Antirassismus

Klasse, Identität und sozialistische Strategie

Eine Rezension von Asad Haider’s “Mistaken Identity: Race and Class in the Age of Trump”, die die Debatte zwischen “aufständischer Universalität” (“insurgent universality”), ökonomistischer “Klassenpolitik” und dem Kampf für die Hegemonie des Proletariats aufgreift.

Klasse, Identität und sozialistische Strategie

Foto: Schwarze Automobilarbeiter*innen während des Aufstands der 1968er Dodge Revolutionary Union Movement (DRUM) in Detroit (General Baker). (Izquierda Diario)

Asad Haider ist Herausgeber und einer der Gründer des Viewpoint Magazine, sowie Absolvent der University of California in Santa Cruz. In seinem Buch “Mistaken Identity: Race and Class in the Age of Trump” (Verso, 2018) (“Missverstandene Identität: ‘race’ und Klasse im Trumpschen Zeitalter”, A.d.Ü.). kritisiert er die “Identitätspolitik” und deren Einfluss auf die Zersplitterung sozialer Bewegungen. Hierfür stützt sich der Autor auf seine eigenen Erfahrungen als Aktivist in den USA.

„Mistaken Identity“ entwickelt die These, dass „Identitätspolitik“ in den letzten Jahrzehnten dazu beigetragen hat, antirassistische Bewegungen zu neutralisieren. In Haiders Worten:

Ich definiere die Identitätspolitik als die Neutralisierung von Bewegungen gegen rassistische Unterdrückung. Es ist die Ideologie, die sich herausgebildet hat, um sich dieses emanzipatorische Erbe zum Zweck der Förderung politischer und wirtschaftlicher Eliten anzueignen.”

In einem späteren Artikel [2] erklärt Haider, dass die “Neutralisierungshypothese” ihm erlaubt, eine Linie zwischen früheren sozialen Bewegungen und dem neoliberalen multikulturellen Diskurs zu ziehen.
Haider ist der Auffassung, um den Rassismus in der heutigen Gesellschaft zu bekämpfen, müsse man den methodischen Ausgangspunkt umgehen, den die “Identitätspolitik” etabliert habe. Diese Politik sehe Unterdrückung als etwas, das auf individueller Ebene passiert. Daraus folgend bedeute die Anwesenheit einer Schwarzen Person in einer Machtposition auf jeden Fall einen Fortschritt, unabhängig davon, welche Politik diese Person vertritt. So werde es in der Linken zur allgemeinen Haltung, dass das Wichtigste sei, seine “Privilegien zu prüfen” – als könnte Unterdrückung durch eine Übung in individueller Selbstwahrnehmung umgekehrt werden.

Im Gegensatz dazu verwendet Haider als allgemeine Definition: “’Rasse‘ ist keine Idee oder Identität: Sie wird durch materielle Beziehungen von Herrschaft und Unterwerfung erzeugt.” Und er bestärkt, dass es eine “materielle Beziehung ist, die nicht von der ökonomischen getrennt, aber auch nicht auf sie reduziert werden kann.”

“Mistaken Identity” verfolgt die Kämpfe Schwarzer Menschen in den USA zurück bis ins 19. Jahrhundert. Das Buch analysiert die von der Großen Depression bestimmten 1930er und die Entstehung der Bürgerrechtsbewegungen in den 1960ern. Haider konzentriert sich darauf, die Momente der größten sozialen Konfrontationen hervorzuheben. Momente, in denen die Bewegungen Elemente des Antikapitalismus und des Klassenkampfes aufgriffen. Diese Momente wurden aus der offiziellen Geschichte getilgt, ein Versuch die lange Geschichte Schwarzer Kämpfe in den USA in eine “zivile” Bewegung für rechtliche Gleichheit umzuschreiben.

