Hintergründe

#Trotsky2020: Emilio Albamonte über die historische Bedeutung von Trotzki und die Aktualität des Trotzkismus

Zum Höhepunkt unseres Films zur Ehrung Leo Trotzkis haben wir Emilio Albamonte interviewt, Anführer der Partei Sozialistischer Arbeiter*innen (PTS) und der Trotzkistischen Fraktion für die Vierte Internationale, und Co-Autor des Buches "Sozialistische Strategie und Militärkunst".

#Trotsky2020: Emilio Albamonte über die historische Bedeutung von Trotzki und die Aktualität des Trotzkismus

Dieser Beitrag ist Teil des Films #Trotsky2020, der hier in gesamter Länge angeschaut werden kann.

Wir wollen über die historische Bedeutung von Trotzki und seiner Strömung nachdenken, sowie über die Aktualität des Trotzkismus in dieser wirtschaftlichen, politischen und sozialen Krise, die durch die Coronavirus-Pandemie verschärft wird.

Um zu beginnen:

Was ist die historische und politische Bedeutung des revolutionären Theoretikers und Politikers Leo Trotzki?

Für die jüngeren Generationen: Zum Zeitpunkt seiner Ermordung war Trotzki eine gefürchtete Figur. Nicht nur vom Stalinismus, sondern von allen kapitalistischen Regierungen. Winston Churchill hatte ihn, sogar als er schon im Exil war, in Isolation, als „das Ungeheuer der internationalen Subversion“ bezeichnet.

In den 30er Jahren konnte man in den Konzentrationslagern des eiskalten Sibiriens Hunderte von zu Erschießenden hören, die riefen: „Lang lebe Trotzki!“ Was bedeutete dieser Ruf aus den Mündern jener Bolschewiki, Veteran*innen, die in vielen Fällen die Protagonist*innen von 1917 waren und in der Roten Armee gekämpft hatten? Es war ein Protest mit letztem Atemzug gegen die Liquidierung der sowjetischen Demokratie, der Arbeiter*innen- und Bäuer*innenräte, durch die Bürokratie, die die Errungenschaften der Arbeiter*innendemokratie brutal zurückdrängte. Es war ein Protest gegen die Zwangskollektivierung und das Massaker an Millionen von Bäuer*innen. Gegen die Errichtung des Gulag. Und letztendlich gegen die politische Enteignung der Macht der Arbeiter*innenklasse und die Konstituierung eines totalitären Regimes.

Dieser Mut und diese Klarheit waren auch der Mut und die Klarheit vieler Anhänger*innen Trotzkis im Westen. An dieser Stelle sei an Rudolf Klement erinnert, der die Gründungsdokumente der Vierten Internationale mit sich führte und wenige Tage vor der Gründungskonferenz im September 1938 vom KGB ermordet und anschließend in der Seine gefunden wurde. Wir erinnern uns an Martin Monath, einen jungen Kämpfer, der im nationalsozialistisch besetzten Frankreich in der deutschen Armee Zellen organisierte, die leider entdeckt wurden, was zur Ermordung aller Mitstreiter*innen durch die Gestapo führte. Diese Arbeit war hervorragendes Beispiel für die internationale Geschwisterlichkeit der Arbeiter*innen. Obwohl beide an ihren Zielen scheiterten, konnten sie ein Beispiel dafür setzen, wie Millionen von Menschenleben hätten gerettet werden können, wenn die großen sozialdemokratischen und stalinistischen Parteien, anstatt den chauvinistischen Hass zwischen den Nationen zu schüren, in großem Maßstab die Vereinigung zwischen den nun uniformierten Arbeiter*innen vorangebracht hätten.

Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatten die Arbeiter*innen große Revolutionen angeführt, die von Sozialdemokrat*innen und Stalinist*innen grausam verraten wurden, wie die chinesischen Revolutionen von 1927 und 1928, die große spanische Revolution und der Bürger*innenkrieg in den 30ern und der Aufstieg der Arbeiter*innen in Frankreich, der von der Volksfront verraten wurde. Nur Trotzki und seine Anhänger*innen im Westen, die von Nazis, Stalinist*innen und sogar „demokratischen“ Kapitalist*innen inhaftiert, ins Exil geschickt und getötet wurden, widersetzten sich der selbstmörderischen Politik, von der der Genosse aus Deutschland berichtet hat, die im Zweiten Weltkrieg gipfelte.

Der Schrei „Lang lebe Trotzki!“ der Hunderten, die vor dem Erschießungskommando standen, synthetisierte also diese großen Kämpfe und Niederlagen der internationalen Arbeiter*innenklasse.

Wie würdest du die aktuelle Situation definieren?

Es haben sich echt viele Dinge verändert, andere nicht. Der Faschismus wurde im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten besiegt, wie wir alle wissen. Die stalinistische Bürokratie hat nach dem Triumph der Sowjetunion über die Nazis noch einige Jahrzehnte lang weitergelebt, eine Zeit lang schien sie ihren Traum von Industrialisierung und dem Sozialismus in einem Land zu verwirklichen, aber dann kam es, wie es kommen musste: Die Wirtschaft stagnierte unter dem Druck des weltweiten Imperialismus, und die Versuche politischer Revolutionen in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei wurden blutig niedergeschlagen, wodurch sich schließlich eine der Vorhersagen, die Trotzki in seinem bekannten Werk „Die verratene Revolution“ getroffen hatte, bewahrheitete: dass die herrschende Bürokratie den Kapitalismus restaurieren würde.

Es gab viele Veränderungen, aber wie ist es zu der gegenwärtigen Situation gekommen?

