Hintergründe

Bolivien: Klassenkampf und strategische Positionen

Die Konfrontationen in Bolivien seit dem jüngsten Staatsstreich werfen die Frage auf, wie die Arbeiter*innenklasse ihren Widerstand am besten verstärken kann. Wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat, ist die Ausrichtung auf die strategischen Positionen, die die Arbeiter*innen in Produktion, Dienstleistung und Transport einnehmen, der Schlüssel – und bietet das Potenzial, einen tieferen, revolutionären Weg zu erschließen.

Bolivien: Klassenkampf und strategische Positionen

Dieser Artikel erschien zuerst am 24. Novem­ber 2019 auf Spanisch bei Ideas de Izquier­da.

Das Auf­brechen der Massen­be­we­gung ist ansteck­end. Einiges davon zeigte sich diese Woche an dem wichti­gen Tag des Streiks und der mas­siv­en Mobil­isierun­gen in Kolumbi­en. Die Mil­i­tarisierung, die Schließung der Gren­zen und die gesamte Kam­pagne von Iván Duque, um Angst zu schüren, scheit­erten. Arbeiter*innen, Studierende und pop­uläre Sek­toren füll­ten die Straßen des Lan­des. In Chile führte eine bre­ite Avant­garde diese wichti­gen Tage des Kampfes und der Mobil­isierung an, während die Ver­hand­lun­gen um eine manip­ulierte Ver­fas­sung weit­erge­hen, Hand in Hand mit der Repres­sion – deren Meth­o­d­en zunehmend offen­er wer­den – und poli­tis­ch­er Ver­fol­gung. Während­dessen wird ein neuer Gen­er­al­streik vor­bere­it­et.

Bolivien markierte ohne Zweifel die schärf­sten Kon­fronta­tio­nen des Klassenkampfes. Diese Woche war der große Pro­tag­o­nist der Wider­stand gegen den Putsch. Die MAS-Par­la­men­tari­erin­nen und Par­la­men­tari­er von Evo Morales wid­me­ten sich der Ver­hand­lung von Wegen zur Bestä­ti­gung des Staatsstre­ichs und stell­ten sich gemein­sam mit der Führung der Cen­tral Obr­era Boli­viana (COB) auf die Seite des Putsches. Während­dessen führte ein wichtiger Avant­garde-Sek­tor von Bäuer*innen, Arbeiter*innen, Jugendlichen und Indi­ge­nen, mit ihrem Epizen­trum in El Alto – wo eine Del­e­ga­tion von Tausenden von Bäuer*innen zur Unter­stützung aus dem Nor­den von Poto­sí ein­traf –, kom­biniert mit Wider­stand­spunk­ten in der Stadt Cochabam­ba, hero­is­che Tage des Kampfes durch, die den Putschist*innen eine erste Gren­ze aufzeigten.

Dies sind Prozesse des Klassenkampfes, die ver­schiedene Momente durch­laufen, aber alles deutet darauf, dass sie gekom­men sind, um zu bleiben. Im Gegen­satz zum vorheri­gen Zyk­lus in Lateinameri­ka, in dem sich die Sit­u­a­tio­nen evo­lu­tionär verän­derten – entwed­er nach rechts oder nach links –, ist das aktuelle regionale Szenario durch abrupte Verän­derun­gen in den Kräftev­er­hält­nis­sen gekennze­ich­net. Ent­täuschun­gen der Massen, die zu rev­o­lu­tionären Sit­u­a­tio­nen oder zu reak­tionären Lösun­gen führen kön­nen, sowie ziv­il-mil­itärische Putsche – wie wir in Bolivien sehen –, die schlussendlich einen helden­haften Wider­stand weck­en und per­spek­tivisch die Möglichkeit von revolutionären/konterrevolutionären Auseinan­der­set­zun­gen aufw­er­fen.

