Jugend

“Sonnenbrillen, Schals und Regenjacken wurden beschlagnahmt” – Interview zur Polizeischikane in Stolpe

Am Sonntag wurden acht Busse von Hamburg nach Berlin stundenlang von der Polizei aufgehalten und kontrolliert. Die Polizei warf dabei mit Beleidigungen und haltlosen Anschuldigungen um sich. Tabea Winter berichtet von ihren persönlichen Erfahrungen an diesem Nachmittag.

Am Son­ntag wur­det ihr stun­den­lang von der Polizei auf dem Rasthof Stolpe fest­ge­hal­ten. Was hast du dabei erlebt?

Wir mussten alle einzeln den Bus ver­lassen. Ich war die erste, die ihr gesamtes Gepäck mit­nehmen musste. Zwei Polizist*innen begleit­eten mich dann zur Per­son­alien­auf­nahme, wo ich einen Buch­staben und eine Num­mer bekam und mein Per­so fotografiert wurde. Weit­er ging es zur Taschen­durch­suchung. Ange­fan­gen von meinem Porte­mon­naie über meine Schmink­tasche bis zu meinen dreck­i­gen Klam­ot­ten und meinem gesamten Ruck­sack­in­halt. Alles lag auf dem Boden verteilt da und ich musste es wieder ein­pack­en. Immer­hin haben sie bei mir — anders als bei anderen — drauf verzichtet das Zelt auszu­pack­en.

Beson­ders span­nend fan­den sie meine Regen­jacke und meine Mütze, die Regen­jacke haben sie auch ein­mal zu irgendwelchen anderen Polizist*innen gebracht und dann zurück. Mir haben sie zwei Sch­ablo­nen abgenom­men, mit der Aus­sage: „Na, dann kriegen wir dich immer­hin wegen Sachbeschädi­gung ran.“ Die Sch­ablo­nen stam­men von einem legalen Graf­fi­ti-Work­shop, den ich let­zte Woche besucht habe, und waren in Ham­burg die gesamte Zeit in meinem Ruck­sack.

Während der Beschlagnah­mung saß ich neben Aktivist*innen deren Son­nen­brillen, Schals und Regen­jack­en beschlagnahmt wur­den — alles Gegen­stände, die auch ich in mein­er Tasche hat­te — eben­so wie wahrschein­lich jede Per­son, die am Woch­enende nicht in Ham­burg, son­dern auf dem Feel-Fes­ti­val war.

Hat die Polizei dir erk­lärt, warum sie diese Maß­nah­men durch­führen?

Im Bus wurde uns von unserem Anwalt gesagt, dass unsere Per­son­alien aufgenom­men wer­den, weil wir Zeug*innen sein kön­nten. Warum man von poten­tiellen Zeug*innen die Taschen durch­suchen muss, keine Ahnung.

Mir haben sie klar gemacht, dass sie der Mei­n­ung sind, dass ich in Ham­burg an Straftat­en beteiligt war und sie Beweise dafür suchen. Während wir vom Bus zur Per­son­alien­auf­nahme liefen haben sie mich gefragt, ob ich bei Straftat­en dabei war. Ich habe geschwiegen, denn Anna und Arthur halten’s Maul. Darauf sie: “Ihr Schweigen bedeutet schon Zus­tim­mung. Das wird für Sie Kon­se­quen­zen haben”. Bei anderen habe ich gehört, wie sie gesagt haben, dass sie die Durch­suchun­gen und Beschlagnah­mungen durch­führen, weil für Son­ntagabend Straftat­en in Berlin angekündigt gewe­sen sein.

Dass die Aus­sagen einan­der wider­sprechen, hat die Polizist*innen schein­bar nicht inter­essiert.

Viele Aktivist*innen berichteten bei diesen Kon­trollen von Polizeige­walt und ras­sis­tis­chen sowie sex­is­tis­chen Belei­di­gun­gen. Hast du etwas Ähn­lich­es erlebt?

Zu mir waren sie sehr fre­undlich — auf ein­er Ebene von „Warum bist du denn mit solchen Men­schen unter­wegs? Du kannst doch so viel aus deinem Leben machen!“ So haben sie mir zu ver­ste­hen gegeben, dass ich für sie ein unschuldiges Mäd­chen bin. Ihr Sex­is­mus hat mir da nicht geschadet. Viele mein­er Freund*innen bericht­en von scheiß Kom­mentaren wie „Also wir kon­nten immer­hin gut schlafen“, was auf den Schlafentzug durch den Helikopter über den Camp ange­spielt hat. Auch von homo­phoben Beschimp­fun­gen habe ich gehört.

Kannst du dir erk­lären, was die Polizei damit bewirken wollte?

Ich denke, sie woll­ten uns ein­schüchtern. Es war ja die zweite Kon­trolle für uns, am Sam­stag wur­den von allen, die vom Camp zur Großde­mo sind, schon mal die Per­son­alien aufgenom­men. Polizeikon­trollen bedeuten psy­chis­chen Stress. Sie sollen wohl auch nach Dro­gen gesucht haben, also irgend­was, wom­it sie Leute noch fes­t­nehmen kön­nen. Vielle­icht hat­ten die auch wirk­lich die Hoff­nun­gen benutzte Molo­tow­cock­tails in unseren Taschen zu find­en.

Naja, und alle Dat­en von so vie­len Aktivist*innen zu haben ist ja auch im Inter­esse der Polizei.

Was würdest du gerne Aktivist*innen auf dem Weg geben, die auch Betrof­fene von diesen Kon­trollen waren?

Wir haben den Tag über­standen, wir haben die Scheiße an Kon­trollen und Heli-Lärm über­standen, wir haben die Repres­sion in Ham­burg über­standen! Die kön­nen uns das nicht kaputt machen. Wir sind viele und für uns ist Wider­stand Pflicht!

Lasst uns zusam­men hal­ten und gemein­sam gegen die kom­mende Repres­sion kämpfen. Wenn wir näch­ste Woche unsere gefan­gen genomme­nen Son­nen­brillen und Jack­en abholen, dann lasst uns dort gemein­sam hin.

One thought on ““Sonnenbrillen, Schals und Regenjacken wurden beschlagnahmt” – Interview zur Polizeischikane in Stolpe

  1. Wir SIND VIELE und es WERDEN NOCH VIELE MEHR!

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