Hintergründe

Feminismus, Intersektionalität und Marxismus: Debatten über Geschlecht, „race“ und Klasse

Intersektionalität ist in der Wissenschaft, im feministischen Aktivismus und in sozialen Bewegungen ein häufig gebrauchtes Wort. Doch was sagt es über die Ursachen der sich überschneidenden Unterdrückungen und vor allem über Wege der Emanzipation aus?

Feminismus, Intersektionalität und Marxismus: Debatten über Geschlecht, „race“ und Klasse

Inter­sek­tion­al­ität ist in der Wis­senschaft, im fem­i­nis­tis­chen Aktivis­mus und in sozialen Bewe­gun­gen ein häu­fig gebraucht­es Wort. Ter­ry Eagle­ton stellte fest, dass „Klasse, ‚race‘ und Geschlecht“ die „heilige Dreifaltigkeit” zeit­genös­sis­ch­er The­o­rie darstell­ten1. Doch ist oft nicht klar, was Inter­sek­tion­al­ität eigentlich aus­macht, wenn von ihr gesprochen wird. Han­delt es sich um eine The­o­rie oder eine empirische Beschrei­bung? Wirkt Inter­sek­tion­al­ität im Rah­men der indi­vidu­ellen Sub­jek­tiv­ität oder analysiert sie Sys­teme der Dom­i­nanz? Und: Was sagt sie über die Ursachen der sich über­schnei­den­den Unter­drück­un­gen und vor allem über Wege der Emanzi­pa­tion aus?

Obwohl Über­legun­gen zum Ver­hält­nis von Geschlecht, “race“2 und Klasse bere­its lange zuvor in den Debat­ten des Marx­is­mus und der Linken existierten, wurde der Begriff der Inter­sek­tion­al­ität erst­mals in einem 1989 von der Schwarzen Juristin und Fem­i­nistin Kim­ber­lé Cren­shaw3 veröf­fentlicht­en Artikel als ein Konzept definiert. Sie wollte damit eine Antwort auf diese Beziehung im Bere­ich des Antidiskri­m­inierungsrechts in den Vere­inigten Staat­en geben. Ein Aus­gangspunkt, der zweifel­los die Grundzüge des Konzepts prägte, wie wir später sehen wer­den. Sein wichtig­stes Vor­bild sind jedoch die Aus­führun­gen Schwarz­er Fem­i­nistin­nen der 1970er Jahre, wie z. B. des Com­ba­hee Riv­er Col­lec­tive, die im Rah­men der zweit­en Welle des Fem­i­nis­mus und der poli­tis­chen Radikalisierung der dama­li­gen Zeit eine „inter­sek­tionale“ Kri­tik an Befreiungs­be­we­gun­gen erhoben haben.

In diesem Artikel geben wir einen kurzen Überblick über die Entste­hungs­geschichte, die ersten Ansätze des Konzepts, seine Ver­schiebung im Zuge des Auf­stiegs des Post­mod­ernismus und die Debat­te, die sich aus sozialen Bewe­gun­gen heute ergibt. Gle­ichzeit­ig set­zen wir aus­ge­hend vom Marx­is­mus einen kri­tis­chen Kon­tra­punkt zu den Inter­sek­tion­al­ität­s­the­o­rien.

1. Das Combahee River Collective und die Schwarzen Feministinnen

Im Jahr 1977 wurde das Man­i­fest des Com­ba­hee Riv­er Col­lec­tive veröf­fentlicht. Der Name war eine Hom­mage an die mutige Mil­itärak­tion, die die Ex-Sklavin und Abo­li­tion­istin (Kämpferin gegen die Sklaverei, A.d.Ü.) Har­ri­et Tub­man im Jahr 1863 ange­führt hat­te, bei der 750 Sklav*innen trotz feindlichen Kanonen­feuers befre­it wur­den. Sie war die einzige Frau, die während des amerikanis­chen Bürger*innenkriegs eine Armeeein­heit führte.

Schwarze Fem­i­nistin­nen der 1970er Jahre ver­standen sich als Teil ein­er his­torischen Tra­di­tion des Kampfes der Schwarzen Frauen seit dem 19. Jahrhun­dert. In ihrem Buch Women, Race and Class4 bekräftigt Angela Davis ihre Rolle in der abo­li­tion­is­tis­chen Bewe­gung in den Vere­inigten Staat­en. Sojourn­er Truth ging mit ihrer Rede auf der Frauen­recht­skon­ferenz in Ohio 1851 in die Geschichte ein. Ein Mann hat­te argu­men­tiert, dass Frauen nicht wählen soll­ten, weil sie das „schwächere Geschlecht“ seien, worauf Sojourn­er Truth entsch­ieden reagierte:

Ich habe gepflügt, gepflanzt und die Ernte einge­bracht, und kein Mann hat mir gesagt, was zu tun war! Bin ich etwa keine Frau? Ich kon­nte so viel arbeit­en und so viel essen wie ein Mann wenn ich genug bekam – und die Peitsche kon­nte ich genau­so gut ertra­gen! Bin ich etwa keine Frau? Ich habe dreizehn Kinder geboren und erlebt, wie die meis­ten von ihnen in die Ver­sklavung verkauft wur­den […]. Bin ich etwa keine Frau?

Ihre Antwort forderte das patri­ar­chale Nar­ra­tiv her­aus, das „Weib­lichkeit“ kon­stru­ierte und Frauen als schwache Wesen darstellte, die „natür­lich“ min­der­w­er­tig und unfähig seien, die poli­tis­che Staatsbürger*innenschaft auszuüben. Aber es war auch eine Infragestel­lung der weißen Suf­fraget­ten, da viele von ihnen die Forderun­gen der Schwarzen Frauen und der arbei­t­en­den Frauen außen vor ließen.

