Jugend

ASH: “Soziale Hochschule” oder Business as usual? Warum Studierende und Beschäftigte für eine ganz andere Hochschule kämpfen müssen

Seitdem die Arbeitsbedingungen von Reinigungskräften an der Alice Salomon Hochschule öffentlich gemacht wurden, ist die ganze Hochschule in Aufruhr. Das liegt nicht nur an dem konkreten Fall, denn an der ASH – wie an vielen anderen Hochschulen – gibt es noch viel mehr Missstände.

ASH:

Die Arbei­t­erin­nen Dora und Galy­na verurteil­ten am ver­gan­genen Mon­tag in einem Inter­view die prekären Ver­hält­nisse, in die sie von der Fir­ma Peter Schnei­der gedrängt wur­den, an die die ASH die Reini­gung out­ge­sourct hat: Sechs-Monats-Verträge, die nicht ver­längert wer­den, die Unmöglichkeit der Organ­i­sa­tion, weil sie isoliert arbeit­en und alle sechs Monate von Ort zu Ort wech­seln, mit Löh­nen, die zum Leben nicht aus­re­ichen, und vieles mehr.

Der Bericht hat seit­dem hohe Wellen geschla­gen, es wurde ein Unter­stützungskomi­tee für die Arbei­t­erin­nen ins Leben gerufen (angestoßen von der antikap­i­tal­is­tis­chen Hochschul­gruppe Organize:strike und der sozial­is­tisch-fem­i­nis­tis­chen Gruppe Brot und Rosen) und eine Peti­tion an die Hochschulleitung gerichtet.

Dabei ist der Umgang mit den Reini­gungskräften an der ASH nur die Spitze des Eis­bergs. Diese Hochschule, die sich son­st gern selb­st als “sozial”, “fortschrit­tlich” oder gar “fem­i­nis­tisch” tit­uliert, wird mitunter genau­so wie ein prof­i­to­ri­en­tiertes Unternehmen geführt. Wir wollen ein paar Beispiele benen­nen.

Während die Ver­wal­tungs­beschäftigten, die Bibliothekar*innen und die wis­senschaftlichen Mitarbeiter*innen nach einem Tarif bezahlt wer­den, häufen sich immer mehr Arbeitsver­hält­nisse außer­halb von Tar­ifverträ­gen und/oder Beschäf­ti­gun­gen ohne Arbeitsver­trag. Beschäftigte in Drittmit­tel-finanzierten Forschung­spro­jek­ten ste­hen da noch ver­gle­ich­sweise gut da. Die Lehre wird zu nicht gerin­gen Teilen über Lehraufträge abgedeckt, d.h. durch Hon­o­rarkräfte, die eben­falls keinen Arbeitsver­trag haben und nur für die geleis­teten Sem­i­narstun­den bezahlt wer­den (d.h. ohne Kranken­geld oder Sozialver­sicherung). Dass auch andere Auf­gaben aus­ge­lagert wer­den statt ASH-Fes­tanstel­lun­gen zu nutzen, zeigt sich u.a. am Beispiel der eben­falls out­ge­sourcten Pforte. Durch all diese Bere­iche zieht sich die Befris­tung von Arbeitsverträ­gen.

Beson­ders dreist geht die ASH seit ver­gan­genem Jahr mit den Stu­den­tisch Beschäftigten um. Diese hat­ten in einem exem­plar­ischen und mehrmonati­gen Arbeit­skampf v.a. eine längst fäl­lige Tar­ifer­höhung erkämpft. Nichts­destotrotz wer­den sie noch immer nach einem anderen Tar­ifver­trag als die o.g. Sta­tus­grup­pen bezahlt: dem TVS­tud III. Obwohl Gerichte fest­gestellt haben, dass viele Stu­den­tisch Beschäftigte ille­galer­weise in der Ver­wal­tung, in Bib­lio­theken und im IT-Bere­ich arbeit­en, wo sie eigentlich nach dem (viel höher vergüteten) TV‑L ein­grup­piert wer­den müssten, hat die ASH – wie auch andere Berlin­er Uni­ver­sitäten – nicht etwa jene Stu­den­tisch Beschäftigten nach TV‑L angestellt (wie legal möglich und vor allem gerecht gewe­sen wäre), son­dern die Stellen zum Teil ein­fach gestrichen. Dieses Schick­sal ist zum Beispiel der Fotow­erk­statt wider­fahren, die ganz geschlossen wurde, oder den Tutor*innen im Com­put­erzen­trum, deren Stellen rei­hen­weise gekürzt wur­den. Noch absur­der erg­ing es dem Ver­anstal­tungs­man­age­ment, das kurz­er­hand als “ehre­namtliche Stelle” mit klein­er Aufwand­sentschädi­gung neu aus­geschrieben wurde. Stu­den­tisch Beschäftigte arbeit­en zum Teil sog­ar ohne Lehraufträge – um “Praxis­er­fahrung in der Lehre” zu sam­meln.

Das alles, obwohl die ASH in den ver­gan­genen Jahren ihre Studieren­den­zahl immer mehr erhöht hat, weshalb die Sem­i­nare immer voller wer­den und das Arbeit­spen­sum für die Lehren­den entsprechend steigt.

