Hintergründe

Klasse, Identität und sozialistische Strategie

Eine Rezension von Asad Haider’s “Mistaken Identity: Race and Class in the Age of Trump”, die die Debatte zwischen “aufständischer Universalität” (“insurgent universality”), ökonomistischer “Klassenpolitik” und dem Kampf für die Hegemonie des Proletariats aufgreift.

Klasse, Identität und sozialistische Strategie

Foto: Schwarze Automobilarbeiter*innen während des Auf­s­tands der 1968er Dodge Rev­o­lu­tion­ary Union Move­ment (DRUM) in Detroit (Gen­er­al Bak­er). (Izquier­da Diario)

Asad Haider ist Her­aus­ge­ber und ein­er der Grün­der des View­point Mag­a­zine, sowie Absol­vent der Uni­ver­si­ty of Cal­i­for­nia in San­ta Cruz. In seinem Buch “Mis­tak­en Iden­ti­ty: Race and Class in the Age of Trump” (Ver­so, 2018) (“Missver­standene Iden­tität: ‘race’ und Klasse im Trump­schen Zeital­ter”, A.d.Ü.). kri­tisiert er die “Iden­tität­spoli­tik” und deren Ein­fluss auf die Zer­split­terung sozialer Bewe­gun­gen. Hier­für stützt sich der Autor auf seine eige­nen Erfahrun­gen als Aktivist in den USA.

“Mis­tak­en Iden­ti­ty” entwick­elt die These, dass “Iden­tität­spoli­tik” in den let­zten Jahrzehn­ten dazu beige­tra­gen hat, anti­ras­sis­tis­che Bewe­gun­gen zu neu­tral­isieren. In Haiders Worten:

Ich definiere die Iden­tität­spoli­tik als die Neu­tral­isierung von Bewe­gun­gen gegen ras­sis­tis­che Unter­drück­ung. Es ist die Ide­olo­gie, die sich her­aus­ge­bildet hat, um sich dieses emanzi­pa­torische Erbe zum Zweck der Förderung poli­tis­ch­er und wirtschaftlich­er Eliten anzueignen.”

In einem späteren Artikel [2] erk­lärt Haider, dass die “Neu­tral­isierung­shy­pothese” ihm erlaubt, eine Lin­ie zwis­chen früheren sozialen Bewe­gun­gen und dem neolib­eralen mul­ti­kul­turellen Diskurs zu ziehen.
Haider ist der Auf­fas­sung, um den Ras­sis­mus in der heuti­gen Gesellschaft zu bekämpfen, müsse man den method­is­chen Aus­gangspunkt umge­hen, den die “Iden­tität­spoli­tik” etabliert habe. Diese Poli­tik sehe Unter­drück­ung als etwas, das auf indi­vidu­eller Ebene passiert. Daraus fol­gend bedeute die Anwe­sen­heit ein­er Schwarzen Per­son in ein­er Macht­po­si­tion auf jeden Fall einen Fortschritt, unab­hängig davon, welche Poli­tik diese Per­son ver­tritt. So werde es in der Linken zur all­ge­meinen Hal­tung, dass das Wichtig­ste sei, seine “Priv­i­legien zu prüfen” — als kön­nte Unter­drück­ung durch eine Übung in indi­vidu­eller Selb­st­wahrnehmung umgekehrt wer­den.

Im Gegen­satz dazu ver­wen­det Haider als all­ge­meine Def­i­n­i­tion: “‘Rasse’ ist keine Idee oder Iden­tität: Sie wird durch materielle Beziehun­gen von Herrschaft und Unter­w­er­fung erzeugt.” Und er bestärkt, dass es eine “materielle Beziehung ist, die nicht von der ökonomis­chen getren­nt, aber auch nicht auf sie reduziert wer­den kann.”

“Mis­tak­en Iden­ti­ty” ver­fol­gt die Kämpfe Schwarz­er Men­schen in den USA zurück bis ins 19. Jahrhun­dert. Das Buch analysiert die von der Großen Depres­sion bes­timmten 1930er und die Entste­hung der Bürg­er­rechts­be­we­gun­gen in den 1960ern. Haider konzen­tri­ert sich darauf, die Momente der größten sozialen Kon­fronta­tio­nen her­vorzuheben. Momente, in denen die Bewe­gun­gen Ele­mente des Antikap­i­tal­is­mus und des Klassenkampfes auf­grif­f­en. Diese Momente wur­den aus der offiziellen Geschichte getil­gt, ein Ver­such die lange Geschichte Schwarz­er Kämpfe in den USA in eine “zivile” Bewe­gung für rechtliche Gle­ich­heit umzuschreiben.