Wie Haider aufzeigt, ist seit den 1960ern und 1970ern eine Elite Schwarzer Personen in Machtpositionen entstanden. Diese Elite benutzt die nationalistische Logik von klassenübergreifender Einheit, um ihre eigenen Klassenprivilegien zu verstecken. In diesem Zusammenhang verweist er auf die Black Panther, die den antirassistischen Kampf mit antikapitalistischem Kampf verbanden, im Kontext der allgemeinen politischen Radikalisierung der Zeit. Einer der interessantesten Punkte des Buches ist, wie Haider die Konsolidierung einer Elite innerhalb der antirassistischen Bewegung analysiert. Als die Bewegung ihre radikalsten Forderungen fallen lies, war die Demokratische Partei in der Lage, sie zu vereinnahmen.

Als Folge wurden “die fortschrittlichen Sprachen der neuen sozialen Bewegungen, getrennt von ihren Wurzeln, als neue Strategie der herrschenden Klasse übernommen.” Seinen Höhepunkt fand dieser Prozess in der Verbundenheit der Schwarzen Eliten zu Barack Obamas neoliberaler Politik.

Außerdem übernimmt Haider ein Argument der der US-amerikanischen Philosophin Wendy Brown über die Rolle des Staates in der Identitätspolitik seit den 1980ern. Die Anerkennung der “Leiden” bestimmter Gruppen durch den Staat definiert diese Gruppen als Opfer. Indem sie fordern, der neoliberale Staat möge den Schaden regulieren oder kontrollieren, nehmen Individuen ihre Rolle als Opfer, und nicht als Subjekte ihrer eigenen Emanzipation, an. In Anlehnung an Brown weist Haider darauf hin, dass “Identitätspolitik” auf einer “Renaturalisierung” des Kapitalismus aufbaut, in der kapitalistische soziale Beziehungen nicht länger hinterfragt werden.

Schließlich bietet Haider eine Perspektive auf die Beziehung zwischen dem Universellen und dem Besonderen an. Er weist darauf hin, dass der einzige Weg, für eine Perspektive der “universellen” Emanzipation zu kämpfen, darin besteht, so zu kämpfen, dass gar keine Gruppe unterdrückt bleibt.

An dieser Stelle greift er zu etwas, das Marx in “Zur Judenfrage” behandelt: In diesem Werk hinterfragt Marx den falschen Universalismus des bürgerlichen Staates und der “Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte” (verabschiedet 1789 zur Zeit der französischen Revolution, A.d.Ü.). Er zeigt, dass sie nichts mehr war als eine Erklärung der “Rechte des Mitglieds der bürgerlichen Gesellschaft, d.h. des egoistischen Menschen, des vom Menschen und vom Gemeinwesen getrennten Menschen”.

Im selben Stil verweist Haider auf die berühmte Antwort, die der haitianische Revolutionär Toussaint L’Ouverture 1799 Napoleon Bonaparte gab:

“Wir wollen keine zufällige Freiheit, die nur uns allein zugestanden wird. Wir wollen die absolute Annahme des Prinzips, dass jeder Mensch, sei er rot, schwarz oder weiß geboren, niemals das Eigentum von seinesgleichen sein kann.”

Aus diesem Zitat leitet Haider die Notwendigkeit ab, das Erbe einer “aufständischen Universalität” (“insurgent universality”) aufzunehmen.

Eine Rückkehr zu “nationaler” Klassenpolitik?

In einem vom Magazin Jacobin veröffentlichten Artikel vertritt Melissa Naschek die Hypothese, “‘Mistaken Identity’ versucht, die Schranken der Identitätspolitik zu überwinden, aber führt uns letztendlich in die gleiche Sackgasse.” Naschek behauptet, Haiders Lösungen seien unzureichend, denn man müsse erst definieren, ob “Identitätspolitik Freund oder Feind sozialistischer Politik ist”. Ihre eigene Antwort lässt keinen Raum für Mehrdeutigkeit:

“Während “Mistaken Identity” darlegen kann, wie die Ideologie und Rhetorik der “Identität” als Waffe gegen die Arbeiter*innenklasse verwendet wurde, fehlt ein plausibles Argument dafür, dass sie jemals ein Segen für sozialistische Politik sein könnte.”