Mitte der 70er Jahre beschlossen mehrere Schwarze Frauen, diese Tra­di­tion wieder aufzunehmen und mil­i­tante Grup­pen zu grün­den, nach­dem sie schlechte Erfahrun­gen in der weißen fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung und in Organ­i­sa­tio­nen zur Befreiung Schwarz­er Men­schen gemacht hat­ten. Mit der Veröf­fentlichung des Man­i­fests des Com­ba­hee Riv­er Col­lec­tive stell­ten Schwarze Fem­i­nistin­nen gle­ichzeit­ig den weißen Fem­i­nis­mus, die Schwarze Bewe­gung und den bürg­er­lichen Schwarzen Fem­i­nis­mus der NBFO (Nation­al Black Fem­i­nist Orga­ni­za­tion) infrage.

Aus­gangspunkt stellte die gemein­same Erfahrung ein­er Gle­ichzeit­igkeit von Unter­drück­un­gen dar – die Tri­ade von Klasse, „race“ und Geschlecht, zu der auch die Unter­drück­ung auf­grund der sex­uellen Ori­en­tierung kam. Aus dieser Posi­tion her­aus übten sie eine Kri­tik an der fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung, in der der Radikalfem­i­nis­mus hege­mo­ni­al war. Diese Strö­mung inter­pretierte soziale Wider­sprüche durch den Gegen­satz zwis­chen „sex­uellen Klassen“5 und räumte einem Dom­i­nanzsys­tem – dem Patri­ar­chat – absolute Pri­or­ität gegenüber allen anderen ein6. Mit der Infragestel­lung der Vor­rang­stel­lung der Unter­drück­ung auf­grund von Geschlecht oder Sex­u­al­ität gegenüber Ras­sis­mus und Aus­beu­tung set­zten sich die Schwarzen Fem­i­nistin­nen auch mit den Strö­mungen auseinan­der, die offen sep­a­ratis­tisch waren oder einen „Krieg der Geschlechter“ aus­riefen. Diese Strö­mungen, die im Fem­i­nis­mus der späten 1970er Jahre erstarkt waren, definierten sie als eine von den Inter­essen der weißen bürg­er­lichen Frauen geführte Bewe­gung. Sie argu­men­tierten auch, dass jede Art von biol­o­gis­tis­ch­er Deter­minierung der Iden­tität zu reak­tionären Posi­tio­nen führen könne.

Auch wenn wir Fem­i­nistin­nen und Les­ben sind, sind wir sol­i­darisch mit pro­gres­siv­en Schwarzen Män­nern und set­zen uns nicht für eine von weißen Sep­a­ratistin­nen geforderte Abspal­tung ein.7

In ihrem Buch Fem­i­nism is for every­body argu­men­tiert die Schwarze Fem­i­nistin bell hooks, dass durch Debat­ten um Ras­sis­mus und Aus­beu­tung „utopis­che Visio­nen der Schwest­ern­schaft“ und die ahis­torische Def­i­n­i­tion von Patri­ar­chat infrage gestellt wur­den. Sie bilanziert, dass „die weißen Frauen, die ver­sucht haben, die Bewe­gung um die Idee der gemein­samen Unter­drück­ung herum zu organ­isieren und die vorgeschla­gen haben, dass Frauen eine sex­uelle Klasse oder Kaste bilden, sich am meis­ten wehrten, Unter­schiede zwis­chen Frauen zuzugeben“. Die Polemik mit sep­a­ratis­tis­chen Strö­mungen inner­halb der Bewe­gung wird auch hier deut­lich:

Sie porträtierten alle Män­ner als Feind, um alle Frauen als Opfer zu repräsen­tieren. Die Fokussierung auf Män­ner lenk­te die Aufmerk­samkeit von den Klassen­priv­i­legien einiger fem­i­nis­tis­ch­er Aktivistin­nen ab, eben­so wie von ihrem Wun­sch, ihre Klassen­macht zu erweit­ern.

Im CRC-Man­i­fest war der Kampf für die Emanzi­pa­tion der Schwarzen Frauen und der Schwarzen Bevölkerung vom Kampf gegen das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem nicht zu tren­nen. Deshalb haben sie sich aus­drück­lich am Kampf für den Sozial­is­mus beteiligt:

Uns ist bewusst, dass die Befreiung aller unter­drück­ten Völk­er sowohl die Zer­störung der poli­tisch-wirtschaftlichen Sys­teme des Kap­i­tal­is­mus und Impe­ri­al­is­mus als auch die Zer­störung des Patri­ar­chats erfordert. Wir sind Sozial­istin­nen, weil wir glauben, dass die Arbeit für den kollek­tiv­en Nutzen der­jeni­gen struk­turi­ert sein sollte, die Arbeit leis­ten und die Pro­duk­te her­stellen […]. Allerd­ings sind wir nicht davon überzeugt, dass eine sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion, die nicht auch eine fem­i­nis­tis­che und anti-ras­sis­tis­che Rev­o­lu­tion ist, unsere Befreiung gewährleis­ten wird.

In Bezug auf den Marx­is­mus haben sie erk­lärt, dass sie grund­sät­zlich mit Marx’ The­o­rie über „die spez­i­fis­chen wirtschaftlichen Zusam­men­hänge“ übere­in­stim­men, aber der Ansicht sind, dass die Analyse „weit­er aus­ge­baut wer­den [muss], um unsere spez­i­fis­che wirtschaftliche Sit­u­a­tion als Schwarze Frauen ver­ständlich machen zu kön­nen“. Es sei darauf hingewiesen, dass sie zwar die Notwendigkeit ein­er sozial­is­tis­chen Rev­o­lu­tion benan­nten, sich die prak­tis­chen Auf­gaben, die sie als Gruppe vorschlu­gen, jedoch haupt­säch­lich auf Selb­ster­fahrungswork­shops und den Kampf für konkrete Rechte Schwarz­er Frauen in den Nach­barschaften beschränk­ten.

