Brot und Rosen

#Trotsky2020: „Im Kampf für eine kommunistische Zukunft stehen die Frauen in der ersten Reihe“

Als Teil unseres Films #Trotzky2020 reflektiert Andrea D'Atri, Gründerin der internationalen sozialistischen Frauenorganisation Brot und Rosen über die Bedeutung der Ideen Leo Trotzkis für den Kampf um die Befreiung von patriarchaler Unterdrückung.

#Trotsky2020:

Dieser Beitrag ist Teil des Films #Trotsky2020, der hier in gesamter Länge angeschaut werden kann.

„Der alltägliche männliche Egoismus kennt tatsächlich weder Maß noch Grenzen. Um das Alltagsleben vollständig umgestalten zu können, muss man es mit den Augen der Frauen betrachten können.“

Wenn wir diesen Satz außerhalb des Kontextes dieser Reflexion über das Denken Leo Trotzkis hören würden, wäre es sehr schwierig zu erraten, wer ihn unter welchen Bedingungen gesagt hat. Vor einem Jahrhundert spricht Trotzki zu uns wie mit einem Jahrhundert Vorsprung. Seine Worte erhallen wie ein Echo in den Mobilisierungen der Frauen des letzten 8. März; auch bei den Arbeiterinnen „an vorderster Front“, die die soziale Reproduktion des Lebens während dieser Pandemie aufrecht erhalten und bei den Arbeiterinnen, die kürzlich von den USA bis Libanon auf die Straße gingen.

Für Trotzki sind die Rechte, die die Frauen mit der Russischen Revolution 1917 erkämpft haben, ewas Grundlegendes, obwohl sie selbst in den fortgeschrittensten kapitalistischen Demokratien der Zeit undenkbar waren: Recht auf einen Ausweis, aktives und passives Wahlrecht, Recht auf Scheidung, auf sichere Abtreibung in öffentlichen Krankenhäusern. Aber für Trotzki ist viel fundamentaler, dass die sozialistische Revolution die notwendigen materiellen Bedingungen schafft, um die Hausarbeit abzuschaffen, denn er ist – wie auch Lenin, Kollontai und andere Bolschewiki – der Meinung, dass diese Arbeit die Frauen zu „Haussklavinnen“ macht und sie de facto daran hindert, ihre Rechte auf Bildung, politische Teilhabe, Arbeit, Zugang zu Kultur usw. wahrzunehmen.

Und dennoch, wenn er sagt, dass man das Leben mit den Augen der Frauen betrachten muss, meint er, dass auch die radikalsten materiellen Transformationen nicht für sich allein genommen die Unterdrückung beenden. Dass eine – wie er sagt – „Kleinarbeit des inneren kulturellen Aufstiegs“ notwendig ist, um bewusst gegen die Fesseln der Vergangenheit anzukämpfen; gegen diese Unterordnung der Frauen, die – weil sie jahrtausendealt ist – unwahrnehmbar geworden ist, sich vernatürlicht hat und sich in Gewohnheit verwandelt hat.

Wenn bis heute noch der Marxismus ins Lächerliche gezogen wird – selbst aus feministischen Kreisen, die sich links und fortschrittlich nennen –, indem gesagt wird, dass der Marxismus die Emanzipation der Frauen ausschließlich durch ihre Eingliederung in die produktive Arbeit konzipiert, ist es nützlich, an diese Worte Trotzkis zu erinnern.

Die Karikatur des Sozialismus, die der Stalinismus geschaffen hat, verwandelte sich in den folgenden Jahrzehnten in die offizielle Version des Marxismus. Die Revolution wurde verraten und damit auch die fortschrittlichsten Rechte der Frauen zurückgeschraubt. Doch noch schlimmer: das Modell der patriarchalen Familie festigte sich, während die Befreiung der Frau eben als massive Teilhabe der Frauen in der Produktion dargestellt wurde. Aber das Schädlichste, das der Stalinismus tat, war nicht, wie die die US-Historikerin Wendy Goldman sagte, diese Möglichkeit einer neuen revolutionären gesellschaftlichen Ordnung zerstört zu haben. Die Tragödie war, dass dies weiterhin als echtes Erbe der ursprünglichen sozialistischen Vision dargestellt wurde und dass die folgenden Generationen lernten, dies „Sozialismus“ zu nennen, dies „Befreiung“ zu nennen.

Die Schriten Trotzkis finden heute ein Echo, wo wir Frauen zum ersten Mal in der Geschichte mehr als 40% der lohnabhängigen Klasse weltweit ausmachen, und wo wir die immense Mehrheit in den prekärsten, am meisten ausgebeuteten und unterdrückten Sektoren dieser Klasse sind, während wir gleichzeitig weiterhin Objekte ungebändigter machistischer Gewalt, Diskriminierung und Ungleichheiten in allen Bereichen des Lebens sind.

Nicht nur im Kampf für unsere besonderen Rechte, und auch nicht nur im Kampf um das Überleben gegen die mörderischen Angriffe des Kapitals auf das Leben, sondern auch im Kampf für eine kommunistische Zukunft erwarten wir deshalb, dass wir Frauen in den ersten Reihen des Kampfes stehen. Denn weit entfernt davon, uns zu Opfern zu machen und zur Passivität zu verdammen, sind wir überzeugt, wie Trotzki vor fast 100 Jahren schrieb: „Die, die am energischsten und beharrlichsten für das Neue kämpfen, sind die, die am meisten unter dem Alten leiden“.

Schaue hier den Beitrag von Andrea D’Atri im Video:

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