Geschichte und Kultur

Novemberrevolution: Was fehlte, war die revolutionäre Partei

Die Sozialdemokratie und das Militär bereiteten sich auf die Niederschlagung der Revolution der Arbeiter*innenklasse vor, doch diese hatte keine revolutionäre Partei, um sie zum Sozialismus zu führen. Welche Lektionen können aus dieser blutigen Niederlage gezogen werden?

Novemberrevolution: Was fehlte, war die revolutionäre Partei

Zum ersten und zweiten Teil.

Am 4. Januar 1919 feuerte die SPD den Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn. Er war genau genommen kein Polizist, sondern ein Journalist der USPD, der am Tag des Aufstands eine Gruppe von Arbeiter*innen zum Polizeihauptquartier angeführt hatte. Sie hatten die „Rote Festung“ am Alexanderplatz ohne Kampf eingenommen, nachdem die Polizisten geflohen waren. Zwei Monate lang hatte Eichhorn seine eigene improvisierte sozialistische Polizei organisiert. Seinen Rauswurf lehnte er ab: „Ich habe mein Amt von der Revolution empfangen, und ich werde es nur der Revolution zurückgeben!“

Die USPD, die KPD und besonders die Revolutionären Obleute riefen zu einem Generalstreik auf, um Eichhorn zu verteidigen. Die Massen sahen diesen revolutionären Polizeichef, der begonnen hatte, den Apparat der Verfolgung und Repression gegen die Arbeiter*innen zu demontieren und eigene freiwillige sozialistische Kräfte aufzubauen, als die letzte übriggebliebene Errungenschaft des Aufstands im November. Und so strömten sie auf die Straßen, um ihn zu verteidigen. Am 5. Januar streikten eine halbe Million Arbeiter*innen, trotz der bitteren Kälte. Die Streikführer*innen waren überwältigt – sie hatten viel mehr Unterstützung, als sie erwartet hatten. Am selben Tag hatte Ebert seine Unterstützer*innen zu einer Gegendemonstration vor der Reichskanzlei aufgerufen – nur ein paar tausend niedrige Offiziere und Studierende tauchten auf.

Das Streikkomitee, das sich in der Roten Festung verschanzt hatte, setzte ein neues Ziel für den Streik fest. Es ging nicht länger nur um Eichhorn: Sie konstituierten sich als Revolutionsausschuss mit 53 Mitgliedern – angeführt von einem Triumvirat aus Liebknecht (KPD), Georg Ledebour (USPD) und Paul Scholze (Obleute) – und dekretierten die Absetzung der Ebert-Regierung und die Übernahme der Macht in ihre Hände. D.h. sie erklärten sie als eine vollzogene Tatsache, bevor sie in der Praxis durchgesetzt war. Am folgenden Tag wuchs der Streik auf bis zu eine Million Streikende an, um sie zu unterstützen.

Der Revolutionsausschuss besaß eine überwältigende Unterstützung der Massen, jedoch nur wenige Mittel, um Macht auszuüben. Sie sandten Soldaten, um die wichtigsten Bahnhöfe zu besetzen, während Arbeiter*innen mehrere Zeitungsgebäude besetzten, besonders den Vorwärts. Das waren jedoch Ausnahmen. 200 Matrosen wurden ausgesandt, um das Kriegsministerium zu besetzen. Ihr Anführer besaß schriftliche Anweisungen von Liebknecht, Ledebour und Scholze. Er präsentierte sie dem Türsteher, der jedoch anmerkte, dass der Befehl zwar unterzeichnet war, jedoch keinen Stempel besaß. Die Matrosen, verwirrt von Illusionen formeller Macht, drehten um, um bessere Befehle zu erhalten – und verschwanden in den Massen. Das Ministerium wurde nie besetzt.

Die arbeitenden Massen standen einen ganzen Tag in der Kälte, und dann einen zweiten, und warteten auf klare Handlungsanweisungen. Der Revolutionsausschuss, der sich in endlosen Debatten in seinem Hauptquartier verzettelte, bot ihnen keine Führung. Am dritten und vierten Tag begann die Streikfront zu bröckeln – da die Arbeiter*innen größtenteils von der Hand in den Mund lebten, mussten sie zurück zur Arbeit gehen. Der Revolutionsausschuss versuchte, mit der Ebert-Regierung in Verhandlung zu treten – die sie doch angeblich abgesetzt hatten!

