Hintergründe

Das Gesetz der ungleichmäßigen, kombinierten Entwicklung

Teil 2 einer Artikelreihe über die Theorie der Permanenten Revolution.

Das Gesetz der ungleichmäßigen, kombinierten Entwicklung
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Teil 1 dieser Artikelreihe erschien am vergangenen Samstag. Teil 3 der Reihe erscheint in der kommenden Woche.

Im Jahre 1893 hatte Trotzki1 während eines seiner Gefängnisaufenthalte Antonio Labriola2 gelesen, der den historischen Materialismus3 verteidigte, Dogmatismus vehement zurückwies4, daher ohne Unterlass gegen vulgär-marxistische Tendenzen kämpfte und somit zu den ersten gehörte, die den mechanistischen Ökonomismus ablehnten, in dessen Zentrum Europa stand, da „[d]as theoretische Modell, dem […] die russische Entwicklung folgen sollte, […] dem historischen Muster der bürgerlich-demokratischen Evolution in Westeuropa nachgebildet“5 war.

Vom De- und Postkolonialismus wird dem Marxismus deshalb oft Eurozentrismus vorgeworfen. Dass sich Marx‘ Analyse lediglich auf europäische Staaten bezogen hätte, weshalb auch die Analysen aller, die sich auf ihn beziehen, für den sogenannten Globalen Süden unzureichend seien, ist jedoch widerlegbar.

So prägte beispielsweise das anti-lineare und damit auch anti-eurozentrische Gedankengut Labriolas den jungen Trotzki. Auch Aleksander Parvus6, hatte enormen Einfluss auf sein Denken. Parvus legte die Grundsteine zum Gesetz der ungleichmäßigen, kombinierten Entwicklung und damit auch die zur Theorie der Permanenten Revolution. Auch wenn er dies nicht explizit tat, trug er zweifelsohne zu ihrer Herausbildung bei.

Michael Löwy7 erklärt, dass zwei seiner frühen Beiträge bereits drei zentrale Aspekte mit sich brachten:

  1. Dadurch dass sich der Kapitalismus hin zu einem universalen System entwickelte, in dem einerseits Nationalstaaten immer abhängiger von ihm wurden und andererseits sowohl die Interessen der Bourgeoisie als auch die des Proletariats den Rahmen ebendieser Staaten verließen, stellte Parvus die Kategorie der Totalität des kapitalistischen Systems als Weltsystem auf8.
  2. Die Besonderheiten, die bei der Entstehung Russlands zutage traten, begünstigten das Aufkommen eines proletarischen Klassenbewusstseins, da sie die Entfaltung kleinbürgerlicher Demokratie hemmten9. Obwohl die Arbeiter:innenklasse zahlenmäßig klein war, konnte sie so weit erstarken, dass sie letztendlich eine führende Rolle einnahm, was der Schwäche des Kleinbürgertums zu verdanken ist. Diese wiederum lässt sich auf die Tatsache zurückführen, dass Städte in Russland von geringerer Bedeutung waren als in Europa: Statt als ökonomische Zentren fungierten sie eher als administrative Orte10.
  3. Die anhaltende Krisensituation und die Vielzahl an Kriegen führten dazu, dass die kapitalistischen Staaten um ihr Überleben kämpften. In diesem Sinne war die Weltwirtschaft die Basis, die zulassen würde, dass das Proletariat in einem Land wie Russland die Macht ergreift – sogar bevor dies in „fortgeschrittenen“ Ländern passiert11. Die Idee, dass das Proletariat in einem bäuerlichen Land Eurasiens durch die Revolution die Macht ergreifen kann und wird, synthetisierte nicht nur die Lektionen, die aus der Russischen Revolution von 1905 gezogen worden waren, sondern brach auch erstmals mit dem durchaus eurozentrischen Schematismus der Zeit, der behauptete, dass die Revolution zuerst in Westeuropa stattfinden würde12.

Doch Parvus selbst war nicht der Meinung, dass die Arbeiter:innenregierung in Russland aus der sozialistischen Revolution hervorgehen würde – er hatte sie auf die Phase der bürgerlichen Demokratie begrenzt13 und den Rahmen der Doktrin von der für eine zweite Revolution notwendige erste nicht komplett zersprengt14.