Im Man­i­fest erscheint der Begriff der Iden­tität­spoli­tik als Antwort auf die spez­i­fis­che Art und Weise, wie Schwarze Frauen Unter­drück­ung erfahren. Die Erken­nung der eige­nen Iden­tität wird als notwendi­ges Moment her­vorge­hoben, um sich in der Folge mit anderen Befreiungs­be­we­gun­gen zusam­men­zuschließen. Es bestand also eine Span­nung zwis­chen der Bil­dung ein­er dif­feren­zierten Iden­tität und dem Zusam­men­schluss mit anderen Unter­drück­ten für den Kampf gegen ein Sys­tem, das For­men der ökonomis­chen, sex­is­tis­chen und ras­sis­tis­chen Herrschaft kom­biniert.

Einige Jahre später, als sich der soziale, poli­tis­che und ide­ol­o­gis­che Kon­text mit dem Aufkom­men des Neolib­er­al­is­mus und des Post­mod­ernismus drastisch verän­derte, bekam das Konzept der Inter­sek­tion­al­ität eine neue Bedeu­tung. Die radikale Trans­for­ma­tion der Gesellschaft war nicht mehr an der Tage­sor­d­nung, der Moment des kollek­tiv­en Han­delns löste sich allmäh­lich auf. Die Ver­bre­itung dif­feren­ziert­er „Iden­titäten“ und die Forderung nach ein­er Poli­tik der Anerken­nung inner­halb der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft gewan­nen an Gewicht.

2. Intersektionalität als Kategorie der Diskriminierung

Kim­ber­lé Cren­shaw definierte erst­mals 1989 das Konzept der Inter­sek­tion­al­ität. Sie wies damals darauf hin, dass die getren­nte Behand­lung von ras­sis­tis­ch­er und sex­is­tis­ch­er Diskri­m­inierung als „sich gegen­seit­ig auss­chließende Erfahrungs- und Analy­sekat­e­gorien“ prob­lema­tis­che Fol­gen für die Rechtswis­senschaft, die fem­i­nis­tis­che The­o­rie und die anti­ras­sis­tis­che Poli­tik habe. Aus diesem Grund schlug sie vor, „die Mul­ti­di­men­sion­al­ität der Erfahrung Schwarz­er Frauen mit dem eindi­men­sion­alen Analy­ser­ah­men, der diese Erfahrun­gen verz­er­rt, in Kon­trast zu set­zen“.

Sie wies damit darauf hin, dass jede Konzep­tu­al­isierung, die auf ein­er eindi­men­sion­alen Achse der Diskri­m­inierung (sei es auf­grund von “race”, Geschlecht, Sex­u­al­ität oder Klasse) basiert, Schwarze Frauen von der Möglichkeit, sich darin wiederzuerken­nen und Diskri­m­inierung zu bekämpfen, aus­gren­zt und die Analyse auf die Erfahrun­gen von priv­i­legierten Mit­gliedern jed­er Gruppe beschränkt. Das heißt: Ras­sis­mus wird ten­den­ziell aus der Sicht von Schwarzen mit Geschlechts- oder Klassen­priv­i­legien gese­hen und bei Sex­is­mus liegt der Schw­er­punkt auf weißen Frauen mit wirtschaftlichen Ressourcen. „Da die inter­sek­tionale Erfahrung mehr ist als die Summe von Ras­sis­mus und Sex­is­mus, kann keine Analyse, die Inter­sek­tion­al­ität auss­part, den spez­i­fis­chen Prozess, der Schwarze Frauen unterord­net, angemessen adressieren.“

In ihrer Analyse unter­sucht Cren­shaw, wie mehrere Kla­gen Schwarz­er Frauen von der Jus­tiz abgelehnt wur­den. Ein­er der Fälle, die sie analysiert, ist DeGraf­fen­reid vs. Gen­er­al Motors (GM). Fünf Frauen verk­lagten den multi­na­tionalen Konz­ern, dem sie Diskri­m­inierung am Arbeit­splatz vor­war­fen, da sie als Schwarze Frauen nicht in bessere Arbeitsver­hält­nisse befördert wur­den. Das Gericht wies die Klage mit der Begrün­dung ab, dass eine Diskri­m­inierung nicht fest­gestellt wer­den könne, weil es sich um „Schwarze Frauen“ han­dele, die juris­tisch gese­hen keine Gruppe darstell­ten, die ein­er beson­deren Diskri­m­inierung aus­ge­set­zt sei. Stattdessen willigte es ein, zu unter­suchen, ob es zu ein­er Diskri­m­inierung ent­lang der Kat­e­gorie „race“ oder Geschlecht gekom­men war, aber „nicht auf­grund ein­er Kom­bi­na­tion der bei­den“. Schließlich stellte das Gericht fest, dass nicht anhand geschlechtsspez­i­fis­ch­er Merk­male diskri­m­iniert wor­den war, da GM Frauen – weiße Frauen – eingestellt hat­te. Und weil GM auch Schwarze Men­schen – Schwarze Män­ner – eingestellt hat­te, lag der Auf­fas­sung des Gerichts zufolge auch keine ras­sis­tis­che Diskri­m­inierung vor. Die Klage der Schwarzen Frauen war nicht erfol­gre­ich. Das Gericht beschied, dass eine Annahme ihrer Klage eine „Büchse der Pan­do­ra“ geöffnet hätte.

Cren­shaw machte darauf aufmerk­sam, dass das Ziel von Inter­sek­tion­al­ität darin beste­ht, anzuerken­nen, dass Schwarze Frauen auf kom­plexere Art und Weise Diskri­m­inierung erfahren kön­nen und dass ein konzep­tionell ein­seit­iger Rah­men es nicht erlaubt, diese zu the­ma­tisieren. Ende der 80er Jahre erschien dann das Inter­sek­tion­al­ität­skonzept als eine Kat­e­gorie, um Diskri­m­inierungser­fahrun­gen zu erfassen – mit dem Ziel, eine neue Recht­sprechung zu etablieren, die es dem Staat ermöglichen würde, „Diver­sität­spoli­tik“ zu regle­men­tieren.

