Frauen und LGBTI*

Was für einen Feminismus brauchen wir?

Innerhalb des Feminismus werden die neoliberalen und individualistischen Varianten, die in den letzten Jahrzehnten dominant waren, von immer mehr Menschen in Frage gestellt. Wie können wir daran anknüpfen und welchen Feminismus brauchen wir? Aus der ersten Ausgabe der neuen Druckzeitung KlasseGegenKlasse.

Was für einen Feminismus brauchen wir?

Foto: Pany Rosas Protest, Argen­tinien © Kres­ta Pepe, La Izquier­da Diario

Die Frauen­be­we­gung ist weltweit – neben der glob­alen Klimabe­we­gung – die am stärk­sten wach­sende soziale Bewe­gung unser­er Zeit. Von den inter­na­tionalen Ni Una Menos-Protesten über #MeToo, die Demon­stra­tio­nen gegen eine noch restrik­ti­vere Abtrei­bungspoli­tik in Polen bis hin zu der 600 km lan­gen Men­schen­kette für Gle­ich­stel­lung in Ker­ala, Indi­en, Anfang des Jahres, an der sich mehrere Mil­lio­nen Frauen beteiligt haben: Über­all sehen wir, dass Frauen gegen geschlechtsspez­i­fis­che Unter­drück­ung und Gewalt, gegen die Aus­beu­tung und Zer­störung der Umwelt und gegen rechte und autoritäre Regierun­gen, die hart erkämpfte Rechte zurück­nehmen wollen, auf­ste­hen und sich zur Wehr set­zen.

Der Fem­i­nis­mus hat sich in den let­zten Jahrzehn­ten the­o­retisch und prak­tisch aus­d­if­feren­ziert. Im Zuge der neolib­eralen Wende ab den 1980er Jahren hat sich gesamt­ge­sellschaftlich eine zunehmende Indi­vid­u­al­isierung Bahn gebrochen, die auch in fem­i­nis­tis­chen Kon­tex­ten sicht­bar wurde und diese sog­ar oft­mals dominiert. Auf ein­mal ging es darum, dass sich Frauen indi­vidu­ell selb­st „empow­ern“ und die höch­sten Posten der Hier­ar­chie erk­lim­men soll­ten. Heute jedoch wer­den sich immer mehr Feminist*innen bewusst, dass dies nichts an den gesellschaftlichen Ver­hält­nis­sen ändert. Denn für die meis­ten von uns macht es keinen Unter­schied, wer an der Spitze großer Konz­erne ste­ht, denn wir müssen trotz­dem in Jobs arbeit­en, die uns aus­lau­gen und für die wir schlecht bezahlt wer­den.

Die gesellschaftlichen Machtver­hält­nisse im patri­ar­chalen Kap­i­tal­is­mus rück­en also zu Recht wieder in den Vorder­grund, da viele ver­standen haben, dass das Ziel ein­er verän­derten Gesellschaft nicht mit punk­tuellen Verbesserun­gen für einige Wenige erre­icht wer­den kann, während die über­große Mehrheit der Frauen weit­er­hin unter patri­ar­chalen und aus­beu­ter­ischen Struk­turen lei­det.

Es ist kein Zufall, dass es ger­ade jet­zt eine zunehmende Zahl an Feminist*innen gibt, die einen umfassenderen Ansatz für notwendig eracht­en und mit dem bürg­er­lichen und indi­vid­u­al­is­tis­chen Fem­i­nis­mus brechen wollen. Dies hat nicht zulet­zt damit zu tun, dass die Wider­sprüche im Sys­tem seit Aus­bruch der Krise 2007/08 eine neue Brisanz erhal­ten haben. Auf der einen Seite ste­ht die ange­blich erre­ichte Gle­ich­stel­lung und Inte­gra­tion der Frauen in den Arbeits­markt. Auf der anderen Seite erleben Frauen tat­säch­lich die Ungle­ich­heit­en im Leben, geprägt von schlecht­en Löh­nen, Unsicher­heit und Gewalt. Die “Lib­er­al­isierung” des Arbeits­mark­ts hat vielfach zu Prekarisierung1 geführt, von der vor allem Frauen betrof­fen sind. Wir brauchen also einen Fem­i­nis­mus, der sich damit befasst, was echte Verbesserun­gen im Leben der Massen bewirken kön­nen. Wir brauchen einen sozial­is­tis­chen Fem­i­nis­mus!