In diesem Szenario ist eine der Fra­gen, die viele aktuelle Prozesse durchzieht, wie man die Phase der Wider­stand­sak­tio­nen oder Aktio­nen extremen Drucks über­windet. Ein­er der großen Stolper­steine auf diesem Weg ist, dass die Arbeiter*innenklasse, die die “strate­gis­chen Posi­tio­nen” kon­trol­liert, die die Gesellschaft funk­tion­ieren lässt (Verkehr, Großin­dus­trien und Dien­stleis­tun­gen), von ver­schiede­nen Bürokra­tien ges­pal­ten und kor­rumpiert wird. Sie hin­dern sie bis auf wenige Aus­nah­men daran, diese Kraft einzuset­zen, die in der Lage wäre, die bürg­er­liche Ord­nung entschei­dend zu brechen. Stattdessen greift die Arbeiter*innenklasse ver­wässert im „Volk“ all­ge­mein in die Sit­u­a­tion ein.

In Bolivien, wenn wir die COB als Ref­erenz nehmen, verblieb ihre Führung ein­deutig auf der Seite des Putsches. Ein Teil der Bevölkerung der Stadt El Alto – in der prekäre, selb­ständi­ge und fes­tangestellte Arbeiter*innen leben, und in bes­timmten Zonen eine bäuer­liche Zusam­menset­zung vorherrscht – suchte jedoch mit enormem Instinkt nach alten Tra­di­tio­nen und strate­gis­chen Punk­ten der Erfahrung von emblema­tis­chen Kämpfen wie dem „Gaskrieg“ von 2003, die den Wider­stand der Putschist*innen brechen kön­nten, wie die Kohlen­wasser­stoff­fab­rik Senka­ta. Auf diese Weise warf dieser Wider­stand eine wichtige Lek­tion in Sachen Strate­gie auf.

Senkata als Wendepunkt im Widerstand

In einem früheren Artikel haben wir uns gefragt: Wenn der Kampf im Okto­ber 2003 in Senka­ta und seinen Raf­fine­r­ien, die Verk­nap­pung der Vor­räte, der Ein­satz des Streiks, die Bauern­block­aden usw. dazu führte, dass der Präsi­dent Sánchez de Loza­da gestürzt wurde: Wie lange würde sich die boli­vian­is­che Putschregierung von Áñez mit einem solchen Streik hal­ten kön­nen? Im Rah­men von viel widrigeren Bedin­gun­gen als vor 16 Jahren – mit der Zus­tim­mung der COB zum Putsch, der MAS in Ver­hand­lun­gen mit Áñez, der Mit­telschicht auf der gegenüber­liegen­den Seite und ohne viele der Protagonist*innen von damals – war die let­zte Woche, obwohl wir keinen Ein­satz wie 2003 gese­hen haben, eine kleine, den­noch helden­hafte Ent­fes­selung.

Das Werk Senka­ta von Yacimien­tos Petrolífer­os Fis­cales Boli­vianos (YPFB) im Bezirk 8 von El Alto ist ein strate­gis­ch­er Punkt. Die Liefer­ung von Ben­zin und Flüs­sig­gas für das gesamte Departe­ment La Paz, in dem sich das poli­tis­che Zen­trum und ein beträchtlich­er Teil der Bevölkerung und der wirtschaftlichen Aktiv­ität des Lan­des konzen­tri­eren, hängt davon ab. Nicht zufäl­lig hat die Regierung von Sanchez de Loza­da im „Gaskrieg“ mit allen ihren Kräften (Polizei und Armee) ver­sucht, die Iso­la­tion von La Paz zu durch­brechen und die Brennstof­fver­sorgung durch die Freiga­be des Werkes Senka­ta wieder zu öff­nen. Diese Offen­sive, die am 11. und 12. Okto­ber jenes Jahres stat­tfand, musste sich dem enor­men Wider­stand der Bevölkerung von El Alto, der Bergleute von Hua­nuni und der Bäuer*innen stellen. Trotz der Repres­sion, die min­destens 26 Tote forderte, wurde die Mil­itär­op­er­a­tion besiegt, und die Erhe­bung mit auf­ständis­chen Zügen ver­tiefte und ver­bre­it­ete sich in den Armen­vier­tel von La Paz. Ein paar Tage später wurde Sánchez de Loza­da gestürzt.

