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Internationalismus gegen Amazon

Beschäftigte des Onlineversandhändlers aus Deutschland und Polen diskutierten auf einer Podiumsdiskussion in Berlin.

Internationalismus gegen Amazon

Warum braucht die Arbeiter*innenbewegung Inter­na­tion­al­is­mus? Ein her­vor­ra­gen­des Beispiel liefert Ama­zon. Seit drei Jahren wer­den die Ver­sandzen­tren des Online­händlers in Deutsch­land bestreikt. Deswe­gen hat der Konz­ern neue Ein­rich­tun­gen in Polen und Tschechien eröffnet, um den deutschen Markt zu bedi­enen und den Streik zu brechen. Die Streik­enden in Deutsch­land haben schlicht keine Chance, wenn sie sich nicht mit ihren Kolleg*innen aus Osteu­ropa ver­net­zen.

Um diesen prak­tis­chen Inter­na­tion­al­is­mus ging es auf ein­er Diskus­sionsver­anstal­tung im “Neues-Deutschland”-Gebäude am Don­ner­stag Abend in Berlin. Über 60 Men­schen waren gekom­men, darunter Amazon-Arbeiter*innen aus Leipzig (Sach­sen), Bad Hers­feld (Hes­sen), Briese­lang (Bran­den­burg) und dem pol­nis­chen Poz­nan. Die geschilderten Prob­leme an den ver­schiede­nen Stan­dorten klan­gen teil­weise erstaunlich ähn­lich: Die Beschäftigten ste­hen unter per­ma­nen­ter Überwachung und müssen hohe Nor­men erfüllen.

“Pausen­klau” war etwa ein großes The­ma in Bad Hers­feld. “Ein großer Teil unser­er Pause ging für den weit­en Weg in den Pausen­raum auf”, berichtete Mar­tin Schiel, ein Ama­zon-Mitar­beit­er. Doch wegen Streiks hat der Konz­ern kleine Zugeständ­nisse gemacht, darunter auch dezen­trale Pausen­räume. Eine Angestellte von Ama­zon in Poz­nan berichtete von dem­sel­ben Prob­lem. In ihrer Nieder­las­sung hat es noch keine Arbeit­snieder­legun­gen gegeben. Aber Hun­derte Kol­le­gen haben sich mit­tler­weile organ­isiert und an Unter­schriften­samm­lun­gen und Protes­tak­tio­nen beteiligt.

Im Som­mer ver­gan­genen Jahres streik­ten mehrere tausend Beschäftigte in Deutsch­land – plöt­zlich seien die Schicht­en in Polen von zehn auf elf Stun­den ver­längert wor­den. “In der let­zten Stunde haben alle sehr langsam gear­beit­et”, erzählte sie vom “Bum­mel­streik”, um Sol­i­dar­ität zu zeigen. “Außer­dem haben wir Tausende Flug­blät­ter über den Arbeit­skampf in Deutsch­land verteilt.”

Doch in bei­den Län­dern ist die langfristige Organ­isierung schwierig: Im Wei­h­nachts­geschäft wer­den an jedem Ama­zon-Stan­dort Hun­derte oder Tausende Saisonkräfte eingestellt. Diese Men­schen ver­lieren zum Jahre­sende ihre Arbeit­splätze – aber bere­its im Jan­u­ar kom­men die ersten neuen Mitarbeiter*innen mit befris­teten Verträ­gen. Die sys­tem­a­tis­che Befris­tung­sprax­is macht eine länger­fristige Organ­isierung schwierig.

In Deutsch­land wird der Arbeit­skampf von der Gew­erkschaft ver.di geführt. In Poz­nan ist die anar­chosyn­dikalis­tis­che Arbei­t­erini­tia­tive (IP) tonangebend. Aber in zwei weit­eren pol­nis­chen Ver­sandzen­tren ist die Gew­erkschaft Sol­i­darność stärk­er. Sol­i­darność wirft der IP vor, zu “kon­fronta­tiv” zu sein, während man selb­st auf “Dia­log” set­zt. Für ver.di ist jedoch Sol­i­darność der einzige Ansprech­part­ner im Nach­bar­land, weshalb keine zuständi­gen ver.di-Sekretär*innen zur Ver­anstal­tung erschienen.

Die Jour­nal­is­ten Jörn Boewe und Johannes Schul­ten stell­ten außer­dem ihre Broschüre zum Ama­zon-Streik vor und war­ben für eine “gesamt­ge­sellschaftliche Kam­pagne” gegen die prekären Arbeitsver­hält­nisse. Wichtig wäre es, nicht nur über die Frage des Tar­ifver­trages zu reden, da “viele Beschäftigte in Deutsch­land noch nie für einen Tar­i­flohn gear­beit­et haben”, so Boewe. Die unsicheren Arbeitsver­hält­nisse müsse man direk­ter kri­tisieren.

Auf der Ver­anstal­tung sprachen auch Arbeit­er der Berlin­er Verkehrs­ge­sellschaft BVG, der Deutschen Bahn AG und vom Botanis­chen Garten in Berlin, die von ähn­lichen Erfahrun­gen berichteten. “Sol­i­dar­ität mit den Ama­zon-Kol­le­gen ist nichts Selb­st­los­es”, so ein U‑Bahn-Fahrer, “son­dern es geht hier auch um unsere Arbeits­be­din­gun­gen.”

Dabei waren auch junge Migrant*innen aus Ital­ien, die sich in Berlin zu zu organ­isieren begin­nen, damit sie nicht als “Agent*innen der Prekarisierung” einge­set­zt wer­den kön­nen. Auch hier ist Inter­na­tion­al­is­mus wichtig, denn “unsere Kolleg*innen in Hers­feld kom­men aus 52 Natio­nen”, so Schiel. Die Ver­anstal­tung selb­st musste ins Pol­nis­che und auch ins Englis­che über­set­zt wer­den. Deswe­gen hörte die Diskus­sion erst nach drei Stun­den auf.

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