Das Selbstbestim­mungs­recht des palästinensischen Volkes und der Kampf für den Sozialismus

27.11.2023, Lesezeit 20 Min.
Übersetzung:
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Illustration: IzquierdaDiario.es

In diesem Artikel erörtern wir vier verschiedene Strategien für den Kampf um die palästinensische Selbstbestimmung und warum wir für ein sozialistisches Palästina der Arbeiter:innen kämpfen müssen.

Der Artikel erschien erstmals am 18. November 2023 auf unserer spanischen Schwesterzeitschrift Izquierda Diario.es.

Mehr als 40 Tage nach Beginn der israelischen Bombardierung des Gazastreifens geht der Genozid unvermindert weiter. Millionen von Menschen haben in den letzten Wochen weltweit demonstriert, um ein Ende des Massakers zu fordern und ihre Solidarität mit dem palästinensischen Volk zu bekunden. Besonders stark in den arabischen Ländern, aber auch in den imperialistischen Ländern wie den USA, Großbritannien und anderen europäischen Ländern ist diese Bewegung.

In einem vorherigen Artikel haben wir beschrieben, wie wir uns als Revolutionär:innen an dieser Bewegung beteiligen. Dabei versuchen wir, den Massencharakter und die Selbstorganisation der Bewegung weiterzuentwickeln, mit einem Programm der Konfrontation der imperialistischen Regierungen, die die wichtigsten Unterstützer des zionistischen Staates Israel sind. Wir wollen dazu beitragen, dass die Studierendenbewegung eine kämpferische, antiimperialistische Perspektive einnimmt und dass die Arbeiter:innenklasse mit ihren eigenen Kampfmethoden, mit Streiks und Blockaden, gegen Waffenlieferungen und imperialistische Konzerne interveniert. Als internationalistische Sozialist:innen betrachten wir den Kampf für die Befreiung Palästinas gegen den zionistischen Kolonialismus und gegen den Imperialismus als einen grundlegenden Kampf. Gleichzeitig sind wir der Ansicht, dass die vollständige palästinensische Selbstbestimmung nicht erreicht werden kann, ohne für eine sozialistische Perspektive zu kämpfen.

Im Kampf eines vom zionistischen Kolonialismus und vom Imperialismus unterdrückten Volkes stehen wir bedingungslos an der Seite des Widerstandes des unterdrückten Volkes. Wir tun dies auf der Grundlage eines Programms der politischen Unabhängigkeit von allen bürgerlichen Sektoren in der Region, da unserer Meinung nach nur so die tatsächliche Selbstbestimmung bis zum Schluss erkämpft werden kann. Im Unterschied zu populistischen Strömungen, die die gerechte Verteidigung eines unterdrückten Volkes damit verwechseln, auch dessen Führung zu unterstützen, polemisieren wir mit den verschiedenen politischen Strategien, die historisch im palästinensischen Widerstand Gewicht hatten. In diesem Artikel greifen wir einige davon auf und versuchen, die Frage zu beantworten: Wie kann der Kampf für ein freies Palästina nach 75 Jahren zionistischer Besatzung erfolgreich sein? Warum kämpfen wir für ein sozialistisches Palästina der Arbeiter:innen?

Im Folgenden gehen wir auf vier zentrale Strategien ein: den Verhandlungsweg zu zwei Staaten, den bewaffneten Kampf für eine bürgerlich-islamistisch-nationalistische Strategie, die Illusion einer demokratischen Revolution und den Kampf für ein sozialistisches Palästina der Arbeiter:innen.

Das Scheitern der „Zwei-Staaten-Lösung“

Betrachten wir zunächst die Strategie, die wir den Verhandlungsweg zur Zweistaatenlösung nennen könnten. Sie wird, wenn auch nur diskursiv, von Institutionen wie der UNO und sogar von imperialistischen Staaten unterstützt. Eine Orientierung, die mit der Palästinensischen Autonomiebehörde verbunden ist und von reformistischen und sozialdemokratischen Strömungen in vielen Teilen der Welt unterstützt wird.

Die Osloer Verträge, die 1993 zwischen PLO-Chef Yassir Arafat und dem israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin unter der Schirmherrschaft von US-Präsident Bill Clinton unterzeichnet wurden, jährten sich kürzlich zum 30. Mal. Das große Versprechen von Oslo war die „Zwei-Staaten-Lösung“: ein palästinensischer Staat (in einem kleinen Teil seines historischen Territoriums), der friedlich Seite an Seite mit dem Staat Israel lebt. War das möglich?