Let­zte Woche kehrte der Geist von Senka­ta in die Köpfe der Bewohner*innen des Pala­cio Que­ma­do (der boli­vian­is­che Regierungssitz, Anm. d. Ü.) zurück, in diesem Fall die von Áñez ange­führte Putschregierung. Die ein­geleit­ete Block­ade, zu der auch tiefe Brun­nen auf der Route gehörten, um die Durch­fahrt von Lastkraft­wa­gen zu behin­dern, stellte direkt eine Gefahr von Eng­pässen dar und brach mit dem Bild der “Nor­mal­ität”, das die Putschregierung erzeu­gen wollte, um sich zu sta­bil­isieren. Am Dien­stag, den 19. Dezem­ber, haben Hun­derte von Soldat*innen und Polizist*innen in Begleitung von Panz­ern, Hub­schraubern und Mil­itär­fahrzeu­gen die Block­ade der Nach­barschaft von El Alto hart unter­drückt. Der Wider­stand war spür­bar; die Auseinan­der­set­zun­gen bre­it­eten sich auf den gesamten 8. Bezirk aus und erhiel­ten für einen Großteil des Tages die Unter­stützung mehrerer ander­er Bezirke von El Alto. Nur mit einem enor­men Ein­satz von Repres­sion, der 9 Tote forderte, gelang es der Regierung, 50 Ben­z­in­tanks und 10 Last­wa­gen mit Flüs­sig­gas­flaschen (die für etwas mehr als zwei Tage “nor­malen” Ver­brauch in La Paz notwendig sind) wegz­u­fahren, begleit­et von 10 Mil­itär­panz­ern, Armeeflugzeu­gen, die auf die Bevölkerung schossen, etwa 25 Polizei­wa­gen und Geheim­di­en­st­fahrzeu­gen.

Am näch­sten Tag kamen Tausende Men­schen aus ver­schiede­nen Orten von El Alto nach Senka­ta, wo eine riesige offene Ver­samm­lung stat­tfand, bei der eine Rei­he von Demonstrant*innen aus Poto­sí und Vertreter*innen der 20 Prov­inzen von La Paz ein­trafen. Diese Ver­samm­lung stimmte durch Zuruf für den Rück­tritt der selb­ster­nan­nten Präsi­dentin Áñez und für einen Aufruf an das ganze Land, gegen den Putsch zu kämpfen. Am Don­ner­stag, den 21. Novem­ber, mobil­isierte sich eine Men­schen­menge von Senka­ta nach La Paz, um ihre Toten zu begleit­en. Sie wur­den von Armee und Polizei ange­grif­f­en, die ras­sis­tis­che Ver­ach­tung der Dik­tatur zeigend. Unter­dessen rück­ten Räum­fahrzeuge gegen die Block­aden im Gebi­et Senka­ta vor, um die Straße zur Treib­stoff­fab­rik zu befreien, während sich andere Bezirke den Block­aden in El Alto anschlossen und die Maß­nah­men sich radikalisiert.

Die MAS-Par­la­men­tari­erin­nen und Par­la­men­tari­er nutzten die Kräftev­er­hält­nisse, die durch diese Aktio­nen (die es vor ein­er Woche noch nicht gab) geschaf­fen wur­den, um mit der De-fac­to-Regierung zu ver­han­deln, sie zu legit­imieren, „vere­in­barte“ Wahlen zu akzep­tieren und den Kampf um die Nieder­lage des Putsches zu ver­rat­en. Schließlich wurde am Sam­stag der Betrieb des Werkes Senka­ta nor­mal­isiert. Dies schmälert jedoch nicht die Lek­tion der Strate­gie, die der Wider­stand und die Block­ade von Senka­ta hin­ter­lassen haben.

