Geschichte und Kultur

Vor 100 Jahren betreten Revolutionär*innen in Deutschland den Rasen

Ein alter Witz besagt, dass die Deutschen nie eine Revolution machen werden, weil sie dafür den Rasen betreten müssten. Doch vor 100 Jahren, als der Erste Weltkrieg an sein Ende kam, bereitete die Arbeiter*innenbewegung in Deutschland einen Aufstand gegen den Kaiser und die Kapitalist*innen vor. Am 9. November 1918 begann der Generalstreik in Berlin – nach jahrelanger Vorbereitung.

Vor 100 Jahren betreten Revolutionär*innen in Deutschland den Rasen

“Wer gegen den Krieg ist, erscheint am 1. Mai Abends acht Uhr. Pots­damer Platz (Berlin). Brot! Frei­heit! Frieden!”

Kleine Zettel mit diesem Aufruf in Schreib­maschi­nen­schrift waren in der gesamten deutschen Haupt­stadt verteilt wor­den. Es war April 1917 und das Land befand sich schon fast zwei Jahre im Krieg. Berlin, diese grandiose impe­ri­al­is­tis­che Metro­pole, war unheim­lich ruhig. Die Hälfte der männlichen Bevölkerung Deutsch­lands war in die Armee einge­zo­gen wor­den.

Seit 1890 hat­te die deutsche Arbeiter*innenbewegung am 1. Mai immer große Demon­stra­tio­nen organ­isiert. 1915 hat­te es keine gegeben und für 1916 war keine geplant. Das Ver­samm­lungsrecht war für den Burgfrieden zwis­chen dem Mil­itär und den Gew­erkschafts­bürokra­tien geopfert wor­den.

Die Kundge­bung am Pots­damer Platz, nor­maler­weise Berlins wichtig­stes Geschäftsvier­tel, war ille­gal. Ein paar tausend Men­schen kamen trotz­dem. Ein 45-jähriger Mann in grauer Sol­date­nuni­form, mit Brille und dün­ner wer­den­dem Haar, stieg über die Köpfe der Menge empor. „Nieder mit dem Krieg!“, rief er. „Und nieder mit der Regierung!“

Er wurde sofort von der Polizei über­wältigt und weg geschleift. Es han­delte sich um Karl Liebknecht, ein Anwalt und sozialdemokratis­ches Par­la­mentsmit­glied. In den Reich­stagssitzun­gen nutzte er seine par­la­men­tarische Immu­nität für flam­mende Reden gegen die impe­ri­al­is­tis­che Schlächterei. Aber er war eben­falls einge­zo­gen wor­den. Am Ende jed­er Sitzung wurde er zur Ost­front geschickt, um Schützen­gräben auszuheben, bevor er in der Fol­ge­woche zurück ins Par­la­ment gebracht wurde.

Liebknechts Kundge­bung am 1. Mai war nur im moralis­chen Sinne ein Erfolg. Sein Par­la­ments­man­dat wurde ihm ent­zo­gen, er wurde des Hochver­rats angeklagt und ins Gefäng­nis gesteckt. Doch am Tag von Liebknechts Gerichtsver­hand­lung einen Monat später trat­en 50.000 Arbeiter*innen aus den Met­all­fab­riken Berlins in den Streik. Sie forderten „Frei­heit für Liebknecht!“ Wed­er das Mil­itär noch Liebknecht selb­st wussten, wer den Protest organ­isiert hat­te.

Die Aktio­nen der Arbeiter*innen gegen den Krieg, inspiri­ert von Liebknechts Mut, wür­den später den Beginn der Novem­ber­rev­o­lu­tion markieren.

Ein deutscher Bürger*innenkrieg?

Am 9. Novem­ber 1918 stürzte ein Masse­nauf­s­tand des Berlin­er Pro­le­tari­ats Kaiser Wil­helm II. und been­dete den Krieg. Die Hohen­zollern-Dynas­tie hat­te Berlin, Preußen und das Deutsche Reich fast 500 Jahre lang beherrscht. Ein bürg­er­lich­er Jour­nal­ist beschrieb die Rev­o­lu­tion wie einen plöt­zlichen Zusam­men­bruch: Am Fol­ge­tag schrieb Theodor Wolff, dass vor dem Auf­s­tand “eine riesige Mil­itäror­gan­i­sa­tion alles zu umfassen schien, in den Ämtern und Min­is­te­rien thronte eine schein­bar unbe­sieg­bare Bürokratie. Gestern früh war (…) das alles noch da. Gestern Nach­mit­tag existierte nichts mehr davon.” Doch die Rev­o­lu­tion kam nicht so plöt­zlich, wie sie erschien: Sie offen­barte nur die Wider­sprüche, die seit Jahrzehn­ten im deutschen Kap­i­tal­is­mus anwuch­sen.

