Herrenberg: Polizei fährt mit Transporter in Menschenmenge

06.02.2022, Lesezeit 7 Min.
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Symbolfoto aus Braunschweig. Foto: geogif / shutterstock.com

In Herrenberg in der Nähe von Stuttgart ist die Polizei mit einem Kastenwagen in eine Anti-AfD-Kundgebung gefahren. Interview mit der betroffenen Person.

Hallo Selina, danke, dass du uns ein Interview gibst. Magst du zuerst erzählen, warum ihr auf die Straße gegangen seid? 

Wir waren mit verschiedenen Antifagruppen aus Herrenberg, Tübingen, Calw, Stuttgart, usw. dort, um gegen die AfD zu demonstrieren, die einen Infostand gemacht hat. Da war alles dabei. Sogar Alice Weidel hat eine kurze Rede gehalten. Das Ding ist, dass bei uns halt sehr viele Neonazis bei diesen „Spaziergängen“ mitmachen. Einige der Beteiligten setzten sich mit Jüd:innen im Holocaust gleich. Die AfD hat sich wahrscheinlich gedacht, dass das eine ganz gute Zielgruppe für sie ist. Bei der Kundgebung sind dann mehrere hundert Menschen auf die Straße gegangen nur um zu sagen: „Wir sind gegen Impfen, wir sind gegen die Impfpflicht.“ Aber da sind halt auch sehr viele Neonazis und eben die AfD, die auch einen Infostand gemacht hat. Wir wollten, dass sie endlich verstehen, dass es nicht okay ist, solche Aussagen zu treffen und sind deshalb gegen sie auf die Straße gegangen und haben drei Infostände aufgebaut.

Und wie kam es dann zum Angriff durch die Polizei? 

Ich war in der Mitte der Ereignisse. Hinter uns waren Absperrgitter, links andere Demonstrant:innen und rechts die Polizei, sodass kein Entkommen war. Wir waren ganz normal am Demonstrieren und hatten vorher extra abgeklärt, ob wir da stehen können. Wir standen alle ein bisschen enger zusammen und dann kamen von hinten plötzlich Schreie. Auf einmal haben wir halt alle nach hinten geschaut. Ziemlich genau gegen 15 Uhr ist die Polizei mit Kastenwagen in die Menschenmenge rein gefahren. Sie fuhren mit vier bis fünf km/h so schnell, dass kein Entkommen war. Wir wussten auch nicht wirklich, was los war, die Polizei hatte zwar Blaulicht an, aber hat keine Durchsage gemacht oder sonst irgendwie signalisiert, dass sie da durch wollen. Wir hätten ihnen sogar Platz gemacht, aber sie haben uns keine Möglichkeit dazu gegeben. Aber das ist halt schwierig, wenn sechs bis zehn Menschen vor diesen Kastenwagen stehen und der Kastenwagen direkt rein fährt. Der Schock war dann natürlich sehr groß. Einige haben auch randaliert und gegen das Auto geschlagen.

Ich hatte Todesangst, dass mir von dem Auto Knochen gebrochen werden. Das war ein schlimmer und gleichzeitig ein guter Tag. Wir waren so viele Menschen, was mich sehr glücklich gemacht hat, aber die Polizeigewalt war schon krass. Das war ein versuchtes Attentat. Sie haben eine Barriere mit Autos gemacht. Wir konnten nicht einfach weg, weil zu wenig Platz war. Rechts waren Polizist:innen, die uns nicht haben ausweichen lassen. Bei jedem Auto, was auf den Parkplatz wollte, wurden wir gebeten, den Weg frei zu machen. Aber wenn die eigenen Polizeiautos auf uns losfahren, passiert nichts.

Und ist dir etwas passiert? 

Mein linkes Bein war dann plötzlich zwischen dem Auto und dem Hamburger Gitter. Es hat halt kurz schon weh getan. Zum Glück ist das Auto dann auch irgendwie richtig langsam geworden. Ich habe dann halt auch sehr Panik geschoben, habe es aber auch direkt am Infostand weitergegeben und die haben direkt eine Durchsage gemacht „Deutsche Polizisten schützen die Faschisten.“ Richtig so. Trotzdem habe ich auch zwei bis drei Tage danach noch davon geträumt und Panik bekommen. Ich habe immer noch Angst, auf Demos zu gehen. Die sind halt echt nicht langsam in die Menge gefahren.