Trotzki theoretisierte sein Verständnis von Entwicklung in einer sich globalisierenden Welt in Form vom Gesetz der ungleichmäßigen, kombinierten Entwicklung. Dieses hatte er bereits implizit in „Ergebnisse und Perspektiven“ aufgestellt15. Die explizite Ausarbeitung erfolgte jedoch erst 1930 in seinem bekannten Werk „Geschichte der russischen Revolution“, genauer gesagt im ersten Kapitel, „Die Eigenarten der Entwicklung Rußlands“, des ersten Bandes, der der Februarrevolution gewidmet ist. Bewährt hat es sich damals erstmals im Rahmen der chinesischen Revolution von 1926 bis 192816. Trotzki wendete es auf sie an, um die Möglichkeit, dass die proletarische Revolution von „Osten“ gen „Westen“ vorrückt, zu belegen. Ihr Ausgang bestätigte letztendlich sein wertvollstes theoretisches Erbe, indem er es erstmals um Empirie, also Beobachtungen, ergänzte.

Auch wenn das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung und das der kombinierten nur in ihrer Verbindung die Grundlage für die Theorie der Permanenten Revolution darstellen, werde ich sie zu analytischen Zwecken im Folgenden voneinander trennen.

Das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung

Nachdem Kapitalismus als weltweites System aufgekommen war, sah Trotzki die Notwendigkeit einer neuen Konzeption der menschlichen Geschichte17. Er beobachtete, wie der Kapitalismus für „zurückgebliebene“ Nationen die Möglichkeit geschaffen hatte, sich all das anzueignen, was sich in der Geschichte der „fortgeschrittenen“ Nationen als hilfreich bzw. nützlich erwiesen hatte. Im Umkehrschluss musste dafür nicht zwanghaft jeder Abschnitt eines Weges, der anderswo geebnet wurde, auch gegangen werden. Zur Veranschaulichung möchte ich eine Metapher heranziehen: wenn schon im Vorhinein klar ist, dass man sich in eine Sackgasse begeben würde – weil zuvor jemand anders die Straße erkundet und es einem mitgeteilt hat – kann man sich logischerweise die für das Hinein- und wieder Hinausgehen notwendige Zeit und den Aufwand sparen. Es ist das Privileg, die Reihenfolge des anderen nicht einhalten zu müssen18 und „eine Reihe Zwischenetappen zu überspringen“19:

Ein rückständiges Land eignet sich die materiellen und geistigen Eroberungen fortgeschrittener Länder an. Das heißt aber nicht, daß es ihnen sklavisch folgt und alle Etappen ihrer Vergangenheit reproduziert. […] Die Wilden vertauschen den Bogen gleich mit dem Gewehr, ohne erst den Weg durchzumachen, der in der Vergangenheit zwischen diesen Waffengattungen lag20.

Aus der Analyse der Entwicklung Russlands heraus hatte Trotzki hiermit das erste Element des Gesetzes der ungleichmäßigen, kombinierten Entwicklung aufgestellt: Jenes, das sich darauf bezieht, dass die Entwicklung von Produktivkräften21 und damit jeglicher Formen von Gesellschaft immer ungleich und nie homogen geschieht. Weder im Inneren einer Gesellschaftsform noch zwischen verschiedenen Gesellschaften vollziehen sich alle Entwicklungen gleichzeitig. Diese Erkenntnis existierte innerhalb der (russischen) Sozialdemokratie zu dieser Zeit noch nicht, da diese die Lehren des Marxismus nicht dialektisch, sondern schablonenhaft, anwandte22. Ebendieses Element stellt die Entstehungsbedingung für den zweiten Bestandteil des Gesetzes dar.

Das Gesetz der kombinierten Entwicklung

Die Realität konfrontierend ergibt sich aus dem ersten nämlich „ein anderes Gesetz, das man mangels passenderer Bezeichnung das Gesetz der kombinierten Entwicklung nennen kann im Sinne der Annäherung verschiedener […] Stadien“23.

