Hintergründe

Was ist die Theorie der Permanenten Revolution?

Teil 1 einer Artikelreihe über die Theorie der Permanenten Revolution.

Was ist die Theorie der Permanenten Revolution?
Illustration: Marcos Kazuo

Die Theorie der Permanenten Revolution geht auf den marxistischen Revolutionär Leo Trotzki1 zurück. Als er in „Ergebnisse und Perspektiven“ im Lichte der ersten russischen Revolution 1906 erstmals die Grundzüge seiner späteren „Theorie der Permanenten Revolution“ niederschrieb, stellten diese einen Bruch dar. Zuvor waren sich russische Marxist:innen im Großen und Ganzen einig, dass die Revolution, die aus den Massenstreiks der Vorjahre erwachsen war, als bürgerlich-demokratisch zu charakterisieren sei. Dieser Charakterisierung lag ein stufenhaftes Modell zugrunde, demzufolge sich Revolutionen immer in der gleichen, von Karl Marx zu Papier gebrachten, Reihenfolge vollziehen (müssen): Feudalismus2, bürgerlich-demokratische Revolution, Kapitalismus, sozialistische Revolution, Sozialismus. Trotzki brach damit: Sein Verständnis des Geschehen(d)en war nicht schematisch, sondern dynamisch. Seiner umfangreichen Analyse und den auf ihr fußenden Schlussfolgerungen zufolge konnten gerade in Ländern wie Russland – „zurückgebliebenen“3 Ländern – aus den Kämpfen gegen Feudalismus Kämpfe für Sozialismus entstehen. Somit würde die bürgerlich-demokratische Revolution in die sozialistische übergehen,4 wodurch ein Aspekt der Permanenz der Revolution entstünde. Diese These erwies sich 1917, als die Bolschewiki5 unter der Führung Wladimir Iljitsch Lenins in Russland, einem kapitalistischen Land unter feudaler Herrschaftsstruktur, die Macht übernahmen, ohne dass eine bürgerlich-demokratische Revolution zuvor den Kapitalismus hervorgebracht und an seine Grenzen getrieben hatte,6 als richtig.

Doch kennen wenige Leo Trotzkis Geschichte und damit auch sein Gedankengut: Im Exil stellte er immer fundiertere Versionen seiner Theorie der Permanenten Revolution als noch in „Ergebnisse und Perspektiven“ auf. Der Beleg darüber, inwiefern die Art und Weise, wie ein Land wirtschaftet mit jener verbunden ist, wie es ein anderes tut bzw. mehrere andere oder gar alle anderen es tun, wurde mit der Niederschrift des „Gesetzes der ungleichmäßigen, kombinierten Entwicklung“ erbracht.

Auch wenn dieses vor über 100 Jahren aufgestellt wurde, möchte ich mit dieser Artikelreihe aufzeigen, dass mindestens sein Kern noch immer eine akkurate Theoretisierung der Funktionsweisen der Weltwirtschaft bietet.

Die Permanente Revolution bei Marx und Engels

Der Begriff der Permanenten Revolution tauchte erstmals 1843 in einem Text von Marx auf, in dem er aber lediglich erwähnt und nicht weiter erklärt wurde.7 Bevor er und Friedrich Engels den Gedanken Jahre später wieder aufgriffen, ist er noch zwei weitere Male in ihren Schriften aufzufinden: 1845 in einer gemeinsamen Polemik in Bezug auf Napoleon und 1849, ebenfalls die Französische Revolution betreffend, in einem Artikel von Engels.8 In einer Schrift, die beide gemeinsam 1850 an den Bund der Kommunisten9 adressierten, zogen sie eine Bilanz der Rolle, die dieser bisher gespielt hatte. Sie kritisierten den Bund dafür, dass er im März 1848 der deutschen liberalen Bourgeoisie gegenüber einen versöhnlichen Kurs eingeschlagen hatte. Zur Untermauerung dieser Kritik führten sie an, was passiert war: Dieselbe Bourgeoisie hatte mithilfe der Arbeiter:innen10 die Macht ergriffen, sich daraufhin von ihnen abgekehrt, lediglich ihre eigenen Interessen vertreten und sich Privilegien gesichert, bevor sie die Macht wieder an die feudale Partei abgab.11 Das Bündnis, das sie mit den Arbeiter:innen geschlossen hatte, war also zu einem temporären geworden. Im entscheidenden Moment wurde der eigene Bündnispartner durch den vermeintlich gemeinsamen Gegner ersetzt. Im Hinblick auf die damals aktuelle und zukünftige Situation argumentierten Marx und Engels, dass die demokratischen Kleinbürger:innen12 inzwischen dieselbe Rolle einnähmen. Als sie aufzeigen wollten, was es deshalb einem Bündnis mit ebendiesen entgegenzusetzen gilt, kam erstmals die Permanenz ins Spiel:

Während [sie] die Revolution möglichst rasch […] zum Abschlusse bringen wollen, ist es unser Interesse und unsere Aufgabe, die Revolution permanent zu machen, so lange, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft verdrängt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert und die Assoziation der Proletarier nicht nur in einem Lande, sondern in allen herrschenden Ländern der ganzen Welt so weit fortgeschritten ist, […] daß wenigstens die entscheidenden produktiven Kräfte in den Händen der Proletarier konzentriert sind. Es kann sich für uns nicht um Veränderung des Privateigentums handeln, sondern nur um seine Vernichtung, nicht um Vertuschung der Klassengegensätze, sondern um Aufhebung der Klassen, nicht um Verbesserung der bestehenden Gesellschaft, sondern um Gründung einer neuen.13

So lag es im Interesse von Marx und Engels und sie sahen es als ihre Aufgabe an, die Revolution immer weiter fortzuführen und damit nicht aufzuhören, bis sie vollendet ist. Mit dem Fortführen der Revolution – dem Weg – meinten sie in diesem Fall etwa folgende, die Qualität der aufgestellten Forderungen radikalisierende Taktik14: „If democrats called for expropriation of the large estates with compensation, the workers must insist on confiscation without compensation“15.

Unter der Vollendung der Revolution – dem Ziel – verstanden sie sowohl den Sturz der Regierung der wenigen Besitzenden über die vielen Nicht-Besitzenden, die Machtübernahme durch die Arbeiter:innen als auch die internationale Ausweitung der Revolution auf mindestens die „herrschenden Länder“16.

Die angeführte Textstelle ließe sich so interpretieren, als hätte Permanente Revolution für Marx und Engels bedeutet, über die bürgerliche Demokratie hinaus zur proletarischen Revolution zu gehen.17 Doch ihre Positionen veränderten sich im Laufe der Jahre immer wieder,18 sodass in ihnen viele Widersprüche aufzufinden sind. Es wäre daher falsch, auf der Grundlage von einigen wenigen Zitaten darauf zu schließen, dass sie schon ein tiefgründiges Verständnis der Permanenten Revolution besaßen.

Der Begriff erscheint daraufhin immer wieder in der marxistischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Von einigen Marxist:innen wurde er anders genutzt als später von Trotzki19 – andere hingegen vertraten sehr trotzkistische Auffassungen von Revolution, „anhand derer sich die Entwicklung von seinem politischem Denken […] verfolgen lässt“20 und aus denen also letztendlich die Theorie der Permanenten Revolution hervorging,21 ohne sie jedoch als permanent zu betiteln.22 Marx und Engels hatten den Begriff vermutlich den Jakobiner:innen23 entliehen, die verkündeten, sich en permanence zu versammeln.24 Zweifelsohne haben sich jedoch marxistische Theoretiker:innen nach ihnen auf die Permanente Revolution bezogen – Trotzki war also mitnichten ihr einziger Autor.25

In den nächsten Wochen veröffentlichen wir an dieser Stelle Teil 2 und Teil 3 der Artikelreihe.

Fußnoten

1. Leo Trotzki (1879-1940) wurde, nachdem Lenin im Jahre 1924 verstarb, zum Anführer der linken Opposition in der III. Internationale und somit zum bekanntesten Kritiker der Bürokratisierungsprozesse, die sich in der Sowjetunion vollzogen. Stalin schickte ihn deshalb 1929 ins Exil, von wo aus er die IV. Internationale gründet. Er kehrte nie wieder in die Sowjetunion zurück, sondern wurde in Mexiko, im Alter von 60 Jahren, von einem von Stalin beauftragten Agenten ermordet.

2. Feudalismus war ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem des Mittelalters, in dem Landwirtschaft und die bäuerliche Lebensform noch, aber nach und nach weniger dominierten (vgl. Aguirre Rojas, Carlos Antonio (1999): Feudalismus. In: Haug, Wolfgang Fritz (Hg.): Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 4. Hamburg: InkriT, S. 367-377: 374) und die wenigen Boden Besitzenden – Könige bzw. Kaiser, Adlige und/oder die (katholische) Kirche – herrschten. Dadurch entstanden verschiedenste Abhängigkeitsverhältnisse, wovon die zentralsten das Lehnverhältnis und die in ihm verankerte Leibeigenschaft waren: Feudalherren erhielten von abhängigen, niedrigeren Adligen „alle nötige und mögliche Unterstützung im Krieg“ (ebd.: 371) während sie ihnen dafür das Eigentum an einem bestimmten, großen Stück Land mit den daran gebundenen Leibeigenen (vgl. ebd.: 371f.) übertrugen.