Heute ist die Novem­ber­rev­o­lu­tion fast vergessen. Die meis­ten Men­schen in Deutsch­land ken­nen die Begriffe „Deutsche Rev­o­lu­tion“ oder „Deutsch­er Bürg­erkrieg“ nicht. Doch die Ereignisse Ende 1918 und 1919 sind nicht nur ein Wen­depunkt in der Geschichte Mit­teleu­ropas, son­dern in der Geschichte der men­schlichen Zivil­i­sa­tion ins­ge­samt. Die blutige Nieder­lage der Novem­ber­rev­o­lu­tion war ein entschei­den­der Moment im Über­gang vom Kap­i­tal­is­mus zum Sozial­is­mus – einen Moment, den Sozialist*innen heute studieren müssen.

Formell revolutionär

Die deutsche Sozialdemokratie war 1875 von Wil­helm Liebknecht gegrün­det wor­den. Nur drei Jahre später wurde sie unter den „Sozial­is­tenge­set­zen“ Kaiser Wil­helms I. ver­boten. Die Parteiführung und die Redak­tio­nen gin­gen ins Exil, während die Mit­glieder sich in ein­er Vielzahl legaler Fron­tor­gan­i­sa­tio­nen ver­sam­melten: Wan­der­grup­pen, Gesangsvere­ine, Arbeit­er­bib­lio­theken und Eck­kneipen. Der einzige Ort im Deutschen Reich, in dem sich Sozialist*innen legal organ­isieren durften, war der Reich­stag: Waren sie ein­mal als Indi­viduen gewählt, erlaubte ihre par­la­men­tarische Immu­nität es ihnen, als SPD-Vertreter*innen zu sprechen.

Trotz der Ille­gal­ität wuchs die SPD weit­er; sie erlangte bei den Wahlen 1890 1,4 Mil­lio­nen Stim­men. Der näch­ste Kaiser Wil­helm (der Zweite) musste die Partei legal­isieren und ihr Wach­s­tum beschle­u­nigte sich. Bei den Wahlen von 1912 erlangte die SPD knapp über 4 Mil­lio­nen Stim­men (fast 35 Prozent) und 110 Sitze im Par­la­ment, wodurch sie die stärk­ste Reich­stags­frak­tion wurde.

In all diesen Jahrzehn­ten blieb die SPD ihren rev­o­lu­tionär-marx­is­tis­chen Wurzeln treu – zumin­d­est in der The­o­rie. 40 Jahre Wach­s­tum des deutschen Kap­i­tal­is­mus hat­ten der Arbeiter*innenklasse kon­tinuier­liche Verbesserun­gen ihrer Lebens­be­din­gun­gen gebracht – und viele Proletarier*innen began­nen zu glauben, dass das unendlich so weit­er gehen würde, bis der Sozial­is­mus erre­icht sei. Die SPD war par­al­lel zum Reich gewach­sen, betrieb dutzende Zeitun­gen, riesige lan­desweite Gew­erkschaften (mit riesi­gen Bürokra­tien) und war die stärk­ste Partei im Par­la­ment.

Die Partei teilte sich langsam in drei Flügel: 1) einen recht­en Flügel um Friedrich Ebert, einen gesicht­slosen Bürokrat­en ohne jede poli­tis­che Vision, der inner­halb des Reichs langsam Macht gewin­nen wollte. 2) einen linken Flügel, ange­führt von Rosa Lux­em­burg, ein­er The­o­retik­erin und Agi­ta­torin, die aus dem zaris­tis­chen Polen immi­gri­ert war und glaubte, dass rev­o­lu­tionäre Aktio­nen zum Sturz des Kap­i­tal­is­mus nötig sein wür­den. 3) ein „marx­is­tis­ches Zen­trum“, das mit Karl Kaut­sky und Hugo Haase in Verbindung stand und die Ein­heit der Partei zwis­chen diesen bei­den unver­söhn­lichen Flügeln um jeden Preis aufrecht erhal­ten wollte. Das Zen­trum vertei­digte die „bewährten Tak­tiken“ der vor­ange­gan­genen Jahrzehnte, die aus reformistis­ch­er Prax­is in Kom­bi­na­tion mit rev­o­lu­tionären Reden bestanden.

