darum ging, in Deutsch­land Räte zu wählen, wählten die Arbeiter*innen im ganzen Land ihre etablierten Anführer*innen. In ein­er typ­is­chen deutschen Stadt würde bei ein­er großen Demon­stra­tion auf dem zen­tralen Platz eine Liste von Kandidat*innen für den Rat vorge­le­sen wer­den – häu­fig die lokale Leitung der SPD, der USPD und der Gew­erkschaften. Diese wür­den per Akkla­ma­tion gewählt wer­den. Es gab keine organ­is­che Beziehung zu den Fab­riken und Kaser­nen und keine Mech­a­nis­men zur Abwahl.

Die Ober­ste Heeresleitung fol­gte der Tak­tik der SPD: Wenn die Räte schon nicht ver­hin­dert wer­den kon­nten, kön­nten sie die Räte wenig­stens direkt kon­trol­lieren. Als die Rev­o­lu­tion begann, ermutigten die Gen­eräle die Sol­dat­en zur Wahl von Sol­daten­räten – aber nur als bera­tende Organe für die Offiziere. Sol­dat­en wählten oft ihre eige­nen Offiziere in diese Pro-Regime-Räte. Es gab auch einige Beispiele, wo die rev­o­lu­tionäre Linke, nach­dem sie in den ersten Tagen der Rev­o­lu­tion Räte gebildet hat­te, Neuwahlen ver­hin­derte, damit keine SPD-Vertreter*innen beitreten wür­den. Karl Radek, ein Vertreter der Bolschewi­ki in Deutsch­land, schrieb später, dass die Räte in Deutsch­land „nur dem Namen nach“ existiert hät­ten.

Als der Reich­srätekongress am 12. Dezem­ber im Gebäude des preußis­chen Abge­ord­neten­haus­es zusam­menkam, einen Monat nach der Rev­o­lu­tion, war die Linke schock­iert: 288 der 485 Delegierten kamen von der SPD. Nur 90 gehörten der USPD an, darunter zehn Spartakist*innen. Zeitungsredakteur*innen, Par­la­mentsab­ge­ord­nete, Partei- und Gewerkschaftsbürokrat*innen waren stärk­er vertreten (195) als Arbeiter*innen und Angestellte. Beobachter*innen bemerk­ten die Ähn­lichkeit des Ver­fahrens zu einem sozialdemokratis­chen Parteikongress. Rosa Lux­em­burg und Karl Liebknecht, die nicht zum Berlin­er Vol­lzugsrat gewählt wor­den waren, hat­ten keine Man­date und beka­men kein Red­erecht.

Stattdessen ver­sam­melte Liebknecht 30.000 Arbeiter*innen vor dem Gebäude mit der Forderung: „Alle Macht den Arbeit­er- und Sol­daten­räten!“ Die Delegierten des Reich­srätekongress jedoch trafen nach vier Tagen Diskus­sion die ent­ge­genge­set­zte Entschei­dung. Der Kongress entsch­ied, für den 19. Jan­u­ar zu Wahlen für eine Nation­alver­samm­lung aufzu­rufen. Die Räte hat­ten entsch­ieden, die Macht einem Organ der bürg­er­lichen Demokratie zurück­zugeben. Richard Müller nan­nte die Ver­samm­lung einen „poli­tis­chen Selb­st­mörderk­lub“.

Die Frage hat­te sich gestellt: par­la­men­tarische Repub­lik oder Rätere­pub­lik? Das war nur eine organ­isatorische Form der tat­säch­lichen Frage: bürg­er­liche Dik­tatur oder pro­le­tarische Dik­tatur? Die USPD-Anführer*innen hat­ten unter dem Druck der rev­o­lu­tionären Massen immer radikalere Reden gehal­ten. Auf dem Kongress sucht­en sie jedoch einen Kom­pro­miss: Sie woll­ten eine Ver­fas­sung, in der die Arbeiter*innenräte neben dem bürg­er­lichen Par­la­ment ver­ankert wür­den. Sie waren Zentrist*innen und schwank­ten zwis­chen rev­o­lu­tionären Reden und reformistis­chen Tat­en, und so woll­ten sie die Sit­u­a­tion der Dop­pel­macht per­ma­nent erhal­ten. Sowohl die SPD, die die wichtig­ste Vertei­di­gerin der bürg­er­lichen Inter­essen wurde, als auch der Spar­takus­bund, der die his­torischen Inter­essen des Pro­le­tari­ats for­mulierte, erkan­nten, dass das eine gefährliche Illu­sion war. Die eine oder andere Seite würde die ungeteilte Macht erobern müssen, und das bald.