Später definierte die US-amerikanis­che Sozi­olo­gin und im Bere­ich des Schwarzen Fem­i­nis­mus Lehrende Patri­cia Hill Collins Inter­sek­tion­al­ität als „eine unver­wech­sel­bare Rei­he von sozialen Prak­tiken, die unsere jew­eilige Geschichte inner­halb ein­er einzi­gen Herrschafts­ma­trix begleit­en, die durch inter­sek­tionale Unter­drück­ung gekennze­ich­net ist“8. In diesem Fall beschreibt Inter­sek­tion­al­ität ein Pro­jekt der „sozialen Gerechtigkeit“, das nach Zusam­men­führun­gen und Koali­tio­nen mit anderen „Pro­jek­ten der sozialen Gerechtigkeit“ strebt.

Das Konzept der Inter­sek­tion­al­ität wurde dann von vie­len anderen Schwarzen, lateinamerikanis­chen und asi­atis­chen fem­i­nis­tis­chen Intellek­tuellen im Rah­men der Ausweitung der Frauen­forschung in der Wis­senschaft weit­er­en­twick­elt. Inter­sek­tion­al­ität wurde zu einem Mod­e­wort auf Kon­gressen und Sym­posien; es wur­den Forschungsabteilun­gen und NGOs gegrün­det, um inter­sek­tionale Unter­suchun­gen in den Bere­ichen Wirtschaft, Recht, Sozi­olo­gie, Kul­tur und Ver­wal­tung zu entwick­eln. Zur Tri­ade von Geschlecht, „race“ und Klasse kamen weit­ere Vek­toren der Unter­drück­ung – wie Sex­u­al­ität, Nation­al­ität, Alter oder Funk­tionale Diver­sität – hinzu. Und während somit eine große Sicht­barkeit für die spez­i­fis­che Sit­u­a­tion der mehrfach unter­drück­ten Grup­pen und Com­mu­ni­ties ermöglicht wurde, geschah diese Entwick­lung para­dox­er­weise im Rah­men eines Kli­mas der Res­ig­na­tion gegenüber kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaftsstruk­turen, die nun als unmöglich infrage zu stellen wahrgenom­men wur­den.

3. Intersektionalität, Identitätspolitik und multiple Unterschiede

Der Auf­stieg der Inter­sek­tion­al­itäts­forschung in der Wis­senschaft fällt mit dem Beginn ein­er neuen his­torischen Phase zusam­men, die das intellek­tuelle und poli­tis­che Kli­ma im Neolib­er­al­is­mus voll­ständig verän­dert hat. Die Peri­ode der „bürg­er­lichen Restau­ra­tion“9 oder der Hochkon­junk­tur des Neolib­er­al­is­mus bedeutete einen generellen Angriff auf die Errun­gen­schaften der Arbeiter*innenklasse weltweit. Die Pri­vatisierungs- und Dereg­ulierungspoli­tik bah­nte sich angesichts des Ver­rrats der gew­erkschaftlichen und poli­tis­chen Führun­gen der Arbeiter*innenklasse auf über­wälti­gende Weise den Weg. Dies führte zu ein­er stärk­eren inter­nen Zer­split­terung der Arbeiter*innenklasse und zu einem enor­men Ver­lust an Klassen­sub­jek­tiv­ität.

In diesem neuen Kon­text fand eine Ver­schiebung des Ver­ständ­niss­es von Inter­sek­tion­al­ität statt: An die Stelle der Radikalität der Schwarzen und sozial­is­tis­chen Fem­i­nistin­nen des Com­ba­hee Riv­er Col­lec­tive trat angesichts der wach­senden Frag­men­tierung der Sub­jek­te eine For­mulierung der Inter­sek­tion­al­ität aus dem Blick­winkel der Post­mod­erne. Die Idee der Inter­sek­tion­al­ität wurde somit der­jeni­gen der “Diver­sität” und der “Iden­tität­spoli­tik” immer ähn­lich­er.

Mit dieser For­mulierung fand in einem Prozess der “Kul­tur­al­isierung” der Herrschaftsver­hält­nisse eine Ver­schiebung vom Kollek­tiv­en zum Indi­vidu­ellen und vom Materiellen zum Sub­jek­tiv­en statt. So ver­fes­tigte sich die Idee, dass der Kampf der unter­drück­ten Grup­pen grund­sät­zlich dadurch stat­tfinde, dass sie ihre eigene Iden­tität erken­nen – ein „situ­iertes Wis­sen“ kon­sti­tu­ieren –, damit die priv­i­legierten Grup­pen (Män­ner, weiße Frauen, het­ero­sex­uelle Frauen usw.) ihre Priv­i­legien „dekon­stru­ieren“ und Diver­sität anerken­nen kön­nen. Im Rah­men der post­mod­er­nen “Kul­tur­wende” wer­den Iden­titäten so dargestellt, als seien sie auss­chließlich aus dem Diskurs kon­stru­iert wor­den, wodurch sich die Möglichkeit­en des Wider­standes dann auch nur auf die Ausübung ein­er alter­na­tiv­en Erzäh­lung beschränken.

Diese Per­spek­tive lässt sich jedoch nicht auf die Frage der Aus­beu­tung anwen­den: Oder kann man von den Besitzer*innen der Pro­duk­tion­s­mit­tel, den Bankiers und Kapitalist*innen erwarten, dass sie ihre Macht durch eine Selb­stre­flex­ion­sübung „dekon­stru­ieren“? Der Ansatz ist eigentlich auch nicht als Strate­gie zur Über­win­dung von Ras­sis­mus, Het­ero­sex­is­mus und Machis­mus geeignet, es sei denn, man würde diese “Herrschaft­sach­sen” als voneinan­der getren­nte Ein­heit­en betra­cht­en, die auss­chließlich im kul­turellen oder ide­ol­o­gis­chen Bere­ich Auswirkun­gen hät­ten und nicht mit den materiellen und struk­turellen Ver­hält­nis­sen des Kap­i­tal­is­mus ver­flocht­en wären.