Die SPD war eine anti­mil­i­taris­tis­che Partei, die stets erk­lärt hat­te: „Nicht einen Mann, nicht einen Pfen­nig“ für die kaiser­liche Kriegs­maschiner­ie. Der Stuttgarter Kongress der Sozial­is­tis­chen Inter­na­tionale 1907 hat­te beschlossen, dass im Falle eines impe­ri­al­is­tis­chen Krieges alle sozial­is­tis­chen Parteien “mit allen Kräften […] die durch den Krieg her­beige­führte wirtschaftliche und poli­tis­che Krise zur poli­tis­chen Aufrüt­telung der Volkss­chicht­en und zur Beschle­u­ni­gung des Sturzes der kap­i­tal­is­tis­chen Klassen­herrschaft auszunutzen.”

4. August

Im Som­mer 1914, als die Span­nun­gen unter den Großmächt­en die Welt Schritt um Schritt an den Rand des Krieges bracht­en, erwarteten viele, dass die SPD ihren anti­mil­i­taris­tis­chen Prinzip­i­en treu bleiben würde. Am 25. Juli enthielt die Berlin­er Aus­gabe der SPD-Zeitung Vor­wärts eine Erk­lärung der SPD-Führung: “Wir wollen keinen Krieg! Nieder mit dem Krieg! Hoch die inter­na­tionale Völk­erver­brüderung!”  Die Partei organ­isierte Friedens­demon­stra­tio­nen im ganzen Land und schick­te ihre Parteikasse in die Schweiz, um sich auf ein erneutes Ver­bot vorzu­bere­it­en. Die Mil­itär­führung, die Ober­ste Heeresleitung (OHL), war ihrer­seits darauf vor­bere­it­et, alle 110 sozialdemokratis­chen Reich­stagsab­ge­ord­neten zu ver­haften, sobald der Krieg erk­lärt war.

Ab dem 1. August schwirrten Kriegserk­lärun­gen um die Welt. Der Reich­stag wurde für den 4. August zur Abstim­mung über Kriegskred­ite zusam­mengerufen. Und jedes einzelne sozialdemokratis­che Par­la­mentsmit­glied stimmte – dafür. “Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vater­land nicht im Stich.”, erk­lärte Hugo Haase, Vor­sitzen­der der Reich­stags­frak­tion. Als der rus­sis­che Rev­o­lu­tionär W.I. Lenin in seinem Schweiz­er Exil eine Aus­gabe des Vor­wärts in die Hand bekam, die von der Abstim­mung berichtete, war er überzeugt, dass es eine Fälschung der OHL sein müsste. Rosa Lux­em­burg, die nicht nur die schärf­ste Kri­tik­erin des „revi­sion­is­tis­chen“ recht­en Flügels der Partei gewe­sen war, son­dern auch die leeren Phrasen des Zen­trums durch­schaut hat­te, hat­te am Tag zuvor gesagt, dass sie besorgt sei, dass die SPD-Frak­tion sich enthal­ten würde. Nach der Abstim­mung sagte sie ihren Genoss*innen, dass sie an Selb­st­mord aus Protest dachte. Die deutsche Arbeiter*innenbewegung war völ­lig ori­en­tierungs­los – nicht eine einzige Stimme war irgend­wo gegen den Krieg zu hören!

Hin­ter den Kulis­sen hat­te es Ver­hand­lun­gen zwis­chen der SPD-Führung und der OHL gegeben. Die sozialdemokratis­chen Bürokra­tien wür­den alles tun, um ihre Legal­ität und ihr Eigen­tum zu behal­ten. Die Gen­eräle ver­standen es auch, der reformistis­chen Linken den Krieg schmack­haft zu machen: Hat­ten Marx und Engels nicht schon 1848 einen rev­o­lu­tionären Krieg Deutsch­lands gegen den rus­sis­chen Zaren gefordert? Waren die begren­zten demokratis­chen Frei­heit­en für die Arbeiter*innenbewegung im Deutschen Reich nicht etwas, das gegen die Bedro­hung durch den rus­sis­chen Abso­lutismus vertei­digt wer­den müsste? Es ging ange­blich über­haupt nur um das Recht Deutsch­lands auf Selb­st­bes­tim­mung gegen die Aggres­sion des Zaren. Am 3. August hielt die SPD-Reich­stags­frak­tion eine interne Abstim­mung über die Kriegskred­ite ab – 78 waren dafür, nur 14 waren dage­gen. Die lange SPD-Tra­di­tion der Frak­tions­diszi­plin bedeutete, dass auch die Gegner*innen der Kriegskred­ite sich der Mehrheit unter­war­fen und mit Ja stimmten. Haase, aus dem Zen­trum, war gegen die Kriegskred­ite, aber erk­lärte sich bere­it, die Erk­lärung selb­st vorzule­sen – er wurde von den bürg­er­lichen und monar­chis­tis­chen Parteien bejubelt.

