Hintergründe

Kampf den Plattformen: Mit Selbstorganisierung gegen den „Kapitalismus des 21. Jahrhunderts“

Plattformen wie Amazon oder Gorillas schaffen neue technische Mittel. Und ein prekäres Proletariat, das neue Kämpfe anführt.

Kampf den Plattformen: Mit Selbstorganisierung gegen den „Kapitalismus des 21. Jahrhunderts“
Timeckert / Shutterstock.com

Seit Februar dieses Jahres befinden sich die Arbeiter:innen von Gorillas im Kampf. Der Lieferdienst wurde erst im vergangenen Jahr gegründet und ist mit einer Bewertung von über einer Milliarde Euro ein Leuchtstern der Start-Up-Szene. Gorillas ist ein sogenanntes „Plattformunternehmen“, also ein Unternehmen, das sich als Mittler zwischen Dienstleister:innen und Kund:innen versteht und über Provisionen dieser Vermittlung verdient.

Dieser Artikel zeichnet als Einführung in Ausgabe #5 des KlassegegenKlasse-Magazins die Genese von Plattformunternehmen wie Gorillas nach. Dabei wird gezeigt, dass diese Unternehmen ihr Vermögen auf Grundlage der extremen – und im Kapitalismus bereits altbekannter – Prekarisierung der Beschäftigten aufbauen. Im Anschluss wird eine Perspektive diskutiert, wie die Beschäftigten gegen diese Verhältnisse kämpfen können.

Plattformen selbst sind zwar ein neueres Phänomen des Kapitalismus, aber existieren schon seit Ende der 1990er. So bietet beispielsweise eBay in Deutschland seit 1999 eine Plattform für Gebrauchtwaren und zunehmend auch den gewerblichen Vertrieb von Neuwaren. Anders als noch in den 1990ern spielt heute jedoch die Zurverfügungstellung von Plattformen eine zentrale Rolle in der Weltwirtschaft. Von den zehn Unternehmen, die 2020 über die größte Marktkapitalisierung verfügten, stützen sich fünf wesentlich auf Plattformen. Und auch andere Unternehmen wie Tesla spielen immer wieder mit der Idee der Plattformisierung ihrer Güter.

Diese Entwicklung geht so weit, dass es Stimmen gibt, die annehmen, mit der Plattformisierung der Arbeitswelt habe sich neue Form des Kapitalismus entwickelt: Auf der einen Seite sind da Prophet:innen des digitalen Fortschritts, die sich durch die Digitalisierung und die damit verbundenen Neustrukturierungen des Arbeitsmarktes eine neue, bessere und krisensicherere Version des Kapitalismus versprechen – Unternehmer:innen und „technooptimistische“ Mainstream-Autor:innen wie Andrew McAfee oder Martin Ford. Auch das aktuelle Wahlprogramm der FDP ist durchdrungen von der Annahme, genug Innovation wäre ein sinnvoller Weg nach vorne. Auf der anderen Seite finden sich einige Theoretiker:innen des „Postkapitalismus“ wie Aaron Bastani, die sich von den technologischen Fortschritten einen praktisch automatischen Übergang zum Sozialismus versprechen.

Zugleich sehen viele Linke und Arbeitsrechtler:innen, wie der deutsche Soziologe Wolfgang Streeck, in den Plattformen und besonders in der Unkontrollierbarkeit der Algorithmen eine Entwicklung, die Kämpfe gegen das kapitalistische System massiv erschweren oder sogar unmöglich machen. Jeff Bezos, der sich mit Elon Musk um den Titel des reichsten Manns der Welt streitet, baute seinen unvorstellbaren Reichtum auf dem Rücken der Arbeiter:innen seines Plattformunternehmens Amazon auf. Plattformunternehmen wie Amazon wachsen schwindelerregend schnell und profitieren sogar noch von der andauernden Corona-Krise. Ebenso wächst die Anzahl der „Gig-Arbeiter:innen“. Genaue Zahlen sind schwer zu finden, doch schon 2018 arbeiteten etwa 15 Prozent der Arbeiter:innen Chinas für Plattformen. So ist nicht nur die Macht der Unternehmen und ihrer Technik gewachsen, sondern auch die Armee der Arbeiter:innen, die sie hervorbrachten.

Woher kommt die Plattform-Ökonomie?

Betrachtet man die materiellen Grundlagen für die Plattform-Ökonomie, wird klar, dass diese neue Form der Strukturierung von Unternehmen so neu nicht ist. Sie ist vor allem eine Anpassung des Kapitalismus an die sich verändernden Bedingungen der Weltwirtschaft.