Naschek stellt Haiders Idee eine “aufständischen Universalität” als abstrakten Antikapitalismus in Frage, der in der Realität daran scheitere, das Konzept einer “Patchwork-Massenbewegung” zu überwinden:

„Anstelle von Aktionen auf der Grundlage von Klasse schlägt Haider vor, dass Aktivist*innen sich um ihre „eigenen“ Probleme kümmern und durch Osmose zu einer Massenbewegung werden können. Im Gegenteil: Koalitionen der Arbeiter*innenklasse werden von Arbeiter*innen gebildet, die sich auf der Grundlage ihrer gemeinsamen Ausbeutung zusammenschließen, nicht von getrennten Interessen, die im Abstrakten dem „Antikapitalismus“ zustimmen.“

Haider hält laut Naschek an der „liberalen kulturalistischen Logik mit seiner Behauptung fest, Schwarze Selbstbestimmung und Sozialismus seien voneinander abhängig“.
Gegen einen identitätsbasierten Partikularismus, der angeblich die Arbeiter*innenklasse fragmentiert, schlägt Naschek einen klassenbasierten Universalismus und „eine Strategie vor, die in der Lage ist, eine genügend starke Kraft in der Gesellschaft anzusammeln, um Forderungen nicht nur zu artikulieren, sondern auch zu verwirklichen“.

Und was wäre diese Strategie? Für Naschek ist es ein Programm, das auf ökonomischen Forderungen und bescheidenen reformistischen Maßnahmen basiert: „Erschwingliche medizinische Versorgung, ein lebenswerter Planet, qualitativ hochwertige Bildung sowie Respekt und Sicherheit am Arbeitsplatz.“ Ein Programm, das aus ihrer Sicht von Bernie Sanders verkörpert wird:

„Heute entsteht – mit der Popularität von Bernie Sanders und einem Wiederaufleben der Gewerkschaften – endlich wieder die Grundlage für ein politisches Programm, das in der Lage ist, die Solidarität der Arbeiter*innenklasse voranzutreiben. Stattdessen möchte Haider, dass wir uns an das Modell wenden, mit dem die Arbeiter*innenklasse seit Jahren scheitert: rhetorische Akzeptanz des identitätsbasierten Partikularismus auf implizite Kosten des klassenbasierten Universalismus.“

In einem bei Left Voice veröffentlichten Artikel argumentieren Warren Montag und Joseph Serrano zu Recht gegen das, was sie US-amerikanischen „linken Anti-Anti-Rassismus“ nennen. Ein Beispiel für diese Denkweise finden sich in Nascheks Argumenten, die behauptet, dass einige ökonomische Reformen – im Rahmen des Systems – den Rassismus (zusammen mit allen anderen Formen der Unterdrückung) verschwinden lassen würden. Eine solche Position hält „die Selbstorganisation der besonders Unterdrückten für spaltend und ein Hindernis für die Verwirklichung dieser Reformen“.
Montag und Serrano argumentieren weiter gegen die Vorstellung, dass Rassismus nur eine „Begleiterscheinung“ der ökonomischen Basis sei, die automatisch verschwinden würde, wenn Ungleichheiten durch einige soziale Reformen beseitigt werden. Sie sagen:

„Rassismus ist keine Begleiterscheinung, keine Reihe von Illusionen oder Ideen, die sich einfach verflüchtigen, wenn sich die ökonomischen Bedingungen ändern. Im Gegenteil existiert Rassismus als ein Komplex von praktischen und institutionellen, staatlichen und nichtstaatlichen Formen der Unterwerfung, Nötigung und Gewalt. Weder Polizeikugeln noch Abschiebegefängnisse, noch die außergesetzlichen und üblichen Formen des gewaltsamen weißen Rassismus können einfach durch Lohnsteigerungen und ein höheres Maß an gewerkschaftlicher Organisierung zum Verschwinden gebracht werden. Nicht einmal die sozialistische Umwälzung kann an sich den Rassismus beenden, der in Gewohnheiten und Bräuchen weiter besteht, die sich nur durch einen langen Kampf ändern werden.“ [4]