Der palästinensische Intellektuelle Edward Said bezeichnete die Osloer Verträge als „Werkzeug der palästinensischen Kapitulation, das palästinensische Versailles“. Die PLO erkannte zum ersten Mal die Existenz Israels an und verzichtete auf ihren historischen Slogan eines „säkularen, demokratischen und nichtrassistischen Palästina“ im gesamten historischen Gebiet Palästinas. Während Israel die PLO als legitime Vertretung des palästinensischen Volkes anerkannte, bedeutete die Schaffung der Palästinensischen Autonomiebehörde die Legitimierung der Besatzung im Austausch für eine begrenzte Pseudoverwaltung geografisch getrennter Gebiete im Gazastreifen und im Westjordanland, ohne freien Zugang zu grundlegenden Ressourcen wie Wasser, Strom oder internationaler „humanitärer“ Hilfe, die unter israelischer Kontrolle stehen.

Mit anderen Worten: die Farce eines eigenen Staates, während die Siedler:innen weiter in die Gebiete vordringen, die rechtlich zu Palästina gehören. Der Historiker Rashid Kalidi fasst zusammen: „Oslo war ein großer Erfolg, wenn man an Kolonisierung, ethnische Säuberung und Landraub glaubt.“

Das Scheitern von Oslo läutete im Jahr 2000 die zweite Intifada ein, in der eine neue militante Generation auf den Plan trat, die von der „Zwei-Staaten-Politik“ enttäuscht war. Im Jahr 2006 gewann die Hamas, die die Osloer Verträge ablehnte, die Wahlen in Gaza.

Warum aber war eine Zweistaatenlösung auf dem Verhandlungsweg nie möglich? Das liegt zum einen am Charakter des israelischen Staates. Ilan Pappé und andere Historiker:innen haben auf die Besonderheit seiner Verfasstheit als Kolonialstaat hingewiesen. Die alten europäischen Kolonialstaaten hatten ihre Zentren in den Metropolen, während die Kolonialarmeen große Bevölkerungsgruppen und Völker im Ausland unterwarfen. Im Falle Israels handelt es sich um einen Siedlerkolonialismus, dessen Existenz von der Fortdauer der Besatzung abhängt. In anderen modernen Siedlerkolonialismen wie dem Apartheid-Südafrika wurde die einheimische Schwarze Bevölkerung brutal unterworfen, um sie als halbversklavte Arbeitskraft zu benutzen (sie bildete die zentralen Bataillone der südafrikanischen Arbeiter:innenklasse). Im Gegensatz dazu führten die Zionist:innen in Israel eine massive ethnische Säuberung durch, indem sie den Großteil der einheimischen Bevölkerung aus ihrem eigenen Land vertrieben, um einen ethnisch und religiös „reinen“ Staat zu schaffen. Heute leben mehr als vier Millionen Palästinenser:innen außerhalb Palästinas, etwa eine Million weniger als die palästinensische Bevölkerung, die in Gaza und dem Westjordanland lebt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand der reaktionäre Ausweg des Imperialismus aus der jüdischen Frage nach dem barbarischen Holocaust in der Gründung Israels, wofür er die unschätzbare Unterstützung der stalinistischen UdSSR erhielt. Seitdem ist der zionistische Staat zur wichtigsten imperialistischen Enklave in der Region geworden. Als künstlich geschaffener Staat im Herzen eines Gebietes mit einer großen arabischen Bevölkerung, die mit der palästinensischen Sache sympathisiert, wurde der zionistische Staat als militarisierte Festung errichtet und von den USA und den NATO-Staaten finanziert.

Pappé wies auch darauf hin, dass der Siedlerkolonialismus die Entmenschlichung der kolonisierten Völker mit sich bringt. Für den israelischen Staat ist jede:r Palästinenser:in ein „Wilder“ oder „potenzieller Terrorist“, jedes palästinensische Gebiet ein Kriegsschauplatz. Die expansionistische und kriegerische Logik des israelischen Staates ist Teil seiner DNA und daher unvereinbar mit der Selbstbestimmung des palästinensischen Volkes, wie die letzten 75 Jahre gezeigt haben.

Die Strategie der Hamas und die Rolle der arabischen Bourgeoisie

Betrachten wir zweitens die Strategie der Hamas und anderer Gruppen in der Region, die verschiedene Methoden des bewaffneten Kampfes im Dienste einer bürgerlich-islamistisch-nationalistischen Strategie anwenden.