Dieses besagt, dass verschiedene Niveaus und ungleich entwickelte Aspekte innerhalb einer Gesellschaft koexistieren können. Es beschreibt die Möglichkeit der Gleichzeitigkeit von Entwicklungsmerkmalen, die der damaligen Auffassung der Mehrheit der Marxist:innen nach eigentlich verschiedenen Etappen zuzuordnen sind: Diese vertraten eine geradlinige und evolutionäre Konzeption von Geschichte, die keinerlei Abweichungen zuließ. Doch im Marxismus wird nicht davon ausgegangen, dass die Realität auf Ideen basiert, sondern Ideen auf der Realität (vgl. Fußnote 1). Sie müssen deshalb immer den Realitätstest bestehen. Wenn sie mit ihr nicht übereinstimmen, ist nicht mit der Realität, sondern mit den Ideen etwas falsch. In der damaligen Realität hatten sich schon seit Langem unterschiedliche Produktionsweisen sowie soziale Verhältnisse und historische Prozesse simultan vollzogen. Das Element der Kombination bahnte sich damit seinen Weg durch die Produktionsweise hindurch in alle gesellschaftlichen Sphären.

Das Gesetz der ungleichmäßigen, kombinierten Entwicklung heute

Die Idee der ungleichmäßigen, kombinierten Entwicklung beinhaltete eine Konzeption von Totalität und trug damit zumindest in Ansätzen zu einem gesamtheitlichen Verständnis des Kapitalismus bei. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Trotzki einerseits Parvus in einer Diskussion über die (Un-)Reife Russlands für eine sozialistische Revolution entgegnete, dass nicht Russland, aber die Weltwirtschaft als Ganzes zweifellos für diese reif sei24 und andererseits die Anwendbarkeit seiner Idee auf andere Kontexte im Hinblick auf die chinesischen Erfahrung nach langem Zögern erst einmal genauestens prüft25 bevor er schreibt:

Ohne dieses Gesetz, selbstverständlich in seinem gesamten materiellen Inhalt genommen, vermag man die Geschichte Rußlands wie überhaupt aller Länder zweiten, dritten und zehnten Kulturaufgebots nicht zu erfassen26.

Trotzki sollte Recht behalten. Wenn wir uns heute ein beliebiges „zurückgebliebenes“27 Land anschauen, können seine Beobachtungen dort bestätigt werden: In brasilianischen, indischen oder ägyptischen Megastädten bspw. sind hochtechnisierte Fabriken multinationaler Konzerne von Straßenverkäufer:innen, Müllsammler:innen und Drogendealer:innen umgeben28. In ländlicheren Gegenden beuten moderne Landwirtschaftsunternehmen wie z. B. Monsanto eigentlich Subsistenzwirtschaften zuzuordnende Bauernhöfe brutal aus29. Das von Trotzki aufgestellte Gesetz erscheint in Retrospektive unkompliziert, beinahe banal. Wie bereits zuvor skizziert, stellte es jedoch eine Abweichung der grundlegendsten Überzeugungen des damaligen Verständnisses von gesellschaftlicher Veränderung dar.

Das Gesetz kann inzwischen allemal als ein sehr generelles der historischen Entwicklung verstanden werden, mit dem sich die Komplexität der kolonialen und halbkolonialen Welt analysieren lässt. Denn so wie das Verhältnis, in dem das zaristische Russland zu imperialistischen Ländern stand, von wechselseitiger Abhängigkeit geprägt war, ist es auch das zwischen Peripherie und Zentrum heute. Damit behält einer der größten Beiträge, die im 20. Jahrhundert zum Marxismus geleistet wurden, Gültigkeit. Obwohl es Revolutionär:innen als Werkzeug gedient hätte und noch immer dienen könnte, wurde und wird es nur von wenigen (als solches) genutzt30.

Teil 1 dieser Artikelreihe erschien am vergangenen Samstag. Teil 3 der Reihe erscheint in der kommenden Woche.

Fußnoten

1. Leo Trotzki (1879-1940) wurde, nachdem Lenin im Jahre 1924 verstarb, zum Anführer der linken Opposition in der III. Internationale und somit zum bekanntesten Kritiker der Bürokratisierungsprozesse, die sich in der Sowjetunion vollzogen. Stalin schickte ihn deshalb 1929 ins Exil, von wo aus er die IV. Internationale gründet. Er kehrte nie wieder in die Sowjetunion zurück, sondern wurde in Mexiko, im Alter von 60 Jahren, von einem von Stalin beauftragten Agenten ermordet.

2. Antonio Labriola (1843-1904) war einer der angesehensten italienischen Marxist:innen aller Zeiten. Im Laufe seines Lebens lehrte und schrieb er sich zum Marxismus hin, den er nicht als schematisch, sondern dynamisch verstand.