Ein wichtiger Schritt im Bruch mit dem Indi­vid­u­al­is­mus ist es, dass sich in den let­zten Jahren die Idee eines Frauen*streiks als Mit­tel für den 8. März durchge­set­zt hat. Er the­ma­tisiert, dass es die Arbeit der Mehrheit der Frauen ist, die tagtäglich dieses Sys­tem am Laufen hält, und dass ihre Macht darin liegt, sie kollek­tiv zu ver­weigern. Im Spanis­chen Staat gin­gen in den let­zten bei­den Jahren jew­eils etwa sechs Mil­lio­nen Men­schen auf die Straße. Beson­ders beein­druck­end: Die spanis­che Frauen­be­we­gung kon­nte die Gew­erkschaft­szen­tralen dazu zwin­gen, den 8. März zu einem wirk­lichen Streik­tag zu machen. Auch in der Schweiz hat dieses Jahr die größte (und erste) Mobil­isierung für einen Frauen*streik seit Jahrzehn­ten stattge­fun­den. In Deutsch­land haben sich in vie­len Städten Frauen*streikkomitees gebildet, die daran arbeit­en, den 8. März als Frauen*kampftag wiederzubeleben und zu einem echt­en Streik­tag zu machen. Sie ste­hen dabei vor der Her­aus­forderung, dass die Gew­erkschafts­führun­gen an der Sozial­part­ner­schaft fes­thal­ten, dass sie also ihre Rolle darin sehen, in rit­u­al­isierten Ver­hand­lungsrun­den mit den Bossen ein paar kleine Zugeständ­nisse her­auszu­holen, anstatt die Gew­erkschaften zum Kampfin­stru­ment der Arbeiter*innen zu machen. Dazu kommt die hart­näck­ige Behaup­tung, dass poli­tis­che Streiks ver­boten seien und dieses Ver­bot nicht durch eine Massen­be­we­gung über­wun­den wer­den könne. Diese Schranken müssen wir Feminist*innen in Deutsch­land über­winden, um den 8. März zu einem wirk­samen Frauen*streik zu machen.

Warum sozialistischer Feminismus?

Wir leben in einem patri­ar­chalen kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem, in dem Aus­beu­tung und Unter­drück­ung ineinan­der greifen und sich gegen­seit­ig ver­stärken. Aus­beu­tung bedeutet, dass eine Min­der­heit von Men­schen über Pro­duk­tion­s­mit­tel ver­fügt, also Kap­i­tal besitzt. Diese eignet sich die Pro­duk­te der Arbeit­skraft ander­er an und schöpft daraus Prof­it, indem sie den Arbeiter*innen als Lohn weniger aus­bezahlt, als diese mit ihrer Arbeit­skraft an Wert pro­duzieren. Es geht hier­bei also um ein Ver­hält­nis zwis­chen zwei Klassen: die Kapitalist*innenklasse (oder auch Bour­geoisie) auf der einen und die Arbeiter*innenklasse auf der anderen Seite. Unter­drück­ung beschreibt hinge­gen die Benachteili­gung oder Unter­w­er­fung ein­er Gruppe durch eine andere, beispiel­sweise auf­grund von Geschlecht, sex­ueller Ori­en­tierung, Herkun­ft, Sprache oder ähn­lichem. Unter­schiedlichkeit wird dem­nach zur Legit­i­ma­tion von Hier­ar­chie und Herrschaft benutzt. Die Kapitalist*innenklasse prof­i­tiert nicht nur von der Aus­beu­tung von Arbeit­skraft, son­dern auch von Unter­drück­ung, da sie zu Spal­tun­gen und Wet­tbe­werb führt. Dies erle­ichtert wiederum ein­er­seits die Lohn­drück­erei, weil bes­timmte Men­schen in beson­ders schlechte Jobs gedrängt wer­den kön­nen, und ver­hin­dert ander­er­seits, dass sich die große Masse an Arbeiter*innen gegen dieses Sys­tem zusam­men­schließt und es gemein­sam bekämpft. Diese Funk­tion erfüllt nicht nur die sex­is­tis­che Unter­drück­ung, son­dern auch der Ras­sis­mus, der tief mit dem Kap­i­tal­is­mus ver­woben ist.

