Hintergründe

Eine Einführung in Hegemonie und revolutionäre Strategie

Im Kampf für die Revolution geht es auch um einen Kampf um die Hegemonie. Doch was ist „Hegemonie“ und wie wird sie für das Proletariat erkämpft?

Eine Einführung in Hegemonie und revolutionäre Strategie
People - Konstantin Yuon, 1923, Creative Commons

Der Kampf um die Macht steht im Zentrum jeder revolutionären Strategie. Anfang des 20. Jahrhunderts führte der italienische Marxist Antonio Gramsci in seinen „Gefängnisheften“ das Konzept der politischen Hegemonie ein. Über die bürgerliche Hegemonie gelingt es kapitalistischen Staaten, ihre Bevölkerung dazu zu bringen, den Staat nicht nur nicht zu bekämpfen, sondern sogar bis zu einem gewissen Grad mitzutragen. Besonders in westlichen bürgerlichen Demokratien, die über eine ausgeprägte Zivilgesellschaft verfügen, spielt diese bürgerliche Hegemonie eine große Rolle. Eine erfolgreiche revolutionäre Strategie muss sich für den Kampf um die Macht also mit dem Konzept der Hegemonie auseinandersetzen und für eine proletarische Hegemonie kämpfen.

Um diese Ideen besser verstehen zu können, fasst dieser Artikel einige Thesen aus den Artikeln Trotzki, Gramsci und die kapitalistische Demokratie (2016), sowie Trotzki, Gramsci und der Staat im „Westen“ (2014) zusammen und soll als eine Einführung in die Thematik dienen.

Die Diktatur der Bourgeoisie und der Weg zur Revolution

Der kapitalistische Staat ist ein Herrschaftsapparat der Bourgeoisie. Durch diese politische Macht prägt die Bourgeoisie die gesellschaftliche Produktion und alle darauf aufbauende soziale Beziehungen wie in Familien, Freundschaften, oder romantischen Beziehungen. Dies tut die Bourgeoisie in ihrem eigenen Interesse, sie schützt so ihr Privateigentum an Produktionsmitteln und hält rassistische oder patriarchale Strukturen aufrecht. Der Staatsmacht dienen dabei unterschiedliche bürgerliche Institutionen wie die Ministerien, Behörden, die Justiz und die Polizei.

Deswegen nennen Karl Marx und Friedrich Engels diese Herrschaftsform eine „Diktatur der Bourgeoisie“. In ihrem „Kommunistischen Manifest“ bezeichnen Marx und Engels den bürgerlichen Staat als einen „Ausschuß, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.“

Die Arbeiter:innenklasse hat ein anderes Interesse: eine eigene Arbeiter:innenregierung zu bilden, die erlaubt, das Privateigentum an Produktionsmitteln abzuschaffen, die gesellschaftliche Produktion unter die Kontrolle der Arbeiter:innen zu stellen und so eine sozialistische Gesellschaft ohne Ausbeutung, Unterdrückung oder Umweltzerstörung neu zu gestalten.

Mit diesem Interesse kann die Arbeiter:innenklasse auch unterdrückte Sektoren oder Teile des Kleinbürger:innentums anführen, denn sie adressiert damit Fragen der Unterdrückung wie rassistische Gesetzgebungen oder die Bedrohung des Kleinbürger:innentums beispielsweise durch hohe Mieten oder Strompreise.

Trotzdem leben wir nicht schon heute in einer sozialistischen Welt. Es ist also sehr deutlich, dass es Hindernisse auf dem Weg zur sozialistischen Revolution gibt. Für eine erfolgreiche Revolution müssen die Kräfte des bürgerlichen Staates selbst besiegt und durch proletarische Organe ersetzt werden. Demgegenüber stehen natürlich die Existenz des bürgerlichen Staates und seiner Repressionsorgane wie Polizei oder Militär bis hin zu geduldeten Schlägertruppen. Doch die Macht liegt viel fester in den Händen der Bourgeoisie, denn es besteht auch eine bürgerliche Hegemonie der herrschenden Klasse gegenüber der gesamten Bevölkerung und der Arbeiter:innenklasse, um ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten.