Wie Haider aufzeigt, ist seit den 1960ern und 1970ern eine Elite Schwarz­er Per­so­n­en in Macht­po­si­tio­nen ent­standen. Diese Elite benutzt die nation­al­is­tis­che Logik von klassenüber­greifend­er Ein­heit, um ihre eige­nen Klassen­priv­i­legien zu ver­steck­en. In diesem Zusam­men­hang ver­weist er auf die Black Pan­ther, die den anti­ras­sis­tis­chen Kampf mit antikap­i­tal­is­tis­chem Kampf ver­ban­den, im Kon­text der all­ge­meinen poli­tis­chen Radikalisierung der Zeit. Ein­er der inter­es­san­testen Punk­te des Buch­es ist, wie Haider die Kon­so­li­dierung ein­er Elite inner­halb der anti­ras­sis­tis­chen Bewe­gung analysiert. Als die Bewe­gung ihre radikalsten Forderun­gen fall­en lies, war die Demokratis­che Partei in der Lage, sie zu vere­in­nah­men.

Als Folge wur­den “die fortschrit­tlichen Sprachen der neuen sozialen Bewe­gun­gen, getren­nt von ihren Wurzeln, als neue Strate­gie der herrschen­den Klasse über­nom­men.” Seinen Höhep­unkt fand dieser Prozess in der Ver­bun­den­heit der Schwarzen Eliten zu Barack Oba­mas neolib­eraler Poli­tik.

Außer­dem übern­immt Haider ein Argu­ment der der US-amerikanis­chen Philosophin Wendy Brown über die Rolle des Staates in der Iden­tität­spoli­tik seit den 1980ern. Die Anerken­nung der “Lei­den” bes­timmter Grup­pen durch den Staat definiert diese Grup­pen als Opfer. Indem sie fordern, der neolib­erale Staat möge den Schaden reg­ulieren oder kon­trol­lieren, nehmen Indi­viduen ihre Rolle als Opfer, und nicht als Sub­jek­te ihrer eige­nen Emanzi­pa­tion, an. In Anlehnung an Brown weist Haider darauf hin, dass “Iden­tität­spoli­tik” auf ein­er “Renat­u­ral­isierung” des Kap­i­tal­is­mus auf­baut, in der kap­i­tal­is­tis­che soziale Beziehun­gen nicht länger hin­ter­fragt wer­den.

Schließlich bietet Haider eine Per­spek­tive auf die Beziehung zwis­chen dem Uni­versellen und dem Beson­deren an. Er weist darauf hin, dass der einzige Weg, für eine Per­spek­tive der “uni­versellen” Emanzi­pa­tion zu kämpfen, darin beste­ht, so zu kämpfen, dass gar keine Gruppe unter­drückt bleibt.

An dieser Stelle greift er zu etwas, das Marx in “Zur Juden­frage” behan­delt: In diesem Werk hin­ter­fragt Marx den falschen Uni­ver­sal­is­mus des bürg­er­lichen Staates und der “Erk­lärung der Men­schen- und Bürg­er­rechte” (ver­ab­schiedet 1789 zur Zeit der franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion, A.d.Ü.). Er zeigt, dass sie nichts mehr war als eine Erk­lärung der “Rechte des Mit­glieds der bürg­er­lichen Gesellschaft, d.h. des ego­is­tis­chen Men­schen, des vom Men­schen und vom Gemein­we­sen getren­nten Men­schen”.

Im sel­ben Stil ver­weist Haider auf die berühmte Antwort, die der haitian­is­che Rev­o­lu­tionär Tou­s­saint L’Ouverture 1799 Napoleon Bona­parte gab:

“Wir wollen keine zufäl­lige Frei­heit, die nur uns allein zuge­s­tanden wird. Wir wollen die absolute Annahme des Prinzips, dass jed­er Men­sch, sei er rot, schwarz oder weiß geboren, niemals das Eigen­tum von seines­gle­ichen sein kann.”