Der historische Verrat der Fatah und der PLO bei der Unterzeichnung des Oslo-Abkommens führte zum Triumph der Hamas bei den Parlamentswahlen 2006. Ihre Kontrolle über den Gaza-Streifen wurde mit einer totalen israelischen Blockade gegen eine Bevölkerung von mehr als zwei Millionen Menschen beantwortet, die das Gebiet in das größte Freiluftgefängnis der Welt verwandelte.

Die Hamas ist eine populistische islamistische Organisation, die seit ihrer Gründung 1987 verschiedene politische Phasen durchlaufen hat. In ihrer Gründungscharta ist das Ziel eines islamischen Staates verankert. Sie hat dieses Ziel nicht aufgegeben, auch wenn sie bei den Wahlen 2006 mit einem pragmatischeren Programm antrat, das als „sozialreformistisch und bürgerlich-nationalistisch in Bezug auf den Palästina-Konflikt“ 1 bezeichnet werden kann.

Diese bürgerlich-islamistisch-nationalistische Strategie wurde im Laufe der Jahre durch verschiedene Taktiken des bewaffneten Kampfes entwickelt, die von Selbstmordattentaten in den 1990er und 2000er Jahren über die Konfrontation ihrer Milizen mit der israelischen Armee bis hin zu Raketenbeschuss und dem jüngsten Einmarsch (gemeinsam mit anderen palästinensischen Widerstandsgruppen) in israelisches Gebiet am 7. Oktober reichen. Diese Widerstandsaktion gegen die koloniale Besatzung richtete sich zum Teil gegen militärische Ziele oder gegen Ziele, die direkt mit den Besatzungstruppen in Verbindung stehen. Zum Teil richtete sie sich aber auch gegen Zivilist:innen, wie bei den Angriffen auf das Musikfestival in Reim oder auf die nicht kämpfende Zivilbevölkerung in den Kibbuzim. Dies ist Teil einer Strategie, die wir nicht teilen.

In anderen Artikeln haben wir argumentiert, dass die bedingungslose Verteidigung des Widerstands des palästinensischen Volkes gegen Israel, unabhängig von der Führung dieses Widerstands, nicht im Widerspruch dazu steht, die Methoden, das Programm und die Strategie der Hamas in Frage zu stellen. Ihre Strategie konzentriert sich darauf, die Einheit und Unterstützung von Teilen der arabischen Bourgeoisie zu suchen (das Gegenteil des Versuchs, den Klassenkampf in der arabischen Welt zu entwickeln). Dies zeigt sich zum Beispiel in den Verbindungen zu den Hisbollah-Milizen (und damit zur iranischen Theokratie) und zur reaktionären Monarchie von Qatar.

Die Hamas ist aber nicht nur die hegemoniale Strömung des palästinensischen Widerstands, sondern auch die politische Verwaltung des Gazastreifens. In diesem von Israel bedrängten und blockierten Gebiet hat die Hamas seit Jahren ein ausgedehntes Netz von sozialen Einrichtungen, Schulen und Krankenhäusern aufgebaut, das ihr eine wichtige soziale Basis in der Bevölkerung des Gazastreifens verschafft hat. In den letzten 15 Jahren hat sie eine zunehmende Islamisierung des Gazastreifens durchgesetzt (obwohl es dort auch Christ:innen und säkulare Sektoren gibt) und ein repressives Regime gegen politische und soziale Meinungsverschiedenheiten etabliert, das Demonstrationen oder Proteste gegen Armut unterdrückt. Dies hat in jüngster Zeit sogar zur Bildung von Hamas-kritischen Jugendgruppen geführt, wie mehrere Analyst:innen berichten.

Mit ihren Methoden, ihrem Programm und ihrer Strategie zielt die Hamas nicht auf die Entwicklung der Selbstorganisation des palästinensischen Volkes, nicht auf die Einheit zwischen den Palästinenser:innen und den Massen der arabischen Arbeiter:innen und Bauern, nicht auf die Einheit mit den antizionistischen jüdischen Sektoren, sondern darauf, ihr Schicksal an Abkommen mit den reaktionären Bourgeoisien und theokratischen Monarchien der Region zu binden.

Demokratische Revolution oder Kampf für ein säkulares, freies, sozialistisches Palästina der Arbeiter:innen?

