Arbeiten bis 70 für Reiche?
Die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) fordert in einem Interview mit der FAZ die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 70 und greift damit massiv Arbeiter:innenrechte an.
Katherina Reiche, Wirtschaftsministerin und ehemalige CEO einer E.on-Tocherfirma und Vorsitzende des Lobbyverbands VKU, fordert, dass die Menschen in Deutschland nicht nur mehr, sondern auch länger arbeiten müssen. Damit will sie eine Antwort auf das überlastete Sozialsystem und die sinkende Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands finden, was dadurch gelöst werden soll, dass sich Arbeiter:innen bis 70 in ihren Berufen abrackern sollen. Mit der steigenden Lebenserwartung und dem demografische Wandel, der zu einer immer älter werdenden Gesellschaft führt, legitimiert sie ihre Forderung. Es sei wirtschaftlich und gesellschaftlich nicht tragbar, dass Arbeiter:innen nur zwei Drittel ihres Erwachsenenlebens arbeiten und somit den Erhalt des Sozialsystems gefährden.
Dies ist einfach gesagt als Ministerin, die als Politikerin selbst keinen Cent für die gesetzliche Rentenversicherung einzahlt. Der Sozialverband Deutschland argumentiert, eine Sicherung des Rentensystems könne nur erreicht werden, indem auch Beamte und Abgeordnete in das Rentensystem einzahlen, umso für eine Stabilisierung sorgen.
Die Aussage, die aus direkten Kreisen der Regierung kommt, zieht wieder einmal die Arbeiter:innen in Verantwortung, den deutschen Staat und die deutschen Unternehmen aus der Misere zu ziehen. Arbeiter:innen, die teils unter prekären Bedingungen schuften, um am Ende des Tages kaum genug Geld für die Miete haben. Arbeiter:innen, die stetigen Angriffen von Regierenden und Kapitalist:innen ausgesetzt sind. Arbeiter:innen, die hören, sie würden nicht genug arbeiten. Arbeiter:innen, die dafür verantwortlich sind, das sich die Besitzenden ausruhen können, während sie sich in 40 Stundenwochen, teils 45 Jahre abarbeiten.
Reiches Aussage ist ein Schlag ins Gesicht für alle Arbeiter:innen. Vor allem für die, die in körperlich anstrengenden Berufen ihre Gesundheit aufs Spiel setzen und dies jetzt drei Jahre länger tun sollen. Als Wirtschaftsministerin mag es vielleicht einfach sein, bis 70 in einem klimatisierten Büro zu sitzen, jedoch für alle Menschen im Handwerk, Einzelhandel, der Landwirtschaft oder auch im Gesundheitswesen ist die Forderung gesundheitlich kaum tragbar. Aber auch für alle anderen Arbeitnehmer:innen, wie für Menschen, die acht Stunden im Büro vor einem Bildschirm sitzen, ist Reiches Forderung eine dreiste Anmaßung.
Reiches Wunsch von Arbeiten bis 70 erhöht das Renteneintrittsalter um drei Jahre von 67 auf 70. Wobei das durchschnittliche Renteneintrittsalter eher bei 64,4 Jahren liegt. Die Gründe dafür sind vielseitig, dazu gehört aber unter anderem die schwindende Gesundheit. Ein Umstand, der sich auch in naher Zukunft nicht verändern wird.
Und obwohl das Renteneintrittsalter bei rund 64 liegt, kommen schon heute viele Rentner:innen Reiches Wunsch nach, bis 70 (und darüber hinaus) zu arbeiten. Denn die Zahlen der arbeitenden Rentner:innen steigen, und das nicht, weil sie so große Freude an der Arbeit haben, sondern vielmehr weil sie es müssen. Das sind Menschen, die von Altersarmut betroffen sind und denen nichts anderes übrig bleibt, außer weiterhin Erwerbstätig zu bleiben, um genug Geld zum Überleben zu haben.
Reiches Forderung ist nicht nur unrealistisch und anmaßend.
Es stellt auch einen weiteren Angriff auf die Arbeiter:innen dar. Gemeinsam als Klasse dürfen wir solche Forderungen nicht auf die leichte Schulter nehmen und müssen gemeinsam dagegen kämpfen.