Die KPD spielte eine widersprüchliche Rolle in diesem schlecht geplanten und verfrühten Aufstand. Liebknecht und Wilhelm Pieck von der KPD-Zentrale (also der Parteiführung) waren Teil des Revolutionsausschusses. Doch Radek riet nachdrücklich dagegen, die Regierung zu jenem Zeitpunkt zu stürzen. Er rief zu einem geordneten Rückzug, wie ihn die Bolschewiki nach den Julitagen in Petrograd organisiert hatten. Stattdessen schlug er ein Aktionsprogramm vor: neue Wahlen zu den Räten, die Bewaffnung der Arbeiter*innen und die Schaffung von Arbeiter*innenmilizen, um einer verfrühten Konfrontation auszuweichen und die nächste Offensive vorzubereiten. Luxemburgs Position in diesen kritischen Tagen war zunächst, den Aufstand als verfrüht abzulehnen, bevor sie einige Tage später die Meinung änderte und ihn unterstützte. Bürgerliche Historiker*innen bezeichnen die Januaraufstände häufig als „Spartakusaufstand“, obwohl es in Wirklichkeit nicht so war.

Eberts und Noskes Verhandlungen mit den scheiternden Aufständischen waren reine Show. In Wirklichkeit hatten sie die gesamte Woche damit verbracht, tausende Freikorps-Soldaten um Berlin zu sammeln. Als der Streik zusammenbrach, betrat die Konterrevolution die Stadt.

Niederschlagung

Die Freikorps zogen marodierend durch Berlin und betraten einen Arbeiter*innenbezirk nach dem anderen. Die Kämpfe konzentrierten sich bald im Zeitungsquartier, besonders rund um das Vorwärts-Gebäude. Etwa 200 Arbeiter*innen hielten das Gebäude besetzt und publizierten seit einer Woche den „Roten Vorwärts“. Am 11. Januar waren sie von konterrevolutionären Truppen mit Artillerie, Granatenwerfern, Flammenwerfern und sogar einem Panzer umzingelt. Das stolze Gebäude, errichtet mit Jahrzehnten von Spenden von Berliner Arbeiter*innen, wurde durch den Beschuss schwer beschädigt. Die Besetzer*innen sandten eine siebenköpfige Delegation mit weißer Flagge aus, um die Kapitulation zu verhandeln – alle wurden zu einer anliegenden Militärkaserne gebracht und zu Tode geprügelt. Die anderen 200 gaben kurz danach auf und entkamen nur aus reinem Glück dem Massenmord.

Luxemburg und Liebknecht mussten sich schließlich verstecken, zuerst im proletarischen Bezirk Neukölln, dann im bürgerlicheren Charlottenburg. Eine konterrevolutionäre Patrouille entdeckte sie in der Wohnung eines Freundes. Sie wurden verhaftet und zum Freikorps-Hauptquartier im Hotel Eden gegenüber dem Zoo gebracht. Ein befehlshabender Offizier, Waldemar Pabst, war unsicher, was genau mit diesen zwei berühmten Gefangenen geschehen sollte. Er rief das Reichskanzleramt an und erreichte Noske – Ebert war im selben Raum und folgte dem Gespräch. Pabst wollte nicht die Verantwortung für eine Exekution übernehmen. Noske verweigerte ebenfalls, die Verantwortung zu übernehmen, da er fürchtete, dass das die SPD spalten könnte. Der Bluthund sagte schließlich zu Pabst, er müsse selbst verantworten was zu tun sei.

Nach diesem impliziten Befehl ermordeten die Freikorps Luxemburg und Liebknecht. Rosa wurde außerhalb des Hotels zu Tode geprügelt, Karl wurde in einen naheliegenden Park gefahren und dort erschossen. Die Mörder behaupteten, dass sie von einem Mob weggezerrt worden wäre, während er „bei einem Fluchtversuch“ erschossen worden wäre. Jogiches und andere Kommunist*innen rekonstruierten den genauen Hergang des Verbrechens in den Folgewochen.

Die Zerschlagung des Berliner Aufstands bedeutete nicht das Ende der Deutschen Revolution. Massenkämpfe gingen im ganzen Jahr 1919 weiter: im Ruhrgebiet, in Mitteldeutschland, in Berlin. Es gab kurzlebige Räterepubliken in Bremen und München. Die Freikorps und die SPD konnten jede dieser Bewegungen einzeln niederschlagen. Allein im März 1919 in Berlin massakrierten sie mindestens 1.200 Arbeiter*innen.