Schließlich wollen wir uns mit dem auseinandersetzen, was wir eine Etappenstrategie oder eine Strategie der demokratischen Revolution nennen könnten, im Gegensatz zum Kampf für ein freies, säkulares, sozialistisches Palästina der Arbeiter:innen.

Nach dem grandiosen Scheitern der Zwei-Staaten-Strategie wächst unter einer Reihe von palästinensischen, arabischen und israelischen antizionistischen Intellektuellen die Idee, dass wir für einen einzigen, nicht-zionistischen Staat kämpfen müssen, in dem Araber:innen und Jüd:innen friedlich koexistieren: ein säkulares und demokratisches Palästina. Der Vorschlag wäre, internationalen Druck für eine „Entzionisierung“ des Staates Israel auszuüben. Selbst Sektoren, die sich als sozialistisch bezeichnen, argumentieren, dass dies ein „erster Schritt“ zur Demokratisierung Palästinas sein könnte, um später für den Sozialismus zu kämpfen. Aber wie wir oben erklärt haben, macht der rassistische und kolonialistische Charakter des Staates Israel, der als Hauptenklave des Imperialismus in der Region fungiert, diese Idee im Rahmen des heutigen Kapitalismus zu einem völlig illusorischen Bestreben.

Gegen den Zionismus und den israelischen Kolonialismus zu kämpfen bedeutet nicht nur, gegen eine der am stärksten bewaffneten Armeen der Welt zu kämpfen, sondern auch gegen den Imperialismus in der Region. Für ein freies Palästina zu kämpfen bedeutet nicht nur, den mehr als vier Millionen Palästinenser:innen in der Diaspora das Recht auf Rückkehr zu garantieren, sondern auch die Rückgabe ihres Landes (wo sich heute israelische Siedlungen und Städte, große Immobilien- und Tourismuskonglomerate befinden) und die Rückgabe oder den Wiederaufbau ihrer Häuser (die ihnen weggenommen oder zerstört wurden). Ein freies und demokratisches Palästina bedeutet auch, dass das Apartheidregime für palästinensische und arabisch-israelische Arbeiter:innen, die als Arbeitskräfte „zweiter Klasse“ benutzt werden, beendet wird, indem allen Menschen, unabhängig von ihrer nationalen Herkunft, ethnischen Zugehörigkeit oder Religion, volle Bürger:innen-, Sozial- und Arbeitsrechte garantiert werden. Damit wird aber eine wichtige Profitquelle der großen israelischen Wirtschafts- und Finanzgruppen in Frage gestellt. Kurz gesagt, um den zionistischen Staat und die Unterdrückung des palästinensischen Volkes zu beenden, müssen seine materiellen Grundlagen beseitigt werden. Weder die israelische kolonialistische Bourgeoisie noch der Imperialismus werden einen friedlichen Fortschritt auf diesem Weg zulassen. Welche sozialen Kräfte können also für diese Perspektive kämpfen?

In einem Artikel, der Teil des Buches “Palestine: A socialist Introduction” 2 ist, polemisiert Daphna Thier 3 gegen die Idee eines sozialistischen Palästina und behauptet, dass es angesichts des zionistischen Charakters der israelischen Arbeiter:innenklasse keine Möglichkeit gäbe, für eine solche Perspektive zu kämpfen. Dieses Argument findet sich bei verschiedenen Autor:innen, die darauf abzielen, dass die jüdische Arbeiter:innenklasse in Israel aufgrund des kolonialen Charakters des Staates niemals ein Verbündeter des palästinensischen Volkes sein werde. Tatsächlich haben sich die israelischen Arbeiter:innen seit der Gründung des Staates Israel mehrheitlich dem zionistischen Projekt angeschlossen. Dies hat die Dynamik verändert, die sich in den 1930er Jahren entwickelt hatte, als beispielsweise die Trotzkist:innen einige Erfahrungen mit der gemeinsamen Organisierung jüdischer und arabischer Arbeiter:innen sammelten.