Das Aufkommen von Plattformen und ihr Aufstieg sind Folgen aus dem Platzen der dotcom-Blase im Jahr 2000. Die Unmengen an Kapital, die in den Sektor geflossen waren, ebenso wie zukünftige Investitionen, mussten eine neue „Arbeit“ finden. Aus den Trümmern der geplatzten Blase formierten sich Firmen wie Google.

Doch der dotcom-Boom veränderte auch die Produktionsmittel: Durch die unglaublich hohen Investitionen konnte die Grundlage für neue digitale Produkte gelegt werden. Arbeiter:innen lernten Fachwissen, das nötig für die Entwicklung von Plattformen war. Digitale Infrastrukturen, allen voran das World Wide Web, wurden entwickelt oder in die allgemeine Produktion übernommen, um breitflächig die Produktion zu strukturieren.

Aus diesen materiellen Grundlagen entstand ein extrem beweglicher Sektor, in dem vor allem große Mengen Risikokapital angelegt werden können. Ein Sektor, dessen Investor:innen damit rechnen, dass die meisten Firmen pleite gehen werden, doch die Überlebenden das nächste Amazon sein könnten. Ein Sektor, der erstmals Daten als „Rohstoff“ gewinnt und kapitalisierbar macht.

Seitdem die Grundlagen in den 1990ern und 2000ern gelegt wurden, breiteten sich die Plattformen rasant aus. Einer der Gründe hierfür liegt im astronomischen Wachstum der Handynutzer:innen in den vergangenen Jahren. Im Jahr 2020 waren 3,5 Milliarden Menschen Smartphone-Nutzer:innen – das ist knapp die Hälfte der Weltbevölkerung.

Amazon, Uber, Airbnb sind einige der Apps, die wir inzwischen wie selbstverständlich in unserem täglichen Leben nutzen. Wenn du beispielsweise eine Fahrt benötigst, verbindet Uber dich mit eine:r andere:n Nutzer:in, die dich gegen einen Geldbetrag mit ihrem eigenen Fahrzeug dorthin bringt, wo du hin willst; die App behält einen Teil dieses Betrags.

In Bezug auf die Arbeitswelt sind diese Plattformen Teil der sogenannten Gig-Economy, die wir als das Gegenteil von traditioneller stabiler Beschäftigung definieren können: In ihr sind die Jobs zeitlich begrenzt, nach Zielen, mit Unterbrechungen und flexibel und das Internet erscheint immer als Vermittler zwischen den Parteien. Wie die Journalistin Tamara Tenenbaum anmerkt, gibt es zwei verschiedene Gig-Märkte: diejenigen, die hochqualifizierte Jobs erledigen und 100 Prozent digitale Produkte liefern; und diejenigen, die online angeheuert werden, die Transaktion dann aber offline abwickeln, wie Taxifahrer:innen, oder Reinigungskräfte.

Die erste Gruppe besteht aus sogenannten Freelancern, meist professionellen Freiberufler:innen, die den Wert ihrer Produkte gut verhandeln können. Die zweite besteht aus Menschen, die in der Regel jung und weniger qualifiziert sind, die niedrige Löhne erhalten und unter prekären Arbeitsverhältnissen leiden; es ist diese letztere Gruppe, aus der Firmen wie Gorillas ihre Arbeiter:innen rekrutieren.

Alter Kapitalismus in neuen Kleidern

Viel Energie fließt in die Bewerbung von Plattform-Unternehmen. Man versucht alles, um hip, flexibel, modern, umweltbewusst und fair zu wirken, wie eine Alternative, die für alle die beste ist, eingeschlossen der Arbeiter:innen. Doch im Grunde basiert die Plattform-Ökonomie auf den bekannten Ausbeutungsmechanismen des Kapitalismus. Jeff Bezos selbst brachte es auf den Punkt, als er sich zu seinem Weltraumausflug – völlig ohne wissenschaftlichen Zweck, nur zum reinen Vergnügen – äußerte: „Ich möchte auch allen Amazon-Mitarbeitern und Amazon-Kunden danken. Denn ihr habt all das bezahlt.“ Und das hatten die Arbeiter:innen tatsächlich, indem sie den Mehrwert schufen, den er für seine weltfremde und zynische Weltraummission brauchte.