Zudem führte die Vervielfäl­ti­gung ein­er immer umfan­gre­icheren Rei­he von unter­drück­ten Iden­titäten, ohne die Per­spek­tive ein­er radikalen Trans­for­ma­tion der kap­i­tal­is­tis­chen Ver­hält­nisse, auf denen diese Unter­drück­un­gen beruhen, zu Prak­tiken der „Ghet­toisierung“ und des Sep­a­ratismus im Aktivis­mus. Patri­cia Hill Collins warnte vor dem Prob­lem:

Es wurde ein Schw­er­punkt auf die Akku­mu­la­tion der Samm­lung von unter­drück­ten Iden­titäten gelegt, die wiederum zu ein­er gesamten Hier­ar­chie der Unter­drück­ung führte. Diese Hier­ar­chie war nicht nur destruk­tiv, son­dern auch spal­tend und demo­bil­isierend. (.…) Viele Frauen haben sich in eine „Ghet­to-Lifestyle-Poli­tik“ zurück­ge­zo­gen und sehen sich außer­stande, sich über indi­vidu­elle und per­sön­liche Erfahrun­gen hin­aus zu bewe­gen.10

Die Kehr­seite dieser Ohn­macht war, dass sich das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem die explo­sion­sar­tige Aus­bre­itung der „Diver­sität“ in Form eines Mark­tes der Iden­titäten aneignete. So kon­nte der Kap­i­tal­is­mus sie soweit assim­i­lieren, wie sie nicht mehr das Gesellschaftssys­tem als Ganzes in den Blick nah­men. Ter­ry Eagle­ton wies in Bezug auf die Post­mod­erne darauf hin, dass

ihre einzige bleibende Errun­gen­schaft – näm­lich daß mit ihrer Hil­fe Fra­gen der Sex­u­al­ität, des Geschlechts oder der Eth­niz­ität so entsch­ieden auf die poli­tis­che Tage­sor­d­nung geset­zt wur­den, daß man sich nicht vorstellen kann, wie sie ohne einen enor­men Kampf wieder aufgegeben wür­den – daß diese Leis­tung lediglich ein Ersatz für eher klas­sis­che For­men radikaler Poli­tik war, die sich mit Klasse, Staat, Ide­olo­gie, Rev­o­lu­tion oder den materiellen Pro­duk­tionsver­hält­nis­sen befaßte11.

In ein­er Fußnote stellte er jedoch klar, dass es nicht die post­mod­er­nen Intellek­tuellen waren, die diese The­men auf die poli­tis­che Tage­sor­d­nung geset­zt hat­ten, son­dern die ihnen vor­ange­gan­genen sozialen Bewe­gun­gen in den Kämpfen der 60er und 70er Jahre. Sich­er ist, dass, nach­dem diese Welle der poli­tis­chen Radikalisierung gescheit­ert war, die Aufmerk­samkeit zunahm, die die Fra­gen von Ras­sis­mus, Sex­is­mus und Homo­pho­bie erregten, während gle­ichzeit­ig die Zuge­hörigkeit zu ein­er Klasse immer mehr in Vergessen­heit geri­et (bis zu dem Punkt, dass einige sog­ar vom Ver­schwinden der Arbeiter*innenklasse als solche sprachen).

4. Der Rückzug aus der Klassenpolitik

In der Tri­ade von Klasse, „race“ und Geschlecht neigte erstere dazu, aufgelöst oder in eine weit­ere Iden­tität umge­wan­delt zu wer­den, als wäre sie eine Kat­e­gorie der sozialen Schich­tung (nach Einkom­men) oder eine Art aus­geübter Beruf. Mar­ta E. Giménez12 führt aus, dass eines der kennze­ich­nen­den Ele­mente der Inter­sek­tion­al­ität­s­the­o­rie die Annahme ist, dass „zur The­o­retisierung dieser Zusam­men­hänge die These der Gle­ich­w­er­tigkeit von Unter­drück­un­gen vertreten wer­den muss“, was jedoch zur Aus­löschung der Beson­der­heit­en des Klassen­ver­hält­niss­es führt.

Demge­genüber ist es notwendig, zu erläutern, dass „race“, Geschlecht und Klasse eben keine direkt ver­gle­ich­baren Kat­e­gorien sind. Das bedeutet nicht, Ungerechtigkeit­en zu hier­ar­chisieren oder zu bes­tim­men, welche von größer­er Bedeu­tung für die sub­jek­tive Erfahrung der mehrfach Unter­drück­ten ist; es geht darum, ein besseres Ver­ständ­nis für das Ver­hält­nis zwis­chen Unter­drück­ung und Aus­beu­tung in ein­er kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft zu schaf­fen.

So funk­tion­ieren beispiel­sweise Klasse, „race“ und Geschlecht in Bezug auf „Gle­ich­heit“ und „Dif­ferenz“ sehr unter­schiedlich. His­torisch gese­hen hat die Bour­geoisie immer ver­sucht, die „soziale Dif­ferenz“ der Klasse hin­ter ein­er „gle­ich­heitlichen“ Ide­olo­gie des „freien Arbeitsver­hält­niss­es“ so weit wie möglich zu ver­steck­en. Doch nutzt sie Ras­sis­mus und Sex­is­mus, um “Dif­feren­zen” zu markieren, die biol­o­gisch oder „natür­lich“ bed­ingt seien, um Ungle­ich­heit­en bei der Verteilung von Ressourcen und beim Zugang zu Recht­en zu recht­fer­ti­gen, und um das Fortbeste­hen ein­er bes­timmten Arbeit­steilung oder schlicht und ergreifend die Ver­sklavung und Ent­men­schlichung von Mil­lio­nen von Men­schen zu vertei­di­gen.

