Unsere Klasse

Der Kampf der Arbeiter*innen von ONET auf der revolutionären und internationalistischen Sommerakademie

Ein inspirierendes Beispiel dafür, wie die Kämpfe gegen Ausbeutung und Unterdrückung heute Kraft entfalten können, ist der Kampf der Reinigungsarbeiter*innen in den Pariser Bahnhöfen. Einige der outgesourcten Beschäftigten der Firma ONET berichteten auf der internationalistischen und revolutionären Sommerakademie von ihrem Kampf.

Der Kampf der Arbeiter*innen von ONET auf der revolutionären und internationalistischen Sommerakademie

Es war ein­er der bewe­gend­sten Momente bei der Som­mer­akademie, als Fer­nande und Oumou von ihrem Streik berichteten und davon erzählten, wie sie durch diesen Kampf zu Anführerin­nen ihrer Klasse wur­den.

Dieser Kampf bot vie­len der Work­shops bei der Som­mer­akademie große Inspi­ra­tion. Das High­light war ein Doku­men­tarfilm über ihren Kampf, gedreht von Révo­lu­tion Per­ma­nente (Teil des inter­na­tionalen Zeitungsnet­zw­erks, dem auch Klasse gegen Klasse ange­hört). Außer­dem berichteten sie in einem eige­nen Work­shop von ihren Erfahrun­gen.

45 Tage hat­ten sie die Reini­gung der Paris­er Bahn­höfe bestreikt. Dabei eroberten die 84 Kämpfer*innen – alle von ihnen Migrant*innen, viele über fün­fzig – einen tri­umphalen Sieg über die Bosse des Unternehmens ONET/H. Reinier. Sie erkämpften sich beina­he alle ihre Forderun­gen, so zum Beispiel das Ende der ultra-flex­i­blen Schicht­pläne, nach denen die Arbeiter*innen erst am Tag selb­st erfuhren, wo sie einge­set­zt wer­den soll­ten. Diese waren auch ein­er der auss­chlaggeben­den Gründe für den Arbeit­skampf gewe­sen. Zuerst hat­ten neun von ihnen vor Gericht gegen die Eisen­bah­nge­sellschaft SNCF, die die Reini­gungsar­beit an ONET out­ge­sourct hat­te, gewon­nen. Ihnen war vorge­wor­fen wur­den, ille­gal Räum­lichkeit­en der SNCF beset­zt zu haben. Die Strafzahlung von je 500 Euro, zu der die SNCF verurteilt wor­den war, spende­ten die neun Kolleg*innen der Streikkasse. Kurz nach diesem Sieg knick­ten dann auch die Bosse bei ONET ein.

Außer­dem set­zten sie den Über­gang aller Beschäftigter in den Tar­ifver­trag des Trans­portwe­sens durch, der bessere Bedin­gun­gen als den der Reini­gung vor­sieht. Die Zahlun­gen für die Mit­tagspause wur­den erhöht, eben­so wie weit­ere Prämien erkämpft. Für die Zeit des Streiks zahlte das Unternehmen zwei Wochen Gehalt und nahm alle Sank­tio­nen gegen die Streik­enden zurück. Und beson­ders wichtig: Die Kolleg*innen set­zten sich mit der Forderung nach einem Festver­trag für einen Kol­le­gen durch, der Prob­leme mit seinem Aufen­thaltssta­tus hat­te – und nun in Frankre­ich bleiben kon­nte.

Selbstorganisiert und geeint

Dies schafften die Streik­enden, indem sie fest zusam­men­hiel­ten und sich gegen die Angriffe der Polizei und der Unternehmen ONET und SNCF gemein­sam wehrten. Sie tat­en dies, obwohl sie ver­schiede­nen Gew­erkschaften ange­hörten, die oft unter­schiedliche Posi­tio­nen ver­trat­en. Und auch, obwohl für sie alle unter­schiedliche Bedin­gun­gen gal­ten, da sie zuvor nach unter­schiedlichen Tar­ifverträge bezahlt wur­den. Sie über­wan­den dabei auch Spal­tun­gen durch Sprache, Nation­al­ität oder Reli­gion. Diese Ein­heit – und ihre Entschlossen­heit – kon­nten sie aufrechter­hal­ten, weil sie jeden Mor­gen in Streikver­samm­lun­gen zusam­menka­men. Dort trafen sie gemein­sam und demokratisch alle Entschei­dun­gen – und set­zten durch, dass diese dann auch genau­so umge­set­zt wur­den. Dazu kam, dass die große Mehrheit der Belegschaft sich im Kampf befand: 84 der 110 Beschäftigten streik­ten mit.

Sie errichteten drei Streik­posten an strate­gis­chen Bahn­höfen in der Stadt und waren dort rund um die Uhr anwe­send, um zu ver­hin­dern, dass die Bahn­höfe von Frem­dun­ternehmen oder Streikbrecher*innen geputzt wür­den – selb­st wenn diese von der Polizei in den Bahn­hof esko­rtiert wur­den. Gle­ichzeit­ig informierten sie dort die Reisenden und war­ben für Sol­i­dar­ität. Die Streik­posten wur­den zur Orten, an denen die Kolleg*innen die Vere­inzelung über­wan­den – denn nor­maler­weise putzen die 110 Kolleg*innen in kleinen Grüp­pchen 75 Bahn­höfe und bekom­men einan­der so nur sel­ten zu Gesicht.