Zu Beginn des 20. Jahrhun­derts war Deutsch­land die große Bas­tion der weltweit­en Arbeiter*innenbewegung. Es war ein hoch entwick­eltes Indus­trieland mit ein­er gut organ­isierten Arbeiter*innenklasse, ange­führt von ein­er sehr mächti­gen Partei mit einem riesi­gen Appa­rat, die sich als Anhän­gerin der The­o­rien von Marx und Engels ver­stand. Sozialist*innen auf aller Welt sahen die SPD als Vor­bild und feierten ihre Wahler­folge als ihre eige­nen.

Aus diesem Grund war der 4. August – der Tag, an dem sich diese Partei mit ihrem ganzen Gewicht hin­ter ihre eigene impe­ri­al­is­tis­che Bour­geoisie stellte, um den Ersten Weltkrieg auszu­tra­gen – eine enorme materielle und moralis­che Nieder­lage. Ihre “kleineren Geschwis­ter”, die meis­ten sozial­is­tis­chen Parteien der kriegs­führen­den Län­der, wur­den genau­so abtrün­nig.

Doch der Faden der his­torischen Kon­ti­nu­ität wurde nicht ganz abgeris­sen. Der linksradikale Flügel der deutschen Sozialist*innen unter Führung von Rosa Lux­em­burg und Karl Liebknecht beteiligte sich gemein­sam mit rebel­lis­chen Internationalist*innen aus den anderen Län­dern im Krieg am Wieder­auf­bau der Inter­na­tionale.

Ein Mann, so fest wie eine Eiche

Der Krieg sollte nur ein paar Wochen dauern – die Jungs soll­ten schon Wei­h­nacht­en wieder zuhause sein. Doch als die Monate vergin­gen und die Schützen­gräben sich in ganz Europa aus­bre­it­eten, wur­den immer mehr junge Män­ner in Sär­gen zurück­geschickt. Die deutsche Regierung gab jeden Anschein eines „Vertei­di­gungskrieges“ auf, als das neu­trale Bel­gien beset­zt wurde. Regierungsmin­is­ter (und sog­ar führende SPD-Poli­tik­er) began­nen, offen über die Annex­ion von Gebi­eten in Bel­gien oder Nord­frankre­ich bei Kriegsende zu sprechen.

Im Dezem­ber musste der Reich­stag über eine zweite Kred­itlin­ie abstim­men. Liebknecht war in Bel­gien gewe­sen und hat­te dort mit Sozialist*innen gesprochen. Dieses Mal brach er die Diszi­plin und erk­lärte, der Krieg han­dele nicht von nationaler Vertei­di­gung: “Es han­delt sich um einen impe­ri­al­is­tis­chen Krieg, einen Krieg um die kap­i­tal­is­tis­che Beherrschung des Welt­mark­tes.” Und Liebknecht stimmte mit Nein. Ein zweit­er SPD-Abge­ord­neter, Otto Rüh­le, enthielt sich bei der Abstim­mung, indem er zur Toi­lette ging. Endlich gab es eine Stimme – eine einzelne Stimme –, die sich gegen die Schlächterei aussprach. Liebknecht wurde für Mil­lio­nen zum Helden. Ein deutsches Arbeit­er­lied nan­nte ihn später einen “Mann, so fest wie eine Eiche”. Als eine dritte Abstim­mung anstand, im März 1915, stimmten sowohl Liebknecht als auch Rüh­le gegen die Kriegskred­ite – und Liebknecht wurde an die Front geschickt, um Schützen­gräben auszuheben, wodurch ihm jede poli­tis­che Aktiv­ität außer­halb des Par­la­ments ver­wehrt blieb.