Die Autoren hinterfragen den ökonomischen Reduktionismus von Positionen wie der von Naschek. Sie weisen darauf hin, dass diese vermeintliche Verteidigung des „klassenbasierten Universalismus“ in Wirklichkeit nichts anderes als Ökonomismus ist – eine opportunistische Anpassung an die weiße Arbeiter*innenklasse und ihre Vorurteile. Sie kommen zu dem Schluss, dass der Kampf nicht zwischen „Universalismus“ und „Partikularismus“ stattfindet, sondern zwischen zwei „antagonistischen Universalismen“. Der erste ist ein falscher Universalismus, der behauptet, dass bestimmte Forderungen einigen wenigen ökonomischen Teilmaßnahmen untergeordnet werden müssen; der andere ist ein Universalismus, der „die tiefen, strategischen und strukturellen Verbindungen zwischen kapitalistischer Ausbeutung und rassischer Unterdrückung versteht“.

Dementsprechend geben sie das Beispiel des Revolutionary Union Movement in Detroit Ende der 1960er Jahre. Nach der brutalen Unterdrückung der Unruhen in Detroit im Jahr 1967 begannen Schwarze Arbeiter*innen in den Autowerken der Stadt, sich zu organisieren. Sie sahen sich dem Rassismus der Bosse und der Feindseligkeit der Gewerkschaftsbürokratie gegenüber. Sie führten Streiks in mehreren Fabriken wie Chrysler und Ford durch:

„Ihre Organisierung an der Basis und ihre wilden Streiks, die im Mai 1968 begannen, entfremdeten nicht nur die weißen Arbeiter*innen nicht, sondern zogen auch eine beträchtliche Zahl in den Kampf hinein und spielten eine wichtige Rolle bei der Initiierung einer militanten multiethnischen Basisbewegung in einer Reihe von Schlüsselindustrien.“ [5]

Klasse, Diversität und Hegemonie

Eines ist sicher: Die Frage der Klasse taucht tatsächlich in den Debatten der Linken wieder auf. Sie ist nicht ausschließlich der US-amerikanischen Linken vorbehalten, sondern entwickelt sich international – nach mehreren Jahrzehnten, in denen die Idee des Verschwindens der Arbeiter*innenklasse von einer großen Zahl linker Intellektueller unkritisch übernommen wurde. Es gab eine Zeit, in der allein das Reden über die Existenz der Arbeiter*innenklasse als etwas „Altes“ oder „Prähistorisches“ galt. Jetzt sind die Debatten über Klasse unvermeidlich geworden, und das ist ein interessantes Symptom der Zeit, in der wir leben.

Paradoxerweise begann die Debatte jedoch als Reaktion auf zwei konservative Phänomene, die Brexit-Abstimmung in England und den Einzug Donald Trumps im Weißen Haus. Seitdem haben verschiedene Strömungen der reformistischen Linken versucht, zu erklären, warum bestimmte Sektoren der Arbeiter*innenklasse und der verarmten Mittelschicht für Trump (oder für die extreme Rechte von Le Pen in Frankreich) stimmten. Ihre Schlussfolgerung ist, dass sie, um die Wahlgrundlage der Rechten zurückzugewinnen, ein Programm eines „Wohlfahrtschauvinismus“ vertreten müssen. Mit anderen Worten, ökonomische Maßnahmen der sozialen Umverteilung im nationalen Rahmen, unter dem Motto „Unsere Arbeiter zuerst“. Sie glauben, dass Themen wie der Kampf gegen Rassismus, gegen imperialistische Unterdrückung oder gegen die Unterdrückung von Frauen „spaltend“ sein können. Dies basiert auf dem rein wahltaktischen Kalkül zu glauben,die Behandlung von Fragen des Rassismus oder des Geschlechts würde die reformistische Linke daran hindern, ihre Wähler*innenbasis zu erweitern.

