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Die Ästhetik unseres Kampfes

Ein Erfahrungsbericht von der Suche nach den Unterschriften für die Präsidentschaftskandidatur von Philippe Poutou von der NPA. Warum keine Mühen gescheut werden sollten, damit ein revolutionärer Arbeiter antreten kann.

Die Ästhetik unseres Kampfes

Bild: Philippe Poutou (rechts) mit den Goodyear-Arbeitern Mickael Wmaen und Xavier Mathieu.

Every communist and participant in the revolution felt himself the unimportant servitor of an immence cause. The greatest compliment one could pay such a man was to say: „He has no private life.” – Victor Serge

Der Klassenkampf bringt es mit sich, dass Revolutionär*innen in den entlegensten Gebieten aktiv sein müssen. Inmitten der derzeitigen Dynamik in Frankreich kann es sein, dass Revolutionär*innen erst einen Streik beim Technikwarengeschäft “fnac” auf der Champs Elysees unterstützen müssen, sodann gewerkschaftliche Aktivist*innen vor dem Palais de Justice in Paris vor der Klassenjustiz verteidigen, um im nächsten Moment die Bürger*innenmeister*innen der kleinsten Dörfer Nordfrankreichs aufzusuchen. All diese Ereignisse stehen in Verbindung der aktuellen politischen Konjunktur: dem ersten Jahr nach den Mobilisierungen gegen das Loi Travail, dem Jahr der Präsidentschaftswahlen.

Dieses Interregnum zwischen dem Frühling 2016 und den Präsidentschaftswahlen im April/Mai dieses Jahres ist gekennzeichnet von einer hitzigen Kampagne, um das mit Abstand wichtigste politische Amt des Landes zu besetzen. Anders als in Deutschland ist die Macht in der V. Republik direkt auf den*die Staatspräsident*in zugeschnitten. Umso wichtiger ist es, dass Revolutionär*innen in diesen Kampf intervenieren und, soweit möglich, eine*n eigene*n Kandidat*in aufstellen. Es ist von besonderer Bedeutung, dass es in Frankreich diese Möglichkeit mit dem Kandidaten der NPA, dem Ford-Arbeiter Philippe Poutou, gibt. Eine Kandidatur eröffnet die Möglichkeit, das revolutionäre und antikapitalistische Programm populärer zu machen und um die Kandidatur herum eine Plattform für die militanten Arbeiter*innen und Unterdrückten aufzubauen. Eine Plattform, welche die diversen Kämpfe vereint und ihre Forderungen hinter einem gemeinsamen Banner sammelt.

Es gibt diese Möglichkeit, aber gleichzeitig müssen wir um sie kämpfen – und wenn dies erfordert, dass wir Hunderte von Kilometern losziehen müssen, um die Unterschriften von den Mandatsträger*innen einzuholen, dann müssen wir diese Herausforderung annehmen! My party, right or wrong.

Reise in das Herz eines Landes

Die Suche nach den Unterschriften beginnt um 8 Uhr morgens, wo wir zu zweit von Saint-Denis aus aufbrechen, um ein Dutzend Rathäuser samt ihren Bürger*innenmeister*innen nordöstlich von Paris bei Soissons aufzusuchen. Die NPA hat einen genauen Plan erstellt, wer wann wen aufzusuchen hat. Dabei scheiden a priori jene Mandatsträger*innen der FN und der Konservativen aus, da diese so gut wie niemals ihre Unterschriften für eine*n antikapitalistische*n Kandidat*in geben würden. Unser Ziel sind jene Herrschenden in den Rathäusern, die links der Mitte stehen: die derzeit regierende Sozialistische Partei, die Parti de Gauche, jene Amtsträger*innen der KPF (ja, es gibt sie noch …) sowie weitere Vertreter*innen, die für kleinere Parteien antraten oder als “Unabhängige” gewählt worden sind.

