„Perdido Street Station“ ist ein Quantensprung der Fantasy- und Science-Fiction-Literatur

26.03.2024, Lesezeit 7 Min.
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Foto: flickr.com/Eden, Janine and Jim

China Miéville gehört zu einer Gruppe von avantgardistischen Fantasy- und Science-Fiction-Autor:innen, die mit dem Plunder aus Tolkiens Tagen Schluss machen wollen und sich den Herausforderungen und gesellschaftlichen Implikationen des Fantastischen stellen.

Auf den ersten Blick könnte man annehmen, dass China Miévilles Buch „Perdido Street Station“ ein weiterer klassischer Fantasy- oder Sci-Fi-Roman in einer endlosen Reihe an ähnlichen Romanen wäre, lediglich aufgepeppt mit einer neuen Mixtur des Üblichen: Statt Elfen, Zwerge und Orks erfindet Miéville pflanzenähnliche Kaktuswesen, vogelähnliche Garuda, die in ur-kommunistischen Gruppen leben, froschähnliche Vodyanoi, die die Struktur des Wassers manipulieren können, insektoide Khepri, die mittels Pherhormonen kommunizieren und aus ihrer Spucke Kunstwerke formen können und viele weitere Spezies. Sie alle leben zusammen mit den Menschen in der frühkapitalistischen Metropole „New Crobuzon“. Mévielles Pendant zur Magie heißt „Thaumaturgie“ und basiert auf fiktiven physikalischen Gesetzen, welche mit Hilfe von Wissenschaft und Technologie manipuliert werden können. Sein diverser Cast handelnder Personen ist nicht „gut“ oder „böse“, sondern scheint direkt aus dem Leben gegriffen und muss sich bald sowohl gegen die autoritäre Regierung, als auch gegen eine ganz andere Gefahr wappnen. Ein paar originelle Einfälle machen jedoch noch keine progressive Literatur. Was Miévilles’ Geschichte so besonders macht, ist vielmehr der Wille, den ganzen alten Plunder aus Tolkiens Tagen endlich zu entsorgen und sich den gesellschaftlichen Implikationen des Fantastischen in aller Ernsthaftigkeit zu stellen.

Das reaktionäre Erbe Tolkiens

Wir kennen es alle: Die Elfen, weise aber hochmütig, die Zwerge, erfinderisch aber gierig, die Menschen, einfach aber mutig, kämpfen in einem heldenhaften Ringen gegen die bösen Orks und ihren bösen, bösen Anführer. Die fantastische Welt ist übersät mit seltsamen mystischen Kreaturen wie Drachen und Einhörnern, die aber scheinbar außerhalb jeder Nahrungskette zu stehen scheinen. Es gibt rätselhafte Magie, die ihren Nutzer:innen (weise Zauberer:innen) fast alles ermöglicht. Die Magie scheint aber trotz ihrer großen Macht keinen spürbaren Einfluss auf die sie umgebende Gesellschaft zu haben. In den meisten Fantasy-Geschichten herrscht noch feudale Barbarei. 90 Prozent der Menschen sind an die Scholle gefesselt und verlassen ihr Heimatdorf nur, um im heiligen Krieg gegen „das Böse“ zu sterben. Unsere Helden sind edle Ritter und Königssöhne, sie reiten noch zu Pferd, verschicken Brieftauben (oder Raben) und werfen ihre Exkremente auf die Straße. Die „Fremdvölker“ haben alle eine und dieselbe Persönlichkeit und einen und denselben Beruf. Die anmutige Elfe studiert die verborgenen Künste und ist obendrein besonders keusch und der zwergische Bergmann scheint den ganzen Tag an nichts anderes zu denken als an Gold und Bier. Die Bösen scheinen derweil überhaupt keine richtige Gesellschaft zu haben. Orks tauchen nur als blutrünstige Monster auf, die es gnadenlos auszurotten gilt, bis schließlich das Licht über die Dunkelheit triumphiert, der Held die Frau seiner Träume geheiratet hat und alles so bleibt, wie es immer war.