1920 hatten die rechten Paramilitärs entschieden, dass die Arbeiter*innenbewegung völlig zerschlagen worden sei – und sie deshalb keine Allianz mit der SPD mehr brauchten. Der Kapp-Ludendorff-Putsch war ihr Versuch, Ebert loszuwerden und selbst die Macht zu übernehmen. Sie eroberten Berlin ohne Widerstand, während die alte Regierung erst nach Leipzig und dann nach Stuttgart floh – unfähig, Truppen zu finden, die sie verteidigen wollten. Verzweifelt riefen Ebert und Co. einen Generalstreik aus – den ersten und einzigen nationalen Generalstreik in der deutschen Geschichte. Millionen Arbeiter*innen folgten dem Aufruf. Die Putschregierung, abgeschnitten von Zügen und Telegraphen, kollabierte nach nur drei Tagen.

Die SPD-Regierung, die durch den Streik gerettet wurde, beschloss umgehend eine Amnestie für alle Putschbeteiligten. Direkt am nächsten Tag metzelte die erneuerte SPD-Freikorps-Allianz Arbeiter*innen der Roten Ruhrarmee nieder, die gerade erst den Putsch zurückgeschlagen hatten. Kämpfe wie diese durchzogen Deutschland bis 1923. Es gab nie eine offizielle Zählung der Toten. Kommunistische Quellen aus der Zeit schätzen, dass die SPD-Regierung im Deutschen Bürger*innenkrieg 1919-20 etwa 15.000 Arbeiter*innen ermordet hat.

Die Sozialdemokratie behauptete, dass sie sowohl den Frieden als auch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel herbeiführen würde, solange sie die Radikalen in Schach halten könnte. Sie plakatierten in Berlin: „Die Sozialisierung marschiert!“ Aber vor diesen Plakaten schossen rechte Paramilitärs auf Arbeiter*innen. Eine Partei, die 43 Jahre zuvor gegründet wurde, um den Kapitalismus zu zerschlagen, war nun zum wichtigsten Bollwerk der kapitalistischen Herrschaft geworden.

Die Parteifrage

Lenin erklärte einmal, dass die bolschewistische Partei durch „eine fünfzehnjährige (1903-1917) praktische Geschichte […], die an Reichtum der Erfahrung nicht ihresgleichen kennt“, gestählt wurde. Sie lernte aus „rapidem und mannigfaltigem Wechsel der verschiedenen Formen der Bewegung: der legalen und illegalen, der friedlichen und stürmischen, der unterirdischen und offenen, der Zirkelarbeit und der Massenarbeit, der parlamentarischen und der terroristischen Form der Bewegung.“

Revolutionäre Sozialist*innen im Deutschen Reich im Gegensatz dazu hatten von 1890 bis 1914 nichts als beschränkte Legalität erlebt. Bei jeder offiziellen sozialistischen Versammlung war ein Polizist, der alles niederschrieb, was gesagt wurde, und das Treffen auflöste, wenn er der Meinung war, dass die Redner*innen gegen Gesetze verstoßen hätten. Sozialistische Agitator*innen lernten, ihre Forderungen in diesem gesetzlichen Rahmen zu formulieren.

In der Vorkriegs-SPD führten Revolutionär*innen wie Rosa Luxemburg mehrere Kämpfe, darunter den Kampf gegen den Revisionismus – im Block mit Kautsky und anderen –; den Kampf gegen die vorgebliche „Neutralität“ der Gewerkschaften, die die neue Bürokratie durchsetzen wollte, genauso wie der Versuch der letzteren, einen Sonderstatus in der Partei zu erlangen, um gegen die Resolutionen der Parteikongresse ein Veto einlegen zu können; später, ab 1910 – und diesmal gegen den ehemaligen Verbündeten Kautsky – gegen die sogenannte „Ermattungsstrategie“, die auf ausgeklügelte Weise die Preisgabe revolutionärer Methoden rechtfertigen sollte. Aber als der linke Flügel nach und nach durch bürokratische Manöver an den Rand der Partei gedrängt wurde, organisierten sie keine eigenen fraktionellen Strukturen. Ende 1913 versuchten Luxemburg, Mehring und Karski eine Publikation zu etablieren, die Sozialdemokratische Korrespondenz, aber das reichte nicht aus. Als der Krieg ausbrach, konnten sie nichts weiter tun als 300 Telegramme auszusenden, um andere Kriegsgegner*innen zu finden, und sie bekamen nur wenige Antworten. Sie mussten ihre illegale Organisation aus dem Nichts aufbauen. Obwohl Pol*innen wie Luxemburg, Jogiches und Karski eine ausgedehnte Erfahrung mit konspirativer Arbeit unter dem Zarismus hatten, wurde diese in Deutschland kaum angewandt.