Ein weit­er­er Nutzen, den die Kapitalist*innenklasse aus der patri­ar­chalen Unter­drück­ung zieht, liegt in der Bere­it­stel­lung von Repro­duk­tion­sar­beit – also die Tätigkeit­en, die zur Erhal­tung der Arbeit­skraft führen (z.B. Haushalt­sar­beit und Kinder­erziehung). Sie wird haupt­säch­lich von Frauen geleis­tet – vor allem unbezahlt im Rah­men der Fam­i­lie, aber auch unter prekären Bedin­gun­gen in den Haushal­ten wohlhaben­der Men­schen, in der Pflege im Kranken­haus, in der sozialen Arbeit, in Kindergärten, Kan­ti­nen und der Reini­gung. Es ist genau diese Arbeit, die das Leben aller Men­schen erst ermöglicht und damit auch die Gewinne der Kapitalist*innen. Doch in diesem Sys­tem wird sie abgew­ertet und an den Rand gedrängt. Ras­sis­tis­che und sex­is­tis­che Unter­drück­ung sind also materiell im Kap­i­tal­is­mus ver­ankert. Frauen erleben dabei unter­schiedliche Auswirkun­gen von Unter­drück­ung auf ihr Leben, je nach­dem, ob sie aus­ge­beutet wer­den oder nicht. Während es Bedin­gun­gen gibt, die the­o­retisch alle betr­e­f­fen (z.B. ein all­ge­meines Abtrei­bungsver­bot), kön­nen es sich reiche Frauen leis­ten, beispiel­sweise ins Aus­land zu reisen. Armen Frauen ste­hen diese Möglichkeit­en nicht offen, sodass diese oft an den Fol­gen eines unsicheren oder unhy­gien­is­chen Abbruchs ster­ben. Außer­dem haben reiche Frauen die Möglichkeit, andere Frauen auszubeuten. Für die Arbei­t­erin macht es keinen Unter­schied, von wem sie let­ztlich aus­ge­beutet wird, ihre Bedin­gun­gen ändern sich nicht durch eine Frau* an der Spitze.

Wenn wir echte Emanzi­pa­tion für Aus­ge­beutete und Unter­drück­te wollen, brauchen wir also einen Fem­i­nis­mus, der nicht nur punk­tuell analysiert und Vorschläge macht, son­dern einen, der das ganze Sys­tem im Blick hat und dadurch den Weg zeigt, wie eine Frauen­be­freiung gelin­gen kann. Wir brauchen einen Fem­i­nis­mus, der anerken­nt, dass wir in ein­er Klas­sen­ge­sellschaft leben und dies als Grund­lage der Analyse und als Per­spek­tive des Kampfes betra­chtet.

Klassen­zuge­hörigkeit ist nicht nur ein­er von vie­len gle­ichrangi­gen Fak­toren von Iden­tität, die Unter­drück­ung mit sich brin­gen. Sie bildet den Kern, um den sich die anderen For­men von Unter­drück­ung (z.B. Ras­sis­mus, Homo- oder Trans­feindlichkeit) formieren und zu einem spez­i­fis­chen, aber ganzheitlichen Sys­tem wer­den. Das, was das Sys­tem als unter­ge­ord­net ver­ste­ht (Frau, Schwarz, homo­sex­uell usw.) erhält seine konkrete soziale Bedeu­tung und Aus­prä­gung erst durch die Verknüp­fung mit ein­er sozialen Klasse.

Im Anschluss an Ter­ry Eagle­ton schreibt die sozial­is­tis­che Fem­i­nistin Andrea D’A­tri: “Nie­mand hat eine bes­timmte Haut­pig­men­tierung, weil andere eine andere haben, und nie­mand hat ein bes­timmtes Geschlecht, weil andere ein anderes haben. Aber Mil­lio­nen von Men­schen befind­en sich in der „Posi­tion“ des Lohnar­beit­ers oder der Lohnar­bei­t­erin, weil es auf der Welt ein paar Fam­i­lien gibt, die in ihren Hän­den die Pro­duk­tion­s­mit­tel konzen­tri­eren. Bei­de Kat­e­gorien (bürgerlich/proletarisch oder Ausbeuter*in/Ausgebeutete*r) ste­hen auf eine Weise im Ver­hält­nis zueinan­der, dass – im Unter­schied zu anderen Iden­titäten – nur mit der Abschaf­fung dieses spez­i­fis­chen Ver­hält­niss­es (Kapital/Arbeit) auch die unter­ge­ord­nete „Iden­tität“ abgeschafft wer­den kann. In ein­er Gesellschaft ohne jegliche Unter­drück­ung kön­nen wir uns vorstellen, dass Frauen auf der gle­ichen Hier­ar­chieebene ste­hen wie Män­ner, eben­so wie Schwarze und Weiße oder Het­ero­sex­uelle und Homo­sex­uelle. Aber es wird weit­er­hin ver­schieden­ste Geschlechter geben, unter­schiedliche Haut­far­ben und die divers­es­ten sex­uellen Ori­en­tierun­gen, die gle­ich­berechtigt miteinan­der leben kön­nen. Das heißt, die Abschaf­fung der einen oder der anderen Iden­tität ist nicht die notwendi­ge Voraus­set­zung für die Abschaf­fung der Unter­drück­ung (und genau darum geht es!). Eine analoge Gle­ich­heit der “Anerken­nung” für Bürg­er­liche und Proletarier*innen ist dage­gen nicht denkbar. Dies sind Iden­tität­skat­e­gorien, die sich gegen­seit­ig bedin­gen und auss­chließen. Die Men­schheit von der Lohn­sklaverei zu befreien, bedeutet unauswe­ich­lich, dieses Sys­tem an seinen Wurzeln zu bekämpfen und es zu rev­o­lu­tion­ieren. In diesem Sinne zielt die Emanzi­pa­tion der Arbeiter*innenklasse auf die Abschaf­fung aller Klassen“2 – und damit auch darauf, die Grund­lage dafür zu leg­en, die Unter­drück­ung abzuschaf­fen, die gefes­tigt wird durch aus­beu­ter­ische Klassen­beziehun­gen.