Aus ein­er emanzi­pa­torischen Sicht sollen keine Unter­schiede in Haut­farbe, Geburt­sort, biol­o­gis­chem Geschlecht oder sex­ueller Ori­en­tierung als Grund­lage für Unter­drück­ung, Benachteili­gung oder Ungle­ich­heit dienen. Gle­ichzeit­ig sollen Diver­sität anerkan­nt und die Entwick­lung des kreativ­en Poten­tials aller Indi­viduen im Rah­men der gesellschaftlichen Zusam­me­nar­beit gefördert wer­den. Aber im Falle von Klasse­nun­ter­schieden geht es darum, sie als solche zu beseit­i­gen, d.h. dass sie gar nicht mehr existieren. Die Arbeiter*innenklasse strebt durch den Kampf gegen die kap­i­tal­is­tis­chen Ver­hält­nisse die Abschaf­fung des Pri­vateigen­tums an Pro­duk­tion­s­mit­teln an, was die Abschaf­fung der Bour­geoisie als Klasse und die Möglichkeit der Abschaf­fung der gesamten Klas­sen­ge­sellschaft bein­hal­tet.

Der soziale Unter­schied zwis­chen den Besitzer*innen der Pro­duk­tion­s­mit­tel und denen, die gezwun­gen sind, ihre Arbeit­skräfte gegen ein Gehalt zu verkaufen, struk­turi­ert die kap­i­tal­is­tis­che Gesellschaft – jen­seits aller Ver­suche, diesen Wider­spruch unsicht­bar zu machen. Patri­ar­chale Beziehun­gen – die Jahrtausende vor dem Kap­i­tal­is­mus ent­standen sind – und Ras­sis­mus sind keine ahis­torischen Gebilde, son­dern haben im Rah­men der kap­i­tal­is­tis­chen Ver­hält­nisse neue For­men und einen spez­i­fis­chen sozialen Inhalt erhal­ten.

Der Kap­i­tal­is­mus nutzt patri­ar­chale Vorurteile, um mehr als je zuvor eine Tren­nung zwis­chen dem „Öffentlichen“ und dem „Pri­vat­en“, zwis­chen dem Pro­duk­tions­bere­ich und dem häus­lichen Bere­ich zu etablieren, in dem Frauen – als unsicht­bare Arbeit – einen großen Teil der Auf­gaben der sozialen Repro­duk­tion der Arbeit­skraft übernehmen, die für die Repro­duk­tion des Kap­i­tals notwendig sind. Insti­tu­tio­nen wie die Fam­i­lie, die Ehe oder die Het­ero­nor­ma­tiv­ität, die unter den neuen gesellschaftlichen Ver­hält­nis­sen auch neu definiert wur­den, machen diese Rolle für Frauen gesellschafts­fähig und nat­u­ral­isieren sie. Die vielfälti­gen Erschei­n­ungs­for­men der geschlechtsspez­i­fis­chen Unter­drück­ung und die quälen­den Prob­leme, die sie für Mil­lio­nen von Frauen durch Gewalt oder Fem­i­nizide mit sich brin­gen, “reduzieren” sich nicht auf Klassen­ver­hält­nisse, aber sie kön­nen auch nicht erk­lärt wer­den, ohne die Kat­e­gorien von Unter­drück­ung und Aus­beu­tung in Beziehung zu set­zen.

Ras­sis­mus wurde benutzt, um die Ver­sklavung von Mil­lio­nen von Men­schen ide­ol­o­gisch zu recht­fer­ti­gen, während die Aufk­lärung die Ideen von „Frei­heit“, „Gle­ich­heit“ und „Brüder­lichkeit“ zur Grund­lage der „Men­schen­rechte“ ernan­nte. Ras­sis­mus begleit­ete und ver­stärk­te das große kolo­nial­is­tis­che Vorhaben der impe­ri­al­is­tis­chen Staat­en sowie den inter­nen Völk­er­mord — im Falle der USA an indi­ge­nen Völk­ern. In dem Land war und ist Ras­sis­mus nach dem Bürger*innenkrieg und der Abschaf­fung der Sklaverei bis heute der Grund für die Aus­gren­zung eines großen Teils der Bevölkerung, der als „Bürger*innen zweit­er Klasse“ und „Arbeiter*innen zweit­er Klasse“ behan­delt wird, was die Spal­tung inner­halb der US-amerikanis­chen Arbeiter*innenklasse vorantreibt. Wie die Schwarzen Fem­i­nistin­nen anprangerten, verbinden sich Ras­sis­mus und Sex­is­mus auf meis­ter­hafte Art und Weise, um die kap­i­tal­is­tis­chen Prof­ite zu max­imieren: Es ist ein Fakt, dass die Löhne für Schwarze und lateinamerikanis­che Arbeiter*innen in den Vere­inigten Staat­en noch geringer aus­fall­en, eben­so wie insti­tu­tionelle und polizeiliche Gewalt gegen Schwarze Jugendliche. Diese Verbindun­gen kommt im Übri­gen wieder auf, um die ras­sis­tis­che und frem­den­feindliche Poli­tik gegen Migrant*innen in Europa, die dort wie Arbeiter*innen zweit­er Klasse behan­delt wer­den und keine sozialen und demokratis­chen Grun­drechte haben, zu unter­stützen.

5. Marxismus und Intersektionalität

In Das Kap­i­tal schrieb Marx: „Arbeit in weißer Haut kann sich nicht dort emanzip­ieren, wo sie in schwarz­er Haut gebrand­markt wird.“ In einem früheren Werk hat­te er – Charles Fouri­er para­phrasierend – zusam­men mit Engels ange­führt: „Die Verän­derung ein­er geschichtlichen Epoche läßt sich immer noch aus dem Ver­hält­nis des Fortschritts der Frauen zur Frei­heit bes­tim­men […].Der Grad der weib­lichen Emanzi­pa­tion ist das natür­liche Maß der all­ge­meinen Emanzi­pa­tion“. Zudem hat­te Engels in Die Lage der arbei­t­en­den Klasse in Eng­land die Real­ität der arbei­t­en­den Frauen, die in Massen in die kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion eingestiegen waren und durch Unter­drück­ung und Aus­beu­tung dop­pelt Ungerechtigkeit erfuhren, konkret analysiert. In Der Ursprung der Fam­i­lie, des Pri­vateigen­tums und des Staates nahm Engels die unvoll­ständi­gen eth­nol­o­gis­chen Stu­di­en seines Fre­un­des auf, um die his­torische Entwick­lung der Insti­tu­tion Fam­i­lie und der Unter­drück­ung von Frauen zu analysieren.

