Jugend

Wir müssen Kämpfe gegen Unterdrückung und Ausbeutung an unsere Hochschulen tragen

Der Kampf gegen Outsourcing ist ein Kampf gegen rassistische und sexistische Strukturen im Kapitalismus. Dafür wollen wir eine Studierendenbewegung aufbauen, die sich vornimmt, jeden kleinen Kampf mit einer antikapitalistischen Perspektive zu verbinden und so dazu beizutragen, die Bedingungen zu schaffen, um den Kapitalismus aus den Angeln zu heben und mit ihm alle Formen von Unterdrückung.

Wir müssen Kämpfe gegen Unterdrückung und Ausbeutung an unsere Hochschulen tragen

An der Alice Salomon Hochschule Berlin ist seit ver­gan­gener Woche das The­ma Out­sourc­ing in aller Munde. Aus­gelöst hat­ten das zwei Arbei­t­erin­nen ein­er aus­ge­lagerten Reini­gungs­fir­ma, die an der ASH arbeit­en und ihre Arbeits­be­din­gun­gen öffentlich macht­en. Hun­derte Studierende und Beschäftigte der ASH und ander­er Betriebe haben seit­dem ihre Sol­i­dar­ität gezeigt und ein Ende des Out­sourc­ing gefordert. Das rei­ht sich ein in weit­ere Kämpfe gegen Aus­lagerung und Befris­tun­gen in Berlin, die sich in ein­er Kam­pagne von Basisgewerkschafter*innen zusam­mengeschlossen haben, um dafür zu kämpfen, dass Aus­gliederun­gen und Befris­tun­gen ver­boten wer­den.

Als antikap­i­tal­is­tis­che Hochschul­gruppe organize:strike und sozial­is­tisch-fem­i­nis­tis­che Gruppe Brot und Rosen hal­ten wir diese Kämpfe für äußerst wichtig, um Grund­steine dafür zu leg­en, eine ganz andere Art von Hochschule und eine ganz andere Gesellschaft zu erkämpfen. Warum das so ist und wie wir diese Kämpfe führen wollen, wollen wir in diesem Artikel dar­legen.

Was ist und wozu existiert Outsourcing?

Out­sourc­ing – also die Aus­lagerung von Auf­gaben, die vorher inner­halb des Unternehmens oder der Insti­tu­tion erbracht wur­den, in Sub­un­ternehmen oder auch die Fremd­ver­gabe dieser Auf­gaben an externe Dien­stleis­ter – hat in Deutsch­land seit den frühen 1990er Jahre ras­ant zugenom­men. Das war ein Teil des Prozess­es, der die Prekarisierung von Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen durch­set­zte. Doch nicht nur das: Es wurde unter anderem dadurch auch im Ver­ständ­nis viel­er Men­schen „nor­mal“, dass die Beschäftigten in der Reini­gung, der Logis­tik oder der Küche durch einen großen Graben von den anderen Beschäftigten getren­nt sind und sie schein­bar nichts mehr miteinan­der verbindet. Das ist kein Zufall, denn die Poli­tik des Out­sourc­ing war und ist Teil des neolib­eralen Umbaus der gesamten Gesellschaft. Durchge­set­zt wurde damit ein zuvor ungekan­ntes Aus­maß der Frag­men­tierung der gesamten Arbeiter*innenklasse, mit schlecht­en Löh­nen und Bedin­gun­gen beson­ders für die am schlecht­esten gestell­ten und unter­drück­testen Teile der Klasse, aber let­ztlich auch für alle anderen. Dies war verknüpft mit ein­er ide­ol­o­gis­chen Offen­sive, die den Indi­vid­u­al­is­mus durch­set­zte und die Idee ver­ankerte, dass es keine Arbeiter*innenklasse und keine gemein­samen Inter­essen mehr gäbe – während gle­ichzeit­ig noch nie so viele Men­schen Teil der weltweit­en Arbeiter*innenklasse waren wie heute.

Um diese Frag­men­tierung – ins­beson­dere auch das Out­sourc­ing – durchzuset­zen, wur­den beste­hende sex­is­tis­che und ras­sis­tis­che Spal­tun­gen genutzt und diese damit noch weit­er gestärkt. Denn es waren über­pro­por­tion­al oft Frauen und Migrant*innen, deren Arbeit vorher schon unter beson­ders prekären Bedin­gun­gen stat­tfand, und die nun unter noch schlechteren Bedin­gun­gen aus­ge­lagert wurde. Let­ztlich ging es also bei der Poli­tik des Out­sourc­ing – sowie ins­ge­samt im Neolib­er­al­is­mus – um eine Akku­mu­la­tion von immer mehr Spal­tun­gen.