Liebknecht war, um den mod­er­nen chi­ne­sis­chen Begriff zu nutzen, ein „rot­er Prinz“ – als Sohn des Parteigrün­ders war er wegen seines Namens bess­er bekan­nt als wegen sein­er poli­tis­chen Arbeit. Als gel­ern­ter Anwalt hat­te Liebknecht einen gewis­sen Bekan­ntheits­grad als Vertei­di­ger der sozial­is­tis­chen Jugen­dor­gan­i­sa­tio­nen und ihres Rechts auf Unab­hängigkeit von der Parteibürokratie erlangt. 1907 wurde er mit 37 Jahren zum Vor­sitzen­den der Sozial­is­tis­chen Jugend­in­ter­na­tionale gewählt. Für sein Buch gegen den Mil­i­taris­mus wurde er zu einein­halb Jahren Haft wegen Hochver­rats verurteilt. Wenn Sozialdemokrat*innen eine der­ar­tige Repres­sion erfuhren, hob die Partei sie oft in die Par­la­mente, damit sie Immu­nität erlan­gen. So bekam Liebknecht einen Sitz im Reich­stag. Der His­torik­er Sebas­t­ian Haffn­er beschreibt ihn als einen „unbekan­nten Hin­ter­bän­kler“ vor 1914.

Zentrist*innen und Revolutionär*innen

Der Krieg dauerte einen ersten Win­ter, und dann einen zweit­en. Fam­i­lien der Arbeiter*innenklasse mussten größ­ten­teils auf Kartof­feln verzicht­en – ganz zu schweigen von Fleisch – und von Rüben über­leben. Der Unmut wuchs. Im Mai 1916 zettel­ten junge Arbeiter*innen in Brunswick Unruhen gegen die Kürzung ihrer Löhne an.

Der wach­sende Unmut spiegelte sich auch in der SPD-Reich­stags­frak­tion wider. Bis Jan­u­ar 1916 war die Anzahl der Abge­ord­neten, die gegen neue Kriegskred­ite stimmten, auf 20 angewach­sen – und bald wur­den alle 20 aus der Partei aus­geschlossen. Sie kon­sti­tu­ierten sich als „Sozialdemokratis­che Arbeits­ge­mein­schaft“ im Reich­stag. Zu Ostern 1917 grün­de­ten sie die Unab­hängige Sozialdemokratis­che Partei Deutsch­lands (USPD). Die Rumpf­partei wurde als Mehrheits-SPD bekan­nt (MSPD).

Rusa Lux­em­burg nan­nte die USPD eine “eine Partei der Halb­heit und der Zwei­deutigkeit.“ Die Unab­hängi­gen – unter ihnen auch das alte Parteizen­trum um Karl Kaut­sky, aber auch Revisionist*innen wie Eduard Bern­stein – waren Pazifist*innen, keine Revolutionär*innen. Sie woll­ten den Krieg been­den, um zur alten Sozialdemokratie und ihren „bewährten Tak­tiken“ zurück­zukehren – aber sie hat­ten kein­er­lei Absicht, für das Ende des Krieges mit einem Auf­s­tand zu kämpfen. Kaut­sky erk­lärte bekan­nter­maßen: „die Inter­na­tionale ist kein wirk­sames Werkzeug im Kriege, sie ist im Wesentlichen ein Friedensin­stru­ment.” Diese Zentrist*innen brachen mit der sozial-impe­ri­al­is­tis­chen Mehrheit ihrer Partei erst dann, als sie aus­geschlossen wur­den.

Der linke Flügel der alten Sozialdemokratie organ­isierte sich im Gegen­satz dazu, sobald der Krieg aus­brach. Ein Kern, darunter Karl Liebknecht, Rosa Lux­em­burg, der fast 70-jährige Franz Mehring, Julian March­lews­ki (Kars­ki), Ernst Mey­er und Clara Zetkin grün­de­ten Anfang 1915 die „Gruppe „Inter­na­tionale“. Sie veröf­fentlicht­en eine Aus­gabe ein­er legalen Zeitschrift, die sofort von den Autoritäten kon­fisziert wurde. Lux­em­burg war vor dem Krieg wegen „Majestäts­belei­di­gung“ in ein­er Rede ins Gefäng­nis gewor­fen wor­den. Sie war nur kurz auf freiem Fuß und wurde dann in „Schutzhaft“ gesteckt (d.h. ohne konkrete Vor­würfe), bis die Rev­o­lu­tion aus­brach. Doch mit ihrer gren­zen­losen Energie und ihrem lit­er­arischen Tal­ent führte Lux­em­burg die rev­o­lu­tionäre Linke mit Briefen an, die aus dem Gefäng­nis geschmuggelt wur­den. Ihre Unterstützer*innen began­nen bald, ille­gale Flug­blät­ter her­auszugeben. Ernst Mey­er, der mit dem Druck beauf­tragt war, erdachte den Namen „Spar­takus“. Lux­em­burg fand den Namen schreck­lich, aber die Flug­blät­ter zirkulierten in ganz Deutsch­land und „Spar­takus“ wurde für Mil­lio­nen zu einem Sym­bol. Am Neu­jahrstag 1916 wurde der „Spar­takus­bund“ in Karl Liebknechts Anwalts­büro gegrün­det.