Der rev­o­lu­tionäre Marx­is­mus hat das Ver­hält­nis zwis­chen Aus­beu­tung und Unter­drück­ung aber auch in ander­er Hin­sicht analysiert. Zum Beispiel, als Marx und Engels darauf hin­wiesen, dass das englis­che Pro­le­tari­at nicht frei sein könne, solange seine Rechte auf der Unter­drück­ung der irischen Arbeiter*innen beruht­en. Oder später, als Lenin argu­men­tierte, dass ein Volk, das ein anderes Volk unter­drückt, nicht frei sein könne und das Recht auf die Selb­st­bes­tim­mung der Natio­nen sowie den Kampf gegen die kolo­niale Unter­drück­ung der Völk­er vertei­digte.

In einem kri­tis­chen Artikel über die Inter­sek­tion­al­ität­s­the­o­rie argu­men­tiert Lise Vogel richtiger­weise, dass die sozial­is­tis­chen Fem­i­nistin­nen der 60er und 70er – bere­its bevor der Begriff Inter­sek­tion­al­ität in Mode kam – die Kreuzung zwis­chen Patri­ar­chat, Ras­sis­mus und Kap­i­tal­is­mus aufgezeigt hat­ten. An dieser Stelle muss hinzuge­fügt wer­den, dass sich schon lange davor eine bemerkenswerte Tra­di­tion des sozial­is­tis­chen fem­i­nis­tis­chen Denkens entwick­elt hat­te: von Flo­ra Tris­tan über Engels und Clara Zetkin, die rus­sis­chen Rev­o­lu­tionärin­nen und viele andere; diese Strö­mung mate­ri­al­isierte sich in wichti­gen inter­na­tionalen Kon­feren­zen sozial­is­tis­ch­er Frauen, in Pro­gram­men und Organ­i­sa­tio­nen von Arbei­t­erin­nen und Bäuerin­nen. Das von Leo Trotz­ki geschriebene und 1938 von der Vierten Inter­na­tionale angenommene Über­gang­spro­gramm erhebt unter anderem das Ban­ner: “Macht den Weg frei für die Jugend! Macht den Weg frei für die werk­täti­gen Frauen!”, um „bei den unter­drück­testen Schicht­en der Arbeit­erk­lasse (…) Unter­stützung (zu) suchen“.

Seit­ens der Inter­sek­tion­al­ität­s­the­o­rie wird der Marx­is­mus oft als „klassenre­duk­tion­is­tisch“ kri­tisiert. Aber die Vertei­di­gung der Zen­tral­ität ein­er „Klasse­n­analyse“ bedeutet nicht, sie auf die Aktiv­ität der Gew­erkschaften in Kämpfen um höhere Löhne zu beschränken. Das wäre eine kor­po­ratis­tis­che und ökon­o­mistis­che oder eine sehr syn­dikalis­tis­che Sicht auf Klasse. Es ist wahr, dass die Prax­is viel­er stal­in­isiert­er kom­mu­nis­tis­ch­er Parteien und Gew­erkschafts­bürokra­tien im 20. Jahrhun­dert ein Aus­druck dieser eingeschränk­ten kor­po­ratis­tis­chen Poli­tik war, was die Spal­tung zwis­chen „Klassen­poli­tik“ und dem Kampf der Bewe­gun­gen gegen Unter­drück­ung ver­schärfte. Aber nur wenn man fälschlicher­weise Stal­in­is­mus mit Marx­is­mus gle­ichge­set­zt, kann man sagen, dass Marx­is­mus die „Kreuzung“ von Klasse­naus­beu­tung und Geschlechterun­ter­drück­ung, Ras­sis­mus, kolo­nialer Unter­drück­ung oder Sex­u­al­ität nicht betra­chtet hat.

Klasse­n­analyse zielt darauf ab, jene Beziehun­gen aufzudeck­en, die die kap­i­tal­is­tis­che Gesellschaft struk­turi­eren, die auf der all­ge­meinen Abschöp­fung von Mehrw­ert für die Akku­mu­la­tion von Kap­i­tal basieren, aber auch auf der Aneig­nung der repro­duk­tiv­en Arbeit von Frauen im Haushalt sowie auf der Konzen­tra­tion von Kap­i­tal in großen Monopolen, der Expan­sion von Finanzkap­i­tal und dem Wet­tbe­werb impe­ri­al­is­tis­ch­er Staat­en, der zu glob­alen Kriegen und Aus­plün­derun­gen führt. Dazu gehört auch die Analyse, dass das Kap­i­tal „Dif­feren­zen“ nutzt und damit festschreibt; ras­sis­tis­che, frauen- und frem­den­feindliche Ide­olo­gien nährt, um so Aus­beu­tung zu max­imieren und Spal­tun­gen inner­halb der Rei­hen der Arbeiter*innenklasse zu provozieren. Diese Klasse­n­analyse, die weit davon ent­fer­nt ist, „ökonomisch reduk­tion­is­tisch“ zu sein, bein­hal­tet die Inter­ak­tion von poli­tis­chen und sozialen Ele­menten und ermöglicht ein tief­eres Ver­ständ­nis des Zusam­men­hanges von Klasse und Ras­sis­mus, Patri­ar­chat oder Het­ero­sex­is­mus.

Gle­ichzeit­ig geht damit die Erken­nt­nis ein­her, dass die Arbeiter*innenklasse – die im 21. Jahrhun­dert divers­er, ras­si­fiziert­er und fem­i­nisiert­er ist als je zuvor –, wenn sie interne Spal­tun­gen und Frag­men­tierun­gen über­winden kann, als einzige die Fähigkeit hat, die Grund­lage für die Organ­i­sa­tion ein­er neuen Gesellschaft freier Produzent*innen zu schaf­fen: das Kap­i­tal zu zer­stören und die gesamte Wirtschaft, die Indus­trie, den Verkehr und die Medi­en unter ihre Kon­trolle zu brin­gen. Der Rück­zug aus der „Klassen­poli­tik“ ist in Wahrheit die Abkehr vom Kampf gegen das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem, ohne den die schreck­lichen Ungerechtigkeit­en nicht been­det wer­den kön­nen, die durch Aus­beu­tung und Unter­drück­ung auf­grund von “race”, Geschlecht oder Sex­u­al­ität her­vorge­bracht wer­den.