Organisation ist das halbe Leben und auch wir müssen sehr gut vorbereitet sein, um selbst die kleinsten Orte aufzufinden. Als wir nach rund zwei Stunden Fahrt beim ersten Rathaus angekommen sind und nach dem Bürgermeister fragen, bekommen wir von den zwei Sekretärinnen folgende Antwort: “Il est disparu”, er ist einfach verschwunden und seitdem hat die Gemeinde keinen Bürgermeister… also auch keine Unterschrift für uns. Wir fahren weiter, durch Orte, die vor genau hundert Jahren der Schauplatz eines bis dato unbekannten Gemetzels waren. Ja, dies sind die Orte im Norden Frankreichs, wo hunderttausende ihr Leben ließen und die seitdem von diesem Ereignis gezeichnet sind – an jedem Rathaus befindet sich auch immer eine Gedenktafel an die Gefallenen des Ortes.

Wir fahren durch Orte, die wir wahrscheinlich nie wieder in unserem Leben wiedersehen werden; immer Ausschau haltend nach der Kirche im Dorf, da die Rathäuser in der Regel direkt daneben sind. Je länger der Tag dauert, je mehr trostlose und menschenleere Dörfer wir durchfahren, desto stärker erfahren wir die Last dieser antidemokratischen Geißel aus dem Jahre 1976. Immer mehr Orte suchen wir auf, und die meisten der maires werden uns nur versichern, dass sie unsere Aufopferungsbereitschaft zwar anerkannten, jedoch grundsätzlich niemanden eine Signatur verleihen würden. “Dies ist eine ruhige Gemeinde, wir sind weder rechts noch links. Wir wollen uns in diese hitzigen Debatten nicht einmischen und geben daher keinem der Kandidaten unsere Unterschrift.”

Ein anderer wird sagen, dass er als “Unabhängiger” schlichtweg unpolitisch ist und daher ebenso niemanden seine Unterschrift geben werde. Welch eine Farce ist es, die Macht in der Gemeinde auszuüben und sich gleichzeitig als “unpolitisch” zu bezeichnen? Begreifen diese kalten Technokrat*innen nicht, dass ihre Unterschrift nicht gleich politische Unterstützung für Poutou ist? Haben sie Angst, dass sie in ihrer Gemeinde an Zustimmung verlieren würden, wenn sie einem revolutionären Arbeiter der CGT ihre Signatur geben? Alle Unterschriften werden veröffentlicht, aber es gliche einem antidemokratischen Feldzug, jemanden nicht einmal die formellen Voraussetzungen zur bloßen Kandidatur (!) erfüllen zu lassen.

Wir fahren weiter und können nicht einmal eine Mittagspause machen, da es nirgendwo ein Restaurant oder Café gibt – es sind Orte der Verlassenheit, der Einsamkeit, zeichnet sich der Kapitalismus doch dadurch aus, dass der Gegensatz zwischen Stadt und Land nur innerhalb des Privateigentums existiert. Er ist nach Karl Marx

der krasseste Ausdruck der Subsumtion des Individuums unter die Teilung der Arbeit, unter eine bestimmte, ihm aufgezwungene Tätigkeit, eine Subsumtion, die den Einen zum bornierten Stadttier, den Andern zum bornierten Landtier macht und den Gegensatz der Interessen Beider täglich neu erzeugt.”

Die Notwendigkeit der unbedingten Kandidatur Poutou hat es also mit sich gebracht, dass wir die “bornierten Landtiere” aufsuchen müssen. Einer von ihnen wird ein Bürgermeister der KPF sein, von dem wir uns die Unterstützung erhoffen. Im Rathaus angekommen wird schnell klar, dass auch die Amtsträger der KPF durch und durch bürgerlich sind und für den Einsatz des französischen Imperialismus werben. Einstmals war die KPF die unangefochten stärkste Kraft unter den Linken. Einstmals hatte sie über eine Million Mitglieder, regierte die berühmte Arbeiter*innenstadt Le Havre über dreißig Jahre; aber heute befindet sie sich im permanenten Niedergang, ist gar ein Anhängsel des Sozialchauvinisten Jean-Luc Mélenchon geworden. In der Partei selbst setzte sich die “Mélenchon-Fraktion” zur Bildung einer gemeinsamen Liste als Front de Gauche nur knapp mit 53 Prozent durch, es geht ein tiefer Riss durch diesen ex-stalinistischen Kadaver. Und trotzdem können nur Leute wie er uns die Unterschriften geben – denken wir jedenfalls. Aber auch dieser maire versteckt sich hinter “unpolitischen” Argumenten und versichert uns, dass er niemanden seine Signatur geben wird…