Die Spartakist*innen trat­en der USPD bei, als diese einein­halb Jahre später gegrün­det wurde. Die Partei bot den Revolutionär*innen, die unter ständi­ger Ver­haf­tung von Polizei und Mil­itär lit­ten, einen legalen Rah­men, in dem sie arbeit­en kon­nten. Der Spar­takus­bund hat­te nie mehr als ein paar hun­dert Mit­glieder – sie woll­ten die USPD nutzen, um die hun­dert­tausenden Arbeiter*innen zu erre­ichen, die dort organ­isiert waren. Lux­em­burgs Texte sparten nie mit Kri­tik an den schwank­enden, feigen Posi­tio­nen der USPD-Anführer*innen. In eini­gen Städten, in denen die Linke rel­a­tiv stark war, wie in Stuttgart oder Chem­nitz, weigerten sich die lokalen Spartakist*innen, in die neue zen­tris­tis­che Partei einzutreten. Es war der zen­trale Anführer des Bun­des während des Krieges, Lux­em­burgs lebenslanger Gefährte Leo Jogich­es, der erfol­gre­ich darauf bestand, dass sie alle in die USPD ein­träten. In ein­er Stadt, Bre­men, war die radikale Linke stark genug, um die gesamte lokale Parteior­gan­i­sa­tion zu übernehmen und die Reformist*innen und Zentrist*innen auszuschließen. Diese „Bre­mer Linksradikalen“ um Johann Knief und Paul Fröh­lich sind nie in den Spar­takus­bund einge­treten, eben weil sie nicht in die USPD ein­treten woll­ten und stattdessen für die Grün­dung ein­er neuen rev­o­lu­tionären Partei kämpften – diese Gruppe wurde später zu den Inter­na­tionalen Kom­mu­nis­ten Deutsch­lands (IKD).

Ein erster Streik

Im Juni 1916, als Liebknecht wegen Hochver­rats angeklagt wurde, streik­ten 50.000 Berlin­er Arbeiter*innen für seine Freilas­sung. Nie­mand wusste, wer diese Masse­nak­tion organ­isiert hat­te. Erst beim Auf­s­tand mehr als zwei Jahre später trat diese ver­schwörerische Gruppe – ohne Zeitung, Sprecher*innen oder auch nur einen Namen – in die Öffentlichkeit.

Zu Beginn des Krieges began­nen gew­erkschaftliche Ver­trauensleute in Berlin (Arbeiter*innen, die in den Fab­riken gewählt wur­den, um ihre Kolleg*innen zu vertreten, genan­nt Obleute), sich zu tre­f­fen, weil sie den „Burgfrieden“ und das Ver­bot von Streiks ablehn­ten. Unter der Führung des Met­al­lar­beit­ers Richard Müller radikalisierten sie sich bald und posi­tion­ierten sich gegen den Krieg selb­st. Jedes einzelne der dutzen­den Mit­glieder dieser Gruppe war aus ein­er Fab­rik delegiert. So kon­nten sie die Stim­mung des gesamten Berlin­er Pro­le­tari­ats messen und Aktion­saufrufe an jeden Arbeit­splatz brin­gen – ohne sich je in der Öffentlichkeit zu zeigen. Diese Gruppe wurde später durch eine bloße Beschrei­bung bekan­nt: die Rev­o­lu­tionären Obleute.

Mit jedem Win­ter hungerten die Arbeiter*innen mehr, während die Kapitalist*innen obszöne Prof­ite macht­en. Wie Lux­em­burg schrieb: “Die Pro­le­tari­er fall­en und die Div­i­den­den steigen.” Nach dem Liebknecht-Streik 1916 organ­isierten die Rev­o­lu­tionären Obleute immer größere Aktio­nen. 100.000 Arbeiter*innen gin­gen im April 1917 in Berlin auf die Straße (der „Brot­streik“). Im darauf­fol­gen­den Jan­u­ar streik­ten eine Vier­tel Mil­lion Arbeiter*innen eine ganze Woche lang (die „Muni­tion­sar­beit­er­streiks“). So wie die Proteste wuch­sen, wur­den sie immer poli­tis­ch­er: Sie forderten größere Ratio­nen für Arbeiter*innen, aber auch sofor­ti­gen Frieden sowie demokratis­che Refor­men. Frauen, die in die Fab­riken geströmt waren, um die Mil­lio­nen Män­ner zu erset­zen, die an die Front geschickt wor­den waren, spiel­ten in diesen Streiks eine riesige Rolle – eine Rolle, die damals wie heute größ­ten­teils überse­hen wird.