Albamonte und Maiello argumentieren, dass nicht-staatliche Institutionen und Bürokratien, also die sogenannte „Zivilgesellschaft“ in der bürgerlichen Gesellschaft, eine entscheidende Rolle einnehmen, die Arbeiter:innenklasse daran zu hindern, einen politischen Kampf mit dem bürgerlichen Staat zu führen.

Diese nicht-staatlichen bürgerlichen Bürokratien stärken die Illusionen der Arbeiter:innenklasse und Unterdrückten in die bürgerliche Demokratie. Die Illusionen bestehen darin, dass sich die materielle Lage der Massen in der bürgerlichen Gesellschaft stetig verbessern würde und es keine reale Möglichkeit eines Systemwechsels gäbe. Diese Illusionen stützen die Interessen und historischen Erzählungen der Bourgeoisie, die sich mit allen Mitteln an der politischen Macht halten will.

Materielle und moralische Kräfte

Der preußische General und Kriegstheoretiker Carl von Clausewitz unterscheidet in seinem Buch Vom Kriege (1832) zwischen den „moralischen und physischen Kräften“ einer sich im Krieg befindlichen Armee. Während die physischen Kräfte aus der Anzahl der Soldat:innen, der verwendeten Kriegstechnologien sowie der logistischen Vorteile einer Armee bestehen, bezeichnet die moralische Kraft einer Armee den Willen der Soldat:innen zu kämpfen und ihr Vertrauen in den Sieg ihres Kampfes. Ebenfalls ist es eine moralische Kraft einer Armee, der feindlichen Armee das Gefühl zu geben, ein Sieg ihrerseits sei unmöglich und der Kampf selbst ergäbe keinen Sinn.

Lenin und auch andere Revolutionär:innen wandten die Ideen von Clausewitz auf den Kampf um die Weltrevolution an. Ein wichtiger Aspekt davon ist die Betrachtung von Phänomenen des Klassenkampfes. Hier gibt es ebenfalls materielle und moralische Kräfte. Der Staatsapparat und die bürgerlichen Institutionen und Bürokratien sind beispielsweise materielle Kräfte der Bourgeoisie – oder zumindest im Interesse der Bourgeoisie. Bürgerliche Ideologien und Illusionen der Massen in die bürgerliche Demokratie sind dagegen deren moralische Kräfte.

Im Gegenzug gehören die Organe der proletarischen Demokratie wie Streikversammlungen, der Organisierungsgrad der Arbeiter:innenklasse oder ihre Kampferfahrung zu den materiellen Kräften der Arbeiter:innenklasse. Moralische Kräfte der Klasse können ihr politischer Einfluss auf die anderen ausgebeuteten Klassen und Unterdrückten, ihre Agitation gegen die Bourgeoisie oder ihr Vertrauen in die eigene Kraft sein.

Bürgerliche Hegemonie, Zwang und Konsens

Antonio Gramsci definiert die bürgerliche Hegemonie als „Mechanismen der bürgerlichen Herrschaft über die Arbeiter:innenklasse in der stabilisierten kapitalistischen Gesellschaft“. Ebenfalls argumentieren Marx und Engels in ihrem Werk Die Deutsche Ideologie (1846), dass die Bourgeoisie dazu gezwungen ist, ihr Interesse als „das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft“ darzustellen, also die gesamte Gesellschaft politisch anzuführen.

Die bürgerliche Herrschaft wird grundsätzlich durch zwei Elemente gesichert: auf der einen Seite durch Zwang, der sich unter anderem in polizeilichen Anordnungen, Gesetzen, gerichtlichen Verboten, physischer Gewalt durch Repressivkräfte oder faschistische Terroranschläge ausdrückt; auf der anderen Seite durch einen politischen Konsens mit den Zielen der Bourgeoisie, der durch die politische Einbindung der Zivilgesellschaft, die Vermittlung der politischen und gewerkschaftlichen Bürokratien der Massenorganisationen und durch Schaffung von Privilegien und Illusionen in die bürgerliche Demokratie, hergestellt wird.