Die Über­win­dung dieser Spal­tun­gen ist eine der zen­tralen Her­aus­forderun­gen für linke, fem­i­nis­tis­che und anti­ras­sis­tis­che Poli­tik heute. Dabei muss auch die Tren­nung zwis­chen anti­ras­sis­tis­chen, fem­i­nis­tis­chen und gew­erkschaftlichen Kämpfen über­wun­den wer­den. Denn let­ztlich geht es um die Frage: Wie sam­meln wir die Kraft, um für eine Gesellschaft zu kämpfen, die befre­it ist von all diesen For­men der Aus­beu­tung und Unter­drück­ung?

Doch erst­mal zurück zum Out­sourc­ing: Inner­halb von zehn Jahren sanken die Löhne in der Reini­gung beispiel­sweise um durch­schnit­tlich 12 Prozent. Denn durch Fremd­ver­gabe treten ver­schiedene externe Dien­stleis­tung­sun­ternehmen in Konkur­renz miteinan­der. Es ist immer nur der bil­lig­ste Anbi­eter, der den Zuschlag erhält. Um Aufträge zu erhal­ten, müssen sie den Kos­ten­druck, den dieser Wet­tbe­werb bedeutet, an die Beschäftigten weit­ergeben. Dies hat aber – durch all­ge­mein­verbindliche Tar­ifverträge und den Min­dest­lohn – eine Gren­ze nach unten. Die let­zte Schraube, an der gedreht wer­den kann, ist deshalb die Arbeit­szeit, was eine krasse Arbeit­szeitverdich­tung zur Folge hat. Für die Beschäftigten bedeutet dies let­ztlich gesund­heitliche Prob­leme durch extreme kör­per­liche Belas­tun­gen und eine kaum zu schaf­fende Menge an Arbeit – also eine Form von struk­tureller Gewalt. Dabei ist dies nicht das Ergeb­nis der unfairen Prax­is ein paar schwarz­er Schafe inner­halb der Branche, son­dern die logis­che und beab­sichtigte Kon­se­quenz aus dem gesamten Sys­tem des Out­sourc­ing.

Der Konkur­ren­z­druck auf die exter­nen Dien­stleis­tungs­fir­men, der diese Ver­hält­nisse erzwingt, wirkt sich inner­halb der Fir­men in ein­er extremen Diszi­plin­ierung jen­er aus, die dage­gen Wider­stand leis­ten wollen. Die „Konkur­ren­zfähigkeit“ als Maxime macht es schw­er­er, bessere Bedin­gun­gen inner­halb der Branche durchzuset­zen. Denn die Dro­hung ist immer, dann keine Aufträge mehr zu erhal­ten. Dies führt auch dazu, dass die Dien­stleis­tung­sun­ternehmen viel Energie darein­set­zen, jegliche Organ­isierung zu erschw­eren. Deshalb sind meist kurze befris­tete Verträge die Norm. Auch bein­hal­ten die Arbeitsverträge oft Mobil­ität­sklauseln, die es erlauben, Men­schen an den unter­schiedlich­sten Orten einzuset­zen. Bei­des ist eine riesige Hürde zur Organ­isierung inner­halb des Betriebs.

Den aus­lagern­den Unternehmen und Insti­tu­tio­nen erlaubt das Out­sourc­ing Erspar­nisse bei den Löh­nen, denn auf diese Weise kön­nen Tar­ifverträge unter­laufen und Beschäftigte schlechter bezahlt wer­den – und zwar ohne sich selb­st dabei die Fin­ger schmutzig zu machen, gerne mit dem Hin­weis darauf, dass in den aus­ge­lagerten Bere­ichen auch Tar­ifverträge gel­ten, ohne zu erwäh­nen, dass diese schlechtere Bedin­gun­gen festschreiben. Die niedrigeren Löhne kön­nen in weit­eren Schrit­ten auch dazu genutzt wer­den, Druck auf die Löhne der Kern­belegschaften auszuüben, zum Beispiel mit der Dro­hung, weit­ere Bere­iche auszu­lagern. Ander­er­seits finanzieren sie dafür das Man­age­ment der Fremd­fir­men und Sub­un­ternehmen mit, die im Gegen­zug den Beschäftigten die prekären Bedin­gun­gen aufzwin­gen und dies als unauswe­ich­lich­es Sachzwang darstellen. Außer­dem übernehmen sie die wichtige Auf­gabe, die Belegschaften zu spal­ten. Denn durch die Aus­lagerung gibt es nun Beschäftigte mit unter­schiedlichen Tar­ifverträ­gen, unter­schiedlichen Arbeit­ge­bern, unter­schiedlichen Beschäftigten­vertre­tun­gen und unter­schiedlichen Arbeits­be­din­gun­gen inner­halb eines Betriebs. Dies ist ein krass­es Hin­der­nis, um sich gemein­sam zu organ­isieren und für bessere Bedin­gun­gen zu kämpfen.