Das Kriegsende

Gegen Ende des Som­mers 1918 hat­te die Ober­ste Heeresleitung entsch­ieden, dass der Krieg vor­bei war. Es gab dafür viele Gründe: Die USA waren in den Krieg einge­treten und hat­te Mil­lio­nen frisch­er amerikanis­ch­er Trup­pen nach Frankre­ich gesandt. Der deutsche U‑Boot-Krieg im Atlantik war gescheit­ert. Öster­re­ich-Ungarn brach unter Hungerun­ruhen in der Haupt­stadt und nationalen Bewe­gun­gen in der Periph­erie zusam­men. Die Gen­eräle hat­ten gehofft, dass der Brest-Litowsk-Ver­trag, mit dem sie Rus­s­lands Sow­je­tregierung zur Abgabe riesiger Gebi­ete an deutsche Pro­tek­torate gezwun­gen hat­ten, es ihnen erlauben würde, Trup­pen von der Ost­front abzuziehen und alles gegen den West­en zu wer­fen. Doch die rev­o­lu­tionären Par­ti­sa­nenkämpfe in der Ukraine waren so hart, dass die deutschen Armeen dort fest­steck­ten – und selb­st mit rev­o­lu­tionären Ideen infiziert wur­den.

Proteste im Deutschen Reich flammten auf, als die Arbeiter*innenklasse sah, dass die neue rev­o­lu­tionäre Arbeit­er- und Bauern­regierung in Rus­s­land einen sofor­ti­gen und bedin­gungslosen Frieden forderte. Was war nun mit dem „Vertei­di­gungskrieg“ gegen den Zaren? Nach zwei gescheit­erten Offen­siv­en in Frankre­ich mit hun­dert­tausenden Toten auf bei­den Seit­en entsch­ieden die Gen­eräle, dass ein deutsch­er Sieg schlicht unmöglich war.

Der stel­lvertre­tende Chef der OHL, der reak­tionäre Fanatik­er und strate­gis­ches Genie Erich Luden­dorff, hat­te eine große Sorge: Wie kon­nte er nach der unver­mei­d­baren Nieder­lage die Macht und das Pres­tige des aris­tokratis­chen Offizier­sko­rps erhal­ten? Vier Jahre lang hat­ten die Gen­eräle das Land wie eine Dik­tatur geführt – jet­zt überzeugte Luden­dorff den Kaiser, eine „demokratis­che“ Regierung zu etablieren. Zum ersten Male würde der Kan­zler nicht vom Kaiser ernan­nt wer­den, son­dern von ein­er Mehrheit des Reich­stags gewählt wer­den. Ein lib­eraler Aris­tokrat, Max von Baden, wurde zum Kopf ein­er Regierung ernan­nt, die sozialdemokratis­che Min­is­ter ohne Pro­fil bein­hal­tete. Die SPD-Führung hat­te die „Demokratisierung“ des Reichs erre­icht, und dabei eine Scheibe der Macht abbekom­men.

Diese neue „demokratis­che“ Regierung würde mit den Alli­ierten über die erniedri­gen­den Bedin­gun­gen der Kapit­u­la­tion ver­han­deln müssen. Plöt­zlich erk­lärten diese Gen­eräle – die ger­ade noch unter sich den Krieg als ungewinnbar eingestuft hat­ten –, dass diese Bedin­gun­gen inakzept­abel wären und sie bis zum Ende weit­er kämpfen wür­den. Luden­dorffs Berech­nung war teu­flisch: Obwohl er selb­st bes­timmt hat­te, dass der Krieg ver­loren war, kon­nte er nun die Leg­ende spin­nen, das deutsche Heer sei “auf dem Schlacht­feld unbe­siegt.” Er behauptete nun, dass die Armee nur deshalb ver­loren hat­te, weil sie von Sozialist*innen „in den Rück­en gestochen“ wor­den war, die an der Heimat­front protestiert hat­ten. Diese „Dolch­stoßle­gende“ ver­bre­it­ete sich in Deutsch­land jahrzehn­te­lang.