Das Verhältnis zwischen Zwang und Konsens variiert in den Regierungsformen der Bourgeoisie, je nachdem, ob es sich um eine bürgerliche Demokratie, um Bonapartismus oder Faschismus handelt. Während sich das Leben unter diesen Regimen stark unterscheidet, ist der Klassencharakter der gleiche: Die Produktionsmittel und damit die politische Macht liegen in den Händen der Bourgeoisie.

Wie Lenin in Staat und Revolution erläutert:

Die demokratische Republik ist die denkbar beste politische Hülle des Kapitalismus, und daher begründet das Kapital, nachdem es […] von dieser besten Hülle Besitz ergriffen hat, seine Macht derart zuverlässig, derart sicher, daß kein Wechsel, weder der Personen noch der Institutionen noch der Parteien der bürgerlich-demokratischen Republik, diese Macht erschüttern kann. […] wir dürfen nicht vergessen, daß auch in der allerdemokratischsten bürgerlichen Republik Lohnsklaverei das Los des Volkes ist.

Trotzdem haben die unterschiedlichen Regierungsformen der Bourgeoisie großen Einfluss auf den Klassenkampf.

Der Bonapartismus stellt eine bürgerliche Regierungsform dar, in der die politische Macht um die Exekutive, also beispielsweise das Präsidialamt, gesammelt ist. Das Parlament ist weitgehend oder vollständig entmachtet und es herrscht ein polizeilich-militärisches Repressionsregime. Den Bonapartismus gibt es in rechter Ausprägung, wie heute in der Türkei, aber auch in linker.

Der Faschismus ist eine kleinbürgerliche Massenbewegung, die von der Bourgeoisie mit dem Ziel aufgebaut und toleriert wird, durch Terrormethoden alle Organe der proletarischen Demokratie wie die Gewerkschaften zu zerschlagen und die Arbeiter:innenklasse in einem atomisierten Zustand zu halten. Hier übersteigt der Zwang den Konsens bei Weitem.1

In einer bürgerlichen Demokratie hingegen setzt die Bourgeoisie für ihre Herrschaft nicht vorrangig auf Repressionen und Zwang, sondern stärker auf die Vermittlung und den Konsens, während gewisse bürgerliche Rechte wie bürgerliche Wahlen, gewerkschaftliche Organisierung oder Demonstrations- und Versammlungsfreiheit gewährleistet sind. Vor allem in stabilen Situationen präferiert die herrschende Klasse die bürgerliche Demokratie gegenüber den anderen Herrschaftsformen.

Der Grund dafür ist, dass eine Herrschaft mit starken Zwangsmaßnahmen von den Massen offensichtlich als repressiv und autoritär wahrgenommen wird. Eine Kombination aus Zwang und Konsens ist dagegen eher geeignet, die Illusionen der Massen in die bürgerliche Demokratie aufrechtzuerhalten, so dass sie den Kampf „freiwillig“ aufgeben oder ihn gar nicht erst aufnehmen. Die Teile, die trotzdem kämpfen, können auch in der bürgerlichen Demokratie durch Zwangsmaßnahmen diszipliniert werden. Je nach Lage des Klassenkampfes und den Gefahren für ihre Herrschaft kann die Bourgeoisie es als nötig ansehen, eine andere Regierungsform aufzubauen.