Die Kommunistische Partei in Berlin

Nach dem Kongress entsch­ieden die Spartakist*innen, dass sie nicht länger in der USPD bleiben kön­nten. Min­destens ein Drit­tel der Berlin­er USPD unter­stützte die rev­o­lu­tionäre Linke, aber die Parteiführung wollte keinen Kongress aus­rufen. Am Sil­vestertag 1918 schloss sich der Spar­takus­bund mit der IKD aus Bre­men und Delegierten aus ganz Deutsch­land in ein­er neuen Partei zusam­men.

Am Neu­jahrstag 1919 wurde so die Kom­mu­nis­tis­che Partei Deutsch­lands (KPD) gegrün­det, die ein von Rosa Lux­em­burg geschriebenes Pro­gramm annahm. Die neue Partei war nicht nur zahlen­mäßig schwach, mit cir­ca 10.000 Mit­gliedern – sie litt an der „Kinderkrankheit“ des Ultra­links­tums. Viele Delegierte waren erst ein paar Wochen zuvor poli­tisiert wor­den. Nach­dem sie die deutsche Monar­chie in nur weni­gen Tagen ein­stürzen gese­hen hat­ten, waren sie überzeugt, dass die sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion genau­so schnell kom­men würde.

Die kon­tro­ver­s­es­te Diskus­sion auf dem Grün­dungskongress der KPD drehte sich um die Wahlen zur Nation­alver­samm­lung, die weniger als drei Wochen später stat­tfind­en soll­ten. Lux­em­burg und Liebknecht waren gegen die Nation­alver­samm­lung – doch sie und alle führen­den Spartakist*innen argu­men­tierten für eine Teil­nahme an den Wahlen als Tak­tik, den Massen ein kom­mu­nis­tis­ches Pro­gramm zu präsen­tieren. Lux­em­burg ver­stand viel bess­er als ihre jün­geren Anhänger*innen, dass die deutsche Rev­o­lu­tion ihrem Anfang näher stand als ihrem Ende. Den­noch blieb sie in der Min­der­heit. Otto Rüh­le aus Dres­den fasste die Per­spek­tive der Mehrheit zusam­men: Warum sollte man sich auf den Wahlkampf vor­bere­it­en, wenn die Kommunist*innen in weniger als drei Wochen an der Macht sein wür­den?

62 Delegierte stimmten für den Wahlboykott, während nur 23 Lux­em­burgs Vorschlag eines kom­mu­nis­tis­chen Wahlkampfs unter­stützten. Dieselbe Mehrheit war dafür, dass die Kommunist*innen die Gew­erkschaften ver­lassen soll­ten, auch wenn Lux­em­burg eine Abstim­mung ver­hin­dern kon­nte, indem sie mehr Diskus­sion zu einem späteren Zeit­punkt ein­forderte. Die Mehrheit der neuen Kom­mu­nis­tis­chen Partei hat­te eine völ­lig unre­al­is­tis­che Ein­schätzung der Sit­u­a­tion und nur wenige Bindun­gen in die Arbeiter*innenbewegung. Die Rev­o­lu­tionären Obleute ihrer­seits trat­en der neuen Partei nicht bei und blieben in der USPD. Die neue KPD hat­te noch nicht ein­mal eine Woche Zeit, um ihre Poli­tik zu definieren, bevor sie in den rev­o­lu­tionären Kampf gewor­fen wurde.

Die Proto-Nazis

Während die Revolutionär*innen eine neue Partei grün­de­ten, konzen­tri­erte sich die SPD darauf, bewaffnete Grup­pen zur Vertei­di­gung der „öffentlichen Ord­nung“ zu sam­meln. Nach­dem am 11. Novem­ber der Friedensver­trag unterze­ich­net war, zer­streute sich die Armee. Die Regierung befahl den Divi­sio­nen, nach Berlin zu marschieren. Doch bevor sie dort anka­men, war die Hälfte der Sol­dat­en ver­schwun­den – am näch­sten Mor­gen war es nur noch eine Hand­voll. Nach vier Jahren des bar­barischsten Mas­sak­ers, dass die Men­schheit bis dahin erlebt hat­te, wollte jede Per­son mit einem Rest an Ver­stand so schnell wie möglich zurück nach Hause.