Aus diesem Zitat leit­et Haider die Notwendigkeit ab, das Erbe ein­er “auf­ständis­chen Uni­ver­sal­ität” (“insur­gent uni­ver­sal­i­ty”) aufzunehmen.

Eine Rückkehr zu “nationaler” Klassenpolitik?

In einem vom Mag­a­zin Jacobin veröf­fentlicht­en Artikel ver­tritt Melis­sa Naschek die Hypothese, “‘Mis­tak­en Iden­ti­ty’ ver­sucht, die Schranken der Iden­tität­spoli­tik zu über­winden, aber führt uns let­z­tendlich in die gle­iche Sack­gasse.” Naschek behauptet, Haiders Lösun­gen seien unzure­ichend, denn man müsse erst definieren, ob “Iden­tität­spoli­tik Fre­und oder Feind sozial­is­tis­ch­er Poli­tik ist”. Ihre eigene Antwort lässt keinen Raum für Mehrdeutigkeit:

“Während “Mis­tak­en Iden­ti­ty” dar­legen kann, wie die Ide­olo­gie und Rhetorik der “Iden­tität” als Waffe gegen die Arbeiter*innenklasse ver­wen­det wurde, fehlt ein plau­si­bles Argu­ment dafür, dass sie jemals ein Segen für sozial­is­tis­che Poli­tik sein kön­nte.”

Naschek stellt Haiders Idee eine “auf­ständis­chen Uni­ver­sal­ität” als abstrak­ten Antikap­i­tal­is­mus in Frage, der in der Real­ität daran scheit­ere, das Konzept ein­er “Patch­work-Massen­be­we­gung” zu über­winden:

“Anstelle von Aktio­nen auf der Grund­lage von Klasse schlägt Haider vor, dass Aktivist*innen sich um ihre “eige­nen” Prob­leme küm­mern und durch Osmose zu ein­er Massen­be­we­gung wer­den kön­nen. Im Gegen­teil: Koali­tio­nen der Arbeiter*innenklasse wer­den von Arbeiter*innen gebildet, die sich auf der Grund­lage ihrer gemein­samen Aus­beu­tung zusam­men­schließen, nicht von getren­nten Inter­essen, die im Abstrak­ten dem “Antikap­i­tal­is­mus” zus­tim­men.”

Haider hält laut Naschek an der “lib­eralen kul­tur­al­is­tis­chen Logik mit sein­er Behaup­tung fest, Schwarze Selb­st­bes­tim­mung und Sozial­is­mus seien voneinan­der abhängig”.
Gegen einen iden­titäts­basierten Par­tiku­lar­is­mus, der ange­blich die Arbeiter*innenklasse frag­men­tiert, schlägt Naschek einen klassen­basierten Uni­ver­sal­is­mus und “eine Strate­gie vor, die in der Lage ist, eine genü­gend starke Kraft in der Gesellschaft anzusam­meln, um Forderun­gen nicht nur zu artikulieren, son­dern auch zu ver­wirk­lichen”.

Und was wäre diese Strate­gie? Für Naschek ist es ein Pro­gramm, das auf ökonomis­chen Forderun­gen und beschei­de­nen reformistis­chen Maß­nah­men basiert: “Erschwingliche medi­zinis­che Ver­sorgung, ein lebenswert­er Plan­et, qual­i­ta­tiv hochw­er­tige Bil­dung sowie Respekt und Sicher­heit am Arbeit­splatz.” Ein Pro­gramm, das aus ihrer Sicht von Bernie Sanders verkör­pert wird:

“Heute entste­ht – mit der Pop­u­lar­ität von Bernie Sanders und einem Wieder­au­fleben der Gew­erkschaften – endlich wieder die Grund­lage für ein poli­tis­ches Pro­gramm, das in der Lage ist, die Sol­i­dar­ität der Arbeiter*innenklasse voranzutreiben. Stattdessen möchte Haider, dass wir uns an das Mod­ell wen­den, mit dem die Arbeiter*innenklasse seit Jahren scheit­ert: rhetorische Akzep­tanz des iden­titäts­basierten Par­tiku­lar­is­mus auf implizite Kosten des klassen­basierten Uni­ver­sal­is­mus.”

