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“Die Repression hörte nicht auf, bis wir das Land wieder verließen” – Spanische Aktivistinnen berichten von Schikane

Marta Clar aus Barcelona und Lucía Nistal aus Madrid, Aktivistinnen der sozialistischen Frauenorganisation "Brot und Rosen", nahmen am Samstag an der internationalen Großdemonstration gegen die G20 in Hamburg teil. Ein Erfahrungsbericht über militanten Internationalismus.

Mar­ta und Lucía sind aktiv bei der sozial­is­tis­chen Frauenor­gan­i­sa­tion “Pan y Rosas” (Brot und Rosen) und der Strö­mung Rev­o­lu­tionär­er Arbeiter*innen (CRT). Sie schilderten ihre Erfahrun­gen in Deutsch­land auf unser­er Schwest­er­seite im Spanis­chen Staat, IzquierdaDiario.es.

Kaum hat­ten wir den Ham­burg­er Flughafen betreten, kamen zwei bewaffnete Polizist*innen auf uns zu und ver­langten unsere Ausweise […] Das war der Anfang ein­er lan­gen Kette von Ein­schüchterung, Ver­fol­gung und Repres­sion gegen die Anti-G20-Bewe­gung, die nicht aufhörte, bis wir das Land wieder ver­ließen.

Vom Flughafen fuhren wir zur Demon­stra­tion. Auf dem Weg sahen wir viele Dutzende Polizei­wan­nen, riesige Wasser­w­er­fer, mehrere Hub­schrauber, Polizist*innen aus ver­schiede­nen deutschen Städten […] und sog­ar einen Panz­er […]. Aber das alles kon­nte das Zusam­menkom­men von vie­len tausenden Demonstrant*innen nicht ver­hin­dern, die sich dem Gipfel und der Repres­sion ent­ge­gen­stell­ten. Später erfuhren wir, dass fast fast 100.000 Men­schen auf der Straße waren – die größte Demon­stra­tion gegen einen G20-Gipfel seit Jahren.

Die Stim­mung war glück­lich und kämpferisch, mit Protestliedern und antikap­i­tal­is­tis­chen Reden. Die Zusam­menset­zung der Organ­i­sa­tio­nen war sehr het­ero­gen, mit ökol­o­gis­chen Sek­toren, linken Organ­i­sa­tio­nen, Gew­erkschaften, fem­i­nis­tis­chen Kollek­tiv­en, autonomen Grup­pen und dem inter­na­tion­al­is­tis­chen Block, an dem wir zusam­men mit unseren Genoss*innen von Klasse Gegen Klasse und der Rev­o­lu­tionären Inter­na­tion­al­is­tis­chen Organ­i­sa­tion teil­nah­men.

Die Demon­stra­tion wurde durch Pro­voka­tio­nen, Fes­t­nah­men und Über­griffe durch die Polizei aufge­hal­ten. Aber die Demonstrant*innen bilde­ten Ket­ten und hiel­ten ihre Rei­hen geschlossen, bis alle weit­er laufen kon­nten. Während der Abschlusskundge­bung woll­ten sich viele in einem Park aus­ruhen. Auch hier kam es zu Polizeiüber­grif­f­en. Am Ende der Demon­stra­tion gin­gen die Genossin­nen zurück zum Protest­camp im Alton­aer Volkspark:

Hier hat­ten wir die Gele­gen­heit, uns mit Genoss*innen auszu­tauschen, und wir hat­ten eine Diskus­sionsver­anstal­tung über die poli­tis­che Sit­u­a­tion, den Klassenkampf und die Frauen­be­we­gung im Spanis­chen Staat. Es ging auch um die Arbeit der sozial­is­tis­chen Frauen­grup­pierung Pan y Rosas (Brot und Rosen) gegen Gewalt und Prekarisierung, unter denen wir als arbei­t­ende Frauen beson­ders lei­den. Doch der staatliche Repres­sion­sap­pa­rat hat­te nicht vor, uns aus­ruhen zu lassen. Um drei Uhr mor­gens kreiste ein Hub­schrauber aus gerin­ger­er Höhe über dem Camp, damit wir nicht schlafen kon­nten, so wie sie es in den vorheri­gen Nächt­en gemacht hat­ten.

Am Son­ntag fuhren Mar­ta und Lucía mit einem Bus zurück nach Berlin. Dieser wurde von fünf Stun­den lang von der Berlin­er Polizei aufge­hal­ten und schikaniert:

Wir mussten einzeln aussteigen. Wir wur­den abge­tastet, Ausweise wur­den kon­trol­liert, jed­er noch so kleine Gegen­stand, den wir dabei hat­ten, wurde durch­sucht, während sie uns – gegen unseren Willen und gegen das Gesetz – filmten. Sie ver­sucht­en uns mit Fra­gen und Kom­mentaren einzuschüchtern und wir dürften nicht frei herum­laufen. Stun­den­lang standen wir in der Sonne. Sie forderten mich auf, kein Spanisch mit meinen Genoss*innen zu sprechen, weil sie das nicht ver­standen. Sie fragten nach dem Inhalt von Daten­trägern. Sie haben Sachen wie Stifte beschlagnahmt. Ein Kol­lege von der Presse wurde isoliert, damit er das Geschehen nicht aufnehmen kon­nte […]. Und das alles mit der kafkaesken Begrün­dung, dass wir poten­tielle Zeug*innen der Geschehnisse in Ham­burg waren […] Das passt über­haupt nicht zur Art, wie sie uns behan­delt haben, und zu ihrer Suche nach Waf­fen und „Beweisen” in unserem Gepäck.

Doch die Ein­schüchterung durch den rot-grü­nen Sen­at in Ham­burg oder den rot-rot-grü­nen Sen­at in Berlin hat die bei­den Aktivistin­nen nicht eingeschüchtert:

Für uns war die Teil­nahme an den Protesten gegen den Gipfel des Kap­i­tals und des Impe­ri­al­is­mus, zusam­men mit den Genoss*innen von RIO, eine große Erfahrung des prak­tis­chen Inter­na­tion­al­is­mus. Wir kon­nten Momente des Kam­pes, des Wider­standes und der Reflex­ion teilen. Gegen die inter­na­tionale Koor­dinierung der großen Anführer*innen des Kap­i­tals […] brauchen wir eine inter­na­tionale Sol­i­dar­ität und Organ­i­sa­tion von unten.

Die Polizei im spanis­chen Staat hat eine starke faschis­tis­che Tra­di­tion. Den­noch waren die Genossin­nen schock­iert, wie mas­siv und gewalt­tätig die deutsche Polizei in Ham­burg auf­trat.

One thought on ““Die Repression hörte nicht auf, bis wir das Land wieder verließen” – Spanische Aktivistinnen berichten von Schikane

  1. Ott sagt:

    Gut mal konkretere Erleb­nisse von friedlichen Demon­stran­ten zu lesen! Beson­ders lustig das Ver­bot in der Heimat­sprache zu sprechen!

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