Die Matrosen von Kiel

Einen Monat lang tauschte Deutsch­lands neue Regierung diplo­ma­tis­che Noten mit der Wil­son-Regierung in Wash­ing­ton aus. Die Sol­dat­en blieben in den Schützen­gräben, aber die Kämpfe waren größ­ten­teils vor­bei. Es sprach sich herum: Frieden war nur eine Frage der Zeit.

Die deutsche Marine hat­te andere Pläne. Seit dem Scheit­ern des U‑Boot-Krieges 1916 hat­ten sie nicht viel zu tun. Ihre schö­nen Schlachtschiffe steck­ten im Hafen fest, hil­f­los gegen die weit über­legene britis­che Flotte. Admi­ral Rein­hard Scheer entsch­ied, dass man so keinen Krieg been­den könne. Er befahl der deutschen Flotte, in eine let­zte hoff­nungslose Schlacht zu ziehen – 80.000 Matrosen soll­ten ertrinken, um die Ehre ihre aris­tokratis­chen Offiziere zu ret­ten.

Die Flotte war schon seit Jahren ein Schw­er­punkt sozial­is­tis­ch­er Organ­isierung gewe­sen. Die Matrosen, die gebraucht wur­den, um diese mas­siv­en Kriegss­chiffe zu bedi­enen, wur­den unter Fachar­beit­ern rekru­tiert, wo sozial­is­tis­che Organ­i­sa­tio­nen am stärk­sten waren. Nir­gends waren die Klassen­wider­sprüche des impe­ri­al­is­tis­chen Mil­itärs so offen­sichtlich: In den engen Gän­gen eines Schiffs kom­mandierte eine Hand­voll adliger Offiziere hun­derte pro­le­tarische Matrosen. Schon 1917 hat­te es eine Rei­he von Meutereien gegeben, die mit Exeku­tio­nen bestraft wur­den.

Als der let­zte Befehl zum Aus­laufen Ende Okto­ber 1918 ankam, rebel­lierten die Matrosen. In Schif­f­en, die vor der Küsten­stadt Wil­helmshaven ankerten, ver­hafteten sie ihre Offiziere und hissten rote Fah­nen. Diese ersten Meuter­er wur­den schließlich ver­haftet und nach Kiel trans­portiert. Dort fan­den größere Meutereien statt, als die Matrosen sich weigerten, mit den Schif­f­en auszu­laufen. Stattdessen gin­gen sie an Land und marschierten durch die Stadt. Sie ver­ban­den sich mit den Arbeiter*innen vor Ort und forderten Frei­heit für ihre ver­hafteten Kam­er­aden. Es gab Straßen­schlacht­en mit der Polizei und min­destens neun Tote. Am 4. Novem­ber erk­lärte ein Sol­daten­rat, dass er die Macht in der Stadt über­nom­men habe. Am Fol­ge­tag trat­en die Arbeiter*innen in einen Gen­er­al­streik, legten die ganze Stadt lahm und schufen ein Organ, das bes­tim­mend für die deutsche Rev­o­lu­tion sein würde: den Arbeit­er- und Sol­daten­rat.

Von Kiel aus wur­den ins ganze Reich Botschafter*innen ver­schickt. Der Auf­s­tand ver­bre­it­ete sich von Stadt zu Stadt. Jeden Tag wählten mehr Städte Arbeit­er- und Sol­daten­räte. Jeden Tag mussten Monar­chen der 22 Kle­in­staat­en, aus denen das Deutsche Reich bestand, von ihrem Thron steigen. Aber nie­mand wusste, wann die rev­o­lu­tionäre Welle Berlin erre­ichen würde, die Bas­tion der preußis­chen Bürokratie und des Mil­i­taris­mus.

Die deutschen Arbeiter*innen waren auch nicht allein. Die Arbeiter*innen- und Bauern*Bäuerinnen-Regierung, ange­führt von der bolschewis­tis­chen Partei, war seit einem Jahr an der Macht in Rus­s­land. Die sozial­is­tis­chen Internationalist*innen in aller Welt ver­fol­gten die Ereignisse in Deutsch­land mit erneuter Hoff­nung: Die Aus­dehnung der Rev­o­lu­tion nach West­en, um die wahren Bas­tio­nen des Weltkap­i­tal­is­mus zu stür­men und entschei­dende Schritte zu unternehmen, um den Kom­mu­nis­mus in eine prak­tis­che Auf­gabe der Stunde zu ver­wan­deln.

Näch­ste Woche wird Wladek Flakin hier über den Auf­s­tand in Berlin bericht­en. Rev­o­lu­tion und Kon­ter­rev­o­lu­tion sam­melten ihre Kräfte für die Entschei­dung.

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