Weitermachen!

Was wird also bleiben? Was wird bleiben nach über 700 Kilometern, die wir in rund zwölf Stunden gefahren sind? Die meisten Bürger*innenmeister*innen gaben uns keine Unterschrift, nur ein Vertreter der Parti Radical de Gauche (lasst euch von dem Namen nicht blenden, auch diese Partei ist nichts weiter als bürgerlich-linksliberal) gab uns sein promesse, sein Versprechen im Laufe der Kampagne für Poutou zu unterschreiben, sollte es knapp werden mit den Signaturen.

Und das wird es. Vor der NPA liegt noch viel Arbeit, um die Unterschriften zu sammeln, sodass die Suche nach diesen in den nächsten Wochen andauern wird. Es wird viel an Ausdauer erforderlich sein, um weitere Tage wie diese zu absolvieren, geduldig zu bleiben und zu versuchen, die pessimistischen Amtsträger*innen zu überzeugen.

Nicht jedem wird es einleuchten, warum ein derartiger Aufwand betrieben werden sollte, um eine Kandidatur zu erwirken, die aller Wahrscheinlichkeit nicht über die fünf Prozent hinauskommen wird. Aber es ist die politische Notwendigkeit der derzeitigen Klassenkampfsituation, die einen Kurs der Enthaltung unverzeihlich macht und eine schwere Niederlage für die Avantgarde unserer Klasse wäre. Es ist die politische Überzeugung in Zeiten einer internationalen reaktionären Weltlage, die uns die Kraft gibt, jede noch so komplizierte Aufgabe wahrzunehmen. Der Weg dahin kann nur aufrechten Ganges vollzogen werden, ohne kleinbürgerlichen Pessimismus, aber mit einer Strategie, welche die Kandidatur Poutous in das Gefüge des Krieges zwischen den Klassen einordnen kann.

Es war dieser revolutionäre Kampfgeist, der die Bolschewiki auszeichnete und sie immun gegen Gefängnis, Verbannung und Exil machte. Jener Kampfgeist war es, der sie über die Jahrzehnte hinweg begleitete und jede Herausforderung willkommen hieß. Victor Serge beschrieb dies in seinen Chroniken zum russischen Bürger*innenkrieg, wo er aufzeigte, zu welchen Taten die Revolutionär*innen fähig waren:

Yesterday, at the command of the party, such a man was an army commissar leading the troops at the front; today he was a member of the Cheka ruthlessly carrying out his orders; tomorrow he might be speaking to peasants in the country at the risk of being murdered in the night, or managing a factory, or carrying out some perilous secret mission among the enemy.“

Heute stehen wir noch nicht vor einem verschärften Krieg mit der Bourgeoisie, aber ihre alltägliche Gewalt und Repression zeigt uns schon heute, dass sie vor nichts zurückschreckt. Heutzutage mag eine Aufgabe wie die Unterschriftensammlung geradezu komisch wirken, aber sie reiht sich ein in die Aufopferungen unserer Klasse, die eben die Ästhetik unseres Kampfes deutlich macht.

Denn wie heißt es doch in einem unserer schönsten und besten Kampflieder:

Hier wird nicht gemeckert, hier gibt es Dampf
denn was wir spielen, ist Klassenkampf
nach blutiger Melodie!“

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