Zunächst einmal muss ich sagen, dass die trotzkistische Bewegung geköpft worden ist. [Isaac] Deutscher hat sie als „ein kleines Boot mit einem riesigen Segel“ definiert. Dieses Segel verschwand unter dem stalinistischen Eispickel. Was die objektive Situation betrifft: Alles wurde so verändert, dass sich nichts ändern würde, wie der italienische Schriftsteller Lampedusa in „Der Leopard“ schrieb.

Der Stalinismus ging auf den Konferenzen von Jalta und Potsdam mit den kapitalistischen Sieger*innen des Krieges, USA und England, einen Pakt ein, in dem sie untereinander Einflusszonen aufteilten, um die internationale Revolution abzuwenden oder zu besiegen, während sie weiterhin miteinander konkurrierten. Große Revolutionen wie die chinesische konnten sie jedoch nicht verhindern, obwohl es ihnen gelang, zu verhindern, dass wichtige Unabhängigkeitsprozesse in der halbkolonialen Welt Schritte in Richtung Sozialismus gingen.

Der Kapitalismus gewann einige Jahrzehnte Zeit durch die Wiederaufnahme der Produktion zur Wiederinstandsetzung dessen, was im Krieg zerstört wurde – der berühmte Marshallplan. Er unterwarf uns nicht nur wiederkehrenden Krisen wie der Ölkrise der 1970er Jahre, sondern begann – verängstigt durch die massiven Arbeiter*innenkämpfe von Ende der 1960er bis Mitte der 1970er Jahre – die große neoliberale Gegenoffensive. Er schaffte es, den Arbeiter*innen eine schwere Niederlage zu bereiten – nicht nur im Westen, sondern auch, indem er Länder, die wir als Arbeiterinnen*staaten bezeichneten, für das Kapital eroberte: vor allem Russland und China. Trotzdem konnte der Kapitalismus sich der großen Krise von 2008 nicht entziehen, die den historischen Krisenzyklus einleitete, der sich heute durch die Pandemie verschärft. Anscheinend sind wir nicht nur Zeug*innen einer konjunkturellen Krise des Kapitalismus, sondern einer historische Krisen, die der der 30er Jahre ähnlicher ist als allen Krisen, die wir seit den 70ern gesehen haben.

Warum sagst du, dass es nach einer historischen Krise wie der in den 1930er Jahren aussieht?

Naja, weil sie Teil des 2008 einsetzenden Zyklus ist. Trotz der teilweisen Erholung ist es dem Kapitalismus nie gelungen, wieder auf das vor jenem Jahr verzeichnete Wirtschaftswachstum zu kommen. In diesen ersten Monaten der Pandemie drohen massive Unternehmensbankrotte, die Millionen neue Arbeitslose, niedrigere Löhne und weit verbreitete Armut zur Folge haben. In der Zwischenzeit beschließen die Nationalstaaten milliardenschwere Rettungspakete, die ihre Schulden noch weiter in die Höhe treiben, ohne strukturelle Lösungen für die Wirtschaft ihrer Länder zu finden.

Die sogenannte „Globalisierung“, die die Geschichte der letzten Jahrzehnte geprägt hat und sich jetzt in der Krise befindet, hat den Weg für Trumps „America First“ geebnet, für Kämpfe um Technologien wie 5G, für die Wiederaufnahme des Wettrüstens, für Handelskriege mit China und für nationalistische Tendenzen in verschiedenen Ländern, aber auch – wir dürfen nicht vergessen, dass das damit einhergeht – für das Wiederaufflammen des Klassenkampfes.

Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Krise werden viel analysiert. Vom Klassenkampf als einem entscheidenden Faktor ist aber viel weniger die Rede.

Ja, wie wir 2018 bei den Gelbwesten in Frankreich oder den großen Arbeiter*innenstreiks der Eisenbahner*innen und Busfahrer*innen gegen die Rentenreform gesehen haben, wurde die Welt auch von einer Welle von Aufständen erschüttert, in denen wirtschaftliche, demokratische und politische Forderungen erhoben wurden, von Hongkong im äußersten Osten über den Nahen Osten mit dem Libanon, dem Iran und dem Irak bis hin zum nordafrikanischen Algerien und dem Sudan. Und sie erreichte unseren Subkontinent, Lateinamerika, mit der großen Revolte der chilenischen Jugend und Arbeiter*innen. Auch die revolutionären Ereignisse in Ecuador, die glorreichen Kämpfe der kolumbianischen Arbeiter*innen und der Widerstand gegen den Putsch in Bolivien sind nicht zu vergessen. Das ist ein Versuch, die Ereignisse der letzten Jahre zusammenzufassen. Aber wir müssen uns auch daran erinnern, dass es nach der Krise von 2008 in Ägypten eine Revolution gab, die dann niedergeschlagen wurde, einen ganzen Prozess, der Arabischer Frühling genannt wurde, und große Massenaktionen in entscheidenden Ländern wie der Türkei, Spanien und Brasilien. Vom Klassenkampf ist wenig die Rede, aber er ist seit Beginn der Krise von 2008 sehr präsent.

Heute, quasi zu Beginn dieser neuen Krisenetappe, die durch das Coronavirus zugespitzt wurde, sehen wir die größte Mobilisierung in der Geschichte der Schwarzen und der Ausgebeuteten im rassistischen Herzen des US-Imperialismus.

Wie würdest du also die aktuelle Situation insgesamt einschätzen?

Schau mal, wenn ich es in wenigen Worten definieren muss, würde ich sagen, dass wir in eine neue Phase eintreten, in der die Charakteristika der imperialistischen Epoche, die Lenin, Trotzki und die Dritte Internationale als Epoche der Krisen, Kriege und Revolutionen definiert haben, an Aktualität gewinnen.