Strategische Positionen

Aus der Sicht des Kampfes gegen den Putsch in Bolivien zeigt die Block­ade von Senka­ta ein konkretes Beispiel für die Stärke der Massen­be­we­gung an strate­gis­chen Punk­ten, um das Kräftev­er­hält­nis zu steuern und zu mod­i­fizieren. Die Bour­geoisie selb­st, so die Tageszeitung Pági­na Siete, beklagte: „Warum wurde nicht (seit 2003) eine neue Anlage oder zumin­d­est eine Not­fal­lan­lage gebaut?“ und ermah­nte, „nicht weit­er zuzu­lassen, dass die Anlage Senka­ta zum Erstick­en von La Paz ver­wen­det wird.“

In diesem Fall mussten die Bewohner*innen von El Alto dies auss­chließlich von den Block­aden aus tun, d.h. von außen, in einem ungün­sti­gen Umfeld, wo sich nie­mand geringer als die Führung der COB auf die Seite des Putsches stellte. Indem sie jedoch die Bedeu­tung der Kon­trolle dieser strate­gis­chen Punk­te aufwar­fen, dient ihr Beispiel dazu, die Dimen­sion des Poten­zials für den Klassenkampf zu ver­an­schaulichen, welch­es die Arbeiter*innenklasse hat, indem sie „von innen her­aus“ alle grundle­gen­den „strate­gis­chen Posi­tio­nen“ in Pro­duk­tion, Ver­trieb und Dien­stleis­tun­gen hält. In diesem Sinne zeigt Senka­ta an einem konkreten Beispiel die Art der Kraft im All­ge­meinen — nicht auf diesen oder jenen strate­gis­chen Punkt beschränkt -, die die Arbeiter*innenklasse poten­ziell besitzt, um beispiel­sweise in Bolivien die gesamte Gasin­dus­trie, der Berg­bau, die Flughäfen und so weit­er lah­mzule­gen. Je mehr strate­gis­che Punk­te sie gle­ichzeit­ig bee­in­flussen kann, desto entschei­den­der wird die von der Arbeiter*innenklasse einge­set­zte Kraft sein.

In seinem Buch Work­ing Pow­er over Pro­duc­tion definiert der His­torik­er John Wom­ack in Bezug auf die Arbeiter*innenklasse, dass: „‘inner­halb des Pro­duk­tion­sprozess­es’ seine ’strate­gis­chen Posi­tio­nen’ alle jene [sind], die es eini­gen Arbeit­ern ermöglichen, die Pro­duk­tion viel­er ander­er zu bes­tim­men, sei es inner­halb eines Unternehmens oder in der gesamten Wirtschaft“1. Auf diese Weise ver­sucht er, sich Posi­tio­nen vorzustellen, die in der Lage sind, die meis­ten anderen in der Kette des Pro­duk­tion­sprozess­es zu läh­men. Seine Def­i­n­i­tion beschränkt sich auf Beziehun­gen zwis­chen Arbeiter*innen und Bossen2, aber es ist nicht schwierig, sie auf die Macht der Arbeiter*innenklasse im gemein­samen Kampf gegen die Kapitalist*innen und ihren Staat zu über­tra­gen. Natür­lich kön­nen „strate­gis­che Posi­tio­nen“ auf rein ökonomis­ch­er Ebene genutzt wer­den, aber sie kön­nen auch eine enorme Kraft sein, um die Hege­monie der Arbeiter*innen im Kampf gegen das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem als Ganzes zu entwick­eln.

Aus­ge­hend von diesen “strate­gis­chen Posi­tio­nen” bekräftigt Wom­ack: “Wenn die Arbeit­erkraft ver­schwindet, [.…] eröffnet sich ein Vaku­um, das keine andere Kraft (ohne Arbeit­er zu sein) füllen kann [.…] Nur die Nega­tion der Arbeit­er hat eine solche definierende Kraft, kri­tisch und entschei­dend zugle­ich“3. Dies ist ein grundle­gen­des Ele­ment, das nach der enor­men Ver­bre­itung der „Post-Marxismus“-Ansätze von Ernesto Laclau und Chan­tal Mouffe in jüng­ster Zeit her­vorge­hoben wer­den muss, die den Platz der Arbeiter*innenklasse in der marx­is­tis­chen Strate­gie als „Klasse­nessen­tial­is­mus“ karikieren. Aber auch gegen diejeni­gen, die unter dem Vor­wand des rev­o­lu­tionären Marx­is­mus dog­ma­tisch-meta­ph­ysis­che Visio­nen der Arbeiter*innenklasse haben oder die die Arbeiter*innenbewegung umgekehrt strate­gisch ein­fach als eine weit­ere Bewe­gung sehen.

