Hintergründe

In was für einer Krise befinden wir uns?

WIRTSCHAFT: Die ganze Welt fürchtet eine „harte Landung“ Chinas. Trotz der schweren Krise im Nahen Osten fallen die Ölpreise weiter. Die wirtschaftliche Lage der Schwellenländer verschlechtert sich zunehmend. All das bestätigt unsere Prognose von vor zwei Jahren: Wir befinden uns in der dritten Phase der Weltwirtschaftskrise, die 2007/8 begann.

In was für einer Krise befinden wir uns?

Die Rohstoff­preise fall­en und die Währun­gen der „Schwellen­län­der“ ver­lieren an Wert. Das führt dazu, dass es diesen Län­dern (ins­beson­dere deren Unternehmen und Finanzin­sti­tuten) immer schw­er­er fällt, die enor­men Schulden in Dol­lar zurück­zuzahlen. Die große Frage ist nun, ob diese Entwick­lung, gemein­sam mit dem Erstarken des Dol­lars, zu ein­er ähn­lichen Sit­u­a­tion wie während der lateinamerikanis­chen Schuldenkrise der 1980er oder der Asienkrise Ende der 1990er führen wird.

Das Jahrzehnt des Wirtschaftswach­s­tums in den „Schwellen­län­dern“ ist vor­bei. Trotz der Anhäu­fung von Reser­ven in Zeit­en des Auf­schwungs entwick­elt sich seit 2008 eine riesige Kred­it­blase von 9,1 Bil­lio­nen US-Dol­lar.

Diese Blase begin­nt nun in der sich ver­langsamenden Weltwirtschaft zu platzen. Ein­er­seits gibt es hier­für interne Gründe, wie die Gren­zen des chi­ne­sis­chen Entwick­lungsmod­ells oder dessen Abhängigkeit von den Rohstof­fvorkom­men ander­er Län­der. Ander­er­seits gibt es aber auch externe Gründe. So endet die Poli­tik des Quan­ti­ta­tive Eas­ing der US-amerikanis­chen Zen­tral­bank Fed­er­al Reserve (Fed), selb­st wenn die erste Zinssatzer­höhung seit sieben Jahren noch ger­ing aus­fiel.

Der Baltic Dry Index, der die Gebühren für den Schiff­shan­del bemisst und als Indika­tor für die Dynamik des Welthandels dient, befind­et sich auf dem niedrig­sten Stand der let­zten 30 Jahre. Sein unaufhalt­samer Fall seit dem Höch­st­stand 2008 macht zwei besorgnis­er­re­gende Real­itäten deut­lich: Zum einen existieren immer größere Überka­paz­itäten durch die Über­pro­duk­tion an Schif­f­en. Dies kann zu ein­er Rei­he von Konkursen in ein­er Indus­trie führen, die seit acht Jahren auf einen Abbau der Überka­paz­itäten hofft. Zum anderen – und das ist wesentlich prob­lema­tis­ch­er – verze­ich­net der glob­ale Han­del laut Welthandel­sor­gan­i­sa­tion sehr geringe Wach­s­tum­srat­en.

2015 war ein beson­ders schw­eres Jahr, da die Rezes­sion in Brasilien und die Ver­langsamung des Wach­s­tums in Chi­na zusam­menka­men. Für 2016 weisen Prog­nosen auf eine weit­ere Ver­schlechterung hin. Die kür­zlich veröf­fentlicht­en Wirtschafts­dat­en aus Chi­na, den USA und Indi­en lassen an den Wach­s­tum­ser­wartun­gen der Weltwirtschaft zweifeln. Die Welt­bank hat ihre Vorher­sage schon auf 2,9 Prozent für 2016 (und auch die für 2017) her­abge­set­zt. Das sind 14 Prozent weniger, als die Welt­bank noch im Juli 2015 für 2016 prog­nos­tizierte.

2016: Das Jahr der Staatspleiten?

Ende let­zten Jahres veröf­fentlichte Car­men Rein­hart einen Artikel, in dem sie 2016 das „Jahr der Staat­spleit­en“ nan­nte. Sie bezog sich dabei auf den Schulden­berg der „Schwellen­län­der“, der großteils 2016 und 2017 fäl­lig wird.

