Hintergründe

Die katalanische Frage – Teil II: Der Spanische Bürger*innenkrieg

Auch in der Spanischen Revolution und im Bürger*innenkrieg von 1936-1939 spielte die katalanische Frage eine wichtige Rolle – denn das Zentrum der Revolution war Barcelona, die Hauptstadt Kataloniens.

Die katalanische Frage – Teil II: Der Spanische Bürger*innenkrieg

Die spanis­che Rev­o­lu­tion war das let­zte Boll­w­erk gegen den impe­ri­al­is­tis­chen Zweit­en Weltkrieg und die Herrschaft des Faschis­mus. Weltweit hat die Rev­o­lu­tion im Jahr 1936 Begeis­terung und Hoff­nung her­vorgerufen; Internationalist*innen aller Län­der beteiligten sich in den Rei­hen der Inter­na­tionalen Brigaden am Kampf gegen den faschis­tis­chen Putsch von Fran­co. Der Erfolg der spanis­chen Rev­o­lu­tion hätte nicht nur den Faschis­mus in Spanien besiegt, son­dern wie ein Funke eine neue Explo­sion der rev­o­lu­tionären Erhe­bun­gen weltweit aus­lösen kön­nen.

Doch die Nieder­lage der Rev­o­lu­tion 1936–1939 hat das Schick­sal der inter­na­tionalen Arbeiter*innenklasse reak­tionär entsch­ieden: Das Scheit­ern der Rev­o­lu­tion machte dem Zweit­en Weltkrieg den Weg frei und der Faschis­mus siegte in Spanien. Die kata­lanis­che Frage, die noch zwei Jahre zuvor mit der Aus­ru­fung und Nieder­schla­gung der kata­lanis­chen Repub­lik im Zen­trum der Geschehnisse stand, wurde mit dem Sieg Fran­cos ein weit­eres Mal reak­tionär “gelöst”.

Die Volksfrontregierung

Im Jan­u­ar 1936 wur­den Neuwahlen aus­gerufen. Zwei Fron­ten hat­ten sich gebildet: Auf der einen Seite stand eine Volks­front aus den Arbeiter*innenparteien der sozialdemokratis­chen PSOE und der stal­in­is­tis­chen PCE, der repub­likanis­chen Bour­geoisie und für kurze Zeit auch der zen­tris­tis­chen POUM. Die anar­chis­tis­che CNT rief im Gegen­satz zu den vorheri­gen Wahlen nicht zum Wahlboykott auf, ver­weigerte aber auch zunächst die Teil­nahme an der Volks­front. Auf der anderen Seite stand die Nationale Front, beste­hend aus allen möglichen reak­tionären Kräften. Die Volks­front gewann die Wahlen vom 16. Feb­ru­ar 1936 und bildete die Regierung. Sie man­i­festierte jedoch eine strate­gis­che Sack­gasse: Sie hat­te genau­so wie die Zweite Repub­lik die Gren­zen der bürg­er­lich-demokratis­chen Refor­men nicht über­schre­it­en wollen und dis­tanzierte sich von den Fra­gen der Enteig­nung der Bour­geoisie und der Landbesitzer*innen, der Zer­störung des bürg­er­lichen Staates und sein­er Armee, der Grün­dung von Räten und Milizen der Arbeiter*innen und Bäuerinnen*Bauern. Sie hielt die Arbeiter*innen von selb­st­ständi­gen Erfahrun­gen der Bewaffnung, Beset­zung und Streiks ab und drängte sie zum Frieden mit der repub­likanis­chen Bour­geoisie.

Der Militärputsch und der Aufstand in Katalonien

Die Volks­front hätte die dama­lige spanis­che Kolonie Marokko auf ihre Seite ziehen kön­nen, indem sie ihr die Unab­hängigkeit von der spanis­chen Kro­ne gewährt hätte. Stattdessen fiel sie in eine sozialchau­vin­is­tis­che Posi­tion, und die Kolonie Marokko wurde zur Hochburg des Gen­er­als Fran­co.
Unter Führung von Fran­co zettel­ten die Faschist*innen und das Mil­itär am 17. Juli 1936 einen Mil­itär­putsch an. Die demokratis­che Volks­front in Madrid blieb pas­siv, doch in Kat­alonien führten die Arbeiter*innen einen Auf­s­tand durch.

In Barcelona kon­trol­lierten die bewaffneten Arbeiter*innen die Straßen, Fab­riken und Insti­tu­tio­nen. Sie ver­wal­teten die Pro­duk­tion und das öffentliche Leben. Die Arbeiter*innenorgane besaßen in der Stadt de fac­to eine Dop­pel­macht neben der bürg­er­lichen Regierung. So erlit­ten die Putschis­ten dort ihre größte Nieder­lage: Gen­er­al Manuel God­ed ver­suchte am 19. Juli die Stadt zu beset­zen. Als der mil­itärische Ein­marsch begann, vertei­digten die Arbeiter*innen und Bauern*Bäuerinnen ihre Stadt und überzeugten sog­ar die Sol­dat­en, gegen die Befehle ihrer Offiziere die Rev­o­lu­tion zu vertei­di­gen. Die Putschis­ten mussten sich zurückziehen. Auch im Basken­land scheit­erten die Putschis­ten auf­grund des hero­is­chen Auf­s­tands der Massen. Da, wo die Arbeiter*innen sich bewaffneten, ver­lor das putschis­tis­che Mil­itär; aber dort, wo die Arbeiter*innen unbe­waffnet waren, gewann das Mil­itär an Ein­fluss und eroberte Städte.