Du hast klar gemacht, was die objektiven Bedingungen für das Voranschreiten der revolutionären Marxist*innen sind. Aber was sind die subjektiven Bedingungen dafür, dass diese Epoche mit erfolgreichen sozialistischen Revolutionen endet?

Ich werde versuchen, synthetisch zu antworten, aber das ist eine Frage, die eine sehr lange Antwort erfordert. Das 20. Jahrhundert bilanzierend muss ich vorab sagen, dass es trotz des Stalinismus und der Sozialdemokratie, die als „Feuerwehr“ für den Kapitalismus agiert haben,  große revolutionäre Prozesse gegeben hat. Viele von ihnen wurden von allen möglichen Führungen verraten oder von ihren sozialistischen Zielen abgebracht. Bereits 1906 sah Trotzki mit Blick auf die deutsche Sozialdemokratie, die damals Millionen von Wähler*innen und Mitgliedern hatte und einen großen Teil der Gewerkschaften führte, voraus, dass sie aufgrund des zentristischen Charakters ihrer Führung in akuten Situationen zu einem höchst konservativen Faktor werden könnte. Das prophezeite er ein Jahrzehnt, bevor die Sozialdemokratie im Parlament für die Vergabe von Krediten gestimmt hat, die das Blutbad des Ersten Weltkriegs erst ermöglichte. Alle mächtigen europäischen Parteien der Zweiten Internationale taten es ihr gleich. Sie verteidigten ihre bürgerlichen Heimatländer und verrieten den Eid, dem Krieg mit koordinierten Generalstreiks zu begegnen. Diese Art des Verrats wurde von Stalinist*innen aller Couleur wiederholt und dann erweitert. Dies wurde zu einem typischen Vorgehen, das sogar Kriege zwischen Ländern einschloss, die den Kapitalismus besiegt hatten.

Der revolutionäre Charakter des Trotzkismus zu Trotzkis Lebzeiten steht nicht in Zweifel; er und seine Strömung stellten sich jeglichem Verrat entgegen und schlugen angesichts des Zyklus großer Revolutionen revolutionäre Alternativen vor.

Nach Trotzkis Tod und dem Zweiten Weltkrieg wurde die trotzkistische Bewegung selbst um ihr Oberhaupt beraubt, zu einer Beraterin dieser großen reformistischen Parteien oder suchte, umgekehrt, Zuflucht in sektiererisch-propagandistischen Positionen. Beides konnte keine Alternative zu dem Kurs sein, der im Verlust vieler der großen Errungenschaften der Arbeiter*innenklasse durch Kapitalismus und Imperialismus endete.

Du würdest also sagen, dass die subjektive Situation angesichts der großen Krise, vor der wir stehen, sehr schlecht ist?

Ja und nein. Man muss das dialektisch betrachten. Die Existenz der UdSSR und die siegreichen Revolutionen haben Führungen wie der maoistischen oder hier auf unserem Kontinent der kubanischen Autorität verliehen, um eine Politik der Klassenversöhnung zu betreiben, die dazu führte, dass jede neue Revolution umgelenkt oder verraten wurde.

Oft in Kombination mit ultralinken Politiken wie der Strategie des Guerillakriegs, die die Kubaner*innen in den 1970er Jahren unserem Kontinent aufzwangen.

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat einige siegreiche Revolutionen unter stalinistischen oder kleinbürgerlichen Führungen gesehen, die, anstatt für die Ausweitung ihrer Errungenschaften zu kämpfen, die Errichtung des Sozialismus in einem einzigen Land zum Ziel hatten. Nach einigen Erfolgen in den ersten Jahrzehnten machten sie Rückschritte, stagnierten und verwandelten schließlich die leitenden Bürokratien in Restaurator*innen des Kapitals, was zu einem großen Rückschritt der Arbeiter*innenklasse führte – nicht nur in diesen Ländern, sondern auch international.

Die positive Seite dieser historischen Tragödie besteht darin, dass es heute, inmitten der Krise, mit der wir gerade konfrontiert sind, keine riesigen Apparate mit Millionen von angesehen Aktivist*innen gibt, die die kommwnswn revolutionären Prozesse stoppen, umlenken und schließlich zum Scheitern verurteilen könnten.

Um hier mal ein kleines Beispiel zu geben: Unseren jungen Genoss*innen aus Chile, die die PTR bilden, gelang es, in Antofagasta, im Norden des Landes, im Bergbaugebiet, eine Koordinationsinstanz zu gründen und für den Generalstreik eine Einheitsfront mit dem Gewerkschaftsverband CUT zu erzielen, der von der kommunistischen Partei angeführt wird, die mitten im Streik- und Aufstandsprozess zu einer gemeinsamen Aktion der ganzen Region aufrief und mehr als 20.000 Arbeiter*innen zusammenbrachte.

Dies war natürlich in den 70er Jahren unmöglich, als die KP Zehntausende von Mitgliedern hatte, der Regierung angehörte und am Ende die Abscheulichkeit unterstützte, Pinochet in Allendes Kabinett zu setzen, was es den Putschist*innen schon einen Monat vor dem Putsch ermöglichte, alle Positionen zu kontrollieren.

Auch wenn dieser Zyklus von Niederlagen und Widerstand die Moral und sogar die Struktur des Proletariats geschwächt hat, sind wir im Hinblick auf die zu überwindenden Hindernisse viel besser dran. Diese Apparate haben uns Errungenschaften und Revolutionen beschert, sich dabei aber selbst abgewertet und den Großteil der Hegemonie verloren, die sie vorher über die arbeitenden Klassen ausübten.