In einem bei Left Voice veröf­fentlicht­en Artikel argu­men­tieren War­ren Mon­tag und Joseph Ser­ra­no zu Recht gegen das, was sie US-amerikanis­chen “linken Anti-Anti-Ras­sis­mus” nen­nen. Ein Beispiel für diese Denkweise find­en sich in Nascheks Argu­menten, die behauptet, dass einige ökonomis­che Refor­men – im Rah­men des Sys­tems – den Ras­sis­mus (zusam­men mit allen anderen For­men der Unter­drück­ung) ver­schwinden lassen wür­den. Eine solche Posi­tion hält “die Selb­stor­gan­i­sa­tion der beson­ders Unter­drück­ten für spal­tend und ein Hin­der­nis für die Ver­wirk­lichung dieser Refor­men”.
Mon­tag und Ser­ra­no argu­men­tieren weit­er gegen die Vorstel­lung, dass Ras­sis­mus nur eine “Begleit­er­schei­n­ung” der ökonomis­chen Basis sei, die automa­tisch ver­schwinden würde, wenn Ungle­ich­heit­en durch einige soziale Refor­men beseit­igt wer­den. Sie sagen:

“Ras­sis­mus ist keine Begleit­er­schei­n­ung, keine Rei­he von Illu­sio­nen oder Ideen, die sich ein­fach ver­flüchti­gen, wenn sich die ökonomis­chen Bedin­gun­gen ändern. Im Gegen­teil existiert Ras­sis­mus als ein Kom­plex von prak­tis­chen und insti­tu­tionellen, staatlichen und nicht­staatlichen For­men der Unter­w­er­fung, Nöti­gung und Gewalt. Wed­er Polizeikugeln noch Abschiebege­fäng­nisse, noch die außerge­set­zlichen und üblichen For­men des gewalt­samen weißen Ras­sis­mus kön­nen ein­fach durch Lohn­steigerun­gen und ein höheres Maß an gew­erkschaftlich­er Organ­isierung zum Ver­schwinden gebracht wer­den. Nicht ein­mal die sozial­is­tis­che Umwälzung kann an sich den Ras­sis­mus been­den, der in Gewohn­heit­en und Bräuchen weit­er beste­ht, die sich nur durch einen lan­gen Kampf ändern wer­den.” [4]

Die Autoren hin­ter­fra­gen den ökonomis­chen Reduk­tion­is­mus von Posi­tio­nen wie der von Naschek. Sie weisen darauf hin, dass diese ver­meintliche Vertei­di­gung des “klassen­basierten Uni­ver­sal­is­mus” in Wirk­lichkeit nichts anderes als Ökonomis­mus ist — eine oppor­tunis­tis­che Anpas­sung an die weiße Arbeiter*innenklasse und ihre Vorurteile. Sie kom­men zu dem Schluss, dass der Kampf nicht zwis­chen “Uni­ver­sal­is­mus” und “Par­tiku­lar­is­mus” stat­tfind­et, son­dern zwis­chen zwei “antag­o­nis­tis­chen Uni­ver­sal­is­men”. Der erste ist ein falsch­er Uni­ver­sal­is­mus, der behauptet, dass bes­timmte Forderun­gen eini­gen weni­gen ökonomis­chen Teil­maß­nah­men unter­ge­ord­net wer­den müssen; der andere ist ein Uni­ver­sal­is­mus, der “die tiefen, strate­gis­chen und struk­turellen Verbindun­gen zwis­chen kap­i­tal­is­tis­ch­er Aus­beu­tung und ras­sis­ch­er Unter­drück­ung ver­ste­ht”.

Dementsprechend geben sie das Beispiel des Rev­o­lu­tion­ary Union Move­ment in Detroit Ende der 1960er Jahre. Nach der bru­tal­en Unter­drück­ung der Unruhen in Detroit im Jahr 1967 began­nen Schwarze Arbeiter*innen in den Autow­erken der Stadt, sich zu organ­isieren. Sie sahen sich dem Ras­sis­mus der Bosse und der Feind­seligkeit der Gew­erkschafts­bürokratie gegenüber. Sie führten Streiks in mehreren Fab­riken wie Chrysler und Ford durch:

“Ihre Organ­isierung an der Basis und ihre wilden Streiks, die im Mai 1968 began­nen, ent­fremde­ten nicht nur die weißen Arbeiter*innen nicht, son­dern zogen auch eine beträchtliche Zahl in den Kampf hinein und spiel­ten eine wichtige Rolle bei der Ini­ti­ierung ein­er mil­i­tan­ten mul­ti­eth­nis­chen Basis­be­we­gung in ein­er Rei­he von Schlüs­selin­dus­trien.” [5]

Klasse, Diversität und Hegemonie

Eines ist sich­er: Die Frage der Klasse taucht tat­säch­lich in den Debat­ten der Linken wieder auf. Sie ist nicht auss­chließlich der US-amerikanis­chen Linken vor­be­hal­ten, son­dern entwick­elt sich inter­na­tion­al — nach mehreren Jahrzehn­ten, in denen die Idee des Ver­schwindens der Arbeiter*innenklasse von ein­er großen Zahl link­er Intellek­tueller unkri­tisch über­nom­men wurde. Es gab eine Zeit, in der allein das Reden über die Exis­tenz der Arbeiter*innenklasse als etwas “Altes” oder “Prähis­torisches” galt. Jet­zt sind die Debat­ten über Klasse unver­mei­dlich gewor­den, und das ist ein inter­es­santes Symp­tom der Zeit, in der wir leben.

Para­dox­er­weise begann die Debat­te jedoch als Reak­tion auf zwei kon­ser­v­a­tive Phänomene, die Brex­it-Abstim­mung in Eng­land und den Einzug Don­ald Trumps im Weißen Haus. Seit­dem haben ver­schiedene Strö­mungen der reformistis­chen Linken ver­sucht, zu erk­lären, warum bes­timmte Sek­toren der Arbeiter*innenklasse und der ver­armten Mit­telschicht für Trump (oder für die extreme Rechte von Le Pen in Frankre­ich) stimmten. Ihre Schlussfol­gerung ist, dass sie, um die Wahlgrund­lage der Recht­en zurück­zugewin­nen, ein Pro­gramm eines “Wohlfahrtschau­vin­is­mus” vertreten müssen. Mit anderen Worten, ökonomis­che Maß­nah­men der sozialen Umverteilung im nationalen Rah­men, unter dem Mot­to “Unsere Arbeit­er zuerst”. Sie glauben, dass The­men wie der Kampf gegen Ras­sis­mus, gegen impe­ri­al­is­tis­che Unter­drück­ung oder gegen die Unter­drück­ung von Frauen “spal­tend” sein kön­nen. Dies basiert auf dem rein wahltak­tis­chen Kalkül zu glauben,die Behand­lung von Fra­gen des Ras­sis­mus oder des Geschlechts würde die reformistis­che Linke daran hin­dern, ihre Wähler*innenbasis zu erweit­ern.

Aber diese kor­po­ratis­tis­che und nation­al­is­tis­che Herange­hensweise an das Prob­lem der Klasse ist nicht ganz neu. Sie war ein prä­gen­des Merk­mal der Poli­tik der Bürokra­tien der Arbeiter*innenbewegung in ver­schiede­nen his­torischen Momenten, die im Gegen­satz zu der Meth­ode und Strate­gie des rev­o­lu­tionären Marx­is­mus ste­ht.

Gegen jede kor­po­ratis­tis­che Def­i­n­i­tion von “Klass­en­in­ter­essen” wies Marx zunächst darauf hin, dass der Ras­sis­mus der englis­chen Arbeiter*innen gegenüber den irischen Arbeiter*innen zu ein­er Spal­tung in der Arbeiter*innenklasse führte. Diese Spal­tung, die von der Bour­geoisie gefördert wurde, enthielt “das wahre Geheim­nis der Erhal­tung ihrer Macht”:

“[D]ie englis­che Bour­geoisie [hat] das irische Elend nicht nur aus­genutzt, um durch die erzwun­gene Ein­wan­derung der armen Iren die Lage der Arbeit­erk­lasse in Eng­land zu ver­schlechtern, son­dern sie hat überdies das Pro­le­tari­at in zwei feindliche Lager ges­pal­ten. Das rev­o­lu­tionäre Feuer des keltischen Arbeit­ers vere­inigt sich nicht mit der soli­den, aber langsamen Natur des angel­säch­sis­chen Arbeit­ers. Im Gegen­teil, es herrscht in allen großen Indus­triezen­tren Eng­lands ein tiefer Antag­o­nis­mus zwis­chen dem irischen und englis­chen Pro­le­tari­er. Der gewöhn­liche englis­che Arbeit­er haßt den irischen als einen Konkur­renten, der die Löhne und den stan­dard of life |Lebens­stan­dard| her­ab­drückt. Er empfind­et ihm gegenüber nationale und religiöse Antipathien.
Er betra­chtet ihn fast mit densel­ben Augen, wie die
poor whites |armen Weißen| der Süd­staat­en Nor­damerikas die schwarzen Sklaven betra­chteten. Dieser Antag­o­nis­mus zwis­chen den Pro­le­tari­ern in Eng­land selb­st wird von der Bour­geoisie kün­stlich geschürt und wachge­hal­ten. Sie weiß, daß diese Spal­tung das wahre Geheim­nis der Erhal­tung ihrer Macht ist.” [6]

Diese Ten­denz ver­stärk­te sich in der impe­ri­al­is­tis­chen Epoche erhe­blich, als die ver­all­ge­mein­erte Aus­plün­derung der Kolonien es ermöglichte, dass sich in den zen­tralen Län­dern eine “Arbeit­er­aris­tokratie” bildete. Dies wurde zur materiellen Grund­lage für das Entste­hen stark­er Bürokra­tien in den Gew­erkschaften, aber auch für ökon­o­mistis­che, revi­sion­is­tis­che und reformistis­che Ten­den­zen in den Arbeiter*iinnenparteien. Rosa Lux­em­burg, Lenin, Trotz­ki und die rev­o­lu­tionären Marxist*innen kämpften zu ver­schiede­nen Zeit­en gegen sie. Der Höhep­unkt dieser nation­al­is­tis­chen Auf­fas­sung von der Arbeiter*innenklasse man­i­festierte sich in der Katas­tro­phe von 1914, als die Zweite Inter­na­tionale für Kriegskred­ite stimmte und die Inter­essen der inter­na­tionalen Arbeiter*innenklasse auf­gab, um sich stattdessen den Nation­al­is­mus der impe­ri­al­is­tis­chen Natio­nen zu eigen zu machen.

Die Dritte Inter­na­tionale hinge­gen wurde nach der Rus­sis­chen Rev­o­lu­tion mit dem Aufruf zum Kampf um die Macht der Arbeiter*innen, für die Emanzi­pa­tion der Frauen und die Selb­st­bes­tim­mung aller unter­drück­ten Völk­er, ein­schließlich der Schwarzen Men­schen in den USA, gegrün­det. In einem Bericht über die Sit­u­a­tion in den USA für den Zweit­en Kongress der Kom­mu­nis­tis­chen Inter­na­tionale 1920 erk­lärte John Reed:

“Die Kom­mu­nis­ten dür­fen sich nicht fern­hal­ten von der Bewe­gung der Schwarzen, die ihre soziale und poli­tis­che Gle­ich­berech­ti­gung fordert und die sich gegen­wär­tig, im Augen­blick des schnellen Wach­s­tums des Rassen­be­wußt­seins [sic!], rasch unter den Schwarzen Massen ver­bre­it­et. Die Kom­mu­nis­ten müssen diese Bewe­gung aus­nützen, um die Lüge der bürg­er­lichen Gle­ich­berech­ti­gung und die Notwendigkeit der sozialen Rev­o­lu­tion her­vorzuheben, die nicht nur alle Arbeit­er aus der Sklaverei erlösen wird, son­dern auch das einzige Mit­tel zur Befreiung des geknechteten Schwarzen Volkes ist.” [7]

In gle­ich­er Weise betonte Leo Trotz­ki, wie wichtig es ist, die spez­i­fis­chen Forderun­gen der Schwarzen Bewe­gung in das rev­o­lu­tionäre Pro­gramm aufzunehmen und den Kampf um Selb­st­bes­tim­mung voll zu unter­stützen. [8] Viele andere Beispiele kön­nten ange­führt wer­den, aber dieser Überblick soll nur zeigen, dass reduk­tion­is­tis­che oder kor­po­ratis­tis­che Posi­tio­nen – die die Bedeu­tung des Kampfes gegen Ras­sis­mus oder Geschlechterun­ter­drück­ung als Teil der Klassen­poli­tik außer Acht lassen – weit ent­fer­nt sind von der rev­o­lu­tionär-marx­is­tis­chen Tra­di­tion.