In einem historischen Artikel zu dieser Ausgabe des Magazins erklärt Marco Helmbrecht, dass es in gewisser Weise sogar passender wäre, die Plattform-Ökonomie als einen älteren Ausdruck des Kapitalismus zu verstehen, statt eines neueren. Denn sie greift die Mittel und Wege einer früheren Phase des Kapitalismus wieder auf: eine Rückkehr und zugleich Intensivierung extrem prekärer und zersplitterter Strukturierungen der Arbeit – digitales Tagelöhnertum.

Die Politikwissenschaftlerin Natalia Zuazo betont in ihrem Buch Los dueños de internet (dt.: Die Besitzer:innen des Internets), dass Plattformunternehmen in Wahrheit alles andere als „kollaborativ“ sind. Im Gegenteil sind sie vielmehr „traditionelle Unternehmen, die das Internet nutzen, um zwischen vielen verbundenen Individuen zu vermitteln und Gewinne aus ihnen zu ziehen“. Was diese Unternehmen tun, „soziale Kollaboration“ zu nennen, ist – so prangert Zuazo an – „ein technologievermittelter Euphemismus für etwas, das wir bereits kannten: hart arbeiten, damit andere verdienen können“. Das beweist schon die Beobachtung der absolut prekären Bedingungen, unter denen sie ihre Hunderttausende von Mitarbeiter:innen halten. Eine Ausbeutung der Arbeitskraft, die aufgrund ihrer unmenschlichen Rhythmen, ihrer brutalen Schutzlosigkeit und ihrer miserablen Löhne nur allzu sehr an die kapitalistischen Unternehmen des 19. Jahrhunderts erinnert. Letztendlich ist „der Plattform-Kapitalismus“ keine neue Form des Kapitalismus, sondern die Herausbildung eines neuen Sektors.

Kampf der Plattform! Aber wie?

Die Beschäftigten des Plattform-Sektors gehören in mehrerlei Hinsicht zu den am meisten prekarisierten Arbeiter:innen. Viele von ihnen – besonders bei den Lieferdiensten – sind Migrant:innen, viele mit ungesichertem Aufenthaltsstatus. Unternehmen wie Gorillas machen sich das rassistische Arbeits- und Migrationsregime zu Nutze, um ihre Profite zu erhöhen. Entsprechend sind die Möglichkeiten der Organisierung oft eingeschränkt – vom Unwillen der reformistischen Gewerkschaftsapparate, diese wenig profitablen Sektoren zu organisieren, bis zur Zersplitterung und Vereinzelung der Arbeiter:innen gibt es Schranken, die Plattform-Arbeiter:innen behindern. Die Soziolog:innen Ana Cárdenas Tomažič und Oskar Fischer diskutieren diese Themen in einem Gespräch für das KGK-Magazin.

Den widrigen Bedingungen zum Trotz organisieren sich die Plattform Arbeiter:innen wieder und wieder – für bessere Arbeitsbedingungen, für das Recht auf die Gründung von Betriebsräten und Gewerkschaftsgliederungen, aber auch gegen rassistische und sexistische Diskriminierung und für gesamtgesellschaftliche Forderungen. Beispiele dafür sind weltweit zahlreich. Um nur zwei von ihnen zu erwähnen: Seit 2013 kämpfen Amazon-Arbeiter:innen in Deutschland in neun Verteilzentren für einen Tarifvertrag. Es wurde bis heute kein Tarifvertrag unterzeichnet, doch tausende Beschäftigte mobilisierten sich in unzähligen Streiktagen und erkämpften so Verbesserungen wie Lohnerhöhungen, Pausen- und Krankheitsregelungen. Auch in den USA kämpfen Amazon-Beschäftigte für das Recht auf gewerkschaftliche Organisierung – trotz übler Tricks der Geschäftsführung und bürokratischer Top-Down-Gewerkschaftsapparate.