Solidarität war wichtig

Die Streik­posten waren aber auch Orte, an denen sie Unter­stützung durch andere Sek­toren, Reisende und poli­tis­che Grup­pen erfahren kon­nten, allen voran durch andere Beschäftigte der SNCF, die sich für ihre Kolleg*innen in der Reini­gung ein­set­zten. Ihnen gaben die Arbeiter*innen von ONET diese Sol­i­dar­ität zurück: An den Streiks der Eisenbahner*innen gegen die Eisen­bah­n­re­form beteiligten sie sich geschlossen.

Beson­ders bewe­gend war außer­dem ein Besuch von Assa Tra­oré, Schwest­er von Adama Tra­oré, der von der Polizei ermordet wurde. Assa hat sich seit­dem in eine führende Kämpferin gegen ras­sis­tis­che Polizeige­walt und Ras­sis­mus ver­wan­delt. Eben­so besucht­en fem­i­nis­tis­che Grup­pen die Streik­enden und wur­den her­zlich emp­fan­gen.

Die Reiniger*innen ver­ban­den sich auch mit anderen kämpfend­en Sek­toren, wie den Streik­enden der Hotelkette Hol­i­day Inn. Essen­tiell war eben­falls die Grün­dung eines Komi­tees von Unterstützer*innen im Vier­tel Saint-Denis, vor allem um Sol­i­dar­ität zu organ­isieren. Das Komi­tee unter­stützte die Kolleg*innen am Streik­posten, zum Beispiel mit gemein­samem Essen, organ­isierte Demon­stra­tio­nen und Flug­blat­tak­tio­nen, um mehr Druck aufzubauen und den Kampf bekan­nter zu machen.

Symbol für andere prekär Beschäftigte

Außer­dem war die Sol­i­dar­ität wichtig, um eine Streikkasse aufzubauen. Am Ende kamen ins­ge­samt 70.000 Euro zusam­men. Nur mith­il­fe dieses Geldes war es möglich, in so einem prekären Sek­tor so lange durchzus­treiken – einige der Streik­enden ver­di­enen weniger als 600 Euro monatlich und müssen davon auch ihre ganze Fam­i­lien ernähren. Die Beiträge kamen unter anderem von 3.000 Einzelspender*innen. Der Kampf erre­ichte auch Intellek­tuelle, die sich öffentlich mit ihnen sol­i­darisierten.

Bei der Som­mer­akademie wurde davon gesprochen, dass dieser spek­takuläre Sieg zeigt, unter welchen Bedin­gun­gen es möglich ist, selb­st in den prekärsten Sek­toren zu gewin­nen. Indem die Streik­enden sich nicht spal­ten ließen, sich Tag und Nacht in den Kampf stürzten und die Führung des Kampfes sel­ber in die Hand nah­men und indem sie aktiv Sol­i­dar­ität organ­isierten, ver­wan­delte sich der Kampf der Reiniger*innen von ONET in ein Sym­bol. Zen­tral dafür war auch die Unter­stützung durch die Web­seite Révo­lu­tion Per­ma­nente. Mit Videos und Bericht­en schafften sie es, diese Arbeit, die son­st unsicht­bar ist, sicht­bar zu machen und den Men­schen, sie son­st nicht gehört wer­den, eine Stimme zu geben. Wie Françoise Vergès es auf der Som­mer­akademie auszu­drück­te :„Eine unverzicht­bare Arbeit, aber eine unsicht­bare.“ Sie waren es auch, die das Sol­i­dar­ität­skomi­tee angestoßen hat­ten.

Fer­nande, ehe­ma­lige Streik­ende von Onet, Reini­gungsar­bei­t­erin und Gew­erkschaf­terin kom­men­tierte die Som­mer­akademie mit fol­gen­den Worten:

Es war sehr inten­siv und es hat mich gestärkt, arbei­t­ende Frauen aus anderen Län­dern zu sehen und mit ihnen zu disku­tieren. Sie erleben die gle­ichen Sachen wie wir. Wir Frauen machen sehr viel, wenn wir geeint bleiben, kön­nen wir mit unseren Träu­men bis zum Ende gehen. Wir, die Frauen der Arbeiter*innenklasse, wis­sen, wie beschw­er­lich die Arbeit ist. Selb­st wenn wir prekär sind, selb­st wenn wir nicht lange zur Schule gegan­gen sind, kön­nen wir doch zusam­men kämpfen. Unsere Rolle als Kämpfer*innen der Arbeiter*innenklasse, als Gew­erkschafts­delegierte ist es, unsere Kolleg*innen davon zu überzeu­gen, für bessere Arbeits­be­din­gun­gen zu kämpfen und unsere Aus­beu­tung anzuprangern: In der Prekar­ität zu arbeit­en ist kein Schick­sal. Es ist Zeit aufzuste­hen, um für unsere Rechte zu kämpfen.

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