Der SWR hatte ja auch einen Beitrag gemacht, dass wir angeblich sehr viele Polizist:innen irgendwie angegriffen hätten, obwohl das halt nicht passiert ist. Ich meine, dass hätten wir ja mitbekommen und es ist wirklich nichts passiert. Der SWR war auch da als der Kastenwagen reingefahren ist, aber darüber haben sie nicht berichtet und auch kein Videomaterial, was sie gefilmt haben, veröffentlicht. Im Nachhinein haben ganz viele Demonstrat:innen gefilmt, als der Kastenwagen stand. Und nicht mal eine halbe Stunde später wurde dann auch ein Genosse bewusstlos geschlagen von der Polizei.

Krass, kannst du davon mehr erzählen? 

Er wurde einfach so bewusstlos geschlagen und ist erst im Krankenwagen wieder zu Bewusstsein gekommen. Anschließend wurde er ins Krankenhaus verlegt. Ein anderer Freund von mir wurde auch festgenommen, danach auch noch eine Freundin. Ich habe die Polizei gefragt, warum sie festgenommen wurde. Ihre Antwort war: „Das geht dich einen Scheißdreck an.“ Ich wollte doch nur wissen, warum. Ich möchte nicht, dass auch meine Freundin in Gewahrsam bewusstlos geschlagen wird. Daraufhin wurde ich weg geschubst und hab Panik bekommen. Der Polizist hat mich ausgelacht „mimimimimi“. Er hat mich den ganzen Tag verfolgt, sogar bis an mein Auto.

Absurderweise meinte die Polizei in einer Durchsage, dass es keine Festnahmen gab und auch keine Anzeigen. Aber sie haben Leute mit auf Revier genommen. Eine Freundin hat eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung bekommen. Wir waren nicht da, um gegen die Polizei, sondern gegen die AfD zu demonstrieren. Aber dann war die Polizei unser größter Gegner.

Die Polizei hat sich sogar in die Opferrolle begeben. 20 Antifas seien auf die Polizei losgegangen. Ein AfD-Nazi hat auch probiert, uns anzugreifen. Er hat rumgeschrien, ist zu unserem Stand gekommen und hat um sich geschlagen. Die Polizei stand nur daneben und hat nichts gemacht.

Wie war eure Antwort auf die Polizeigewalt? Gab es Solidarität? 

Wir haben eine spontane Demo gemacht, weil wir uns das nicht gefallen lassen wollten. „Finn wurde bewusstlos geschlagen“, haben wir gerufen. Er ist eine friedliebende Person, die nur gegen die AfD demonstrieren wollte. Auch hier gab es Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Polizei wollte uns nicht auf die Straße lassen und hat so verhindert, dass wir Abstand halten können und genug Platz für 500 Menschen haben. Ich habe über Lautsprecher die Polizei gefragt, warum sie die Straße sperren, aber die Bereitschaftspolizei hat nicht geantwortet.

Auf TikTok habe ich auch ein Video gepostet und 700 Likes bekommen, aber fast nur in einer kleinen Antifa-Bubble. Mein TikTok wurde für ein paar Stunden runtergenommen, weil ich über Polizeigewalt gesprochen habe. Es wurde viel gefilmt, aber wenig veröffentlicht. Das SWR sollte auch Gegendarstellung machen. „Tratsch über die Antifa ist immer gut“, werden sie sich gedacht haben, denn Falschinformationen gegen Antifas verkaufen sich eben gut.

Die Wahrheit ist aber: Polizist:innen schützen Faschist:innen, statt die Gerechtigkeit und Wahrheit. Wenn eine Person mit Migrationshintergrund in eine Menschenmenge fährt, ist das Terror. Wenn das die Polizei macht, passiert nichts.

Vielen Dank für das Interview! 

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