Natür­lich stellt die Ver­wen­dung strate­gis­ch­er Posi­tio­nen, auch wenn sie wie in einem all­ge­meinen poli­tis­chen Streik entschei­dend ist, die Frage, wer die poli­tis­che Macht innehat. Jedoch kann sie allein keine Lösung für diese Frage find­en, ohne einen Auf­s­tand, der den Über­gang der Macht aus den Hän­den der Bour­geoisie zu denen der Werk­täti­gen garantiert. Nun ist es auch wahr, dass das Hal­ten dieser strate­gis­chen Posi­tio­nen, weil sie für die Pro­duk­tion und Repro­duk­tion der Gesellschaft grundle­gend sind, die Arbeiter*innenklasse zu einem poten­ziell zen­tralen Akteur für die Artiku­la­tion ein­er alter­na­tiv­en Ord­nung macht, die die kap­i­tal­is­tis­che Ord­nung erset­zen kann. Dies gilt sowohl für die Fähigkeit zur Kon­trolle von Pro­duk­tion, Dien­stleis­tun­gen, Trans­port usw. als auch für die Bil­dung ein­er unab­hängi­gen Macht, die in der Lage ist, die aus­ge­beutete und unter­drück­te Bevölkerung zu vere­inen, wie Delegierten­räte, die von den Pro­duk­tion­sein­heit­en (Unternehmen, Fab­rik, Schule, Land usw.) gewählt wer­den, sowie die Organ­is­men der Selb­stvertei­di­gung. Während der rev­o­lu­tionären Prozesse der let­zten 150 Jahre hat es viele Beispiele in diesem Sinne gegeben.

Die fun­da­men­tale Rolle strate­gis­ch­er Posi­tio­nen nicht zu sehen, bedeutet also, nicht in der Per­spek­tive ein­er Rev­o­lu­tion zu denken, son­dern höch­stens in Bewe­gun­gen mit extremem Druck. Aber was der Mil­itär­putsch in Bolivien zeigt, ist die immer drin­gen­dere Notwendigkeit, strate­gisch zu denken.

Legitimation des „scheinbaren Staates“4

In Bolivien fand auf der Grund­lage enormer Prozesse wie dem „Wasserkrieg“ des Jahres 2000 oder dem „Gaskrieg“ von 2003 der tief­ste Prozess und der höch­ste Aus­druck des Zyk­lus der „post­ne­olib­eralen“ Regierun­gen statt, die die Region bish­er im 21. Jahrhun­dert durch­zo­gen. Nun seien, laut Gar­cía Lin­era, unter den Regierun­gen von Evo Morales Fortschritte bei der Über­win­dung dessen erzielt wor­den, was er nach René Zavale­ta den „schein­bare Staat“ nan­nte. In seinen Worten: „Wir nen­nen den schein­baren Staat das bewusste Han­deln der Gou­verneure und ihrer Insti­tu­tion­al­ität zur Schaf­fung ein­er sozialen Apartheid. Bolivien war bis 2005 ein Beispiel für einen schein­baren Staat. Ein Staat, der gegen das Indi­gene, gegen das Indi­an­is­che, gegen die Kul­tur und gegen die Mehrheit der Indi­ge­nen aufge­baut wurde.“

Vor diesem Hin­ter­grund träumte er davon, den Auf­bau eines „inte­gralen Staates“ voranzutreiben, der „allmäh­lich das Monopol des Zwangs ver­lässt und die Gesellschaft materiell und real aus­gle­icht.“ Auf diesem Weg wurde in Bolivien, laut Lin­era, „ein pluri­na­tionaler Staat geschaf­fen, der die Vielfalt der Insti­tu­tio­nen, die Vielfalt der Kul­turen, die Vielfalt der Zivil­i­sa­tio­nen und Regio­nen anerkan­nt hat und ein Gefühl des Uni­ver­salen, ein Gefühl der inte­gralen Ein­heit entwick­elt.“

Wenn es jedoch eine Sache gibt, die der ziv­il-mil­itärische Putsch gezeigt hat, dann ist es, dass dieser “schein­bare Staat” unter den Regierun­gen von Evo Morales längst nicht über­wun­den wurde, son­dern aufrechter­hal­ten wurde. Er hock­te und wartete auf den richti­gen Moment, um mit seinem Klassen­hass, mit seinem fun­da­men­tal­is­tis­chen Klerikalis­mus, mit seinem Ras­sis­mus, mit seinen bren­nen­den Wipha­las, aufzu­tauchen. Der Inter­esse­naus­gle­ich inner­halb des bürg­er­lichen Staates mit den Cama­chos und den großen Kapitalist*innen, die Bolivien dominieren, wurde als das bloßgestellt, was es war: eine Illu­sion.