Bürgerliche Demokratie und Zivilgesellschaft

Das Grundprinzip der bürgerlichen Demokratie ist die Trennung der Massen von der Regierung des Staates. Diese Trennung kommt durch mehrere Mechanismen zustande: Zum einen sind die Massen nicht an der direkten Verwaltung der gesellschaftlichen Einrichtungen der Produktion und Reproduktion, wie Fabriken, Unternehmen, Produktionsstätten, Krankenhäuser, Bildungseinrichtungen etc. beteiligt, in denen sie arbeiten; zum anderen beschränkt der bürgerliche Parlamentarismus die Machtausübung der Bevölkerung auf nur wenige repräsentative Wahlen in einem Jahrzehnt. Dadurch wird die Arbeiter:innenklasse von ihrer eigenen Macht, die aus ihrer Stellung in der Produktion erwächst, entfremdet, individualisiert und zu abstrakten „Bürger:innen“ gemacht – eine Vertuschung der Existenz unterschiedlicher Klassen also.

Darüber hinaus zeichnet sich die bürgerliche Gesellschaft durch eine Trennung der exekutiven (Regierung), legislativen (Gesetzgebung) und judikativen (Justiz) Funktionen aus, die dazu führt, dass die Bevölkerung keine demokratische Kontrolle über Staatsbeamt:innen, Richter:innen und die politische Kaste des bürgerlichen Staates hat.

Um kapitalistische Staaten mit entwickelten bürgerlichen Demokratien zu bezeichnen, verwendet Gramsci den Begriff des „integralen Staates“. Laut Peter D. Thomas kommt dieser Begriff bei Gramsci zuerst bei folgender Feststellung bezüglich der Französischen Revolution vor:

[die Bourgeoisie war in der Lage], sich als integraler ‚Staat‘ zu präsentieren, mit allen intellektuellen und moralischen Kräften, die notwendig und ausreichend waren, um eine vollständige und perfekte Gesellschaft zu organisieren.2

Gramsci verwendete also den Begriff des „integralen Staates“, um die Verschränkung der staatlichen Institutionen und der Zivilgesellschaft zu analysieren. Fernando Rosso und Juan Dal Maso schreiben in Trotzki, Gramsci und der Staat im „Westen“ (2014):

Das heißt, als Gramsci sagte, dass der Staat in seiner integralen Bedeutung Diktatur + Hegemonie sei, machte er damit keine statische Definition, nach der die Staaten des ‚Westens‘ an sich hegemonial seien […]. Er bezog sich auf einen komplexeren Prozess, durch den der Staat versucht, eine Massenbasis zu gewinnen, während er gleichzeitig seinen Repressionsapparat perfektioniert und seine Kontrolle über Organisationen ausweitet, die im engeren Sinne ’nicht-staatlich‘ sind. Eine Tendenz, die zwar schon im 19. Jahrhundert präsent ist, vor allem mit der Integration der Sozialdemokratie in das Regime, aber in der Epoche des Imperialismus einen Sprung macht […].

Außer den Institutionen des bürgerlichen Staates existieren in einer bürgerlichen Gesellschaft also auch Elemente einer „Zivilgesellschaft“ im Sinne Gramscis, die anhand der „Ausbreitung […] des Regimes der Gewerkschafts- und Parteivereinigungen, der Herausbildung umfassender staatlicher und ‚privater‘ (privat-politischer, Partei und Gewerkschafts-) Bürokratien“3 entstanden sind.

Diese dienen als eine „Basis des im engen Sinn als Regierungs- und Zwangsapparat verstandenen Staates“4. Ihre Funktion ist also nicht identisch mit der des bürgerlichen Staates, doch sie dient als eine Stütze für den Staat und damit der herrschenden Klasse zu einer stärkeren politischen Abhängigkeit der Massen von der kapitalistischen Demokratie.

Neben Bürokratien der Gewerkschaften, die eine Funktion der Vermittlung zwischen dem Kapital und den Arbeiter:innen einnehmen und in staatlichen Gremien Posten besetzen, zählen auch politische Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Vereine, die durch den bürgerlichen Staat finanziert werden und unter seiner politischen Aufsicht stehen, zur Zivilgesellschaft.