Das Fundamentale ist, dass sie sich nach dem Verrat der SPD-Führung zu Beginn des Ersten Weltkrieges nicht vornahmen, eine wirklich revolutionäre Partei zu gründen. Wie Lenin erklärte, kann die Bourgeoisie im Imperialismus nicht allein regieren – sie muss die höchsten Schichten der Arbeiter*innenbewegung korrumpieren: die Gewerkschaftsbürokratie und die Arbeiter*innenaristokratie. So verwandelten sich reformistische Organisationen wie die SPD in eine Art kapitalistische Polizei innerhalb der Arbeiter*innenbewegung. Wie die normale Polizei muss sie bereit sein, Morde zu begehen, wenn die herrschende Klasse gefährdet ist. Das machte in der Hitze des Bürger*innenkriegs die Allianz der SPD mit den Freikorps unumgänglich.

Auch nach der Gründung ihrer eigenen revolutionären Organisation hofften die Spartakist*innen auf eine revolutionäre Neugründung der alten Sozialdemokratie, anstatt zur Gründung einer neuen Partei und einer neuen Internationale aufzurufen, die vom Reformismus gesäubert wäre. Deshalb traten sie selbst 1917 noch der USPD bei, als sie gegründet wurde. Diese Vermischung der politischen Banner mit Sektoren, die sich einem revolutionären Programm und einer revolutionären Strategie entgegenstellten, wie Haase und Kautsky, die sich geweigert hatten, sich dem Krieg entgegenzustellen, war ein historischer Fehler, der die Arbeiter*innenklasse nur verwirren konnte. Hier gibt es ein Paradox: Rosa führte den Kampf gegen die reformistische Wende der Sozialdemokratie an, in der das revolutionäre Programm und die marxistische Strategie revidiert wurde; dennoch zog sie nicht dieselben Schlussfolgerungen aus diesen Kämpfen, die Lenin in Bezug auf den Aufbau einer revolutionären Partei ziehen konnte. Eine revolutionäre Führung kann nicht improvisiert werden; sie muss sich im direkten Kampf der Strategien zwischen verschiedenen Schichten und Tendenzen der Arbeiter*innenklasse formen und Kader ausbilden, die „sich den Zusammenbruch der alten führenden Partei zunutze zu machen“ können, wie Trotzki in „Klasse, Partei und Führung“ synthetisierte. Wenn Luxemburg während des Ersten Weltkriegs und zu Beginn der Revolution nicht organisatorisch mit den Reformist*innen und Zentrist*innen gebrochen hatte, warum sollten es dann die Arbeiter*innen an der Basis tun?

Franz Mehring verteidigte in einem Brief an die Bolschewiki von 1918 die spartakistische Tradition, aber fügte folgendes hinzu: „Nur in einem haben wir uns getäuscht: nämlich, als wir uns nach der Gründung der unabhängigen Partei – selbstverständlich unter Wahrung unseres selbstständigen Standpunktes – ihr organisatorisch anschlossen, in der Hoffnung, sie vorwärts treiben zu können. Diese Hoffnung haben wir aufgeben müssen. Alle Anläufe dieser Art scheiterten daran, daß unsere besten und erprobtesten Leute von Führern der Unabhängigen als Lockspitzel verdächtigt wurden, was auch ein liebes Erbteil der ‚alten bewährten Taktik‘ ist.“

Um Leo Trotzki zu paraphrasieren: Den deutschen Arbeiter*innen fehlten weder Waffen noch Organisationen, um die sozialistische Revolution zu vollenden. Was ihnen fehlte, war eine revolutionäre Partei. Es wäre eine völlige Übertreibung, zu sagen, dass Luxemburg eine „Spontaneitätstheorie“ vertreten hätte und geglaubt hätte, dass die Arbeiter*innen die Revolution ohne jede politische Führung vollenden könnten. Jedoch blieb sie überzeugt, dass die Arbeiter*innen, nachdem die reformistischen Anführer*innen sie verraten hatten, in der Hitze des Gefechts eine neue Führung hervorbringen würden. Der Versuch, die KPD zu gründen, als die Revolution schon längst im vollen Gang war, kam zu spät. Luxemburg und ihre Genoss*innen hätten mehr Zeit gebraucht, um ein Programm zu festigen und die nötigen Kader auszubilden, um ihm Leben zu verleihen.

