Jugend

Für den Star-Trek-Kommunismus – aber wie kommen wir hin? [Debatte mit Laura Meschede]

Sie hat das Wort „Kommunismus“ benutzt! Laura Meschede lobt in der Zeit Campus den Kommunismus als Gesellschaft des Überflusses, als mögliche Utopie. Doch „Warum ich Star-Trek-Kommunistin bin“ lässt das Entscheidende aus – den Klassenkampf.

Für den Star-Trek-Kommunismus – aber wie kommen wir hin? [Debatte mit Laura Meschede]

Das Wort unserer Zeit sei „alternativlos“, schreibt Laura Meschede. Sie selbst aber sei Kommunistin, weil sie an eine Alternative glaubt. Ein guter Aufschlag!

„Alternativlos“ ist das Wort des Neoliberalismus, berühmt geworden durch die „Iron Lady“, Margaret Thatcher, deren Wahlspruch „TINA“ lautete: „There is no alternative.“ Thatcher zerschlug die britischen Gewerkschaften mit Gewalt und stand für die organisatorische Atomisierung der Arbeiter*innenklasse und den damit einhergehenden Sozialabbau. Es ist eine Phase, die wir genauer „bürgerliche Restauration“ nennen und deren fester Bestandteil die Krise der Subjektivität ist, also das zurückgehende Bewusstsein der Arbeiter*innenklasse als Klasse.

Die Errungenschaften unserer Klasse wurden seitdem weltweit zurückgenommen, die nächsten Krisen vorbereitet. Die reformistischen Lösungen scheiterten. Die Sowjetunion – ein degenerierter Arbeiter*innenstaat, nicht einfach „Sozialismus“, wie die Autorin schreibt –, brach an ihren bürokratischen Widersprüchen zusammen, wie vom russischen Revolutionär Leo Trotzki für den Fall vorhergesagt, dass es keine politische Revolution gegen die Bürokratie geben würde.

Die Autorin beschreibt typischen Erscheinungen des Kapitalismus im Stadium des Imperialismus:

Staaten senken ihre Spitzensteuersätze, weil sie um multinationale Konzerne konkurrieren. Konzerne feuern Arbeiter, weil sie auf dem Markt konkurrenzfähig bleiben wollen. Und Arbeiter akzeptieren Hungerlöhne, damit sie trotz der Konkurrenz einen Job finden.

Genau das erleben Milliarden Arbeiter*innen weltweit – da es nicht ihre Welt ist, da das Kapital die ökonomische und politische Macht hat.

Umbruch des Neoliberalismus

Doch es gibt einen Umbruch im Neoliberalismus, den die Autorin selbst andeutet: Wir befinden uns am Ende der Phase der bürgerlichen Restauration. Kennzeichen dafür ist die seit bald zehn Jahren andauernde, nimmer enden wollende Krise des Kapitalismus. Heute gehört das „alternativlos“ Angela Merkel, der „eisernen Kanzlerin“. Sie hat die deutsche Hegemonie über Europa erstmals seit dem Weltkrieg wieder hergestellt. Dabei baute sie auf die historische Leistung der Rot-Grünen Bundesregierung, im Dienst des Kapitals die Arbeiter*innenklasse mit der Agenda 2010 nach unten gedrückt und prekarisiert zu haben.

Meschede meint:

Würden wir nur das produzieren, was wir brauchen und die Arbeit dann noch fair verteilen – wie viel Freizeit wir plötzlich alle hätten.

Und Überproduktion ist in der Tat die Ursache der Krise, die jetzt in eine dritte Phase geht – erst Finanz- und Wirtschaftskrise, dann politische Krise der Schwellenländer, jetzt auch politische Krise der EU.

Kennzeichen des Umbruchs in unserer Epoche ist nämlich auch die wieder entdeckte Subjektivität der Arbeiter*innenklasse und Jugend: Im „Arabischen Frühling“ begehrten Millionen auf. In Griechenland oder dem Spanischen Staat auch. Reformistische Führungen in Europa lenkten diese Bewegungen in parlamentarische Bahnen – und verrieten sie, am prominentesten vom griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras. In Nordafrika und Nahost schlug die Reaktion der alten Regimes und des IS zu, ermöglicht vom Imperialismus – die Hoffnungen wurden im „Arabischen Herbst“ gewaltsam zerschlagen.

Wir Kommunist*innen ziehen daraus den Schluss: Kein spontanes Aufbegehren, nur eine revolutionäre Führung schafft den Übergang vom Kampf gegen den Kapitalismus zum Sozialismus. Sonst siegt die Reaktion.

Alles nur eine Frage des Tauschs?

Was aber schlägt Meschede vor? Eigentlich sagt die Autorin schon selbst, dass das Privateigentum an Produktionsmitteln das Problem ist. Sie paraphrasiert Karl Marx:

Ihm ging es in erster Linie um den Unterschied zum Kapitalismus: Die Produktionsmittel – also Klodeckelfabriken, Bananenplantagen und alle anderen Unternehmen – sollen nicht mehr einem gehören, sondern allen.

Exakt!