Es ist dieser “schein­bare Staat”, den die MAS nun bere­it ist, mit dem Abkom­men mit den Putschist*innen zu legit­imieren. Aber aus der endgültige Nieder­lage des Putsches, durch die Entwick­lung des helden­haften Wider­standes der Massen, sein­er Erweiterung, sein­er unab­hängi­gen Organ­i­sa­tion, sein­er Selb­stvertei­di­gung, kön­nten die Kon­turen ein­er wahren alter­na­tiv­en Macht der großen Mehrheit der Arbeiter*innen, Bäuer*innen und indi­ge­nen Völk­er entste­hen.

Der bürg­er­liche Staat — auch wenn es Gar­cía Lin­era und viele andere nicht gerne hören — ist kein neu­trales Instru­ment, mit dem die Inter­essen der Mehrheit­en ver­fol­gt wer­den kön­nen, son­dern hat einen unauswe­ich­lichen Klassen­charak­ter, ange­fan­gen bei den Stre­itkräften. In Bolivien gal­ten sie 14 Jahre lang als Ver­bün­dete, waren aus­ges­tat­tet, sozialpoli­tisch engagiert und zeigten schließlich am 10. Novem­ber, dass Evo Morales ein ein­fach­er Mieter des Staates war, der immer andere Besitzer hat­te.

Gegen Illu­sio­nen wie die von Lin­era zeigt sich wieder ein­mal in der Geschichte, was Marx und Engels bis zur Müdigkeit wieder­holten, und was Lenin in Staat und Rev­o­lu­tion bekräftigte: „Jed­wed­er Staat ist ‘eine beson­dere Repres­sion­s­ge­walt’ gegen die unter­drück­te Klasse. Darum ist ein jed­er Staat unfrei und kein Volksstaat. “5. Das ist eine Schlussfol­gerung, die weit über Bolivien hin­aus­ge­ht und die in Lateinameri­ka die gesamte so genan­nte „Linke“6 zum Nach­denken anre­gen müsste. Der neue Zyk­lus des Klassenkampfes, der die Region durchzieht, ver­di­ent es.

Staat und Revolution

Die Rebel­lio­nen, die durch mehrere lateinamerikanis­che Län­der und die Welt gegan­gen sind, öff­nen einen Weg – auch wenn sie an sich nicht aus­re­ichen, um die großen struk­turellen und poli­tis­chen Prob­leme zu lösen, die sie aufge­wor­fen haben. Sie wer­fen die Notwendigkeit auf, dass die Arbeiter*innenklasse mit aller Kraft ein­greift. Nicht weil diese einen ver­meintlich „ontol­o­gisch“ rev­o­lu­tionären Charak­ter hat, son­dern weil sie alle grundle­gen­den „strate­gis­chen Posi­tio­nen“ ein­nimmt. Und dass sie mit ihren eige­nen Meth­o­d­en in den Kampf tritt, mit denen des Gen­er­al­streiks, der Koor­dinierungsin­stanzen und den Selb­stvertei­di­gungsposten, in der Per­spek­tive der Schaf­fung von Organ­is­men der Massen-Selb­stor­gan­i­sa­tion (Räte) und Milizen, die die Grund­lage für eine neue Macht sind, die wirk­lich eine Alter­na­tive zu der des kap­i­tal­is­tis­chen Staates darstellt.