Paul Levi – Luxemburgs Anwalt, der nach ihrem Mord an die Spitze der KPD trat –, „sagte im Jahr 1920, dass der Hauptfehler der deutschen Revolutionäre ihre Weigerung vor 1914 war, sich auf politischer Ebene unabhängig zu organisieren, selbst wenn die so geschaffene Organisation als eine Sekte existiert hätte.“ (Pierre Broue)

Etwa 20 Jahre später erklärte der deutsche Trotzkist Walter Held: „Während Lenins politische Konzeption ihre höchste Bestätigung im planmäßig ausgeführten Oktoberaufstand fand, erlitt Rosas Konzeption im Januar 1919 einen schrecklichen Schiffbruch. Die deutsche Linke zeigte uns, neben einer Reihe bemerkenswerter Charaktere und Märtyer für die Sache, nur die bitteren Lektionen einer erneuten Niederlage.“

Schlussfolgerungen

Der gescheiterte Aufstand in Berlin Anfang 1919 zeigt die Dialektik der Geschichte. Jahrzehntelang hatte die Arbeiter*innenklasse in Deutschland daran gearbeitet, Strukturen für ihre Befreiung aufzubauen: Zeitungen, Gewerkschaften, Vereine jeglicher Art, und ihre eigene politische Partei mit einer starken Vertretung im Parlament. Doch ohne eine klare Strategie für die Eroberung der Macht durch revolutionären Kampf und in der Hoffnung auf einen langsamen Übergang zum Sozialismus verwandelten sich diese Werkzeuge zur Befreiung schließlich in Waffen gegen die Arbeiter*innen. Es waren die sozialdemokratischen Strukturen, die auf den Entbehrungen von Generationen von Arbeiter*innen aufgebaut worden waren, die den Kapitalismus vor der revolutionären Welle 1918/19 retteten.

Die Deutsche Revolution zeigt, dass jede proletarische Revolution Strukturen der Selbstorganisation wie Räte aufbauen wird. Diese Strukturen, ob sie Räte oder Sowjets oder anders heißen, sind notwendig, um die Machtfrage zu stellen. Doch die Bildung von Räten in ganz Deutschland war nicht ausreichend, um die Macht der Arbeiter*innenklasse zu sichern. Eine revolutionäre Partei, die innerhalb dieser Organe der Selbstorganisation arbeitet, ist notwendig, damit die Mehrheit der Arbeiter*innenklasse der Bourgeoisie und ihren Handlanger*innen entscheidende Schläge zufügen kann. Räte, die von Reformist*innen angeführt wurden, waren schlimmer als nutzlos.

Es gab in absoluten Zahlen nicht viele Freikorps in Deutschland. Doch sie hatten den entscheidenden Vorteil, dass sie zentral organisiert waren. Sie konnten sich von einer Stadt in die nächste bewegen und die revolutionäre Bewegung überall dort niederschlagen, wo sie ihren Kopf hob. Die Arbeiter*innen im Gegensatz dazu mussten sich mit den mageren Ressourcen begnügen, die sie jeweils lokal zur Verfügung hatten. Viele Arbeiter*innen, die von der USPD beeinflusst waren, glaubten, dass es möglich wäre, ein System aufzubauen, welches die Räte mit einem Parlament versöhnen könnte. So waren sie bereit, mit der SPD-Regierung und ihren rechten Paramilitärs zu verhandeln – während diese keinerlei Illusionen in mögliche Kompromisse besaßen.

Die Revolution würde 1921 einen erneuten verfrühten Kampf beginnen, und 1923 erneut offen aufsteigen und erneut niedergeschlagen werden. Als Resultat der Niederlagen dieser Kämpfe, sowie als Ergebnis nicht geführter Schlachten (diesmal schon mit der Rolle des Stalinismus) in den letzten Tagen der Weimarer Republik, konnten die Nazis triumphieren. In ihrer eigenen negativen Weise bewiesen die Sozialdemokrat*innen, dass Luxemburg Recht hatte: „Sozialismus oder Barbarei“. Die Sozialdemokratie rettete Deutschland vor dem „Bolschewismus“, aber nur, indem sie das Land der Barbarei auslieferte.

One thought on “Novemberrevolution: Was fehlte, war die revolutionäre Partei

  1. Anarchist sagt:

    Der Stalinismus war eben schon damals keine Alternative zum Kapitalismus.

    Genauso wenig wie überhaupt irgendeine Partei welche die gesamte Führung für sich beansprucht demokratisch sein kann.

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