Wie kommen wir dorthin?

Um dies zu erre­ichen, muss das rev­o­lu­tionäre Sub­jekt, das die Macht hat, diese Verän­derun­gen durchzuset­zen, in den Mit­telpunkt unseres Bestrebens rück­en: die Arbeiter*innenklasse. Sie hat auf­grund ihrer beson­deren Stel­lung im kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sprozess die Möglichkeit, das Sys­tem und damit die Prof­ite der Kapitalist*innen zum Erliegen zu brin­gen. Heute ist diese Klasse so weib­lich wie nie zuvor und die Frauen­be­we­gung ent­deckt ger­ade das Mit­tel ger­ade dieser Klasse für sich, und zwar den Streik. Viele Arbei­t­erin­nen machen also in der Frauen­be­we­gung Erfahrun­gen, die sie in ihre Arbeit­splätze und zu ihren Kolleg*innen brin­gen kön­nen. Sie kön­nen damit eine neue Dynamik in die gesamte Klasse brin­gen. Ger­ade heute sind die Chan­cen so gut wie sel­ten, dass die Frauen- und die Arbeiter*innenbewegung sich miteinan­der verbinden.

Die beson­dere Unter­drück­ung von Frauen und ihre Kämpfe dage­gen müssen dabei im Vorder­grund ste­hen und mit den Fra­gen, die die gesamte Klasse betr­e­f­fen, verknüpft wer­den. Sie dür­fen nicht als neben­säch­lich “auf später” ver­schoben wer­den. Das gle­iche gilt für Fra­gen von Ras­sis­mus. Hinzu kommt, dass wir diesen Kampf auch inter­na­tion­al führen müssen. Denn die Kapitalist*innen, die uns in Deutsch­land aus­beuten, tun dies unter noch krasseren Bedin­gun­gen in anderen Län­dern, begleit­et von Kriegen, Elend und Umweltzer­störung. Wir Frauen von Brot und Rosen sehen uns dabei in der Tra­di­tion von Rosa Lux­em­burg, Clara Zetkin und Tausenden anderen vor uns, die sich dafür einge­set­zt haben, eine gerechte Gesellschaft zu erkämpfen. Wir fordern wie die Tex­ti­lar­bei­t­erin­nen in Mass­a­chu­setts, die 1912 unter diesem Namen streik­ten: Brot (gute Löhne) und Rosen (gute Lebens­be­din­gun­gen). Wir set­zen uns für alle Verbesserun­gen ein, die erre­icht wer­den kön­nen, ver­lieren dabei aber nie aus den Augen, dass Kap­i­tal­is­mus, Patri­ar­chat und die Zer­störung der Erde untrennbar miteinan­der zusam­men­hän­gen. Deswe­gen haben wir immer im Blick, das Sys­tem nicht nur durch kleine Kor­rek­turen zu verän­dern, son­dern es grundle­gend abzuschaf­fen und auf den Trüm­mern des aus­beu­ter­ischen und kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems eine sozial­is­tis­che Welt ohne Sex­is­mus, Ras­sis­mus und alle anderen Unter­drück­ungs­for­men zu erricht­en.

Fußnoten

1. Unter Prekarisierung wird die zunehmende Ver­schlechterung von Arbeits- und Lebensver­hält­nis­sen ver­standen, z.B. durch Mini- und Teilzeitjobs, Befris­tun­gen, Lei­har­beit usw.
2. Andrea D’A­tri: Brot und Rosen. Geschlecht und Klasse im Kap­i­tal­is­mus. Argu­ment Ver­lag 2019. S. 202f.

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