Die Frage ist, wie die Prozesse nicht durch kos­metis­che Refor­men erschöpft wer­den oder durch eine bürg­er­liche poli­tis­che Vari­ante inner­halb der etablierten Regime kanal­isiert wer­den, son­dern die Möglichkeit eröff­nen, eine neue soziale Ord­nung zu bilden — weit weg von den bürokratis­chen „sozial­is­tis­chen“ Reg­i­men, die im zwanzig­sten Jahrhun­dert zu Sack­gassen führten -. Eine soziale Ord­nung, die nicht ein­fach all­ge­meinen antikap­i­tal­is­tisch iist, son­dern mit Regierun­gen der Arbeiter*innen (oder Arbeiter*innen und Bäuer*innen) auf der Grund­lage der Selb­stor­gan­i­sa­tion der Massen, die die Not­bremse ni die Hand nehmen und den katas­trophalen Kurs stop­pen kön­nen, zu dem der Kap­i­tal­is­mus die Men­schheit führt. Es gibt keine unaufhalt­same Kraft in der Geschichte, die dieses Ergeb­nis oder etwas Ähn­lich­es garantiert. Ohne für den Auf­bau stark­er rev­o­lu­tionär­er Parteien zu kämpfen – nicht nur nation­al, son­dern auch inter­na­tion­al –, die für diese Per­spek­tive ein­treten, kann das Ter­rain der guten Absicht­en kaum über­schrit­ten wer­den.

Mit dieser Überzeu­gung treiben wir das Zeitungsnet­zw­erk La Izquier­da Diario voran, und wir inter­ve­nieren gemein­sam mit unseren Genoss*innen der Liga Obr­era Rev­olu­cionar­ia-Cuar­ta Inter­na­cional (LOR-CI) in Bolivien in den Kämpfen und in den Räten von El Alto und schla­gen ein Pro­gramm zur Nieder­lage des Putsches vor; oder in Chile mit der Par­tido de Tra­ba­jadores Rev­olu­cionar­ios (PTR) an vorder­ster Front der Bewe­gung, wo wir Selb­stor­gan­i­sa­tion fördern, und mit der Ver­fol­gun­gen von Seit­en der Regierung kon­fron­tiert sind, weil wir für ein Pro­gramm gegen Piñera und für eine wirk­lich freie und sou­veräne Ver­fas­sungs­gebende Ver­samm­lung auf den Ruinen des Regimes ein­ste­hen. Mit ihnen greifen wir täglich, Seite an Seite, von der PTS Argen­tiniens und unseren Schwes­t­eror­gan­i­sa­tio­nen in ver­schiede­nen Län­dern, gemein­sam ein. Wir ver­suchen, im Rah­men unser­er Kräfte das Han­deln ein­er inter­na­tionalen rev­o­lu­tionären Partei vorzustellen, zu erproben. Denn eine solche rev­o­lu­tionäre Organ­i­sa­tion wird nicht im Reagen­z­glas entste­hen, son­dern in der Hitze der Kämpfe, die dieser neue Zyk­lus des Klassenkampfes auf die Tage­sor­d­nung zu set­zen begin­nt.

Fußnote

1. John Wom­ack Jr., “Work­ing Pow­er over Pro­duc­tion: Labor His­to­ry, Indus­tri­al Work, Eco­nom­ics, Soci­ol­o­gy, and Strate­gic Posi­tion”.

2. Für eine Kri­tik an Wom­acks Ausar­bitung, vgl.: Alba­monte, Emilio y Maiel­lo, Matías, Estrate­gia social­ista y arte mil­i­tar, Bs. As., Edi­ciones IPS, 2017, S. 79 ff.

3. Wom­ack, John Jr., a.a.O.

4 Zavale­ta nutzt den Begriff “schein­bar­er Staat” (“Esta­do aparente”) für einen Staat, der nur dem Namen nach diejeni­gen repräsen­tiert, die in dem Ter­ri­to­ri­um leben, über das er Sou­veränität beansprucht. Anmerkung der Über­set­zung.

5. Lenin, V. I., El Esta­do y la rev­olu­ción, Bs. As., Edi­ciones IPS, 2019, p. 23.

6. Gemeint sind Linkspop­ulis­ten wie Chávez in Venezuela, Cor­réa in Ecu­d­or, Zen­daya in Hon­duras oder auch Lula in Brasilien und die hin­ter ihnen ste­hen­den Bewe­gun­gen (Anmerkung der Über­set­zung).

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