Aber diese korporatistische und nationalistische Herangehensweise an das Problem der Klasse ist nicht ganz neu. Sie war ein prägendes Merkmal der Politik der Bürokratien der Arbeiter*innenbewegung in verschiedenen historischen Momenten, die im Gegensatz zu der Methode und Strategie des revolutionären Marxismus steht.

Gegen jede korporatistische Definition von „Klasseninteressen“ wies Marx zunächst darauf hin, dass der Rassismus der englischen Arbeiter*innen gegenüber den irischen Arbeiter*innen zu einer Spaltung in der Arbeiter*innenklasse führte. Diese Spaltung, die von der Bourgeoisie gefördert wurde, enthielt „das wahre Geheimnis der Erhaltung ihrer Macht“:

„[D]ie englische Bourgeoisie [hat] das irische Elend nicht nur ausgenutzt, um durch die erzwungene Einwanderung der armen Iren die Lage der Arbeiterklasse in England zu verschlechtern, sondern sie hat überdies das Proletariat in zwei feindliche Lager gespalten. Das revolutionäre Feuer des keltischen Arbeiters vereinigt sich nicht mit der soliden, aber langsamen Natur des angelsächsischen Arbeiters. Im Gegenteil, es herrscht in allen großen Industriezentren Englands ein tiefer Antagonismus zwischen dem irischen und englischen Proletarier. Der gewöhnliche englische Arbeiter haßt den irischen als einen Konkurrenten, der die Löhne und den standard of life |Lebensstandard| herabdrückt. Er empfindet ihm gegenüber nationale und religiöse Antipathien.
Er betrachtet ihn fast mit denselben Augen, wie die
poor whites |armen Weißen| der Südstaaten Nordamerikas die schwarzen Sklaven betrachteten. Dieser Antagonismus zwischen den Proletariern in England selbst wird von der Bourgeoisie künstlich geschürt und wachgehalten. Sie weiß, daß diese Spaltung das wahre Geheimnis der Erhaltung ihrer Macht ist.“ [6]

Diese Tendenz verstärkte sich in der imperialistischen Epoche erheblich, als die verallgemeinerte Ausplünderung der Kolonien es ermöglichte, dass sich in den zentralen Ländern eine „Arbeiteraristokratie“ bildete. Dies wurde zur materiellen Grundlage für das Entstehen starker Bürokratien in den Gewerkschaften, aber auch für ökonomistische, revisionistische und reformistische Tendenzen in den Arbeiter*iinnenparteien. Rosa Luxemburg, Lenin, Trotzki und die revolutionären Marxist*innen kämpften zu verschiedenen Zeiten gegen sie. Der Höhepunkt dieser nationalistischen Auffassung von der Arbeiter*innenklasse manifestierte sich in der Katastrophe von 1914, als die Zweite Internationale für Kriegskredite stimmte und die Interessen der internationalen Arbeiter*innenklasse aufgab, um sich stattdessen den Nationalismus der imperialistischen Nationen zu eigen zu machen.

Die Dritte Internationale hingegen wurde nach der Russischen Revolution mit dem Aufruf zum Kampf um die Macht der Arbeiter*innen, für die Emanzipation der Frauen und die Selbstbestimmung aller unterdrückten Völker, einschließlich der Schwarzen Menschen in den USA, gegründet. In einem Bericht über die Situation in den USA für den Zweiten Kongress der Kommunistischen Internationale 1920 erklärte John Reed:

„Die Kommunisten dürfen sich nicht fernhalten von der Bewegung der Schwarzen, die ihre soziale und politische Gleichberechtigung fordert und die sich gegenwärtig, im Augenblick des schnellen Wachstums des Rassenbewußtseins [sic!], rasch unter den Schwarzen Massen verbreitet. Die Kommunisten müssen diese Bewegung ausnützen, um die Lüge der bürgerlichen Gleichberechtigung und die Notwendigkeit der sozialen Revolution hervorzuheben, die nicht nur alle Arbeiter aus der Sklaverei erlösen wird, sondern auch das einzige Mittel zur Befreiung des geknechteten Schwarzen Volkes ist.“ [7]