Auch im Bereich der Liefer-Plattformen gibt es seit Jahren Organisierungsprozesse. Leser:innen hierzulande wird möglicherweise der Kampf der Deliveroo-Fahrer:innen in Erinnerung sein, die unter dem Namen „Deliverunion“ für Betriebsrat und gewerkschaftliche Organisierung kämpften, bevor die Mutterfirma sich wieder vom deutschen Markt zurückzog. In Lateinamerika gibt es seit Jahren das kolumbianische „Online-Lieferunternehmen“ Rappi (siehe dazu auch den Rückblick auf diesen Kampf in diesem Magazin). Rappis Geschäftsmodell ist die auf die Spitze getriebene Prekarisierung ihrer Arbeiter:innen: Sie müssen nicht nur ihre persönlichen Handys und ihre eigenen Fahrräder oder Motorräder benutzen, sondern auch Uniformen und Rucksäcke von der Firma selbst kaufen. Feste Arbeitsverträge gibt es praktisch nicht, Rappi behandelt die Beschäftigten wie Selbständige. Nichtsdestotrotz organisierten die Arbeiter:innen im Juli 2018 in Argentinien den ersten Streik bei Rappi: Sie hielten – im wahrsten Sinne des Wortes – „das Motorrad an“ und erhoben ihre Stimme gegen das kolumbianische Unternehmen. Über eine Whatsapp-Gruppe organisierten die Bot:innen einen Streik während der Hauptarbeitszeit. Ihre Methode war es, sich an bestimmten Punkten in Buenos Aires zu versammeln, die App zu aktivieren, aber keine Bestellungen entgegenzunehmen. Rappi erfuhr von dem Protest im Vorfeld und versuchte, Streikbrecher:innen mit Prämien zu locken, doch die Protestmaßnahme war erfolgreich und bedeutete Chaos für das Unternehmen.

Ein anderes sehr aktuelles Beispiel ist der Kampf der Arbeiter:innen von Gorillas in Berlin. Wegen mehrerer wilder Streiktage und radikaler Kampfmaßnahmen wie Lagerblockaden musste Gorillas den Betrieb mehrfach zeitweise einstellen. Die Forderungen der Arbeiter:innen sind längst nicht erfüllt worden, doch das Gorillas Workers Collective kämpft dafür, mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen und einer Streikkasse eine immer größere Zahl von Rider:innen zu organisieren. Oskar Fischer und Anna Huber verbinden diesen Streik in einem Kommentar in dieser Magazin-Ausgabe mit einer Perspektive der Vergesellschaftung von Produktions- und Reproduktionsarbeit.

Denn gerade hier liegt die zentrale Herausforderung der prekären Sektoren: Wo die Organisierung schwierig ist, entsteht zwar leicht eine kämpferische Avantgarde, die mit radikalen Kampfformen und -forderungen einen Teil der Beschäftigten organisiert, aber dennoch in der absoluten Minderheit bleibt. Das kann dazu führen, dass ihr Kampf ins Leere geht. Die Gründe dafür sind vielfältig: hohe Fluktuation unter den Kolleg:innen, extreme materielle Not, das Im-Stich-Gelassenwerden von Seiten der Gewerkschaftsführungen, die sich keinen Organisierungserfolg versprechen, und aus diesen Faktoren folgende Resignation sind Gefahren.

Dagegen müssen Isolation und Zersplitterung überwunden werden, um die Mehrheit der Arbeiter:innen für den Kampf zu organisieren. Sie müssen sich zusammen organisieren, egal, welcher Gewerkschaft sie angehören, welchen Arbeitsvertrag oder legalen Status sie haben, und den Schulterschluss mit Sektoren suchen, die sich an strategischen Positionen der Wirtschaft befinden. Im Falle der Gorillas-Arbeiter:innen könnten das beispielsweise die Arbeiter:innen der Logistik-Unternehmen sein, die Gorillas beliefern, oder der Lebensmittelfabriken, aus denen die Produkte kommen. Aber auch ein Schulterschluss mit anderen Plattform-Sektoren wie den plattformisierten Reiniger:innen und Pfleger:innen ist sinnvoll und nötig.

Nur wenn die prekäre Avantgarde sich vornimmt, den größtmöglichen Teil der Beschäftigten zu erreichen und ein Vorbild für den Schulterschluss verschiedenster Sektoren der Arbeiter:innen zu werden, kann die Spirale der immer ausgeklügelteren Überwachungs- und Ausbeutungsalgorithmen und der immer unmenschlicher werdenden Arbeitsbedingungen gestoppt werden. Hierfür muss es einen Zusammenschluss der am meisten kämpferischen Sektoren mit denjenigen Sektoren geben, die die kapitalistische Warenproduktion und -zirkulation am wirksamsten lahmlegen können. In Deutschland wären das beispielsweise die Arbeiter:innen der Automobilindustrie oder Logistikarbeiter:innen wie bei der Bahn.