Die Kräfteverhältnisse in der Volksfront

In Kat­alonien waren die Kräftev­er­hält­nisse inner­halb der Volks­front beson­ders zusam­menge­set­zt: Im Juni 1936 waren die sozialdemokratis­che PSOE und die stal­in­is­tis­che PCE zur PSUC (Vere­inigte Sozial­is­tis­che Partei Kat­aloniens) fusion­iert. Auf der anderen Seite der Linken stand die POUM, eine Fusion der Kom­mu­nis­tis­chen Linken (IC) und des Arbeit­er-Bauern­blocks (BOC), die in Kat­alonien konzen­tri­ert war. Andreu Nin war der führende Kopf der IC und Joaquin Mau­rin der BOC. Sie bei­de waren im Rah­men der stal­in­is­tis­chen Säu­berung aus der PCE aus­geschlossen wor­den. Nin schloss sich der Linken Oppo­si­tion um Trotz­ki an, während Mau­rin eher der Bucharin- und Bran­dler-Oppo­si­tion ange­hörte. Eine zen­tris­tis­che Fusion, die aber Aktions­for­men wie die Beset­zung von Län­dereien und Betrieben vorschlug. Doch die poli­tis­che Führung der Arbeiter*innen in Kat­alonien hat­ten die Anarchist*innen der CNT.

Barcelona war nicht nur die Hochburg des antifaschis­tis­chen Kampfes, son­dern vor allem das Zen­trum der Kollek­tivierung und der Arbeiter*innenkontrolle. Daher geri­eten die Volks­front und die CNT in Kon­flikt zueinan­der. Die Stalinist*innen standen an der Spitze der Volks­front. Leo Trotz­ki beschrieb sie als “die kämpfende Avant­garde der bürg­er­lich-repub­likanis­chen Kon­ter­rev­o­lu­tion“. Denn sie vertei­digten das Pri­vateigen­tum an den Pro­duk­tion­s­mit­teln und am Boden vehe­ment. Ihre Strate­gie konzen­tri­erte sich auf eine Etap­pen­logik: Zuerst den Krieg gewin­nen und die bürg­er­lich-demokratis­che Volks­front vertei­di­gen. Irgend­wann später komme dann die sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion. Trotz­ki schrieb dazu:

Drei Konzep­tio­nen bekämpften sich mit ungle­ichen Kräften im so genan­nten repub­likanis­chen Lager: die Men­schewis­tis­che, die Bolschewis­tis­che und die Anar­chis­tis­che. Was die bürg­er­lich-repub­likanis­chen Parteien bet­rifft, so besaßen sie wed­er eigene Ideen noch eigene poli­tis­che Bedeu­tung und hiel­ten sich nur im Nack­en der Reformis­ten und Anar­chis­ten. Man kann weit­er­hin ohne Übertrei­bung sagen, die Führer des spanis­chen Anar­chosyn­dikalis­mus haben alles getan, um ihre Dok­trin zu desavouieren und prak­tisch ihre Bedeu­tung auf Null zu reduzieren. Fak­tisch standen sich im so genan­nten repub­likanis­chen Lager zwei Dok­tri­nen gegenüber: die Men­schewis­tis­che und die Bolschewis­tis­che.

Nach Auf­fas­sung der Sozial­is­ten und Stal­in­is­ten, daher der Men­schewi­ki ersten und zweit­en Aufge­bots, sollte die spanis­che Rev­o­lu­tion nur ihre “demokratis­chen” Auf­gaben lösen, und dazu sei Ein­heits­front mit der “demokratis­chen” Bour­geoisie erforder­lich. Jed­er Ver­such des Pro­le­tari­ats, über den Rah­men der bürg­er­lichen Demokratie hin­auszuge­hen, ist von diesem Gesicht­spunkt aus gese­hen nicht nur ver­früht, son­dern auch ver­häng­nisvoll. Außer­dem ste­he nicht die Rev­o­lu­tion, son­dern der Kampf gegen den Rebellen Fran­co auf der Tage­sor­d­nung. Der Faschis­mus ist die “Reak­tion”. Gegen die “Reak­tion” gälte es, alle Kräfte des zu “Fortschritts” zu einen. Dass der Faschis­mus nicht feu­dale, son­dern bürg­er­liche Reak­tion ist, dass die bürg­er­liche Reak­tion erfol­gre­ich nur mit den Kräften und Meth­o­d­en der pro­le­tarischen Rev­o­lu­tion zu bekämpfen ist, dafür hat der Men­schewis­mus, selb­st ein Zweig des bürg­er­lichen Denkens, kein Ver­ständ­nis und kann es auch nicht haben.

