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Eindrücke vom TV-Duell in Frankreich: Ein Arbeiter gegen das Establishment

Da staunten sie nicht schlecht, die großen Kandidat*innen der Bourgeoisie: Poutou, ein Arbeiter bei Ford und Kandidat der Neuen Antikapitalistischen Patei (NPA), zeigte ihnen bei einer nationalen Fernsehdebatte die Grenzen auf. Indem er klare Kante gegen Marine Le Pen und Francois Fillon zeigte, konnte er der mit Abstand sympathischste Redner des Abends werden.

Eindrücke vom TV-Duell in Frankreich: Ein Arbeiter gegen das Establishment
French presidential election candidate for the far-left New Anticapitalist Party (NPA) Philippe Poutou reacts during a debate organised by the French private TV channels BFM TV and CNews, between the eleven candidates for the French presidential election, on April 4, 2017 in La Plaine-Saint-Denis. / AFP PHOTO / POOL AND AFP PHOTO / Lionel BONAVENTURE

“Und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen!” Dieser berühmte Ausspruch Johann Wolfgang von Goethes ging mir gestern früh durch den Kopf, nachdem ich Philippe Poutou im französischen TV-Duell um die Präsidentschaft gesehen hatte. Der vielleicht bekannteste Sender des Landes, BFM TV, hatte alle elf Kandidat*innen zur Debatte eingeladen. Da das Rennen um die Präsidentschaft so offen wie noch nie ist, war das Interesse dieses Jahr besonders hoch: Rund sechs Millionen Menschen waren vor den Bildschirmen.

Ich war am Tag der Debatte mit Genoss*innen in Hamburg, wo wir die ebenfalls kämpfenden Hafenarbeiter*innen unterstützt hatten. Für den Abend hatte ich mir vorgenommen, zumindest stellenweise Le grand debat anzuschauen. BFM TV ist ein sehr moderner Sender, es war kein Zufall, dass er diese Politshow auf Facebook übertrug, sodass ich ebenfalls Zeuge dieses sensationellen Geschehens sein konnte. Was sollte passieren? Und warum sind meine Gedanken am Tag danach so magisch-euphorisch?

Endlich!

Schon beim gemeinsamen Gruppenfoto die erste Aufregung: Wo ist Philippe Poutou? Wo ist er? Wurde er ausgeladen? Konnte er doch nicht teilnehmen? Aber nein. Unser Genosse verweigerte das gemeinsame Stelldichein, wo außer Nathalie Arthaud (Lutte Ouvrière) niemand da war, der einen normalen Beruf hatte, wie er richtigerweise am Anfang seiner Vorstellung betonte. Er, der einfache Fordarbeiter, der am wenigsten von allen verdient und besitzt, umgeben von reichen Millionär*innen, die die Staatskassen plündern und dabei Immunität genießen. Poutou war gar nicht daran interessiert, einen Dialog mit diesen reaktionären Arschlöchern vom Schlage einer Marine Le Pen (Front National, FN) zu führen. Was er sagte, entsprach aber messerscharf der Wahrheit:

Wir haben hier auch Marine Le Pen, die sich an den öffentlichen Kassen bedient, zwar nicht hier, sondern in Europa. Und der FN, der sich so gegen das System gibt, hat kein Problem damit, das System zu benutzen, um sich selbst zu schützen, wie durch parlamentarische Immunität. (…) Wenn wir vor Gericht gerufen werden, gilt für uns keine Immunität der Arbeiter*innen.

Ja, genauso ist es. In einem Land, indem die führenden Politiker*innen mit Skandalen behaftet sind und indem aber gleichzeitig Aktivist*innen und Gewerkschafter*innen kriminalisiert werden, tat es unglaublich gut, dass einer wie Poutou sie vor laufender Kamera entlarvt und öffentliche Solidarität mit den Unterdrückten ausübt. Es war mehr als eine Genugtuung, eine Revanche für all die Demütigungen seitens der Bourgeoisie und ihrer Polizei, diese Worte zu hören; zu sehen, wie offensiv-kämpferisch unser Genosse die Marionetten der Kapitalist*innen bloßstellte.

Jeden Tag ist unsere Klasse der drückenden Lohnsklaverei ausgesetzt. In unschöner Regelmäßigkeit werden Menschen wie Adama Traoré oder Liu Shaoyo von der Polizei ermordet, die ungeschoren davonkommt. Marine Le Pen macht sich Hoffnungen auf den Elysée-Palast, durch die Welt wehte letztes Jahr der unangenehme Wind des Rechtsrucks. Inmitten dieser Tage ist es, dass Poutou keine Scheu davor hat, einem François Fillon (Repubikaner) direkt ins Gesicht zu schleudern, dass dieser sich ungeniert aus der Staatskasse bedient.

Jawohl, unser Genosse Philippe!

All die Kilometer, die wir durch die Dörfer Frankreichs hinter uns ließen, um die Unterschriften für die Kandidatur zu sammeln, hatten sich also gelohnt. Im Grunde genommen hatten sie sich schon vor drei Wochen gelohnt, als es die NPA doch noch schaffte, die 500 Unterschriften seitens der Mandatsträger*innen zu sammeln.