Hegemoniale Apparate

Sowohl in Bezug auf die Aufrechterhaltung der bürgerlichen Hegemonie durch den integralen Charakter des bürgerlichen Staates, als auch für den Kampf der Arbeiter:innenklasse um eine Arbeiter:innenregierung und ihre Hegemonie über ihre Verbündeten in diesem Kampf kommt den „hegemonialen Apparaten“ eine zentrale Bedeutung zu.

Gramsci bezieht sich mit diesem Begriff auf bestimmte Institutionen der Arbeiter:innenklasse und ihrer Verbündeten, mit denen die Klasse gegen die Bourgeoisie und um die politische Macht kämpfen kann. Darunter fallen die Parteien der Arbeiter:innenklasse, Bildungsvereine und auch Zeitungen. Diese bezeichnet Trotzki in Demokratie und Faschismus als Elemente einer neuen „proletarischen Demokratie“.

Im Laufe vieler Jahrzehnte haben die Arbeiter innerhalb der bürgerlichen Demokratie, unter deren Ausnutzung und im Kampf mit ihr, eigene Festungen, eigene Grundlagen, eigene Zentren der proletarischen Demokratie geschaffen: Gewerkschaften, Parteien, Bildungsklubs, Sportorganisationen, Genossenschaften usw. Das Proletariat kann nicht im formellen Rahmen der bürgerlichen Demokratie an die Macht kommen, sondern nur auf revolutionärem Wege; das ist durch Theorie und Praxis gleichermaßen erwiesen. Aber gerade für den revolutionären Weg braucht es die Stützpunkte der Arbeiterdemokratie […].

Albamonte und Maiello argumentieren, dass die hegemonialen Apparate, besonders die Gewerkschaften, jedoch nicht per se dem Kampf um eine Hegemonie der Arbeiter:innenklasse und die politische Macht dienen. Ihre Rolle hängt von den politischen Führungen des Apparats ab, ebenso wie dem Grad seiner materiellen Abhängigkeit gegenüber dem bürgerlichen Staat und seinen Organen.

Wenn die hegemonialen Apparate unter der Kontrolle der Arbeiter:innen sind, sich unabhängig vom Staat, der Bourgeoisie sowie der bourgeoisen öffentlichen Meinung organisieren und eine revolutionäre Führung haben, können sie zum Kampf des Proletariats um die politische Macht und der Bildung einer Hegemonie der Arbeiter:innenklasse dienen.

Wenn diese hegemonialen Apparate jedoch im Gegensatz dazu unter Kontrolle einer bürgerlichen Bürokratie stehen, die sich innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft durch ihre Vermittlung Privilegien verschafft und sich dem „bürgerlichen Konsens“ unterordnet, werden sie politisch in den bürgerlichen Staat integriert und dienen zur Stärkung der bürgerlichen Hegemonie und Kontrolle der herrschenden Klasse über die Arbeiter:innenbewegung.

Daher ist es von strategischer Bedeutung, in den Organen der Arbeiter:innenklasse wie den Gewerkschaften für die breitestmögliche Demokratie zu kämpfen, die Gewerkschaftsbürokratie zu bekämpfen und diese Organe vom Einfluss der reformistischen Führungen wie der Sozialdemokratie zu befreien.

Proletarische Hegemonie und Revolution

Reformistische Kräfte, die eine verzerrte Interpretation von Gramsci haben5, behaupten, die bürgerliche Hegemonie könne alleine durch die öffentliche Wahrnehmung oder Mobilisierungen gebrochen werden. Sie gehen davon aus,  dass der bürgerliche Staat selbst ein Kampffeld für die Hegemonie wäre und man daher den bürgerlichen Staat durch linke bürgerliche Regierungsbeteiligung im Interesse der arbeitenden Bevölkerung verwenden könne. Diese Taktik wurde als “Marsch durch die Institutionen” bekannt und integrierte mehr als eine:n Revolutionär:in in den bürgerlichen Staat. So argumentiert Nathaniel Flakin in Gramsci als missverstandener Marxist?:

Doch Gramsci – Gründer einer kommunistischen Partei – war alles andere als ein Neoreformist. Er trat unzweideutig für eine revolutionäre Diktatur des Proletariats ein, um den Kapitalismus zu zerschlagen und den Weg zu einer klassenlosen Gesellschaft anzutreten. Weil er nicht an einer erfolgreichen Revolution beteiligt war und viele seiner wichtigsten Schriften im Gefängnis entstanden sind, ist sein politisches Erbe zweifelsohne widersprüchlich.6  Dennoch waren seine Ideen zu wichtig, um sie heute auf nichtssagende, reformistisch deutbare Halbsätze zu reduzieren.

Laut Gramsci kann die Arbeiter:innenklasse nur dann eine sozialistische Revolution führen, wenn sie die Mehrheit der Bevölkerung durch „Klassenallianzen“ hinter sich sammeln kann, also eine proletarische Hegemonie erlangt. Das umfasst vor allem das Bauerntum in halbkolonialen und kolonialen Ländern sowie die kleinbürgerlichen Sektoren wie kleine Ladenbesitzer:innen und Selbstständige in imperialistischen Zentren.

Ebenfalls braucht die Arbeiter:innenklasse Allianzen mit unterdrückten Sektoren wie den Frauen, rassistisch unterdrückten Menschen, LGBTQIA+ oder Behinderten. Diese Gruppen sind mehrheitlich bereits organischer Teil der Arbeiter:innenklasse, es gibt also queere Arbeiter:innen, migrantische, behinderte Arbeiter:innen usw., doch in ihrer Gesamtheit sind sie eine klassenübergreifende Gruppe. Die Arbeiter:innenklasse muss also ihre Verbündeten von der Notwendigkeit eines gemeinsamen Kampfes gegen die Bourgeoisie in der Perspektive des Sturzes des Kapitalismus vereinen. Denn erst die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, die Kollektivierung der gesellschaftlichen Reproduktion und die Überwindung des imperialistischen Weltsystems legen die Grundlagen dafür, Patriarchat, Rassismus, Queerfeindlichkeit, Ableismus usw. abzuschaffen.

Selbst für taktische Kämpfe7 gegen die Regierung muss die Arbeiter:innenklasse ein hegemoniales Programm aufstellen. Ein solches Programm stellt den Anspruch, ihre Verbündeten anzuführen, um Allianzen zu schmieden und zu festigen und so das Vertrauen der Verbündeten in die Kampfmittel der Arbeiter:innenklasse wie Streiks und Besetzungen zu gewinnen. Ein Beispiel dafür sind Streiks gegen ein rassistisches Gesetz der Regierung, mit denen die Arbeiter:innenklasse andere Bevölkerungsschichten, die gewillt sind, gegen dieses Gesetz zu kämpfen, hinter sich sammelt. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist die gewerkschaftliche Koordination der Eisenbahner:innen im chilenischen Antofagasta, die sich auch gegen die Unterdrückung der Mapuche und die rassistische Hetze gegen Bolivianer:innen stellte.

Die bürgerlichen Bürokratien der Gewerkschaften und der NGOs spielen – insbesondere in Deutschland – eben darin eine hemmende Rolle für die Arbeiter:innenbewegung, dass sie die Trennung zwischen dem ökonomischen und dem politischen Kampf aufrechterhalten. Das heißt, sie stellen sich dagegen, dass die Massen mit den Methoden der Arbeiter:innenklasse wie Streiks oder Besetzungen für politische Forderungen streiken. Politische Massenstreiks sind jedoch unmittelbar notwendig, damit das Proletariat als ein hegemoniales Subjekt auftreten kann.