Seit mit der kap­i­tal­is­tis­chen Krise im Jahre 2008 neue Wider­stands­be­we­gun­gen gegen neolib­erale Poli­tiken aufka­men, vertreten einige fem­i­nis­tis­che Aktivist*innen sowie Teile anti­ras­sis­tis­ch­er Bewe­gun­gen und der Jugend auf eine andere Art und Weise die Idee der „Inter­sek­tion­al­ität“: mit dem Ziel, dass sich ver­schiedene unter­drück­te Grup­pen zusam­men­schließen. So beze­ich­nete sich beispiel­sweise die Frauen­be­we­gung, die den 8M-Streik im Spanis­chen Staat organ­isiert, als „antikap­i­tal­is­tisch, anti­ras­sis­tisch, antikolo­nial und antifaschis­tisch“. Dies stellt zweifel­sohne einen sehr wichti­gen Schritt nach vorn auf dem Weg zu ein­er Zusam­men­führung der Kämpfe und einen Gege­nen­twurf zur Frag­men­tierungslogik dar. Die Summe oder „Inter­sek­tion“ von Wider­stands­be­we­gun­gen reicht jedoch nicht aus, wenn sie nicht mit ein­er gemein­samen Strate­gie zur Bekämp­fung des Kap­i­tal­is­mus verse­hen sind, ohne die es nicht möglich sein wird, dem Patri­ar­chat und dem Ras­sis­mus ein Ende zu set­zen.

Es geht nicht darum, „Bewe­gun­gen“ oder „Iden­titäten“ ein­er abstrak­ten und geschlecht­slosen Arbeiter*innenklasse ent­ge­gen­zuset­zen. Denn noch nie zuvor war die Arbeiter*innenklasse so stark fem­i­nisiert und ras­si­fiziert wie heute: Frauen machen 50% der Arbeiter*innenklasse aus, die somit das Gesicht von Schwarzen, lateinamerikanis­chen und asi­atis­chen Frauen hat. Der Schlüs­sel zu ein­er hege­mo­ni­alen Strate­gie beste­ht also darin, wieder eine Klassen­poli­tik in den Mit­telpunkt zu rück­en, die den Kampf gegen alle For­men der Unter­drück­ung entschlossen auf­greift. Das bedeutet, jene zu vere­inen, die der Kap­i­tal­is­mus spal­tet, und so sowohl die innere Ein­heit der Arbeiter*innenklasse zu stärken als auch mit Bewe­gun­gen, die gegen bes­timmte Unter­drück­ungs­for­men kämpfen, Bünd­nisse zu schließen. Diese Per­spek­tive ist zusam­men mit dem Kampf um die Enteig­nung der Enteigner*innen die einzige, die es uns ermöglichen kann, in Rich­tung ein­er wirk­lich freien Gesellschaft voranzuschre­it­en.

Fußnoten

(1) Eagle­ton, Ter­ry (1986): Against the Grain, Essays 1975–1985, Lon­don, Ver­so.

(2) Auf­grund der Geschichte des Kolo­nial­ras­sis­mus und des Nation­al­sozial­is­mus wird der Begriff “Rasse” hier nicht ver­wen­det, zumal auch in der deutschsprachi­gen Debat­te der Begriff “race” in sein­er englis­chen Form benutzt wird.

(3) Cren­shaw, Kim­ber­lé (1989): Demar­gin­al­iz­ing the Inter­sec­tion of Race and Sex: A Black Fem­i­nist Cri­tique of Antidis­crim­i­na­tion Doc­trine, Fem­i­nist The­o­ry and Antiracist Pol­i­tics, zitiert nach: Natasha A. Kel­ly (2019): Schwarz­er Fem­i­nis­mus. Grund­la­gen­texte, Mün­ster, Unrast.

(4) Davis, Angela (1981): Women, Race and Class.

(5) Sowohl in Bezug auf Shu­lamith Fire­stones radikalen Fem­i­nis­mus (Frauen­be­freiung und sex­uelle Rev­o­lu­tion (1987 (1970))) als auch auf Cristine Del­phys mate­ri­al­is­tis­chen Fem­i­nis­mus (Der Haupt­feind (1977)).

(6) Wie von Kate Mil­let for­muliert in: Sexus und Herrschaft (1971).

(7) Com­ba­hee Riv­er Col­lec­tive (1979): A Black Fem­i­nist State­ment, zitiert nach: Natasha A. Kel­ly (2019): Schwarz­er Fem­i­nis­mus. Grund­la­gen­texte, Mün­ster, Unrast.

(8) Hill Collins, Patri­cia (2000): Black fem­i­nism thought, New York, Rout­ledge. Eigene Über­set­zung.

(9) Alba­monte, Emilio / Maiel­lo, Matías (2011): An den Gren­zen der bürg­er­lichen Restau­ra­tion. In: Estrate­gia Inter­na­cional 27.

(10) Hill Collins, a.a.O.

(11) Eagle­ton, Ter­ry (1997): Die Illu­sio­nen der Post­mod­erne, Stuttgart/Weimar, Met­zler.

(12) Giménez, Mar­ta E. (2019): Marx, Women, and Cap­i­tal­ist Social Repro­duc­tion. In: His­tor­i­cal Mate­ri­al­ism Book Series, Band 169, Lei­den-Lon­don, Brill. Eigene Über­set­zung.

Dieser Artikel erschien zuerst in Con­tra­pun­to, der Son­ntagsaus­gabe von IzquierdaDiario.es am 24. Feb­ru­ar 2019.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.