Tat­säch­lich sind die Dol­lar-Schulden der Län­der im Ver­gle­ich zu anderen Zeit­en von Außen­ver­schul­dung geringer, jedoch wer­den diese nun von den Dol­lar-Schulden der Unternehmen an den Anlei­hemärk­ten bei weit­em über­stiegen. Der so nie da gewe­sene, uneingeschränk­te Zugang zu den weltweit­en Kap­i­talmärk­ten ermöglichte es den Banken und Unternehmen der Schwellen­län­der, sich riesige Geld­men­gen zu his­torisch niedri­gen Zin­sen (1 Prozent) zu lei­hen. Ein beson­ders beliebtes Finanzin­stru­ment war die Aus­gabe von Schuld­scheinen in aus­ländis­ch­er Währung, welche ihnen von west­lichen Vermögensmanager*innen, die mit risikobe­hafteten Papiere spekulieren, in ihrer Gier nach Riesen­gewin­nen förm­lich aus den Hän­den geris­sen wur­den. Diese inter­na­tionalen Schuldti­tel kom­men ins­ge­samt auf einen Wert von 2,6 Bil­lio­nen Dol­lar. Drei Vier­tel davon sind in Dol­lar deno­miniert, wie die Inter­na­tionale Bank für Zahlungsaus­gle­ich (BIZ) berichtet.

Zusam­men mit dem enor­men Wertver­fall des Öls und ander­er Rohstoffe sind solche Schulden­berge für die Schwellen­län­der, die eine enorme Ver­langsamung des Wach­s­tums erleben, nicht mehr zu hal­ten. Noch viel mehr gilt das für die von der Rezes­sion getrof­fe­nen Län­der Rus­s­land, Brasilien und Südafri­ka. Das wird sicher­lich zu einem weit­eren Ver­fall der Währung führen, was Kap­i­talflucht, einen gerin­geren Kred­i­trah­men, einen Investi­tion­srück­gang, die Zunahme der Infla­tion und die Unfähigkeit von Regierun­gen und Unternehmen, die Schulden zu refi­nanzieren, bedeuten würde.

Die Bedrohung der Yuan-Abwertung

Es ist offen­sichtlich, dass die Ver­langsamung des chi­ne­sis­chen Wirtschaftswach­s­tums wesentlich gravieren­der ist, als es die offiziellen Zahlen deut­lich machen. Doch das größere Prob­lem ist, dass die Schulden immer noch schneller wach­sen als das nom­i­nale Brut­toin­land­spro­dukt (BIP) und dass die Überka­paz­itäten große Prob­leme bere­it­en.

Tat­säch­lich ver­lief der Kred­it- und Schulden­boom nach dem Fall von Lehman Broth­ers in den USA und Chi­na im Gle­ich­schritt. Die US-Staatss­chulden nah­men in sechs Jahren um 150 Prozent zu und die Bilanz­summe der Fed stieg um 400 Prozent an. Dieser Dol­lar-Über­schuss strömte in die People’s Bank of Chi­na (PBOC, die chi­ne­sis­che Zen­tral­bank). Gle­ichzeit­ig eröffnete die PBOC den Weg zu einem his­torischen inter­nen Kred­it­boom. Diese Kred­ite macht­en einen drama­tis­chen Auf­schwung der Kapaz­itäten im pro­duzieren­den Gewerbe und des Woh­nungs­baus möglich. Diese „Kred­it­blase“ war eben­so wichtig für die Blase der Schwellen­län­der, in denen die Rohstof­f­ex­porte eine zen­trale Rolle spie­len und die nun einen Höhep­unkt der bil­li­gen Finanzierung erlebten.

Diese Entwick­lung wurde durch die Anbindung der chi­ne­sis­chen Währung an den Dol­lar vere­in­facht. Der feste Dol­lar­wech­selkurs des Yuan stellte sich­er, dass als die Finanzströme nach Chi­na gelangten, diese sich in der Bilanz der PBOC leicht in Yuan umwan­deln ließen und direkt in den Wert­pa­pier­markt der USA angelegt wer­den kon­nten. Diese enge Bindung an den Dol­lar erle­ichterte auch große Speku­la­tions­flüsse.