Dem stehen nicht nur die beschriebenen objektiven Schranken des Sektors entgegen, sondern auch die Bürokratien der großen Gewerkschaften. Gerade das Beispiel Amazon ist hier lehrreich: In Deutschland legt die der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di einer internationalen Basisorganisierung Steine in Weg – trotz der offensichtlichen Notwendigkeit eines koordinierten Kampfes über Ländergrenzen hinweg. In den USA setzte die Gewerkschaftsbürokratie der RWDSU (Retail, Wholesale and Department Store Union, Handelsgewerkschaft) in Bessemer, Alabama, auf die Unterstützung von Präsident Joe Biden statt auf die aktive Selbstorganisierung der Basis der Beschäftigten. Die Bürokratie zeigte damit sehr deutlich, dass die Arbeiter:innen für sie nichts als eine Manövriermasse für den Verhandlungstisch sind, über den sie als „Expert:innen“ nicht die Hoheit verlieren wollen.

Prekäre Beschäftigte vereinen – klassenkämpferisch, demokratisch selbstorganisiert und antibürokratisch

Unser Ansatz ist damit unvereinbar: Wir sind der Meinung, es braucht eine breite Organisierung der Beschäftigten an der Basis, die in Versammlungen und Komitees selbst über ihre Forderungen und Kampfmaßnahmen entscheiden und demokratisch ihre Geschicke in die eigene Hand nehmen.

Hierzu reicht es nicht, den Apparat und die Funktionär:innen der Gewerkschaft anzuklagen, sondern es muss auch inhaltlich und politisch der Rahmen gesprengt werden, mit dem die Gewerkschaftsführungen den Kampf in engen „ökonomischen“ Bahnen halten wollen. Gorillas zeigt hier sehr deutlich, dass die aufgestellten politischen Forderungen breite Teile der Arbeiter:innenklasse, besonders der prekär Beschäftigten, betreffen: Um die unmenschliche Befristungspraxis bei dem Lieferdienst zu überwinden, muss auch ein Kampf gegen das rassistische Arbeits- und Migrationsregime geführt werden, das die juristische Grundlage für die extreme Prekarisierung liefert. Und gerade das kann und will die die Gewerkschaftsbürokratie nicht. Denn es würde bedeuten, die sozialpartnerschaftliche Grundlage der Gewerkschaftsapparate radikal in Frage zu stellen und eine breitest mögliche Arbeiter:innendemokratie im Kampf zu praktizieren, welche die Entscheidung über den Kampf dem Apparat aus den Händen reißt. Das kann der Gewerkschaftsapparat nicht zulassen, auch nicht die linkeren Gewerkschaftsfunktionär:innen. Gegen diesen Apparat ist es deshalb eine nicht aufschiebbare Aufgabe, gerade der prekären Avantgarde, eine antibürokratische Strömung innerhalb der Gewerkschaften aufzubauen, die nicht von Partei- oder Kleinstgewerkschaften zu ersetzen ist, welche die tatsächlichen bürokratischen Führungen der DGB-Gewerkschaften unangetastet lassen.

Gorillas kann ein Leuchtturm im Kampf der prekär Beschäftigten werden. Wenn es gelingt, die Mehrheit der Gorillas-Beschäftigten zu organisieren und sich mit den Arbeiter:innen anderer Plattform-Unternehmen zu verbinden, und wenn ein Programm aufgestellt wird, das Antworten auf die brennenden Fragen unserer Zeit liefert, kann ihr Kampf Hunderttausende Arbeiter:innen inspirieren. Solche aufzubauenden Leuchttürme sind der Ausgangspunkt dessen, was wir „sowjetische Strategie“ nennen: der Kampf gegen die Fragmentierung der Arbeiter:innenklasse, mit den Werkzeugen einer breiten Einheitsfront und der Perspektive der Zurückeroberung der Gewerkschaften, dem Aufbau von Organen der Selbstorganisierung bis hin zu Räten („Sowjets“). Nur so kommen wir zu einem revolutionären politischen Organ der Arbeiter:innenklasse, die eine Arbeiter:innenregierung erobern und den Kapitalismus mit einer sozialistischen Revolution überwinden kann.

Der Weg dahin ist noch weit, doch Kämpfe wie bei Gorillas können den Grundstein legen, für eine Vernetzung prekärer Beschäftigter in Komitees, die ein Programm für die gesamte Klasse und einen Ausweg aus der andauernden kapitalistischen Krise vorlegen.

Dieser Artikel erscheint im Klasse gegen Klasse Magazin #5 – Kampf den Plattformen!. Schau dir hier die gesamte Ausgabe an.

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