Doch wer ist Philippe Poutou? Er war der einzige Präsidentschaftskandidat, den ich bei den Mobilisierungen in Amiens für die Goodyear-Arbeiter sah. Als ich dann sah, wie er seine Kandidatur Ende Dezember vorstellte, dachte ich, dass ihm jemand zur Seite stehen müsste, da er etwas unbeholfen aussah. Natürlich sprach er schon damals sehr schnell, authentisch, nicht wie die eingeübten Berufspolitiker*innen.

Er genießt unter den Arbeiter*innen an der Basis großen Respekt, auch in seiner Fabrik in Blanquefort beglückwünschten ihn seine Kolleg*innen für seinen Redebeitrag beim Goodyear-Protest. Es war das Thema in der Werkhalle, wie nachher ein Kollege im Interview sagte. Wenn Poutou fordert, dass die Einkommen der Politiker*innen nicht höher als ein durchschnittlicher Arbeiter*innenlohn sein sollten, dann glauben ihm das seine Klassengeschwister. Sie kennen ihn bereits und sie wissen, dass seine Forderungen dazu dienen, die Macht des Kapitals über sie zu brechen.

Wir in Deutschland können sehr viel von dieser Kandidatur lernen. Diese Kampagne zeigt, wie revolutionärer Wahlkampf im 21. Jahrhundert aussieht. Die Aufstellung Philippe Poutous als Arbeiterkandidaten ist nicht nur ein wichtiges Signal an die Avantgarde der kämpfenden Arbeiter*innenklasse, sondern ist auch ein Bezugspunkt für revolutionäre Politik. Seine Kandidatur drückt Teile eines Übergangsprogramms für die dringendsten Probleme der Beschäftigten aus: Rekordarbeitslosigkeit, Prekarisierung, Entlassungen, Belästigungen seitens der Bosse und so weiter. Nicht umsonst nannte Poutou die derzeitige Lage einen sozialen Notstand, der sofort mit Maßnahmen wie dem Verbot von Entlassungen bekämpft werden muss.

Es ist noch ein weiter Weg, bis wir Revolutionär*innen Abend für Abend unsere antikapitalistischen Ideen vorstellen können. Schwer vorstellbar, dass Fillon und Le Pen nach diesem Debakel nochmals gegen Poutou debattieren werden. Seine Redebeiträge – und insbesondere die breite Zustimmung – haben aber gezeigt, dass wir alle Bühnen des Lebens erobern müssen, um das Programm des Marxismus zu popularisieren.

4 thoughts on “Eindrücke vom TV-Duell in Frankreich: Ein Arbeiter gegen das Establishment

  1. Hajek sagt:

    bravo,la Lute pour l’egalite✊✊✊?

  2. Wolf sagt:

    Symphatisch, glaubwürdig und… was noch?

    Symphatisch ist er also, der Prolet Poutou. Er ist nicht so glatt wie ein geübter Berufspolitiker. O Wunder! Ob das damit zusammenhängt, dass er noch nicht jahrelang in der Politik und in den Medien gearbeitet hat? Doch welche Argumente hat er- und wie werden die diskutiert?

    „Wenn Poutou fordert, dass die Einkommen der Politiker*innen nicht höher als ein durchschnittlicher Arbeiter*innenlohn sein sollten, dann glauben ihm das seine Klassengeschwister.“

    Politiker „sollten“ also ebenso wenig Geld bekommen wie Arbeiter. In welcher Gesellschaft ist das möglich- im Kapitalismus? Der Konjunktiv „sollten“ zeigt immer den Idealisten. Er verlangt das objektiv Unmögliche. Aber schön, dass ihm das seine „Klassengeschwister“ glauben. Um Wissen geht’s ja nicht.

    Oder doch? Naja, ein bisschen: „sie wissen, dass seine Forderungen dazu dienen, die Macht des Kapitals über sie zu brechen.“

    Ach so geht das mit dem Brechen der Macht. Man muss nur genug „fordern“. Da kann man sich eine Menge Revolution sparen. Einfach fordern, bis der Kapitalist aus höherer Einsicht das Kapital aufgibt. Muss man wissen.

    Klassenkampf sieht heute so aus: „Diese Kampagne zeigt, wie revolutionärer Wahlkampf im 21. Jahrhundert aussieht.“

    Der Kampf ist nur noch Wahlkampf. Man wählt sich ein besseres Leben. Klappt ja auch, wie man überall beobachten kann.

    Immerhin, eine Erkenntnis bleibt dem Autor des Beitrags: „Es ist noch ein weiter Weg, bis wir Revolutionär*innen Abend für Abend unsere antikapitalistischen Ideen vorstellen können.“

    Revolutionäre Ideen werden hoffentlich bald einer breiten Proletenschicht als Abend- Unterhaltung präsentiert. Gut, dass wir darüber geredet haben.

  3. Manu Gehriger sagt:

    So interessant die Beiträge wären, diese linguistische Unart, die alle Freude am Lesen zertrümmernden *innen Krankheit, macht es unmöglich, sich hier länger aufzuhalten. Dieser aggressive Feminismus ist kontraproduktiv. Das ist nur ismus – Rassismus, Faschismus, also Ausgrenzung. Es solle neben der Arbeiterklasse also auch noch eine Arbeiterinnenklasse geben?
    Divide ed impera.
    Kann ich nicht unterstützen.
    Tut mir leid.
    Trotzdem liebe Grüsse.
    Manu Gehriger

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