Hintergründe

Strategische Positionen und Klassenkampf

Wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat, ist die Ausrichtung auf die strategischen Positionen, die die Arbeiter*innen in Produktion, Dienstleistung und Transport einnehmen, der Schlüssel – und bietet das Potenzial, einen tieferen, revolutionären Weg zu erschließen.

Strategische Positionen und Klassenkampf

Dieser Artikel ist eine gekürzte Version des Artikels Bolivien: Klassenkampf und strategische Positionen, der zuerst am 24. November 2019 auf Spanisch bei Ideas de Izquierda erschienen ist.

Das Aufbrechen der Massenbewegung ist ansteckend. Besonders in 2019 erlebten wie mehrere Aufstände in Kolumbien, Chile, Bolivie in Lateinamerika. Dies sind Prozesse des Klassenkampfes, die verschiedene Momente durchlaufen, aber alles deutet darauf, dass sie gekommen sind, um zu bleiben. Im Gegensatz zum vorherigen Zyklus in Lateinamerika, in dem sich die Situationen evolutionär veränderten – entweder nach rechts oder nach links –, ist das aktuelle regionale Szenario durch abrupte Veränderungen in den Kräfteverhältnissen gekennzeichnet. Enttäuschungen der Massen, die zu revolutionären Situationen oder zu reaktionären Lösungen führen können, sowie zivil-militärische Putsche – wie wir in Bolivien sehen –, die schlussendlich einen heldenhaften Widerstand wecken und perspektivisch die Möglichkeit von revolutionären/konterrevolutionären Auseinandersetzungen aufwerfen.

In diesem Szenario ist eine der Fragen, die viele aktuelle Prozesse durchzieht, wie man die Phase der Widerstandsaktionen oder Aktionen der Bildung des größtmöglichen Drucks auf die Regierung überwindet – und siegt. Einer der großen Stolpersteine auf diesem Weg ist, dass die Arbeiter*innenklasse, die die „strategischen Positionen“ kontrolliert, die die Gesellschaft funktionieren lässt (Verkehr, Großindustrien und Dienstleistungen), von verschiedenen Bürokratien gespalten und korrumpiert wird. Sie hindern sie bis auf wenige Ausnahmen daran, diese Kraft einzusetzen, die in der Lage wäre, die bürgerliche Ordnung entscheidend zu brechen. Stattdessen greift die Arbeiter*innenklasse verwässert im „Volk“ allgemein in die Situation ein.

Strategische Positionen

In seinem Buch Working Power over Production definiert der Historiker John Womack in Bezug auf die Arbeiter*innenklasse, dass: „’innerhalb des Produktionsprozesses‘ seine ’strategischen Positionen‘ alle jene [sind], die es einigen Arbeitern ermöglichen, die Produktion vieler anderer zu bestimmen, sei es innerhalb eines Unternehmens oder in der gesamten Wirtschaft“1. Auf diese Weise versucht er, sich Positionen vorzustellen, die in der Lage sind, die meisten anderen in der Kette des Produktionsprozesses zu lähmen. Seine Definition beschränkt sich auf Beziehungen zwischen Arbeiter*innen und Bossen2, aber es ist nicht schwierig, sie auf die Macht der Arbeiter*innenklasse im gemeinsamen Kampf gegen die Kapitalist*innen und ihren Staat zu übertragen. Natürlich können „strategische Positionen“ auf rein ökonomischer Ebene genutzt werden, aber sie können auch eine enorme Kraft sein, um die Hegemonie der Arbeiter*innen im Kampf gegen das kapitalistische System als Ganzes zu entwickeln.

Ausgehend von diesen „strategischen Positionen“ bekräftigt Womack: „Wenn die Arbeiterkraft verschwindet, [….] eröffnet sich ein Vakuum, das keine andere Kraft (ohne Arbeiter zu sein) füllen kann [….] Nur die Negation der Arbeiter hat eine solche definierende Kraft, kritisch und entscheidend zugleich“3. Dies ist ein grundlegendes Element, das nach der enormen Verbreitung der „Post-Marxismus“-Ansätze von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe in jüngster Zeit hervorgehoben werden muss, die den Platz der Arbeiter*innenklasse in der marxistischen Strategie als „Klassenessentialismus“ karikieren. Aber auch gegen diejenigen, die unter dem Vorwand des revolutionären Marxismus dogmatisch-metaphysische Visionen der Arbeiter*innenklasse haben oder die die Arbeiter*innenbewegung umgekehrt strategisch einfach als eine weitere Bewegung sehen.