Um meine Antwort auf die Frage abzurunden: Die Tiefe der Krise, die in der nächsten Periode deutlich werden wird und die Schwäche jeder Art von reformistischer oder bürokratischer Führung ist für uns Trotzkist*innen ein Vorteil dafür, dass wir – wenn wir die in vielen Ländern erworbene Ansammlung von Kadern und Anführer*innen weiter entwickeln und fördern – eine entscheidende Rolle bei dem kommenden Aufstieg der Arbeiter*innen spielen können.

Vielleicht viel mehr als die Rolle, die Trotzkist*innen in früheren Krisen und Aufstiegen gespielt haben.

Und wo zeigt sich die Massenbewegung heute?

Die reformistischen Sozialdemokrat*innen haben sich in offene Neoliberale verwandelt. Sogar große stalinistische Massenparteien, wie die italienische, wurden direkt neoliberal. Kommunistische Parteien wie die französische, die uruguayische oder die chilenische, sind heute deutlich schwächer als damals. Die neuen reformistischen oder – wie wir sie nennen – neo-reformistischen Formationen, wie Syriza und Podemos, sind im Wesentlichen Wahlphänomene, ohne aktive Mitgliedschaft, und daher auch Ausdruck dieser Schwäche.

Um deine Frage wirklich zu beantworten: Wichtige Sektoren der Massen kommen – bei allen Unterschieden zwischen verschiedenen Ländern – weiterhin in den Gewerkschaften zusammen, die, obwohl sie ohmächtlg sind und kein Ansehen genießen, der zentrale Ort sind, an dem die Kämpfe der Arbeiter*innen oft ihren Ausdruck finden. Deshalb muss in ihnen gearbeitet werden.

Ihre bürokratisierten Führungen schwanken zwischen Forderungen nach Reformen, die im Allgemeinen ohnmächtig sind, wenn sie nicht sogar direkt zu Agent*innen der Konterrevolution werden, wie sie es in Argentinien in den 1970er Jahren im Rahmen der Triple A taten, die vor dem 24. März 1976 1.500 der besten Arbeiteraktivist*innen ermordeten.

Im Übergangsprogramm bekräftigt Trotzki, dass die Gewerkschaften im besten Fall zwar nicht mehr als 25% der Arbeiter*innenklasse organisieren, dass in ihnen und in ihren Basisorganisationen, Delegiertengremien, Betriebsräten usw. aber oft die bewusstesten und organisiertesten Sektoren zu finden sind. Deshalb kann behauptet werden, dass alle, die den Gewerkschaften den Rücken kehren, eigentlich den Massen den Rücken kehren.

Es ist notwendig, innerhalb der Gewerkschaften an Gewicht zu gewinnen, um die bürokratisierten Führungen aus ihren Positionen zu entfernen, um Kampfaufrufe zu erreichen, damit die Arbeiter*innenklasse in der Aktion selbst, wie minimal sie auch sein mag, die Erfahrung mit dieser verrotteten Kaste zu einem Ende bringt und es uns so ermöglicht, die Gewerkschaften für einen konsequenten Klassenkampf zu erobern.

Natürlich reicht der Kampf innerhalb dieser Minderheit der Arbeiter*innenklasse nicht aus, um die großen Massen, die in den Kampf ziehen, in einen revolutionären Prozess zu führen. Wir müssen ein Programm aufstellen, das die Hegemonie der Arbeiter*innen über die immense Masse der Prekären und Informellen errichtet, die durch die Krise von Tag zu Tag anwächst. Der Kampf für die Rückeroberung unserer Organisationen ist untrennbar damit verbunden, die Reihen der Arbeiter*innen, die heute in Festangestellte, Prekäre und Arbeitslose gespalten sind, zu vereinen und eine Politik gegenüber der imposanten, kämpferischen Frauenbewegung, der Schwarzen Bewegung, der Migrant*innen-Bewegung und der abstürzenden Mittelklassen zu entwickeln, damit diese nicht von der Rechten gewonnen werden.

All das sollte uns ermutigen. Wenn sich die Krise weiterentwickelt und wir gut handeln, werden wir die Chance haben, Parteien mit Masseneinfluss zu schaffen und die Vierte Internationale neu zu gründen. Und dabei hoffen wir, uns den Strömungen in unserer Bewegung anzunähern, die, so wie wir es tun, versuchen, ein konsequentes Programm und eine konsequente Strategie auf den Weg zu bringen.

Um jetzt nicht noch weiter auszuholen, sei zuletzt gesagt, dass der Erfolg des Zeitungsnetzwerks La Izquierda Diario mit Millionen von Klicks in den Hochzeiten des Klassenkampfes, das täglich auf mehreren Sprachen veröffentlicht, diese Perspektive vorwegzunehmen scheint.

Deiner Meinung nach besteht für Trotzkist*innen eine Gelegenheit, revolutionäre Parteien in verschiedenen Ländern aufzubauen und die Vierte Internationale wieder aufzubauen. Aber was bedeutet es, heute, wo das 21. Jahrhundert schon angebrochen ist, Trotzkist*in zu sein?