Doch die Exis­tenz von starken, neu erschaf­fe­nen Inter­essen sowie die Angst der Bürokratie vor ein­er sozialen Explo­sion ver­hin­dern, dass sie mit der notwendi­gen Umstruk­turierung der inef­fizien­ten Unternehmen voran­schre­it­et. Anstelle dessen hält sie sie kün­stlich am Leben. Die dadurch entste­hen­den Prob­leme sind groß: Die Überka­paz­ität liegt schon bei 40 Prozent und in eini­gen Indus­triezweigen sog­ar bei 50 Prozent, was der Wirtschaft große Schwierigkeit­en bere­it­et. Zunächst, weil das Umlaufkap­i­tal – das die Kosten für laufende Aktiv­itäten trägt – die gesamten gener­ierten Umsätze auf­frisst und die Unternehmen dadurch sehr schwach sind. Zweit­ens, weil die Ver­schul­dung, die durch den Bau von unnöti­gen Großpro­jek­ten der lokalen und nationalen Regierun­gen ent­standen ist, andere Sek­toren ansteckt. Denn diese kom­men nicht mehr an Kred­ite, jet­zt wo der Finanzsek­tor schwächelt. Im Rah­men ein­er mas­siv­en Überka­paz­ität, ein­er ver­ringerten Gewin­n­marge und ein­er zunehmenden finanziellen Anspan­nung ist das pro­duzierende Gewerbe in Chi­na der Ver­langsamung der Weltwirtschaft und dem konkur­renzbe­d­ingten Preis­druck immer stärk­er aus­ge­set­zt.

Der enorm aufge­blähte chi­ne­sis­che Finanz­markt kön­nte noch ver­let­zlich­er sein. Die Akti­va chi­ne­sis­ch­er Banken erre­ichen Höch­st­stände, die nach unab­hängi­gen Schätzun­gen das drei- bis vier­fache der Werte von 2008 betra­gen. Dabei wird der wichtige Sek­tor der „Schat­ten­banken“ nicht betra­chtet, der offen­sichtlich eine Bas­tion der Risikoan­lei­hen war.

Angesichts der Krise des chi­ne­sis­chen Wach­s­tumsmod­ells und der wach­senden Schwierigkeit­en, einen neuen Aus­gle­ich zu find­en, ist es unwahrschein­lich, dass die Kop­plung des Yuan an den Dol­lar sta­bil bleibt. Tat­säch­lich wird dieser Mech­a­nis­mus immer unbrauch­bar­er für die chi­ne­sis­che Wirtschaft. Wenn ihre Währung weit­er­hin an den Dol­lar gekop­pelt bleibt, wird diese stark aufgew­ertet, was Chi­nas inter­na­tionale Wet­tbe­werb­s­fähigkeit bedro­ht. Wenn man zudem noch den großen Export­sek­tor und die soziale Sta­bil­ität in Betra­cht zieht, wird Chi­na seine Währung wahrschein­lich abw­erten, was den aktuellen Währungskrieg und die Krise der soge­nan­nten Schwellen­län­der noch ver­schär­fen wird.

Genau diese Abw­er­tung kann die Börsen auf aller Welt zum Ein­sturz brin­gen. Nie­mand ist auf die Kon­se­quen­zen ein­er 25–30 prozenti­gen Abw­er­tung des Yuan vor­bere­it­et. Die Abw­er­tung um 10 Prozent und die zaghafte Zin­ser­höhung der Fed führten schon zu einem Prei­se­in­sturz von 25 Prozent der Risikoak­ti­va von ihren Höchst­werten. Stellen wir uns also eine Abw­er­tung vor, zu der sich die Bürokratie möglicher­weise gezwun­gen sieht, um den über die let­zten zehn Jahre ange­häuften Schulden­berg in den Griff zu bekom­men. Dies würde die Rohstoffmärk­te bee­in­flussen, eben­so wie die Sek­toren, die Pro­duk­tion­s­güter her­stellen, die Fähigkeit der Rück­zahlung der riesi­gen Ver­schul­dung und die Zahlungs­fähigkeit der Banken.

