Unsere Klasse

“Ich bin doch kein Roboter, ich bin ein Mensch!”

Die Reinigungskräfte an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf schuften unter unzumutbaren Bedingungen für eine externe Firma. Wir haben mit Dora (52) und Galyna (42) über ihre Situation und ihre Forderungen gesprochen.

Sie arbeit­en als Reini­gungskräfte an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Seit wann sind Sie dort beschäftigt?

Dora: Wir sind jet­zt ein halbes Jahr hier und haben alle befris­tete Arbeitsverträge. Das ist nor­mal in der Reini­gungs­branche. Mein Ver­trag läuft Ende August aus, meine Kol­le­gin bleibt einen Monat länger. Dabei ist es egal, wie sehr man sich anstrengt. Deshalb sind die Men­schen mit der Zeit immer weniger motiviert.

Kom­men Sie mit Ihrem Lohn über die Run­den?

D.: Mit unser­er Arbeit hier bekom­men wir nicht genug Geld zum Leben. Darum stock­en wir beim Job­cen­ter auf. Früher war es noch ein­fach­er, einen Job für sechs Stun­den täglich zu find­en. Im Zuge der Ein­führung des Min­dest­lohns ist die frühere sechsstündi­ge Arbeit­szeit allerd­ings ein­fach auf vier Stun­den reduziert wor­den!

Galy­na: Dadurch ist alles viel hek­tis­ch­er gewor­den. In einem Sem­i­nar­raum muss ich beispiel­sweise den Boden wis­chen, die Tis­che und Stüh­le reini­gen, die Fen­ster­bret­ter säu­bern und mit­tler­weile auch noch die Tafel wis­chen. Und das auf zwei Eta­gen. Mir bleiben sieben Minuten für jeden Raum, egal ob großer oder klein­er Saal. Ich bin doch aber kein Robot­er, ich bin ein Men­sch! Wir machen hier eine Arbeit in vier Stun­den, für die sechs benötigt wer­den. Unter dem Strich wer­den wir also nicht voll­ständig bezahlt. Für den ganzen Monat bekom­men wir 600 bis 700 Euro.

D.: Wir erhal­ten nur einen kleinen Anteil von dem Geld, das die Hochschule für unsere Arbeit zahlt. Wir wüssten gerne: Wieviel über­weist die Hochschule dem Auf­tragge­ber? Wie viele Arbeitsstun­den wer­den einge­plant und wie viele davon bezahlt? Wer an der Hochschule unter­schreibt die Stun­denabrech­nung der Putz­fir­ma? Wer das tut, ist mitver­ant­wortlich für unsere Arbeits­be­din­gun­gen und den Lohn­raub.

Welche Prob­leme haben Sie mit der Fir­ma, die Sie beschäftigt?

D.: Das bet­rifft etwa die Abrech­nun­gen. Ständig fehlen 30 bis 40 Euro, manch­mal sog­ar mehr. Wir müssen uns immer wieder beschw­eren, das ist ermü­dend.

Haben Sie Erfahrun­gen, wie es bei anderen Auf­tragge­bern aussieht?

D.: In ein­er anderen Fir­ma wurde ich ein­mal in der Grun­dreini­gung einge­set­zt. Das muss eigentlich zusät­zlich bezahlt wer­den und soll nur von geschul­ten Leuten mit Schutzk­lei­dung und Atem­schutz­maske gemacht wer­den. Da arbeitest du mit aggres­siv­en Chemikalien. Ich wurde dazu gezwun­gen, das alles ohne jeden Schutz zu machen, bei geschlosse­nen Fen­stern – und das im Som­mer bei über 30 Grad. Nach kurz­er Zeit bin ich mit großen gesund­heitlichen Prob­le­men im Kranken­haus gelandet. Zum Dank wurde ich danach gekündigt. Die gesund­heitlichen Schä­den spüre ich noch heute.

Wollen Sie gegen solche und ähn­liche Bedin­gun­gen etwas unternehmen?

G.: Wir haben über­legt, ob wir einen Brief schreiben. Aber dann wer­den wir vielle­icht gekündigt. Uns zu organ­isieren ist sehr schw­er, weil wir immer von ein­er Arbeit zur näch­sten sprin­gen und das ständig in anderen Beset­zun­gen und in anderen Fir­men.

D.: Das ist wohl lei­der der all­ge­meine Zus­tand – ein­fach unerträglich.

Auch in Berlin organ­isieren sich Men­schen, um gegen Out­sourc­ing und solche Zustände vorzuge­hen.

D.: Es tut gut zu wis­sen, dass andere diese Prob­leme auch haben und etwas unternehmen. Dann fühlt man sich nicht so isoliert. Bei der Alice-Salomon-Hochschule wun­dert mich die Sit­u­a­tion aber beson­ders, weil sie doch als Insti­tu­tion mit sozialer Aus­rich­tung gilt. Ger­ade Alice Salomon hat sich doch für Frauen­rechte einge­set­zt.

G.: Ich würde meine Arbeit gerne gut machen, unter fairen Bedin­gun­gen. Aber ich habe auch eine Tochter, die meine Zeit und Energie braucht. Sie wün­scht sich, dass wir gemein­sam etwas unternehmen. Doch wenn ich nach Hause komme, brauche ich ein­fach meine Ruhe. Schließlich habe ich vor­mit­tags auch noch einen Sprachkurs zu bewälti­gen.

D.: Ger­ade Frauen üben oft Tätigkeit­en aus, die beson­ders ver­schleißend sind. Für uns wäre es bess­er, wenn wir direkt bei der Hochschule angestellt wer­den. Dann würde nicht so viel Geld in dubiose Rich­tun­gen fließen. Der Lohn käme bei uns an.

Dieses Inter­view erschien zuerst in der Tageszeitung junge Welt am 8. Juli 2019.

Lust zu unter­stützen? Werde aktiv!

Die antikap­i­tal­is­tis­che Hochschul­gruppe organize:strike, Brot und Rosen und Klasse Gegen Klasse wollen ein Unter­stützungskomi­tee für die Reinigerin­nen an der Alice-Salomon-Hochschule auf­bauen. Melde dich bei uns, wenn du mithelfen willst!

Kon­takt via: brotundrosen@klassegegenklasse.org

One thought on ““Ich bin doch kein Roboter, ich bin ein Mensch!”

  1. Buswolf sagt:

    Es ist für betrof­fene Kol­legin­nen wichtig, alles zu tun, damit die Öffentlichkeit von diesem Mißstän­den erfährt. Eine weit­ere Erfahrung, der Zusam­men­schluß viel­er Kol­legin­nen, um sich zu wehren.

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