Rassistische und sexistische Spaltungen

Dazu kommt noch, dass es eben nicht zufäl­lig ist, wessen Arbeit aus­ge­lagert wird. Denn dies erfol­gt auf der Grund­lage von ras­sis­tis­chen und sex­is­tis­chen Spal­tun­gen, die dadurch noch ver­stärkt wer­den. Schon die schein­bar ein­fach Frage „Warum ist es oft die Reini­gung, die out­ge­sourct wird?“ zeigt das auf. Frauen und Migrant*innen – und vor allem migrantis­che und geflüchtete Frauen – arbeit­en ger­ade in den Bere­ichen mit den niedrig­sten Löh­nen und den schlecht­esten Bedin­gun­gen, die beson­ders leicht anzu­greifen sind. Ein­er­seits liegt das an ein­er rel­a­tiv­en schwachen gew­erkschaftlichen Organ­isierung, die wiederum Ergeb­nis der chau­vin­is­tis­chen Poli­tik der Gew­erkschafts­bürokra­tien ist. Diese konzen­tri­ert ihre Kraft meist auf bessergestellte Sek­toren, organ­isiert keinen gemein­samen Wider­stand und hin­ter­fragt somit nicht die ras­sis­tis­chen und sex­is­tis­chen Ide­olo­gien inner­halb der Arbeiter*innenklasse, die nur durch gemein­same Kämpfe und Verbesserun­gen für die von Ras­sis­mus und Sex­is­mus Betrof­fe­nen über­wun­den wer­den kön­nten. Ander­er­seits spielt hier auch eine Rolle, dass Beschäftigte in diesen Bere­ichen oft leicht „erset­zbar“ sind, denn durch staatliche Geset­ze, Arbeitsver­bote für Geflüchtete, ein diskri­m­inieren­des Schul­sys­tem usw. wer­den Migrant*innen und Geflüchtete in Deutsch­land zu ein­er indus­triellen Reservearmee gemacht, die in den prekärsten Sek­toren flex­i­bel einge­set­zt wird.

Dazu kommt noch, dass es sich beispiel­sweise in der Reini­gung – und dies bet­rifft auch andere Bere­iche, die out­ge­sourct wer­den – um eine Arbeit han­delt, in die vor allem Frauen hineinge­drängt wer­den, weil sie der Arbeit ähnelt, die sie auch unbezahlt im Haushalt erledi­gen. Sie legt erst die Grund­la­gen dafür, dass alle anderen Arbeit­en möglich wer­den: Durch sie wer­den die Men­schen und ihre Umge­bung wieder in einen Zus­tand ver­set­zt, in dem gear­beit­et wer­den kann. Deshalb wird sie auch Repro­duk­tion­sar­beit genan­nt. Weil diese Arbeit als „im Prinzip unbezahlt“ und außer­halb der pro­duk­tiv­en Sphäre liegend ver­standen wird, ist es leichter, sie nur schlecht zu ent­lohnen und auszu­lagern – und ander­srum bleibt durch diese Abw­er­tung die Vorstel­lung beste­hen, dass Frauen dies „von Natur aus“ unent­geltlich und aus­ge­lagert in pri­vat­en Haushal­ten erledi­gen.

Der Effekt ist let­ztlich, dass die unter­drück­testen Teile der Arbeiter*innenklasse an vie­len Orten vom Rest der Klasse abge­tren­nt und in einen Bere­ich gedrängt wer­den, in dem Organ­isierung beson­ders schw­er ist. Ras­sis­tis­che, sex­is­tis­che Spal­tun­gen und die Spal­tun­gen der Betriebe über­lagern sich so und schaf­fen eine der materiellen Grund­la­gen für die ras­sis­tis­che und sex­is­tis­che Unter­drück­ung – let­ztlich mit dem Ziel, den Kap­i­tal­is­mus am Leben zu hal­ten und die Aus­ge­beuteten und Unter­drück­ten vom Kampf für ihre Emanzi­pa­tion abzuhal­ten.