Dieses Manöver kon­nte die Bürokratie aus Peking sehr teuer zu ste­hen kom­men. Auch wenn es das beste für den inter­nen Aus­gle­ich wäre, würde eine Neube­w­er­tung des Yuan zu großen Schwierigkeit­en im Export­sek­tor führen, die vom poli­tis­chen Sys­tem nicht bewältigt wer­den kön­nen.

Die neue Phase der Weltwirtschaft­skrise bringt die chi­ne­sis­che Bürokratie vor große Schwierigkeit­en, die die Zukun­ft des Lan­des auf Jahre und Jahrzehnte hin bes­tim­men wer­den.

zuerst veröf­fentlicht am 8. Jan­u­ar 2016 auf laizquierdadiario.com

2 thoughts on “In was für einer Krise befinden wir uns?

  1. Kein Auf­schwung mehr in Sicht, nur noch mit der Rätere­pub­lik.
    Es ist befriedi­gend zu lesen, wenn der Autor Juan Chin­go sich ein­er­seits im Marx­is­mus ausken­nt und ander­er­seits auch auf dem Finanz­markt. Auch Karl Marx studierte die Autoren des Kap­i­tals, um ein­er­seits auf dem Laufend­en zu sein und ander­er­seits ihre Wider­sprüche aufzudeck­en. Dieser Umstand, dass sich die Autoren sowohl beim Marx­is­mus als auch auf dem Finanz­markt ausken­nen, ist heute bei den anderen „rev­o­lu­tionären Linken“leider nur noch sehr sel­ten.
    Die Lohn­ab­hängi­gen wer­den ja oft be Tar­ifver­hand­lun­gen von ihrer reformistis­chen Gew­erkschafts­führung zu gerin­geren Lohn­er­höhun­gen als der der wirk­lichen Infla­tion­srate incl. Ver­pack­ungsverkleinerun­gen get­rickst, also zu Reallohns3nkung, mit dem Argu­ment, dass es ja in 10 Jahren wieder aufwärts gin­ge.
    Da gilt es unbe­d­ingt, die Kol­le­gen zu informieren, das Nichts im kaput­ten Kap­i­tal­is­mus wieder aufwärts geht, nie mehr. Ende. Aus.
    1. Die durch­schnit­tlichen Prof­i­trat­en in der ganzen Welt sind schon unter dem Zinssatz des Finanz­mark­tes gefall­en. Für den Gewinn des Unternehmers bleibt da nichts mehr übrig. Es lohnt sich also für ihn nicht mehr zu investieren.
    2. Die organ­is­che Zusam­menset­zung des Kap­i­tals hat in den meis­ten Branchen beson­ders in der Autoin­dus­trie schon die Höch­st­gren­ze (z.B. VW https://www.youtube.com/watch?v=3H1c_6_AxrQ)
    ) erre­icht, bei der es sich kaum noch lohnt, zu ratio­nal­isieren.
    3. Die Gren­zen des Mark­tes sind mit Chi­na schon erre­icht
    4. Das Wach­s­tum der Brut­toin­land­spro­duk­te ist weltweit schon ab 2015 bei Minus 3%. Das Ganze wird nur noch mit Sta­tis­tik­fälschun­gen und den Anlei­hen der Zen­tral­banken für Null Prozent für die Staat­en, Banken und Konz­erne, also fik­tivem Kap­i­tal zusam­menge­hal­ten, nur Ver­sprechun­gen, dass das irgend­wann zuruck­gezahlt wird.
    Was ein Glück, dass es schon in 16 Län­dern weit über 500 selb­stver­wal­tete Betriebe gibt, die eine Zukun­ft ohne Prof­it, ohne Kriege und ohne Elend aufzeigen. Die Selb­stver­wal­tung ist nicht mehr zurück­zu­drän­gen.

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