Natürlich stellt die Verwendung strategischer Positionen, auch wenn sie wie in einem allgemeinen politischen Streik entscheidend ist, die Frage, wer die politische Macht innehat. Jedoch kann sie allein keine Lösung für diese Frage finden, ohne einen Aufstand, der den Übergang der Macht aus den Händen der Bourgeoisie zu denen der Werktätigen garantiert. Nun ist es auch wahr, dass das Halten dieser strategischen Positionen, weil sie für die Produktion und Reproduktion der Gesellschaft grundlegend sind, die Arbeiter*innenklasse zu einem potenziell zentralen Akteur für die Artikulation einer alternativen Ordnung macht, die die kapitalistische Ordnung ersetzen kann. Dies gilt sowohl für die Fähigkeit zur Kontrolle von Produktion, Dienstleistungen, Transport usw. als auch für die Bildung einer unabhängigen Macht, die in der Lage ist, die ausgebeutete und unterdrückte Bevölkerung zu vereinen, wie Delegiertenräte, die von den Produktionseinheiten (Unternehmen, Fabrik, Schule, Land usw.) gewählt werden, sowie die Organismen der Selbstverteidigung. Während der revolutionären Prozesse der letzten 150 Jahre hat es viele Beispiele in diesem Sinne gegeben.

Die fundamentale Rolle strategischer Positionen nicht zu sehen, bedeutet also, nicht in der Perspektive einer Revolution zu denken, sondern höchstens in Bewegungen mit größtmöglichen Druckes auf die Regierung.

Staat und Revolution

Der bürgerliche Staat ist kein neutrales Instrument, mit dem die Interessen der Mehrheiten verfolgt werden können, sondern hat einen unausweichlichen Klassencharakter, angefangen bei den Streitkräften.

Es ist letzenendes eine Illusion durch linke bürgerliche Regierungen an der Spitze des kapitalistischen Staates eine sozialistische Umgestaltung zu schaffen, was Marx und Engels bis zur Müdigkeit wiederholten, und was Lenin in Staat und Revolution bekräftigte: „Jedweder Staat ist ‚eine besondere Repressionsgewalt‘ gegen die unterdrückte Klasse.

Die Rebellionen, die durch mehrere lateinamerikanische Länder und die Welt gegangen sind, öffnen einen Weg – auch wenn sie an sich nicht ausreichen, um die großen strukturellen und politischen Probleme zu lösen, die sie aufgeworfen haben. Sie werfen die Notwendigkeit auf, dass die Arbeiter*innenklasse mit aller Kraft eingreift. Nicht weil diese einen vermeintlich „ontologisch“ revolutionären Charakter hat, sondern weil sie alle grundlegenden „strategischen Positionen“ einnimmt. Und dass sie mit ihren eigenen Methoden in den Kampf tritt, mit denen des Generalstreiks, der Koordinierungsinstanzen und den Selbstverteidigungsposten, in der Perspektive der Schaffung von Organismen der Massen-Selbstorganisation (Räte) und Milizen, die die Grundlage für eine neue Macht sind, die wirklich eine Alternative zu der des kapitalistischen Staates darstellt.

Die Frage ist, wie die Prozesse nicht durch kosmetische Reformen erschöpft werden oder durch eine bürgerliche politische Variante innerhalb der etablierten Regime kanalisiert werden, sondern die Möglichkeit eröffnen, eine neue soziale Ordnung zu bilden – weit weg von den bürokratischen „sozialistischen“ Regimen, die im zwanzigsten Jahrhundert zu Sackgassen führten -. Eine soziale Ordnung, die nicht einfach allgemeinen antikapitalistisch iist, sondern mit Regierungen der Arbeiter*innen (oder Arbeiter*innen und Bäuer*innen) auf der Grundlage der Selbstorganisation der Massen, die die Notbremse ni die Hand nehmen und den katastrophalen Kurs stoppen können, zu dem der Kapitalismus die Menschheit führt. Es gibt keine unaufhaltsame Kraft in der Geschichte, die dieses Ergebnis oder etwas Ähnliches garantiert. Ohne für den Aufbau starker revolutionärer Parteien zu kämpfen – nicht nur national, sondern auch international –, die für diese Perspektive eintreten, kann das Terrain der guten Absichten kaum überschritten werden.

Mit dieser Überzeugung treiben wir das Zeitungsnetzwerk La Izquierda Diario – zu dem KlasseGegenKlasse gehört – und den Aufbau der Sektionen unserer internationalen sozialistischen Strömung die Trotzkistische Fraktion (FT) voran. Wir versuchen, im Rahmen unserer Kräfte das Handeln einer internationalen revolutionären Partei vorzustellen, zu erproben. Denn eine solche revolutionäre Organisation wird nicht im Reagenzglas entstehen, sondern in der Hitze der Kämpfe, die dieser neue Zyklus des Klassenkampfes auf die Tagesordnung zu setzen beginnt.

Fußnote

1. John Womack Jr., “Working Power over Production: Labor History, Industrial Work, Economics, Sociology, and Strategic Position”.

2. Für eine Kritik an Womacks Ausarbitung, vgl.: Albamonte, Emilio y Maiello, Matías, Estrategia socialista y arte militar, Bs. As., Ediciones IPS, 2017, S. 79 ff.

3. Womack, John Jr., a.a.O.

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