3. Der von Karl Marx geprägte historische Materialismus verortet die Grundlage alles Geschehen(d)en im Gegensatz zum Idealismus nicht in Worten und Ideen, sondern in den materiellen Gegebenheiten.

4. Vgl. Löwy, Michael (1981): The Politics of Combined and Uneven Development. The Theory of Permanent Revolution. London: Verso, S. 46.

5. Vgl. North, David (2012): Verteidigung Leo Trotzkis. 2. erweiterte Auflage. Essen: Mehring, S. 39

6. Aleksander Parvus (1867-1924) hieß eigentlich Israel Lasarewitsch Helphand und war ein Sozialist, der sich bereits in jungen Jahren gezwungen sah, Russland zu verlassen. Auch wenn er 1905 noch einmal zurückkam, verbrachte er den Großteil seines Lebens in Deutschland, weshalb er sich selbst als deutscher Sozialdemokrat verstand. Sein Gedankengut hatte großen Einfluss auf Trotzkis, weshalb die beiden sich inhaltlich sehr nahe standen – auch wenn sie Differenzen hatten so nahe, dass die Theorie der Permanenten Revolution de facto ein Produkt ihrer Zusammenarbeit ist.

7. Michael Löwy (*1938) ist Soziologe, Philosoph und Trotzkist, der in Brasilien, Israel, England, Frankreich, den USA und Deutschland lehrte. Sein Interesse am Marxismus ist sehr breit: Seine Forschungsschwerpunkte reichen von Befreiungstheologie über Ökosozialismus hin zur Theorie der Permanenten Revolution.

8. Vgl. Löwy 1981: 41

9. Vgl. Zeman/Scharlau 1965, zitiert nach ebd.

10. Vgl. ebd.

11. Vgl. Liszt, Gabriela (2011): Prólogo a la compilación „teoría de la revolución permanente“. In: Trotsky, León (Hg.): La teoría de la revolución permanente. Buenos Aires: IPS-CEIP, S. 14

12. Vgl. Löwy 1981: 41

13. Vgl. Trotzki, Leo (1928): Die Permanente Revolution. In: Trotzki, Leo (1993): Die Permanente Revolution. Essen: Arbeiterpresse, S. 99

14. Vgl. Löwy 1981: 40

15. Vgl. ebd.: 87

16. Im Rahmen der als Nordfeldzug in die Geschichte eingegangenen zweiten chinesischen Revolution schlug die Dritte Kommunistische Internationale unter Stalin einen verheerenden Kurs ein: Sie sprach sich für eine Allianz mit bürgerlichen Nationalist:innen wie Chiang Kai-shek (1887-1975) aus (vgl. John, Sandór (2009): Bolivia’s Radical Tradition. Permanent Revolution in the Andes. Chicago: The University of Arizona, S. 24). Diese Perspektive beruhte auf der Annahme, dass Arbeiter:innen, Bäuer:innen, Handwerker:innen, Intellektuelle und die nationale Bourgeoisie in China miteinander mehr Gemeinsamkeiten haben als mit Imperialist:innen (vgl. Roberts, John (2016): China. From Permanent Revolution to Counter-Revolution. London: Wellred, S. 73). Trotzki hingegen erkannte nicht an, dass die Konsequenz der nationalen oder kolonialen Unterdrückung Chinas die Unterordnung der Kommunistischen Partei Chinas unter Kai-sheks (klein-)bürgerliche Kuoamintang, die Nationale Volkspartei Chinas, sein sollte (vgl. Liszt 2011: 29). Seiner Meinung nach implizierten die Aufgaben der demokratischen Revolution in China, gegen den Imperialismus zu kämpfen, was rein „objektiv“ schon die Perspektive der Diktatur des Proletariats aufwarf (vgl. ebd.: 31). Die chinesischen Kommunist:innen, die chinesische Arbeiter:innenklasse und das chinesische Volk haben einen schweren Preis dafür bezahlt, dass Trotzkis Weg in China nicht befolgt wurde (vgl. Mandel, Ernest (1992): Trotzki als Alternative. Berlin: Dietz, S. 149): Am 11. April 1927 wurden Zehntausende von ihnen ermordet (vgl. ebd.: 138).

17. Vgl. Löwy 1981: 87

18. Vgl. Trotzki, Leo (1930): Die Eigenarten der Entwicklung Rußlands. In: Trotzki, Leo (1931): Geschichte der russischen Revolution. Band 1: Februarrevolution. Berlin: S. Fischer, S. 16f.