Kurzum: Die ASH bricht kon­stant mit dem Prinzip “Gle­ich­er Lohn für gle­iche Arbeit” – eigentlich ein Und­ing für eine Hochschule, die in ihrem Leit­bild einen “emanzipatorische[n] Anspruch [mit] dem gesellschaftlichen Auf­trag Sozialer Gerechtigkeit und kri­tis­ch­er Auseinan­der­set­zung mit gesellschaftlichen Entwick­lun­gen” for­muliert und sich die “Förderung der gle­ich­berechtigten und gle­ichgewichti­gen Teil­habe aller Hochschu­lange­höri­gen” auf die Fah­nen schreibt. Wo bleibt die “kri­tis­che Auseinan­der­set­zung” mit den tat­säch­lichen Arbeits‑, Lehr- und somit auch Lernbe­din­gun­gen an der ASH?

Viel eher drängt sich der Ver­dacht auf, dass die Hochschule zwar in ihrem Image – und sich­er auch in dem Anspruch und den Inhal­ten viel­er engagiert­er Dozieren­der und ander­er Beschäftigter – das Soziale her­vorhebt, aber de fac­to dem neolib­eralen Ide­al der “unternehmerischen Hochschule”, die wie ein prof­i­to­ri­en­tiert­er Konz­ern geführt wird, genau­so hörig ist wie jede andere Uni­ver­sität in diesem Land.

Wie anders lässt sich erk­lären, dass auch an der ASH so viele prekäre Arbeitsver­hält­nisse existieren? Warum sind Reini­gung und Pforte über­haupt aus­gegliedert? Warum sind es aber ger­ade die Reini­gung und die Pforte? Warum wer­den Studierende, die – weil sie die gle­ichen Auf­gaben erledi­gen wie ihre Kolleg*innen – ganz klar nach TV‑L bezahlt wer­den müssten, nicht nach TV‑L bezahlt? Warum wer­den Dauer­auf­gaben durch unver­sicherte Hon­o­ra­raufträge abgewick­elt?

Man mag ein­wen­den, dass der Kos­ten­druck ja vom Land Berlin kommt, das in den Hochschul­verträ­gen nun­mal nicht mehr Geld vorse­hen würde. Und ja, die Finanzierung der Hochschulen ist unterirdisch und es ist abso­lut notwendig, für eine volle Aus­fi­nanzierung des gesamten Bil­dungs­bere­ichs zu kämpfen. Im Übri­gen ist das­selbe Spiel in anderen Bere­ichen des öffentlichen Dien­stes eben­falls gang und gäbe: dutzende Tochter­fir­men an den Berlin­er Kranken­häusern, out­ge­sourcte Reini­gung in der öffentlichen Ver­wal­tung, usw. usf.

Aber das alles lässt die “soziale” ASH nicht aus der Ver­ant­wor­tung. Im Gegen­teil: Die aktuelle Sit­u­a­tion zeigt, dass ein soziales Leit­bild nicht aus­re­icht. Die Frage ist, wie wir – Studierende und Beschäftigte an der ASH — gemein­sam tat­säch­lich gute Arbeits‑, Lehr- und Lernbe­din­gun­gen durch­set­zen kön­nen. Genau­so wie unser Leben darf unser Studi­um nicht von einem zu knap­pen Bud­get abhän­gen. Wir wollen uns nicht damit beg­nü­gen, dass es kein Geld gibt. Denn dieselbe Argu­men­ta­tion, die in allen möglichen sozialen Bere­ichen immer wieder ange­bracht wird, für die wir an der ASH ja auch aus­ge­bildet wer­den – Erzieher*innen, Sozialarbeiter*innen und andere –, ler­nen wir in unseren Sem­i­naren ja ger­ade kri­tisieren. Diese Kri­tik muss auch für die ASH selb­st gel­ten.

Deshalb ist es uner­lässlich, dass wir uns an der ASH und in ganz Berlin zusam­men­schließen, um gemein­sam gegen diese Bedin­gun­gen zu kämpfen. Der erste Schritt ist heute, Sol­i­dar­ität mit Dora und Galy­na zu zeigen: Unter­schreibt die Peti­tion und kommt zum Sol­i­dar­ität­skomi­tee! Lasst uns hier die Kräfte sam­meln, um gemein­sam unsere Vision ein­er ganz anderen Hochschule zu entwick­eln – eine Hochschule, die nicht nach Kos­ten­druck und Prof­i­to­ri­en­tierung aus­gerichtet ist, son­dern eine Hochschule im Inter­esse all jen­er, die von diesem Sys­tem benachteiligt, aus­ge­beutet und diskri­m­iniert wer­den.

One thought on “ASH: “Soziale Hochschule” oder Business as usual? Warum Studierende und Beschäftigte für eine ganz andere Hochschule kämpfen müssen

  1. Benjamin sagt:

    Die Neolib­erale Ide­olo­gie fliegt uns allen schon seit Jahrzehn­ten um die Ohren, ein Ende dieser Lebens­feindlichen Vorstel­lun­gen ist nicht zu sehen… die einzi­gen die heute ein einiger­massen wirk­sames Sys­tem dage­gen haben sind die Proteste der Gel­ben West­en in Frankreich…alle anderen müssen das noch ver­ste­hen.

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