Daher ist es für die Arbeiter:innenklasse von strategischer Bedeutung, im Kampf gegen den bürgerlichen Staat diese bürgerlichen Bürokratien in den Gewerkschaften, aber auch in sozialen Bewegungen zu konfrontieren und ihre Bewegung, sowie Organisationen von ihren Einflüssen zu befreien. Der Vereinnahmung durch bürgerliche Bürokratien, die die Arbeiter:innenklasse der Bourgeoisie unterordnen wollen, setzt die Klasse ihre Organe der Selbstorganisation wie Streikversammlungen, Aktionskomitees und Koordinationsgremien entgegen.

Solche räteähnlichen Selbstorganisationsorgane sind „fundamentale Säulen“ für die Herstellung der Hegemonie des Proletariats und einer sowjetischen Strategie. In ihnen organisiert sich die Arbeiter:innenklasse mit ihren Verbündeten zuerst in Abwehrkämpfen, dann im Kampf um die Macht unabhängig von der herrschenden Klasse. Damit sind die Organe der Selbstorganisierung die größtmögliche Kampfeinheit der Klasse und ihrer Verbündeten und können sich in einer revolutionären Situation als eine neue politische Macht gegen das gesamte kapitalistische Regime etablieren. Diese Elemente der „Doppelmacht“8, also einer Situation, in der bürgerliche und proletarische Macht parallel existieren, werden nach dem Sieg – der Bildung einer Räteregierung – zu neuen Staatsorganen der proletarischen Demokratie, des neuen Arbeiter:innenstaates.

Diese Räte sind im Laufe des 20. Jahrhunderts in unterschiedlichen revolutionären Prozessen unter verschiedenen Namen entstanden: Sowjets in Russland 1917, Räte in Deutschland 1918, Cordones Industriales 1970 in Chile, Schoras im Iran 1979 und weitere mehr.

Damit die Arbeiter:innenklasse ihre vollständige Macht im Klassenkampf entfalten kann, muss sie sich an strategischen Positionen der Produktion und Reproduktion organisieren, an diesen Orten Organe der Selbstorganisation aufbauen, um eben diese Stellungen unter eigener Kontrolle zu bringen und nach einem siegreichen Aufstand ein alternatives Wirtschaftssystem zum Kapitalismus, eine demokratisch geplante Planwirtschaft aufzubauen.

Um von Räten zur Revolution zu kommen, braucht die Arbeiter:innenklasse eine revolutionäre Kampfpartei, also eine materielle Kraft, die aus einer Fusion der fortschrittlichsten Teile der Klasse mit einer Organisation, die das strategisch-theoretische Erbe der 150-jährigen Geschichte der Arbeiter:innenbewegung verkörpert. Eine solche Partei muss die sowjetische Strategie verfolgen, an strategischen Positionen verankert sein, die richtigen Lehren aus dem Klassenkampf ziehen, durch taktische Schlachten das Vertrauen der Massen gewinnen und in entscheidenden Aufständen eine revolutionäre Alternative zum kapitalistischen Regime aufzeigen.

Um ihre Hegemonie von einzelnen erkämpften Elementen vollständig auf alle Schichten der Gesellschaft auszuüben, muss die Arbeiter:innenklasse also die Bourgeoisie enteignen und eine eigene Arbeiter:innenregierung wie im Beispiel der Sowjetrevolution in Russland bilden. Diese Arbeiter:innenregierung bringt die Klasse erst in die Lage, sich gegenüber ihren Verbündeten zu beweisen. Ein ähnliches Verhältnis sehen wir im internationalen Maßstab: eine siegreiche proletarische Revolution in einem Land muss sich in den Dienst der internationalen sozialistischen Revolution und für den endgültigen Sieg gegen imperialistische Bourgeoisien stellen, um eine Allianz mit der Arbeiter:innenklasse in anderen Ländern, sowie mit den vom Imperialismus unterdrückten Völkern zu bilden – für das Ausweiten der Revolution auf die ganze Welt.