Angesichts der post­mod­er­nen und neolib­eralen Ver­schiebung der “Iden­tität­spoli­tik” und ihrer Instru­men­tal­isierung durch die herrschen­den Klassen stellt eine reformistis­che Poli­tik keine echte Alter­na­tive dar. Die reformistis­che Vertei­di­gung der ange­blich “uni­versellen” Inter­essen ein­er nationalen Arbeiter*innenklasse ist eigentlich nur ein Vor­wand, um eine*n Kandidat*in in den Vor­wahlen der Demokratis­chen Partei zu unter­stützen. Diese Partei hat in der Ver­gan­gen­heit nur eine Art von “Uni­ver­sal­is­mus” vertei­digt, näm­lich den der kap­i­tal­is­tis­chen Großkonz­erne und der impe­ri­al­is­tis­chen Inter­essen der Vere­inigten Staat­en von Ameri­ka.

Don­ald Trump führt immer mehr Angriffe auf die Rechte von migrantis­chen Teilen der Arbeiter*innenklasse durch und hat mit dem Präsi­den­ten von Mexiko einen Pakt geschlossen, um das Mil­itär an die Gren­ze zu schick­en. In diesem Zusam­men­hang ist jed­er Diskurs über “Klassen­poli­tik” reak­tionär, wenn er nicht berück­sichtigt, dass die US-Arbeiter*innenklasse aus Migrant*innen und Frauen beste­ht.

Im Gegen­satz zu dieser Karikatur der “Klassen­poli­tik” soll­ten wir wed­er eine Rück­kehr zur Iden­tität­spoli­tik noch einen abstrak­ten Antikap­i­tal­is­mus ohne eine klare Strate­gie im Sinne ein­er “Bewe­gung der Bewe­gun­gen” vorschla­gen. Es ist wichtig festzustellen, dass die bloße Kom­bi­na­tion von Bewe­gun­gen als Strate­gie zur Bekämp­fung des Kap­i­tal­is­mus unzure­ichend ist. Wir brauchen eine poli­tis­che Strate­gie, die den Begriff der Hege­monie wieder aufn­immt. Das heißt, die Bedeu­tung der Zen­tral­ität der Arbeiter*innenklasse im Kampf gegen alle For­men der Unter­drück­ung – ob auf­grund von Geschlecht, “Rasse” oder Sex­u­al­ität – im Rah­men eines antikap­i­tal­is­tis­chen und rev­o­lu­tionären Kampfes für eine bessere Gesellschaft zu erken­nen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Spanisch am 16. Juni 2019 auf IzquierdaDiario.es / Con­tra­pun­to. Diese Ver­sion basiert auf der englis­chen Über­set­zung, veröf­fentlicht am 5. Juli 2019 auf LeftVoice.org.

Weit­er­führende Artikel

Fußnoten

  1.  Asad Haider, “Mis­tak­en Iden­ti­ty: Race and Class in the Age of Trump,” Ver­so, 2018.
  2.  Asad Haider, “Zom­bie Man­i­festo,” Ver­so Blog, 1. Sep­tem­ber 2018.
  3.  Melis­sa Naschek, “The Iden­ti­ty Mis­take,” Jacobin, 28. August 2018.
  4.  War­ren Mon­tag and Joseph Ser­ra­no, “Social­ism, Uni­ver­sal­ism and Anti-Anti-Racism,” Left Voice, 7. Mai 2019.
  5.  ebd.
  6.  Karl Marx, “Kon­fi­den­tielle Mit­teilung”, 28. März 1870.
  7.  Der zweite Kongress der kom­mu­nis­tis­chen Inter­na­tionale, Pro­tokoll der Ver­hand­lun­gen vom 19.Juli in Pet­ro­grad und vom 23.Juli bis 7.August 1920 in Moskau (S. 157, 2. Absatz):
    Die Redak­tion hat sich vor­be­hal­ten, den ver­wen­de­ten Begriffe für Schwarze zu erset­zen.http://ciml.250x.com/archive/comintern/german/2_congress_of_the_communist_international%20_1921_german.pdf
  8.  Leon Trot­sky, “On Black Nation­al­ism, Doc­u­ments on the Negro Strug­gle.”

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