Es ist schwierig, das in wenigen Worten zu formulieren. Einige Genoss*innen sagen uns, dass sich die Definition von „trotzkistisch“ nur auf ein „ideologisches Problem“ bezieht, was implizieren würde, dass sie für die Entwicklung einer revolutionären Praxis heute nicht entscheidend ist. Es ist aber nicht nur ein Problem von „Bezeichnungen“. Wenn wir von „Trotzkismus“ sprechen, beziehen wir uns nicht einfach auf eine weitere Ideologie neben vielen, wie wenn man sich zu dieser oder jener Religion bekennt, katholisch, evangelisch oder buddhistisch ist, sondern auf eine Theorie mit wissenschaftlichen Grundlagen, aus der sich ein Programm und eine Strategie entwickeln lassen, damit die Ausgebeuteten ihren Kampf gegen die Ausbeuter*innen gewinnen können. All das ist im Theorie-Programm der Permanenten Revolution und dem Übergangsprogramm zusammengefasst, die uns ein gewisses GPS geben, um den Weg zu gehen, der sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene zum Sieg der Arbeiter*innenklasse und der Unterdrückten führt.

Für die neuen Generationen: Was ist die Theorie des Trotzkismus?

Genoss*innen vor mir haben verschiedene Aspekte der Theorie der Permanenten Revolution erörtert. Im 21. Jahrhundert ist es eindeutig eine Illusion, zu glauben, dass sich die rückständigen oder so genannten unterentwickelten Länder entwickeln und Hunderte von Millionen im Elend lebender Menschen weltweit befreien, indem die lokalen Bourgeoisien sie anführen, die durch unzählige Verflechtungen mit dem internationalen Finanzkapital verbunden sind.

In Lateinamerika haben wir bis vor wenigen Jahren einen Zyklus des Aufstiegs derjenigen erlebt, die auf die Entwicklung der berühmten nationalen Bourgeoisien gesetzt haben, wie Lula, die Kirchners oder Chávez. Allein der Anblick der Katastrophe, in die Venezuela durch zwei Jahrzehnte Chavismus geraten ist, hält uns davon ab, weiter darüber reden zu müssen. Allein imperialistische Blockaden und Putschversuche dafür verantwortlich zu machen, ist nur eine Ausrede für die Anhänger*innen dieser Regierungen.

Nur Länder wie Russland oder China, die enorme Revolutionen durchgeführt haben, in denen die Bourgeoisie enteignet wurde, auch wenn sie degeneriert oder deformiert entstanden sind, haben es geschafft, aus der Rückständigkeit und der Abhängigkeit herauszukommen, auch wenn die Herrschaft der stalinistischen bzw. maoistischen Bürokratie diese Revolutionen letztendlich innerhalb der nationalen Grenzen gefangen hielt und zur Restauration des Kapitalismus führte.

Wieder einmal hat die Theorie der Permanenten Revolution ihre Überlegenheit gegenüber den Pseudo-Theorien des Sozialismus in einem einzigen Land bewiesen.

Gilt diese Theorie nur für „rückständige“ Länder?

Nein. In den „fortgeschrittenen“ Ländern sind die Aufgaben direkt sozialistisch, d.h. man muss sich nicht erst von den landbesitzenden Kasten oder vom Imperialismus befreien, der Unterdrückungs- und Ausplünderungsmechanismen anwendet. Es kann aber sein, dass die Arbeiter*innen da erst später die Macht ergreifen, weil sie einer viel stärkeren Bourgeoisie gegenüberstehen. Doch da es sich um „fortgeschrittene“ Länder handelt, in denen die Arbeitsproduktivität hoch ist, werden sie, wenn sie die Macht übernehmen, nicht nur in der Lage sein, die „rückständigen“ Länder nach und nach zu befreien, sondern auch im Kampf für die Arbeitszeitverkürzung viel schneller vorankommen, , d.h. für die kommunistischen Ziele unseres Programms. Die Tatsache, dass die deutschen Arbeiter*innen, angeführt von der Sozialdemokratie und dem Stalinismus, weder 1921, noch 1923 oder 1929 siegreich waren, hat nicht nur den Aufstieg Hitlers ermöglicht, sondern auch Russland mit seiner „Rückständigkeit“ allein gelassen, was den Aufstiegs der stalinistischen Bürokratie größtenteils erklärt, wie der Genosse aus Deutschland erklärte. Stellt euch vor, das hohe wissenschaftliche und technische Niveau der deutschen Arbeiter*innen wäre mit der Kampfbereitschaft der russischen Arbeiter*innen und Bäuer*innen verbunden gewesen – Stalinismus, Faschismus und sogar der Zweite Weltkrieg hätten vermieden werden können. Das war Leo Trotzkis Programm und Strategie.

Was für ein Programm brauchen wir, damit sich die Mobilisierungen entfalten?

Um das Proletariat vom System moderner Sklaverei, von Lohnsklaverei, sowohl in den „rückständigen“ als auch in den „fortgeschrittenen“ Ländern zu befreien, werde ich kurz nicht nur auf die kalten Buchstaben des Programms eingehen, sondern auch auf die Methode, mit der es unter den großen Massen Gestalt annehmen kann.

Die Millionen, die sich beim Ausbruch revolutionärer Prozesse mobilisieren, kommen in ihrem Bewusstsein nicht durch bloße Propaganda voran. Nur eine Minderheit der fortschrittlichen Arbeiter*innen, die die Avantgarde und insbesondere die Mitgliedschaft der revolutionären Parteien bilden, kann auf diese Weise ein revolutionäres Bewusstsein erreichen. Ausgehend von dieser Annahme schreibt Trotzki 1938 das Übergangsprogramm. Er setzt damit die Tradition der ersten Jahre der Dritten Internationale fort und versucht, eine Brücke zwischen den aktuellen Forderungen und Bedürfnissen von Arbeiter*innen und jenen, die zur Machtergreifung führen, zu schlagen.