So ist der Kampf des Proletariats um die eigene Hegemonie ein Kampf um die Befreiung unseres Planeten von jeglicher Ausbeutung, Unterdrückung und Umweltzerstörung, ein Kampf um eine klassenlose Gesellschaft, ein Kampf um den Kommunismus.

Fußnoten
1. Für eine ausführliche Analyse des Bonapartismus und Faschismus, siehe Bonapartismus und Faschismus (1934) von Leo Trotzki.
2. Vgl. Thomas, P. D. (2009): The Gramscian Moment. Philosophy, Hegemony and Marxism, Brill, Leiden-Boston, S. 93 zitiert nach Rosso/Dal Maso, 2014, S. 1, eigene Hervorhebung.
3. Gramsci, 1992, H13/B7/ S. 1592-1595. zitiert nach Albamonte/Maiello, 2016.
4. Vgl. Gramsci, 1992, H6/B4/ S. 814f., zitiert nach Albamonte/Maiello, 2016.
5. Vgl. Thomas, 2009, S. 165 zitiert nach Rosso/Dal Maso, 2014, S. 1, – Albamonte und Maiello kritisieren Peter D. Thomas insofern, dass er argumentiert, dass die Arbeiter:innenklasse eine vollständige  Hegemonie vor einer Machtübernahme erringen kann, indem sie die öffentliche Meinung für sich gewinnt. Es ist eine reformistische Vorstellung, von einer „Neutralisierung“ des bürgerlichen Staates auszugehen, wie Thomas und neoreformistische Projekte wie Syriza es tun.
6. Albamonte und Emilio üben ebenfalls eine Kritik an Gramsci, dass er die falschen strategischen Schlussfolgerungen in Bezug auf die Notwendigkeit des Kampfes gegen die Gewerkschaftsbürokratie zieht, obwohl er die Rolle der Gewerkschaftsbürokratie mit dem Konzept des integralen Staates auf einer theoretischen Ebene richtig analysierte. Gramsci unterschätzte die Notwendigkeit, was sich in seiner Positionierung gegenüber dem Anglo-Russischen Komitee zeigte, bei dem er lange für die Aufrechterhaltung eines Bündnisses zwischen der Kommunistischen Partei und der britischen Gewerkschaftsbürokratie argumentiert, obwohl die letztere den Generalstreik in 1926 beendete, um mit der Regierung zu verhandeln (vgl. Albamonte/Maiello, 2016, S. 23).
7. „Unter dem Begriff der Taktik wird das System von Maßnahmen verstanden, das einer einzelnen aktuellen Aufgabe oder einem einzelnen Abschnitt des Klassenkampfs dient. Die revolutionäre Strategie umfasst dagegen ein kombiniertes System von Aktionen, die in ihrer Verbundenheit, Folgerichtigkeit und Steigerung das Proletariat zur Eroberung der Macht führen müssen.“ Leo Trotzki – Strategie und Taktik in der imperialistischen Epoche in Die Internationale Revolution und die Kommunistische Internationale (1928)
8. Eine ausführliche Analyse der „Doppelmacht“ liefert Trotzki im Kapitel 11: Doppelmacht von „Geschichte der Russischen Revolution“ (1930).

Weiterlesen und Quellen

Albamonte E. / Maiello M. (2016): Trotzki, Gramsci und die kapitalistische Demokratie (Teil I+II+III)

Lenin, Wladimir (1917): Staat und Revolution

Lenin, Wladimir (1919): Bürgerliche Demokratie und Diktatur des Proletariats

Maiello, M. (2019): Revolte und Revolution im 21. Jahrhundert

Maiello, M. (2019): Strategische Positionen und Klassenkampf 

Martinez, Josefina (2019): Klasse, Identität und sozialistische Strategie

Rosso F. / Dal Maso J. (2014): Trotzki, Gramsci und der Staat im „Westen“


Dieser Artikel erscheint im Magazin „Selbstorganisierung, Streik und der Bruch mit dem Reformismus“. Schau dir hier die gesamte Ausgabe an.

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