Doch es gab eine kleine Anzahl an Män­nern, die sich an das end­lose Mor­den gewöh­nt hat­ten und und kein Heim außer­halb der Armee mehr besaßen. Unter dem Kom­man­do von recht­en Offizieren formten sie paramil­itärische „Freiko­rps“. Diese Män­ner beka­men einen guten Sold, der aus Spenden von Großkapitalist*innen an den „Anti­bolschewis­ten­fonds“ finanziert wurde. Sie waren rechts, aber man hätte ihre Ide­olo­gie nicht genau beschreiben kön­nen. In früheren Zeit­en wären sie Monar­chis­ten gewe­sen, aber nach der Flucht von Wil­helm II. hat­ten sie keinen Nutzen mehr für diesen Monar­chen. Wie Sebas­t­ian Haffn­er erk­lärt: “Was sie woll­ten und ersehn­ten, wofür sie kämpften und auch morde­ten, das war etwas anderes als die Monar­chie – etwas, das erst ein Mann in Worte fassen sollte, der sich damals noch als obskur­er V‑Mann der bay­erischen Reich­swehr in München betätigte.”

Haffn­er meint Adolf Hitler, der seine faschis­tis­che Bewe­gung auf Kerne ehe­ma­liger Freiko­rps-Sol­dat­en auf­bauen würde. Die Freiko­rps waren die ersten, die das Hak­enkreuz als mod­ernes Sym­bol für recht­sex­treme Poli­tik nutzten. Sie waren hart anti­sozial­is­tisch und überzeugt, dass die deutsche Armee von Sozialist*innen einen „Dolch­stoß“ in den Rück­en bekom­men hat­te. Und den­noch dien­ten sie der SPD-Regierung, denn sie führte den Kampf, so viel wie möglich von der alten Ord­nung zu vertei­di­gen. Die SPD ihrer­seits brauchte diese recht­en Paramil­itärs, denn nie­mand son­st wollte gegen die rev­o­lu­tionären Arbeiter*innen kämpfen.

Am 23. Dezem­ber, kurz vor Wei­h­nacht­en, ver­sucht­en SPD und Mil­itär, die Volks­marine­di­vi­sion (VMD) loszuw­er­den. Die VMD, die aus 3.000 Män­nern bestand, war die größte rev­o­lu­tionäre Mil­itärein­heit in der Haupt­stadt. Sie organ­isierten sich rund um die Matrosen aus Kiel und waren seit den ersten Tagen der Rev­o­lu­tion im Stadtschloss unterge­bracht. Nun dro­hte die Regierung mit der Ver­weigerung ihres Sol­des, wenn sie den neuen Kom­man­dan­ten von der SPD nicht akzep­tieren wür­den. Am Heili­ga­bend umzin­gel­ten kon­ter­rev­o­lu­tionäre Trup­pen das Stadtschloss und sprachen ein Ulti­ma­tum aus – und beschossen das Gebäude mit Maschi­nengewehren und Artillerie. Tausende Arbeiter*innen sam­melten sich im Stadtzen­trum, um die VMD zu unter­stützen. Gemein­sam zwan­gen sie die Angreifer zum Rück­zug.

Ebert hat­te den Angriff mit Groen­er koor­diniert. In der Öffentlichkeit verneinte er jeglich­es Wis­sen darüber, aber nie­mand glaubte ihm. Nach „Eberts Blutwei­h­nacht“ trat­en die drei USPD-Mit­glieder aus dem Rat der Volks­beauf­tragten aus. Ebert erset­zte sie mit drei weit­eren MSPD-Mit­gliedern. Er ließ das Wort „Rat“ aus dem Namen der Regierung fall­en und fing an, sich selb­st als „Reich­skan­zler“ zu beze­ich­nen. Es war schw­er, einen Kriegsmin­is­ter zu find­en, also einen Sozialdemokrat­en, der die Ver­ant­wor­tung für die Zer­schla­gung der Arbeiter*innenbewegung übernehmen würde. Schließlich meldete sich Gus­tav Noske: „Ein­er muss der Bluthund wer­den“, sagte er. Noske ver­stand, dass die SPD die rev­o­lu­tionäre Bewe­gung in Berlin nicht in ein­er direk­ten Kon­fronta­tion besiegen würde. Ihre einzige Hoff­nung lag in ein­er Pro­voka­tion: die Revolutionär*innen in eine entschei­dende Schlacht zu ziehen, bevor sie ihre Kräfte organ­isieren kön­nten.

In ein­er Woche schreibt Wladek Flakin hier über die Nieder­schla­gung der Rev­o­lu­tion. Welche Lek­tio­nen kön­nen für heute daraus gezo­gen wer­den?

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