In gleicher Weise betonte Leo Trotzki, wie wichtig es ist, die spezifischen Forderungen der Schwarzen Bewegung in das revolutionäre Programm aufzunehmen und den Kampf um Selbstbestimmung voll zu unterstützen. [8] Viele andere Beispiele könnten angeführt werden, aber dieser Überblick soll nur zeigen, dass reduktionistische oder korporatistische Positionen – die die Bedeutung des Kampfes gegen Rassismus oder Geschlechterunterdrückung als Teil der Klassenpolitik außer Acht lassen – weit entfernt sind von der revolutionär-marxistischen Tradition.

Angesichts der postmodernen und neoliberalen Verschiebung der „Identitätspolitik“ und ihrer Instrumentalisierung durch die herrschenden Klassen stellt eine reformistische Politik keine echte Alternative dar. Die reformistische Verteidigung der angeblich „universellen“ Interessen einer nationalen Arbeiter*innenklasse ist eigentlich nur ein Vorwand, um eine*n Kandidat*in in den Vorwahlen der Demokratischen Partei zu unterstützen. Diese Partei hat in der Vergangenheit nur eine Art von „Universalismus“ verteidigt, nämlich den der kapitalistischen Großkonzerne und der imperialistischen Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika.

Donald Trump führt immer mehr Angriffe auf die Rechte von migrantischen Teilen der Arbeiter*innenklasse durch und hat mit dem Präsidenten von Mexiko einen Pakt geschlossen, um das Militär an die Grenze zu schicken. In diesem Zusammenhang ist jeder Diskurs über „Klassenpolitik“ reaktionär, wenn er nicht berücksichtigt, dass die US-Arbeiter*innenklasse aus Migrant*innen und Frauen besteht.

Im Gegensatz zu dieser Karikatur der „Klassenpolitik“ sollten wir weder eine Rückkehr zur Identitätspolitik noch einen abstrakten Antikapitalismus ohne eine klare Strategie im Sinne einer „Bewegung der Bewegungen“ vorschlagen. Es ist wichtig festzustellen, dass die bloße Kombination von Bewegungen als Strategie zur Bekämpfung des Kapitalismus unzureichend ist. Wir brauchen eine politische Strategie, die den Begriff der Hegemonie wieder aufnimmt. Das heißt, die Bedeutung der Zentralität der Arbeiter*innenklasse im Kampf gegen alle Formen der Unterdrückung – ob aufgrund von Geschlecht, „Rasse“ oder Sexualität – im Rahmen eines antikapitalistischen und revolutionären Kampfes für eine bessere Gesellschaft zu erkennen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Spanisch am 16. Juni 2019 auf IzquierdaDiario.es / Contrapunto. Diese Version basiert auf der englischen Übersetzung, veröffentlicht am 5. Juli 2019 auf LeftVoice.org.

Weiterführende Artikel

Fußnoten

  1.  Asad Haider, “Mistaken Identity: Race and Class in the Age of Trump,” Verso, 2018.
  2.  Asad Haider, “Zombie Manifesto,” Verso Blog, 1. September 2018.
  3.  Melissa Naschek, “The Identity Mistake,” Jacobin, 28. August 2018.
  4.  Warren Montag and Joseph Serrano, “Socialism, Universalism and Anti-Anti-Racism,” Left Voice, 7. Mai 2019.
  5.  ebd.
  6.  Karl Marx, “Konfidentielle Mitteilung”, 28. März 1870.
  7.  Der zweite Kongress der kommunistischen Internationale, Protokoll der Verhandlungen vom 19.Juli in Petrograd und vom 23.Juli bis 7.August 1920 in Moskau (S. 157, 2. Absatz):
    Die Redaktion hat sich vorbehalten, den verwendeten Begriffe für Schwarze zu ersetzen.http://ciml.250x.com/archive/comintern/german/2_congress_of_the_communist_international%20_1921_german.pdf
  8.  Leon Trotsky, “On Black Nationalism, Documents on the Negro Struggle.”

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