Die Spaltung überwinden, um einen Kampf gegen das System zu führen

Deshalb ist es zen­tral, diese Ver­hält­nisse heute anzu­greifen. Dabei müssen wir klar­ma­chen: Der Kampf gegen Out­sourc­ing ist nicht nur ein Kampf gegen schlechte Arbeitsver­hält­nisse und niedrige Löhne, son­dern auch ein Kampf gegen ras­sis­tis­che und sex­is­tis­che Struk­turen im Kap­i­tal­is­mus. Denn wenn wir die Unter­drück­ung been­den wollen, müssen wir die Struk­turen stürzen, die sie aufrechter­hal­ten. Dazu gehört ein­er­seits, dass wir nicht dabei ste­hen bleiben, ein Ende von Out­sourc­ing, Befris­tung und Arbeit­szeitverdich­tung zu fordern, son­dern dass wir dies verbinden mit dem Kampf gegen Ras­sis­mus und den Sex­is­mus, die diese Form der Prekarisierung erst ermöglichen.

Ander­er­seits gehört dazu auch, dass wir dafür kämpfen, dass die Kern­belegschaften diese Kämpfe auf­greifen und sich aktiv mit ihren aus­ge­lagerten Kolleg*innen sol­i­darisieren. Denn die Arbeiter*innenklasse kann nicht geeint wer­den, indem die Kämpfe und Forderun­gen der Unter­drück­ten ein­fach unter­ge­ord­net wer­den. Im Gegen­teil: Ger­ade ihre Kämpfe müssen Unter­stützung von der gesamten Klasse erfahren.

Eine Klasse, die geeint gegen Unter­drück­ung und Aus­beu­tung kämpft, in der ger­ade die weib­lichen, migrantis­chen, geflüchteten Arbeiter*innen in der ersten Rei­he ste­hen und eine Allianz aller Arbeiter*innen und Unter­drück­ten anführen – eine solche Klasse hat die Fähigkeit, eine voll­ständig andere Gesellschaft zu erobern. Eine solche Klasse bildet sich nicht spon­tan. Sie entste­ht, indem sie kämpft.

Dabei dür­fen wir nicht darauf warten, dass große Kon­flik­te aus­brechen. Wir kön­nen schon heute selb­st den kle­in­sten Kampf in ein Beispiel dieser Per­spek­tive ver­wan­deln. In ein­er Zeit, in der durch die Frag­men­tierung und den Indi­vid­u­al­is­mus der lan­gen Jahre des Neolib­er­al­is­mus bei vie­len jegliche Vorstel­lung davon ver­schwun­den ist, Teil der Arbeiter*innenklasse zu sein, gemein­same Inter­essen zu haben und kämpfen zu kön­nen, kön­nen sich solche kleinen Kon­flik­te in Leucht­türme ver­wan­deln. Sie kön­nen ein Beispiel geben, dass es eben doch Arbeiter*innen gibt, die kämpfen, die gemein­same Inter­essen haben, die nicht vere­inzelt bleiben – und die dabei nicht an den Gren­zen der gew­erkschaftlichen Kämpfe ste­hen bleiben, son­dern auch ein Pro­gramm gegen Unter­drück­ung anzu­bi­eten haben.

Werde mit uns aktiv!

Wir als Organize:Strike und Brot und Rosen wollen einen Beitrag zu dieser großen Auf­gabe leis­ten. Viele von uns studieren und arbeit­en an Berlin­er Hochschulen. Wir glauben, dass es unsere Auf­gabe als Beschäftigte und Studierende ist, die Kämpfe gegen Unter­drück­ung und Aus­beu­tung an unsere Hochschulen zu tra­gen. Nur wenn wir eine Ein­heit von Studieren­den und Beschäftigten her­stellen, kön­nen wir die Kraft sam­meln, dieses ganze Sys­tem umzustürzen. Damit das gelingt, müssen wir eine ganz andere Studieren­den­be­we­gung auf­bauen: eine, die sich vorn­immt, jeden kleinen Kampf mit ein­er antikap­i­tal­is­tis­chen Per­spek­tive zu verbinden und so dazu beizu­tra­gen, die Bedin­gun­gen zu schaf­fen, um den Kap­i­tal­is­mus und alle For­men von Unter­drück­ung aus den Angeln zu heben.

Für diese Per­spek­tive treten wir im Sol­i­dar­ität­skomi­tee für die Reini­gungskräfte an der ASH ein, das wir gemein­sam mit dutzen­den anderen Studieren­den und Beschäftigten ins Leben gerufen. Melde dich bei uns, wenn du mit uns aktiv wer­den willst!

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