3. In Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung verschiedener Länder nutzte Trotzki Worte wie u. a. „zurückgeblieben“ und „fortgeschritten“, die heute oft im Zusammenhang mit Entwicklungshilfe und -zusammenarbeit kritisiert werden. Hinter einer solchen Kategorisierung stünde ein eurozentrisches Entwicklungskonzept, das die europäische Geschichte zu einem universellen Gesetz erklärt (vgl. Kapoor, Ilan (2008): The Postcolonial Politics of Development. London: Routledge, S. 10). Durch die Konstruktion eines „aufgeklärten“ Westens und eines „unterentwickelten“ Ostens oder Südens würden Entwicklungsorganisationen ihre Überlegenheit zu den „rückständigen Anderen“ legitimieren (vgl. Eriksson Baaz, Maria (2005): The Paternalism of Partnership. A Postcolonial Reading of Identity in Development Aid. In: American Sociological Association (2006): Contemporary Sociology. 35 (5), S. 166f.). Marxistische Akademiker.innen wie Vivek Chibber wiesen darauf hin, dass diese Kritik, die er im Postkolonialismus verortet, die Schwäche habe, Kultur als zentrale Kategorie in der Gesellschaftsanalyse zu verwenden (vgl. Chibber, Vivek (2018): Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitals. Berlin: Dietz, S. 21). Daraus resultiere eine Position, die letztendlich die prägende Rolle des Kapitalismus in der Realität, die hinter der Schaffung dieser Ungleichheit steht, leugne (ebd.: 45). Ich setze die o.g. Adjektive in Anführungsstriche, da sie zweifelsohne auch als Rechtfertigung für koloniale und imperialistische Unterdrückung und Ausbeutung von Mensch und Natur dien(t)en, obwohl sie weder für Trotzkis Vorhaben damals noch zur Beschreibung ganzer Gesellschaften heute ausreich(t)en. Nichtsdestotrotz bezeichnen sie auch die Ungleichheit der Entwicklung verschiedener ökonomischer Systeme, weshalb ich sie zu analytischen Zwecken, anlehnend an Trotzki, verwenden werde.

4. Vgl. Trotzki, Leo (1929): Einleitung. In: Trotzki, Leo (1993): Die Permanente Revolution. Essen: Arbeiterpresse, S. 63

5. Die Bolschewiki (aus dem Russischen übersetzt: Mehrheitler:innen) gingen ebenso wie die Menschewiki (Minderheitler:innen) aus einer Spaltung innerhalb der damaligen Organisation russischer Marxist:innen, der Sozialdemokratischen Partei Russlands, hervor. 1903 wurde auf einem Parteitag die Frage diskutiert, wer, wann und wie entscheidende Veränderungen hervorbringen würde. Beide standen für einen Sturz des seit Jahrhunderten herrschenden Zarismus – einer besonders absoluten Form des Feudalismus. Den Bolschewiki zufolge sollte dem die Regierung einer Avantgardepartei des Proletariats (vgl. Fußnote 10) und der Bauernschaft folgen während die Menschewiki die Meinung vertraten, es bräuchte nach einer solchen Revolution, die sie als bürgerlich-demokratisch definierten, zuerst einmal eine Phase, in der die Bourgeoisie (vgl. ebd.) regiere und zudem eine Partei der Massen.

6. „Marx hat gelehrt, daß keine Gesellschaftsordnung von der Bühne abtritt, bevor sie ihre schöpferischen Möglichkeiten ausgeschöpft hat“ (Trotzki, Leo (1937): Neunzig Jahre „Kommunistisches Manifest“). Demnach hätte auch eine neue Gesellschaftsordnung nur auftreten können, wenn die vorherige zuvor in jeglicher Hinsicht aufgebraucht worden ist (vgl. James, C.L.R. (1937): World Revolution. 1917-1936. The Rise and Fall of the Communist International. London: Martin Secker & Warburg, S. 61).

7. Vgl. Day, Richard/Gaido, Daniel (2009): Witnesses to Permanent Revolution. The Documentary Record. Leiden: Brill, S. 3; Löwy, Michael (1981): The Politics of Combined and Uneven Development. The Theory of Permanent Revolution. London: Verso, S. 8; Marx, Karl (1843): Zur Judenfrage. In: Marx, Karl/Engels, Friedrich (1981): Werke. Band 1, 8. überarbeitete Auflage, Berlin/DDR: (Karl) Dietz, S. 357

8. Vgl. Day/Gaido 2009: 3f.

9. Der Bund der Kommunisten ging 1847 aus dem Bund der Gerechten hervor und war die erste internationale proletarische Organisation (vgl. ebd.: 4).