Ein einfaches Beispiel:

Die Krise wird, wenn sie sich weiter vertieft, die Schließung von Fabriken und Unternehmen nach sich ziehen. Was können also die Arbeiter*innen dieser Unternehmen angesichts eines Szenarios tun, in dem es immer mehr Arbeitslose gibt? Sie besetzen sie, stellen die Produktion unter ihre Kontrolle der Arbeiter*innen und fordern die entschädigungslose Verstaatlichung, heißt es im Übergangsprogramm. In meinem Land [Argentinien], wo wir Trotzkist*innen bei solchen Initiativen an vorderster Front standen, gibt es diesbezüglich sehr viel Erfahrung. Wenn die Situation, die wir gerade beschreiben, mehrere Jahre andauert und das Potenzial hat, revolutionär zu werden, wie wir heute prognostizieren, wird das nicht in ein oder zwei Fabriken, sondern in ganzen Produktions- und Dienstleistungszweigen der Fall sein, was einen Grad der allgemeinen Planung voraussetzen würde, mit dem Ziel, eine Schule der sozialistischen Planung zu schaffen. Doch dann stellt sich die Frage: Mit welchen finanziellen Mitteln werden diese Unternehmen inmitten der Krise funktionieren, oder werden sie ohne Mittel auf der Grundlage von Löhnen funktionieren, die nicht zum Leben reichen, ähnlich den Arbeitslosen? Nur wenn die Privatbanken enteignet und alle nationalen Ersparnisse in einer einzigen Bank vereinigt werden, können die Arbeiter*innen verhindern, dass diese finanziellen Ressourcen in Spekulation und Kapitalflucht fließen und so das Geld für das Funktionieren dieser Unternehmen und Industrien erhalten, wobei natürlich die kleinen Leute, die von den Bankiers immer betrogen werden, ihre Ersparnisse behalten dürfen. Sowas Ähnliches geschieht mit den Investitionen: Wie werden sie die notwendigen Investitionen für diese Industrien bekommen, die Devisen, d.h. die Dollars, die es braucht, um das zu kaufen, was aus dem Ausland importiert werden muss? Wie werden sie die Erpressung und die Geschäfte der kapitalistischen Konzerne umgehen, die den internationalen Handel der Länder kontrollieren? In Argentinien zum Beispiel wird dieser Handel von einer Handvoll transnationaler Getreidekonzerne und Landbesitzer*innen kontrolliert. Die Arbeiter*innen müssen das staatliche Außenhandelsmonopol durchsetzen, um es in das Interesse der Mehrheit zu stellen.

Was ich gesagt habe, ist nur ein Beispiel, das darauf hinweist, dass die Arbeiter*innen in ein revolutionäres Stadium eintreten, wenn die Krise tief ist, dass sich ihr Bewusstsein in dem Maße verändert und Fortschritte macht, wie sie Erfahrungen mit den Problemen machen, mit denen sie konfrontiert sind. Es geht nicht nur darum, Propaganda zu machen, auch wenn viel theoretischer und ideologischer Kampf geführt werden muss, sondern in jedem Augenblick die richtigen Forderungen zu erheben, damit die Arbeiter*innen nach und nach die enormen Schwierigkeiten lösen können, vor denen sie stehen werden. All das ist solange wahr, wie man berücksichtigt, dass wir nicht nur externe Feind*innen haben, wie die Kapitalist*innen und ihre Staaten, sondern auch innere, wie die bürokratisierten Führungen der Gewerkschaften oder der sozialen Bewegungen, die durch Betrug und/oder Repression versuchen werden, die reformistischen Vorurteile der Arbeiter*innen zu bekräftigen, indem sie ihnen sagen, dass nichts anderes möglich ist, als den Staat oder die Bosse um Hilfe zu bitten.

Wo setzt das Programm in Bezug auf die Organisierung der Arbeiter*innen an?

Das Übergangsprogramm schlägt vor, dass die Arbeiter*innenklasse ihre Selbstorganisation im Kampf für ihre Forderungen entwickeln kann und sollte, um die Gewerkschaften den Händen der Bürokratie zu entreißen, welche sie dem Staat unterordnet und sie zu Agent*innen der Aushungerungspläne der Kapitalist*innen macht, und dass sie auf diese Weise vorankommen muss, um wirklich demokratische Organisationen zu bilden, die in der Lage sind, alle Sektoren im Kampf zusammenzubringen und die Selbstverteidigung gegen Repression und paramilitärische Banden zu garantieren.

Die russischen Arbeiter*innen, und nach ihnen die Arbeiter*innen in zahlreichen anderen Revolutionen, haben Organisationen geschaffen, die den Gewerkschaften bei weitem überlegen waren. Ihr ursprünglicher Name war „Sowjet“, was nichts anderes als „Rat“ bedeutet. Räte haben die städtischen Arbeiter*innen über die Branchen hinweg vereint, mit abwählbaren Delegierten, die von ihren Arbeitskolleg*innen damit beauftragt worden waren, die Antworten für alle Probleme zu debattieren und zu zentralisieren, die in dieser Situation des Klassenkampfes entstanden sind.

Ich gebe dir ein kleines Beispiel: Es ist unmöglich, heute über die Hegemonie der Arbeiter*innen, welche die Hebel der Wirtschaft kontrollieren, über andere unterdrückte Sektoren zu sprechen, ohne dass es Organe der direkten Demokratie gibt, die den Kampf der Arbeiter*innen mit den mächtigen Bewegungen der letzten Jahrzehnte zusammenführen würden, wie bpsw. die der Frauen und LGBTQIA+, die antirassistische Bewegung und die des Kampfes gegen Umweltkatastrophen.

Nur diese Art der Organisation, die der der Gewerkschaften weit überlegen ist, kann alle Forderungen vereinen und zentralisieren.

Was ist das höchste Ziel des Programms?