Was darauf von ihr folgt, wurde in der Geschichte allerdings schon oft erfolglos versucht: Vom Kommunismus reden, aber ohne die Arbeiter*innenklasse als zentrales revolutionäres Subjekt zu organisieren – ein zahnloses Unterfangen, basierend auf einer Reihe falscher Analysen.

Kernproblem: Die Autorin will Geld und Privateigentum „als Konstrukte“ aufgeben, ohne an der gesellschaftlichen Herrschaftsform des Kapitalismus zu rütteln:

Geld und Privateigentum sind auch Konstrukte. Und wir hatten eine schöne Zeit mit ihnen, zumindest manche von uns. Aber jetzt ist es Zeit, sich zu verabschieden. Statt nach göttlicher Belohnung oder Besitz könnten die Menschen im Kommunismus nach Wissen und Anerkennung streben.

Klar, Kommunismus braucht kein Geld mehr – in „Star Trek“ gibt es die Währung „Latinum“ nur für den Tausch mit externen Zivilisationen. Aber ist das, was wir Geld zuschreiben, nur eine willkürliche Setzung oder Einbildung?

Als „spacygen“ Vorschlag zur Aufhebung dieser Unnötigkeiten führt die Autorin an, man könnte, sich über den konstruierten Charakter von Geld und Privateigentum bewusst werdend, mittels Computern einfach

„exakt den ‚Arbeitswert‘ ausrechnen, also wie viel Arbeitszeit in einem einzelnen Produkt steckt. Wenn ich fünf Stunden gearbeitet habe, dann könnte ich (…) dafür jedes Produkt kaufen, in dessen Herstellung fünf Stunden Arbeit eingegangen sind.“

Dieser Vorschlag findet sich sinngemäß bei Pierre-Joseph Proudhon, einem französischen Philosophen des 19. Jahrhunderts, den Marx in „Das Elend der Philosophie“ treffend widerlegte.

Karl Marx, auf den sich die Autorin ja bezieht, wendet darin gegen Proudhon (und Meschede) ein: Es gibt kein individuelles Tauschverhältnis gleicher Arbeitszeit im Kapitalismus. Das Tauschverhältnis ist vielmehr ein Resultat der Klassenverhältnisse. Es ist ein gesellschaftliches Verhältnis der Klassen, die Arbeit zur Ware macht und Ware um den Tauschwert produziert – nicht gemäß dem Nutzwert, wie man es mit Meschede im Kommunismus annehmen möchte:

„In einer künftigen Gesellschaft, wo der Klassengegensatz verschwunden ist, wo es keine Klassen mehr gibt, würde der Gebrauch nicht mehr von dem Minimum der Produktionszeit abhängen, sondern die Produktionszeit, die man den verschiedenen Gegenständen widmet, würde bestimmt werden durch ihre gesellschaftliche Nützlichkeit.“

Genau!

Die Entfremdung der Arbeit und die Ausbeutung der Arbeiter*innenklasse sind also nur aufzuheben durch eine Aufhebung dieses gesellschaftlichen Verhältnisses, durch die Aufhebung der Herrschaft der Bourgeoisie über das Proletariat. Das beißt sich aber krass mit der Setzung Meschedes, die „ökonomistisch“ ist:

Der Sozialismus ist in erster Linie ein Wirtschaftsmodell. Die Demokratie ist eine Herrschaftsform. In jedem Wirtschaftsmodell kann es gute und weniger gute Formen von politischer Herrschaft geben.

Für Marx dagegen ist „jeder Klassenkampf ein politischer Kampf“, jede Wirtschaftsform hat eine ihr entsprechende politische Form, die nur der herrschenden Klasse dient. Der Kampf, der immer auch ein politischer ist, hat ein klares Subjekt, das alles herstellt und nichts von den Herstellungsmitteln besitzt: die Arbeiter*innenklasse.

Sie kämpft, wenn sie ihren Kampf zu Ende führt, um die politische Macht, um die Diktatur des Proletariats statt der Diktatur des Kapitals. Und genau darauf kommt es in dieser Zeit des Umbruchs an, in der die Autorin zu Recht nur falsche Wahlen zwischen „für EU“ und „gegen EU“ sieht. Denn es gibt keine Wahl im Interesse unserer Klasse. Was wir brauchen ist die politische Wiederbelebung des revolutionären Subjekts der Arbeiter*innenklasse mit einer Strategie des Klassenkampfs, unabhängig vom Kapital und allen seinen Vermittlungsinstanzen. Das bezeichnen wir als „sowjetische Strategie“. Das ist eine realistische, eine kommunistische Alternative zum Kapitalismus.

Wir möchten Laura Meschede zu einer Debatte einladen, unter Kommunist*innen. Wir wollen eine Gesellschaft ohne Klassen, ohne Zwang, ohne Herrschaft, eine Gesellschaft des Überflusses. Aber wie kommen wir hin? Welche politischen Kämpfe werden dafür nötig sein? Welche Schritte können wir im Hier und Jetzt unternehmen? Gern können wir zusammen zum nächsten Arbeitskampf und zur nächsten Demonstration zu gehen, um die Keimformen des „Star-Trek-Kommunismus“ im Bauch der kapitalistischen Gesellschaft zu finden.

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