10. Marxist:innen verwenden die Begriffe Arbeiter:innen, Arbeiter:innenklasse und Proletariat synonym. Sie alle bezeichnen dabei eine der Klassen, die aus dem den Kapitalismus kennzeichnenden Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit hervorgeht und zwar die, die ihre Arbeitskraft verkaufen muss, da sie sonst nichts besitzt. Infolge dieses Verkaufes ist es abhängig von dem Lohn, den es für die Arbeit, die es errichtet, erhält. Die Bourgeoisie, die Kapitalist:innen oder auch die besitzende Klasse – auch diese Begriffe werde ich ihm Rahmen dieser Artikelreihe synonym verwenden – stellen hingegen die Klasse dar, die selbst keine produktive Arbeit leistet, sondern dafür auf dem Markt die Arbeitskraft der Arbeiter.innen kauft. Dieser, dann unmittelbar in der Produktion beschäftigte Teil der Bevölkerung produziert jedoch über den eigenen Verbrauch hinaus Wert, den sogenannten Mehrwert. Dieser Überschuss kommt aber nicht ihnen, dem Proletariat, selbst zugute. Stattdessen eignen Kapitalist:innen sich ihn an. Dieser Prozess wird Ausbeutung genannt.

11. Vgl. Engels, Friedrich/Marx, Karl (1850): Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März. In: Engels, Friedrich/Marx, Karl (1971): Werke. Band 7, 4. Auflage, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1960, Berlin/DDR: (Karl) Dietz, S. 245

12. Das Kleinbürgertum ist so wie die Bourgeoisie ebenfalls eine besitzende Klasse (vgl. Fußnote 10 dieser Arbeit), muss aber so wie das Proletariat Arbeiten, da es nicht genug besitzt.

13. Vgl. Engels/Marx 1850: 248, eigene Hervorhebung

14. Der Militärstratege Carl von Clausewitz (1780-1831) definierte Taktik als die Bereitschaft der Streitkräfte zu kämpfen und die Richtung dieser Gefechte (vgl. Clausewitz 1968: 147, zitiert nach Albamonte, Emilio/Maiello, Matías (2017): Estrategia socialista y arte militar. Buenos Aires: IPS-CEIP, S. 45). Obwohl eine Vielzahl von Elementen konventionelle Kriegskunst von derjenigen, die sich auf die Revolution bezieht, trennt, haben einige Marxist:innen sich die Ausarbeitungen über Strategie und daher auch Taktik kritisch angeeignet – u. a. Trotzki (vgl. ebd.: 41). In dieser Hinsicht ist es kein Zufall, dass die Entwicklung der marxistischen Theorie durch Trotzki in der (Weiter-)Entwicklung der politischen Strategie liegt.

15. Day/Gaido 2009: 10

16. Engels/Marx 1850: 248

17. Vgl. Day/Gaido 2009: 2

18. Vgl. Löwy 1981: 28

19. Beispielsweise sprachen Karl Kautsky, der theoretische Anführer der II. Internationale und nicht nur in Deutschland, sondern weltweit die wichtigste theoretische Referenz des Marxismus (vgl. Albamonte, Emilio/Maiello, Matías (2016): Gramsci, Trotsky y la democracia capitalista. In: Estrategia Internacional. Jg. 2016, Nr. 29, S. 43) und Franz Mehring in Artikeln über die russische Revolution von 1905 beide von permanenter Revolution. Zur Diskussion ihrer Beiträge s. Löwy 1981: 39

20. North, David (2015): Die Russische Revolution und das unvollendete Zwanzigste Jahrhundert. Oak Park: Mehring, S. 333

21. Vgl. ebd.: 308

22. Vgl. Mehringer, Hartmut (1978): Permanente Revolution und Russische Revolution. Die Entwicklung der Theorie der permanenten Revolution im Rahmen der marxistischen Revolutionskonzeption 1848-1907. Frankfurt: Peter Lang, S. 5

23. Die Jakobiner:innen stellten den linken, republikanischen Flügel der Französischen Revolution dar. Zum Großteil aus einem Teil der liberalen Mittelschicht bestehend, waren sie dazu gewillt, den revolutionären Prozess kurz vor die anti-bourgeoise Revolution zu führen: Ihr Name wurde überall zum Symbol für radikale Revolutionen (vgl. Hobwbawm, Eric (1996): The Age of Revolution. 1789-1848. New York: Vintage, S. 62).

24. Vgl. Löwy 1981: 8f.

25. Vgl. Day/Gaido 2009: xi

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