Ich beginne mit dem zweithöchsten. Das Ziel ist, dass die Arbeiter*innenklasse und die unterdrückten Sektoren aus dieser Erfahrung heraus zu dem Schluss kommen, dass sie die Macht erobern müssen. Eine Arbeiter*innenrepublik, die Marx die „Diktatur des Proletariats“ genannt hat.

So wie die Bourgeoisie unter demokratischen oder autoritären Regimen immer die Diktatur des Kapitals aufrechterhält, indem sie ständig ihre eigenen Interessen durchsetzt, muss das Proletariat die Interessen der großen Mehrheiten der Arbeiter*innen und der Massen umsetzen. Eine Arbeiter*innenrepublik, die auf der Grundlage der Demokratie derjenigen funktioniert, die arbeiten, durch Räte von gewählten Delegierten pro Produktionseinheit, Unternehmen, Fabrik, Schule usw., sodass die Arbeiter*innen im weitesten Sinne des Wortes regieren und sich nicht darauf beschränken, alle zwei oder vier Jahre zu wählen, sondern täglich den politischen Kurs der Gesellschaft und die rationale Planung der wirtschaftlichen Ressourcen bestimmen.

Mit anderen Worten: Die Arbeiter*innenräte werden von Organen der Zentralisierung des Kampfes zur Grundlage eines neuen Staates – dem der Arbeiter*innen.

Wie kann den Kapitalist*innen und ihren Streit- und Sicherheitskräften die Macht entzogen werden?

Ich kann darauf allgemein antworten. Ich erinnere mich an einen kürzlich erschienenen Artikel in der New Left Review, in dem der linke, sozialdemokratische Soziologe Wolfgang Streeck Engels‘ militärisches Denken analysiert und die Debatte bis in die heutige Zeit führt, um zu erklären, dass die Fortschritte in der Technologie, zum Beispiel die Entwicklung von Drohnen für gezielte Attentate oder die Entwicklung ausgeklügelter Computerspionagesysteme, bedeuten, dass jede revolutionäre Perspektive heute ausgeschlossen werden muss.

Das ist eine sehr wichtige Diskussion, weil sie sich auf die (Un-)Möglichkeit einer Revolution bezieht. Der grundlegende Fehler in Streecks These besteht darin, die Kraft auf ihren technisch-materiellen Aspekt zu reduzieren. Trotzki knüpfte an die These des preußischen Generals [Carl von] Clausewitz an, dass es nicht nur um „physische Kraft“ geht, sondern auch um ihre Beziehung zu dem, was er „moralische Kraft“ nannte. Im Fall einer Arbeiter*innenrevolution geht es darum, dass die Zahl der Arbeiter*innen und ihrer Verbündeten viel größer ist als die jeder Berufsarmee oder von Wehrpflichtigen; genauso ihre Bereitschaft, den Kampf bis zum Ende zu führen. Dazu kommt natürlich noch die Qualität der Führung, die nicht im Kampf improvisiert werden kann.

Sehen wir uns einige Beispiele an.

Vor einem Jahrhundert hat Trotzki den Fall der Eisenbahn analysiert, die damals ein riesiger Fortschritt war, weil sie es den Armeen ermöglichte, Truppen innerhalb weniger Stunden in andere Städte zu transportieren. Er betonte, dass nicht vergessen werden dürfe, dass ein wahrhaftiger Massenaufstand mit dem Streik beginnen müsse, der die Eisenbahnen lahm legt. Heute könnten wir so etwas über die ausgeklügelten polizeilichen Informationssysteme sagen, von denen Streeck spricht: Was passiert, wenn die Mitarbeiter*innen von Telekommunikationsfirmen den Hebel umlegen oder wenn die Beschäftigten von Elektrizitätswerken die Versorgung mit Strom an bestimmten Orten unterbrechen, wie sie es in Frankreich tun? Die Bourgeoisie mag zwar über bessere Waffen und mehr Repressionsmöglichkeiten verfügen, aber es sind die Arbeiter*innen, die die Gesellschaft bewegen, und ein wirklicher Massenaufstand erfordert einen Generalstreik, der die Grundlage jedes Aufstands ist.

Bereits Hannah Arendt, die nicht mit dem Trotzkismus in Verbindung gebracht werden kann, hat die Ansicht vertreten, dass der spanische Bürger*innenkrieg gezeigt habe, dass die von Anarchist*innen angeführten, mit Gewehren und Messern bewaffneten Arbeiter*innen durch ihre hohe Zahl und die Gespaltenheit der herrschenden Klassen es geschafft hätten, in den Städten, die von ihnen beherrscht wurden, zu triumphieren und Francos äußerst professionelle Armee zu besiegen, die sich gegen die Republik erhoben hatte. Sie kam zu dem Schluss, dass in revolutionären Situationen nicht nur die Anzahl und die technische Kapazität der „Streitkräfte“ zählen, sondern dass auch die Kampfbereitschaft der Unterdrückten und die Schießbereitschaft der Unterdrücker*innen in Betracht gezogen werden muss.

Das Hauptziel von Arbeiter*innenmilizen besteht darin, diesen Repressionswillen anzuzweifeln und zu lähmen.

Warum hast du gesagt, es sei das zweithöchste Ziel des Programms?