19. Ebd.: 17

20. Ebd.: 16

21. Produktivkräfte sind nach Marx alle Kräfte, die zur Produktion aufgewandt werden müssen, wie z. B. Wissen, Maschinen und Rohstoffe. Der Begriff „Produktivkräfte“ bezeichnet allerdings nicht bloß die Summe seiner Teile, sondern ihr spezifisches Zusammenwirken. Sie umfassen also sowohl menschliche Arbeitskraft als auch Arbeitsmittel und das zu bearbeitende Material, wovon die erste Komponente die wichtigste darstellt, da die Gegenstände unter den Produktivkräften auch als Produktionsmittel zusammengefasst werden. Diese sind, wie das Wort eigentlich schon verrät, alle Mittel zur Produktion, jedoch nur die materieller Art, worunter sowohl Gebäude bzw. Flächen als auch Arbeitsgegenstände wie bspw. Werkzeuge fallen. Sie stellen somit – zusammen mit der menschlichen Arbeitskraft und dem zu bearbeitenden Material – die Voraussetzung für jegliche Produktion dar.

22. Vgl. Liszt 2011: 17

23. Trotzki 1930: 17f.

24. Vgl. Trotzki, Leo (1929): Einleitung. In: Trotzki, Leo (1993): Die Permanente Revolution. Essen: Arbeiterpresse, S. 56.

25. Vgl. Mandel 1992: 134

26. Trotzki 1930: 18

27. In Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung verschiedener Länder nutzte Trotzki Worte wie u. a. „zurückgeblieben“ und „fortgeschritten“, die heute oft im Zusammenhang mit Entwicklungshilfe und -zusammenarbeit kritisiert werden. Hinter einer solchen Kategorisierung stünde ein eurozentrisches Entwicklungskonzept, das die europäische Geschichte zu einem universellen Gesetz erklärt (vgl. Kapoor, Ilan (2008): The Postcolonial Politics of Development. London: Routledge, S. 10). Durch die Konstruktion eines „aufgeklärten“ Westens und eines „unterentwickelten“ Ostens oder Südens würden Entwicklungsorganisationen ihre Überlegenheit zu den „rückständigen Anderen“ legitimieren (vgl. Eriksson Baaz, Maria (2005): The Paternalism of Partnership. A Postcolonial Reading of Identity in Development Aid. In: American Sociological Association (2006): Contemporary Sociology. 35 (5), S. 166f.). Marxistische Akademiker.innen wie Vivek Chibber wiesen darauf hin, dass diese Kritik, die er im Postkolonialismus verortet, die Schwäche habe, Kultur als zentrale Kategorie in der Gesellschaftsanalyse zu verwenden (vgl. Chibber, Vivek (2018): Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitals. Berlin: Dietz, S. 21). Daraus resultiere eine Position, die letztendlich die prägende Rolle des Kapitalismus in der Realität, die hinter der Schaffung dieser Ungleichheit steht, leugne (ebd.: 45). Ich setze die o.g. Adjektive in Anführungsstriche, da sie zweifelsohne auch als Rechtfertigung für koloniale und imperialistische Unterdrückung und Ausbeutung von Mensch und Natur dien(t)en, obwohl sie weder für Trotzkis Vorhaben damals noch zur Beschreibung ganzer Gesellschaften heute ausreich(t)en. Nichtsdestotrotz bezeichnen sie auch die Ungleichheit der Entwicklung verschiedener ökonomischer Systeme, weshalb ich sie zu analytischen Zwecken, anlehnend an Trotzki, verwenden werde.

28. Vgl. Gasper, Phil (2010): Permanent Revolution in the Twenty-First Century. Interview with Michael Löwy. In: Löwy, Michael (Hg.): The Politics of Combined and Uneven Development. The Theory of Permanent Revolution, 2. Auflage, gekürzter Nachdruck der 1. Auflage 1981. Chicago: Haymarket, S. 145-154: 147

29. Vgl. ebd.

30. Im Verfassungsschutzbericht von 2019 werden lediglich vier trotzkistische Gruppen genannt, die ihm zufolge zusammen gerade einmal auf 1084 Mitglieder kommen (vgl. Bundesinnenministerium des Innern, für Bau und Heimat 2020: Verfassungsschutzbericht 2019, S. 157f., 165f., 170).

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