Die Anarchist*innen als stärk­ste Kraft inner­halb der Arbeiter*innenbewegung der indus­triell entwick­el­ten Region Kat­aloniens hat­ten sich trotz der Etap­pen­logik der Stalinist*innen eben­falls an der Volks­front-Prax­is beteiligt. Sie ermöglicht­en den bürg­er­lichen Nationalist*innen der ERC, die Region­al­regierung zu kon­trol­lieren. Im Sep­tem­ber 1936 trat die CNT in die Gen­er­al­i­tat (kata­lanis­che Volks­front-Regierung) ein. Die POUM nahm eben­falls nahm an der Volks­front teil.

Die blutige Niederlage

Doch diese Poli­tik der Anbiederung an die Volks­front-Führung zahlte sich nicht aus: Der Stal­in­is­mus schloss zunächst im Dezem­ber 1936 die POUM aus der Regierung aus und ent­waffnete sie. Den gle­ichen Kurs wollte er auch gegen die Anarchist*innen durch­set­zen. Es begann deshalb eine Phase heftiger Gefechte inner­halb des repub­likanis­chen Lagers. Die PCE forderte die Auflö­sung der Arbeiter*innenmilizen und deren Eingliederung in die reg­uläre Armee. Bald ging der Stal­in­is­mus dazu über, auch an der Front die Milizen zu ent­waffnen und zwangsweise in die reg­uläre Armee zu inte­gri­eren; wer dage­gen war, wurde auch erschossen, plas­tisch zu sehen in Ken Loachs Klas­sik­er „Land and Free­dom”.

Vom 3. bis zum 7. Mai 1937 kam es dann in Barcelona zu bewaffneten Auseinan­der­set­zun­gen zwis­chen Anarchist*innen und POUM auf der einen Seite, stal­in­is­tis­ch­er PCE und kata­lanis­ch­er bürg­er­lich­er Regierung auf der anderen Seite. Am 7. Mai marschierten die Polizeitrup­pen in Barcelona ein und über­nah­men ihre Kon­trolle.

Die Maitage in Barcelona waren nicht der Kampf um die Machter­oberung des Pro­le­tari­ats, son­dern um die Frage der Tak­tiken im Schat­ten der Volks­frontstrate­gie. Die Sack­gasse des Anar­chis­mus beschreibt Trotz­ki präg­nant:

Diese Selb­strecht­fer­ti­gung: “ ‘Wir ergrif­f­en die Macht nicht, nicht etwa, weil wir nicht kon­nten, son­dern weil wir nicht woll­ten, weil wir gegen jede Dik­tatur sind”´ usw. enthält allein schon die unwider­ru­fliche Verurteilung des Anar­chis­mus als ein­er durch und durch anti­rev­o­lu­tionären Dok­trin. Auf die Eroberung der Macht verzicht­en, heißt frei­willig die Macht dem über­lassen, der sie besitzt, d.h. den Aus­beutern. Das Wesen jed­er Rev­o­lu­tion bestand und beste­ht darin, dass sie eine neue Klasse an die Macht bringt und ihr so die Möglichkeit gibt, ihr Pro­gramm zu ver­wirk­lichen. Man kann nicht Krieg führen, ohne den Sieg zu wollen. Man kann die Massen nicht zum Auf­s­tand führen, ohne sich auf die Eroberung der Macht vorzu­bere­it­en.

Die blutige Nieder­lage in Barcelona bedeutete nicht nur die physis­che Schwächung des Wider­stands, son­dern auch eine Wende in der Psy­cholo­gie der Massen: Die Demor­al­isierung und der Defätismus prägten das Bewusst­sein der­jeni­gen, die die Schlacht über­lebten. Die Volks­front-Regierung hat­te zwar gesiegt, aber nur im inneren Kampf. Es war ein Pyrrhussieg, welch­er der eige­nen Nieder­lage gegenüber dem Faschis­mus den Boden bere­it­ete.

Anfang 1939 kon­nte Fran­co unter diesen Bedin­gun­gen Kat­alonien ohne großen Wider­stand erobern. Durch seine Befehle wurde die kata­lanis­che Region­al­regierung nieder­schla­gen, Kat­alonien ver­lor wieder seine Autonomie. Die kata­lanis­che Sprache wurde erneut ver­boten.

Im ersten Teil unser­er Rei­he haben wir uns mit der Zeit von der Unter­w­er­fung Kat­aloniens 1714 bis hin zum Aus­bruch der Spanis­chen Rev­o­lu­tion 1936 beschäftigt. In Teil III geht es um die kata­lanis­che Frage unter dem Fran­quis­mus und der “Tran­si­ción”.

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