Ganz einfach, weil das höchste Ziel der Kommunismus ist – ein Konzept, das während einem großen Teil des letzten Jahrhunderts durch den Stalinismus und die so genannten „Realsozialismen“ verfälscht wurde. Es geht darum, den Kampf für eine Gesellschaft ohne soziale Klassen, ohne Staat, ohne Ausbeutung und ohne Unterdrückung wieder aufzunehmen. Das ist es, was der Kommunismus ist. Er kann keine nationale Frage sein, sondern muss das Ergebnis der Vereinigung und Koordinierung aller Produktivkräfte der Menschheit auf internationaler und letztlich globaler Ebene sein. Das wird die produktive Fähigkeit unserer Spezies, Menschen von brutaler Zwangsarbeit zu befreien, unendlich steigern. Erinnern wir uns, dass das Wort „Arbeit“ (spanisch: „trabajo“) von einem Folterinstrument kommt, das die Römer Sklav*innen gegenüber einsetzten und das sie „Trepalium“ nannten.

Ein guter Teil der Philosoph*innen des 20. Jahrhunderts hat sich der einseitigen Betonung der Übel der Technik verschrieben. Diese negativen Visionen reichen von rechtsextremen Ansichten wie des Nazi-Sympathisanten Martin Heidegger über den Postmodernismus bis hin zu linken sozialdemokratischen Ansichten wie die von Adorno und Horkheimer. Um jetzt nicht noch weiter auszuholen, sei gesagt, dass wir heute viele Serien sehen können, die von Dystopien handeln, in denen die Technologie den Menschen beherrscht, wie z.B. in „Black Mirror“. Maschinen, die gestaltlose, wehrlose Massen von Menschen versklaven, die sich ihrer Herrschaft nicht widersetzen können. Da werden keine Vorhersagen getroffen, sondern nur einige Merkmale der Diktatur der großen transnationalen Konzerne und ihrer Staaten im heutigen Kapitalismus zugespitzt dargestellt.

Nur revolutionäre Marxist*innen malen sich das Potential der Fortschritte in Wissenschaft und Technik aus, die Zeit, die jede*r Einzelne in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft mit Arbeit verbringt, auf ein unbedeutendes Minimum zu reduzieren. Wir dürfen nicht vergessen, dass strategische Entscheidungen über das Design, den Einsatz und die Entwicklung von Technologien nicht von Maschinen, sondern von Menschen getroffen werden. Wir sind keine Sklav*innen von Robotern, sondern wir leben unter der Herrschaft von multinationalen Konzernen und ihren Staaten. Die moderne Sklaverei ist die der Lohnarbeit. Alles, auch Wissenschaft und Technik, ist diesem Kommando unterstellt.

Die Weiterentwicklung von Wissenschaft und Technik macht es möglich, die Arbeitszeit zu verkürzen, die für die Produktion der Güter, die wir zum Leben brauchen, gesellschaftlich notwendig ist. Aber wie Marx schon analysierte, wird das im Kapitalismus nicht in mehr Freizeit für die großen Mehrheiten umgewandelt, sondern in Massen von Arbeitslosen, Unterbeschäftigten und Prekären, die an einem Pol der Gesellschaft im Elend leben, und jedem anderen Teil der Arbeiter*innenklasse, der gezwungen ist, in seinem Leben für einen 13- oder 14-stündigen Arbeitsalltag Platz zu machen, am anderen Pol. All das zum Wohl der Kapitalist*innen und ihrer großen multinationalen Konzerne – damit 25 Milliardär*innen genauso viel besitzen wie die Hälfte der Menschheit, während sie gleichzeitig den Planet und die Natur zerstören.

Die Machteroberung durch die Arbeiter*innenklasse würde es erlauben, dieser extremen Irrationalität ein Ende zu setzen und die Arbeitsstunden gleichmäßig unter allen aufzuteilen und so einen den gesellschaftlichen Bedürfnissen entsprechenden Lohn zu garantieren. Es ist die Perspektive der sozialistischen Revolution, die im 21. Jahrhundert den Weg dafür frei machen kann, dass die enormen Fortschritte in Wissenschaft und Technik in den Dienst der Befreiung von der Lohnsklaverei, einschließlich der Hausarbeit, zu stellen und so alle menschlichen Fähigkeiten in eine ausgewogene und nicht räuberische Beziehung mit der Natur zu bringen. Wenn wir also vom Kampf für einen Arbeiter*innenstaat sprechen, sprechen wir von einem Übergangsstaat auf dem Weg zu einer klassenlosen Gesellschaft, in der sich die repressive Funktion des Staates und damit die Existenz dessen an sich erübrigt.

Trotzki hat betont, dass der Zweck des Kommunismus darin besteht, die Technik so zu entwickeln, dass die Materie dem Menschen alles gibt, was er braucht, und noch viel mehr. Aber dieses Ziel entspricht einem anderen höheren Zweck, der darin besteht, die schöpferischen Fähigkeiten des Menschen für immer von allen Hindernissen, Einschränkungen oder erniedrigenden Abhängigkeiten zu befreien, und dass die persönlichen Beziehungen, die Wissenschaft, die Kunst, nicht länger unter dem Schatten einer diktatorischen Verpflichtung leiden müssen.

Willst du noch etwas Abschließendes sagen?

Ja, wir sind jetzt schnell verschiedene Probleme durchgegangen, mit denen wir konfrontiert sind. An diesem Tag des Gedenkens an Trotzkis tragische Ermordung glaube ich, dass die größte Ehre, die wir ihm erweisen können, darin besteht, die Chancen zu enthüllen, die die kapitalistische Krise uns Revolutionär*innen eröffnet. Deshalb können dieses Video und dieses Interview nur mit den folgenden Worten enden:

Hoch lebe das Leben und das Vermächtnis Trotzkis, der sich für die Befreiung der Ausgebeuteten und Unterdrückten der ganzen Erde eingesetzt hat!

Lang lebe der Kampf für den Wiederaufbau der Vierten Internationale!

Schaue hier den gesamten Beitrag von Emilio Albamonte im Video:

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