Der Gewerkschaftsverband Histadrut, 1920 zur Verteidigung der Interessen jüdischer Arbeiter:innen gegründet, wurde in den folgenden Jahrzehnten zu einer Bastion der Verteidigung kolonialer und zionistischer Interessen. Histadrut weigerte sich, arabisch-israelische Abeiter:innen zu organisieren, und unterstützte die rassistische Ideologie des Besatzerstaates. Selbst in jüngster Zeit hatten die Demonstrationen und Streiks der Beschäftigten in Israel gegen Netanjahu und seine Justizreform im letzten Jahr die große politische Einschränkung, dass sie den Zionismus nicht in Frage stellten und jede Infragestellung der israelischen Besatzung Palästinas ablehnten. Dies wurde von antizionistischen jüdischen Intellektuellen kritisiert.4 Das bedeutet jedoch nicht, dass Teile der Arbeiter:innenklasse unter den Bedingungen der Radikalisierung des Klassenkampfes in der Region nicht mit dem Zionismus brechen könnten. Dies ist ein politischer Kampf, der geführt werden muss, da der Zionismus gegenwärtig ein reaktionärer Pol gegenüber dem palästinensischen Befreiungskampf ist. Ein Anzeichen dafür, dass sich dies ändern könnte, ist die Tatsache, dass sich in der israelischen und jüdischen Bevölkerung und Intelligenz weltweit antizionistische und pazifistische Sektoren herauszubilden beginnen.

Für die oben zitierte Autorin scheint jedoch der Zionismus der israelischen Arbeiter:innenklasse ein unveränderliches Element zu sein, und das bedeutet ihrer Meinung nach, dass es nur möglich ist, Verbündete für das palästinensische Volk unter den „demokratischen“ Sektoren in den arabischen Ländern zu suchen. Das heißt, bürgerliche und kleinbürgerliche Sektoren, Arbeiter:innen und Volkssektoren, die bereit wären, demokratische Reformen voranzutreiben. Dieser Ansatz ignoriert jedoch die tiefen Klassenwidersprüche in den arabischen Gesellschaften, in denen sich die Bourgeoisien durch fabelhafte Geschäfte mit dem Imperialismus und anderen regionalen Mächten bereichert und reaktionäre Regime und theokratische Monarchien durchgesetzt haben. Wie der Arabische Frühling gezeigt hat, haben sich die arabischen Bourgeoisien im Bündnis mit dem Imperialismus immer wieder dafür entschieden, Arbeiterinnen- und Massenproteste blutig niederzuschlagen und jede Form einer wirklichen „Demokratisierung“ dieser Gesellschaften zu blockieren, bevor sich die Selbstorganisation und Mobilisierung der Arbeiter:innen und der Massen entwickeln konnte.

Der Kampf gegen den Imperialismus

Der Staat Israel ist der wichtigste strategische Partner der USA im Nahen Osten. Trump und Biden wetteifern gewissermaßen darum, der zionistischen Lobby in den USA zu versichern, dass sie ihre Interessen „bedingungslos“ verteidigen werden. Die Hegemoniekrise der USA, die sich erst vor zwei Jahren gedemütigt aus Afghanistan zurückgezogen haben, macht es umso wichtiger, den strategischen Verbündeten in einer Region zu halten, die in den letzten zehn Jahren von Aufständen, Bürgerkriegen, reaktionären Kriegen und zahlreichen Instabilitäten geprägt war. Dies gilt umso mehr mit Blick auf den Iran und die Herausforderungen für seine Hegemonie durch Russland und China.

Gleichzeitig sind der Imperialismus und seine multinationalen Konzerne der Schlüssel für das große Geschäft der arabischen Bourgeoisie, die sich an den Ressourcen und Naturschätzen der Region bereichert, sei es durch Öl, Gaspipelines, Bergbau, Fischerei und Agroindustrie, durch die Ausplünderung der Bauernschaft und die brutale Ausbeutung einer großen einheimischen und eingewanderten Arbeiter:innenklasse aus Asien und Afrika. Die Interessen der arabischen Bourgeoisien sind seit Beginn der kapitalistischen Entwicklung in der Region mit denen der imperialistischen Mächte (USA und Europa) verflochten. Aus diesem Grund stellen sie eine soziale Kraft dar, die nicht in der Lage ist, dem Imperialismus und dem Zionismus, mit dem sie seit 75 Jahren koexistiert, wirklich etwas entgegenzusetzen, abgesehen von gelegentlichen Zusammenstößen. Sie haben sich sogar gegen die Stimmung der Mehrheit der arabischen Bevölkerung auf eine „Normalisierung“ der Beziehungen zu Israel zubewegt, wie sie das von Trump vorangetriebene Abraham-Abkommen vorsieht.