Manchmal wirkt es so, als hätte sich das Fantasy-Genre seit den Tagen von Tolkien kein bisschen weiterentwickelt. Es wird eine Welt gezeichnet, die losgelöst scheint von jeder Realität, als pure Abstraktion existiert, die nichts weiter ist, als eine leere Wunschvorstellung nach einer eingebildeten Vergangenheit, in der noch alles „in Ordnung“ und „an seinem Platz“ war. Der Platz des Mannes ist auf dem Thron, der Frau im Haushalt, der Bäuer:innen auf dem Feld, der Magier:innen in ihren hohen Türmen und der Bösewichte auf dem Scheiterhaufen. Tolkiens Vision und diejenige seiner eifrigsten Schüler:innen ist zutiefst reaktionär. Das gilt in gleicher Weise natürlich auch für viele Geschichten aus dem Science- Fiction-Genre: Star Wars mit seinem Kampf „Licht“ gegen „Finsternis“ – Jedi gegen Sith, seiner quasi-religiösen Prophezeiungen und seinen unzerstörbaren, geradezu mystischen „Familienbande“ ist hier wohl der größte Sünder. 

Pflug, Pferd und Magie?

Obendrein scheinen die Schöpfer solcher fantastischer Welten häufig die weitreichenden gesellschaftlichen Implikationen ihrer Erfindungen nicht zu begreifen. Wie kann eine Welt weiterhin in feudaler Stagnation verweilen, wenn mittels Magie oder magischer Gegenstände eine nahezu unmittelbare Kommunikation zwischen beliebig weit entfernten Orten möglich ist? Und ist noch niemand auf die Idee gekommen, die Magie zur Erhitzung eines Dampfkessels zu verwenden? Was bedeutet es, eine Welt zu haben, in der verschiedene Spezies zusammenleben? Oder im Falle von Science-Fiction: Wie kann eine Gesellschaft weiterhin kapitalistisch organisiert sein, wenn doch gleichzeitig alle schwere Arbeit bereits von Robotern verrichtet wird? All diesen Fragen wird nur allzu häufig ausgewichen. Schließlich möchte man seine oder ihre Leser:innen nicht überfordern.

Eine literarische Revolution

China Miéville sieht das völlig anders: Der exponierteste Vertreter der „Weird Fiction“, der politisch aus einer trotzkistischen Tradition kommt und jahrelang in der britischen Socialist Workers Party aktiv war, möchte überfordern. Er möchte die Fantasie anregen und sie nicht mit billigem Schund in den Schlaf wiegen. Wer sich auf sein Buch Perdido Street Station einlassen möchte, muss wach sein, muss begreifen wollen. Dabei tritt der Autor niemals mit dem marxistischen Zeigefinger auf. Sein Thema ist nicht der Ausgang des Klassenkampfes in New Crobuzon, er schreibt keine Geschichte einer fiktiven Revolution. Aber anders als bei Tolkien und Konsorten ist New Crobuzon eine komplexe und widersprüchliche Klassengesellschaft und kein vermeintlich romantisches Mittelalter-Idyll. Seine Geschichte berührt das Verhältnis der verschiedenen Klassen und Spezies in der Stadt einerseits und stellt sich aber auch andererseits Fragen über Bewusstsein, Unterbewusstsein, Traum und Realität, Logik und Dialektik und die Macht der Technologie. 

Dabei durchqueren seine Held:innen diese diverse, wunderbare und gleichzeitig brutale und unterdrückerische Stadt. Sie lesen in der Zeitung von Streiks der Vodyanoi-Hafenarbeiter:innen. Sie erfahren dabei davon, dass die Arbeiter:innenbewegung der Stadt scharf durch rassistische Vorurteile gespalten wird. Als der Streik schließlich ausbricht, sind die menschlichen Hafenarbeiter:innen gespalten. Eine faschistische Partei fordert Arbeitsplätze zuerst für Menschen, während eine revolutionäre Untergrundorganisation vorschlägt, dass Menschen und Froschmenschen gemeinsame Gewerkschaften brauchen und zusammen streiken sollten. Seine Held:innen durchqueren auf ihrem Abenteuer Ghettos, in denen die Khepri vom Rest der Stadt isoliert leben müssen. Ihnen begegnet eine Gruppe immigrierter Garuda, die, anders als in ihrer Heimat, keine egalitäre Gesellschaftsordnung mehr haben, sondern nun nach dem Gesetz des Stärkeren leben. Sie lernen den korrupten Polizeistaat, der schließlich die Hafenstreiks mit Waffengewalt niederschlägt, auch am eigenen Leib kennen und hassen. Sie haben Kontakte zu einer verbotenen Arbeiter:innenzeitung im Untergrund namens „Runagate Rampant“. Die Leser:in wird hineingezogen in eine leb- und glaubhafte Welt, die gewissermaßen ein Spiegelbild unserer eigenen ist. Und doch ist sie im wahrsten Sinne des Wortes monströs.


Die englische Originalausgabe von Perdido Street Station ist im Jahr 2000 bei Macmillan (London) erschienen, die deutsche, gleichnamige Komplettausgabe 2014 bei Heyne (München).

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