In Palästina kann der Kampf gegen den Zionismus daher nicht vom Kampf gegen den Imperialismus getrennt werden. Generell hat der Arabische Frühling gezeigt, dass es in der Region nicht möglich ist, dauerhafte demokratische Veränderungen (gegen Diktaturen, reaktionäre Monarchien und bonapartistische Regime) voranzutreiben, ohne diesen Kampf mit dem Kampf für die Lösung struktureller demokratischer Forderungen (wie Land- und Wohnungsfragen) und tiefgreifender sozialer und nationaler Forderungen zu verbinden.

Um auf die Frage zurückzukommen, welche sozialen Kräfte an der Seite des palästinensischen Volkes für seine volle und effektive Selbstbestimmung kämpfen können, müssen wir uns nicht an die arabischen Bourgeoisien wenden, sondern an die Millionen arbeitenden Männer und Frauen, Bäuer:innen und Volksschichten des Nahen Ostens und Nordafrikas, deren Lebensbedingungen sich in den letzten Jahren infolge der Anpassungspläne der imperialistischen Länder und des IWF, die von zunehmend autoritären Regimes umgesetzt werden, weiter verschlechtert haben.

In der arabischen Welt empfinden große Teile der Bevölkerung die palästinensische Sache als ihre eigene, weshalb sich in den letzten Tagen Millionen von Menschen mobilisiert haben. Palästina bleibt die „offene Wunde“ des arabischen Nationalbewusstseins und bündelt die Wut gegen die kolonialen und imperialistischen Missstände in der Region. Deshalb führt der Weg zur palästinensischen Selbstbestimmung, wie der Volksmund sagt, über Beirut und Kairo. Nicht wegen der Unterstützung der reaktionären Bourgeoisien, die es nie gab, sondern wegen der potentiellen Stärke der Arbeiter:innenklasse und der Bäuer:innen in der Region.

Umgekehrt gehören Millionen von Beschäftigte aus den vom Imperialismus unterdrückten Völkern zur Arbeiter:innenklasse und sogar zur Mittelschicht in den imperialistischen Ländern. Die große Sympathie für den palästinensischen Kampf wird auch durch die Ablehnung islamophober und rassistischer Kampagnen in diesen Ländern genährt, die in letzter Zeit zugenommen haben. Diese multinationale, multiethnische und vielfältige Zusammensetzung der Arbeiter:innenklasse und der Massen in den imperialistischen Ländern gibt der großen internationalen Solidaritätsbewegung mit Palästina Auftrieb, die in den letzten Wochen zu Massendemonstrationen in den USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Spanien und anderen Ländern geführt hat. Die noch kleinen und symbolischen Aktionen einiger Gewerkschaften wie die der Hafenarbeiter:innen von Barcelona oder der belgischen Gewerkschaften, die zur Blockade von Waffenlieferungen aufriefen, die Solidaritätsdemonstrationen von Beschäftigten im Gesundheitswesen in vielen Ländern, die Aktionen tausender Studierender und jüdischer antizionistischer Organisationen weisen den Weg für eine Weiterentwicklung und Ausweitung.

Um ein wirkliches palästinensisches Selbstbestimmungsrecht durchzusetzen, bedarf es des Zusammenwirkens einer starken internationalen antiimperialistischen Bewegung und des revolutionären Kampfes der Arbeiter:innenklasse in den arabischen Ländern, zusammen mit dem palästinensischen Volk und denjenigen jüdischen Arbeiter:innen, die mit dem Zionismus brechen. Die konsequente Entwicklung dieses Kampfes bedeutet, wie wir bereits betont haben, den Aufbau eines sozialistischen Palästina der Arbeiter:innen, in dem Araber:innen und Jüd:innen demokratisch und friedlich zusammenleben können, als Teil einer Föderation sozialistischer Republiken des Nahen Ostens.

Fußnoten

1. Vgl. Claudia Cinatti, Islam político, antiimperialismo y marxismo,  https://www.ft-ci.org/Islam-politico-antiimperialismo-y-marxismo

2. Vgl. AAVV, Palestine: A socialist Introduction; Haymarket books, 2020, Chicago.

3. Vgl. Daphna Thier, Not an Ally. The Israeli Working Class. In: Palestine: A socialist Introduction; Haymarket books, 2020, Chicago.

4. Vgl. Ilan Pappé; “El origen de la violencia en Gaza está en la ideología racista de la eliminación del nativo”, in: https://ctxt.es/es/20231101/Firmas/44652/ilan-pappe-israel-conferencia-charla-gaza-colonial-exterminio-apartheid-racismo-palestina-cisjordania.htm

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