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Wirtschafts­wissenschaften ohne Marx?

Marxistische Theorien und ihre Methoden haben sehr wenig Platz in Lehre und Forschung. In den Wirtschaftswissenschaften erhält dies einen besonderen Ausdruck und Bedeutung. Ein Blick auf die bürgerliche Hegemonie in der Gesellschaft und in den Wirtschaftswissenschaften.

Wirtschafts­wissenschaften ohne Marx?

„Wir verwenden marxistische Ideen nicht mehr, und das hat auch gute Gründe“, so sagte Prof. Dr. Bernd Ladwig, einer von mehreren Referent*innen bei einer Ringvorlesung letztes Semester an der FU Berlin. Selbst wenn wir die Tatsache, dass die Ringvorlesung von einer studentischen Gruppe unter dem Slogan „Vielfältigkeit in der Ökonomik“ organisiert wurde, beiseite lassen, spiegelt diese Aussage klar die bürgerliche Hegemonie wieder, die in Forschung und in Lehre an der Hochschule herrscht.

Übrigens stimme ich dem Professor zu: Es gibt gute Gründe dafür, warum der Marxismus ausgeschlossen wird. Nur so ist es möglich, dass in den Wirtschaftswissenschaften die Frage der Gemeinnützigkeit ausgeschlossen wird und das Privateigentum nicht in Frage gestellt wird.

Die Produktionsverhältnisse und daraus entstehende Gesellschaft

Bevor wir uns konkret mit der bürgerlichen Hegemonie an der Universität auseinandersetzen können, müssen wir mit einer Analyse der heutigen Gesellschaft beginnen. Die Hegemonie an der Universität ist nur ein Spiegelbild der gesamtgesellschaftlichen Hegemonie, denn die Universität ist kein über der Gesellschaft stehender Ort.

In was für einer Gesellschaft leben wir denn? Welche Eigenschaften und Verhältnisse besitzt sie?

Die gesellschaftlichen Verhältnisse […] verwandeln sich mit der Veränderung und Entwicklung der materiellen Produktionsmittel, der Produktionskräfte. Die Produktionsverhältnisse in ihrer Gesamtheit bilden das, was man die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Gesellschaft nennt, und zwar eine Gesellschaft auf bestimmter, geschichtlicher Entwicklungsstufe, eine Gesellschaft mit eigentümlichem, unterscheidendem Charakter. (Karl Marx – Lohnarbeit und Kapital)

Die bürgerliche Gesellschaft, in der wir heute leben, stützt sich also auf bestimmte Produktionsverhältnisse. Sie ist eine Gesellschaft, in der der Großteil der Bevölkerung – die Arbeiter*innenklasse – nur dann leben kann, wenn sie für die Besitzer*innen der Produktionsmittel – die Kapitalist*innenklasse – gegen Arbeitslohn arbeitet. Sie ist gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

Diese Herrschaft basiert auf dem Privateigentum an den gesellschaftlichen Produktionsmitteln. Es ermöglicht, dass die Naturressourcen, Fabriken, Betriebe und alle möglichen Arbeitsgegenstände und Arbeitsmittel in privater Hand sind und nicht dem gesellschaftlichem Nutzen, sondern dem Profit einzelner Kapitalist*innen und letztendlich der gesamten Kapitalist*innenklasse dienen.

Es wird versucht, das Privateigentum an gesellschaftlichen Produktionsmitteln durch eine Argumentation zu legitimieren, die sich auf individuelle Freiheit stützt. Dabei handelt es sich aber um die individuelle Freiheit, Produktionsmittel, Naturressourcen etc. persönlich zu besitzen und andere Menschen von deren Nutzung auszuschließen. Damit werden die Menschen von der Mitbestimmung ausgeschlossen, die die Produktion selbst zustande bringen, nämlich die Arbeiter*innen.

Damit diese Produktionsverhältnisse fortbestehen, und damit natürlich auch die bürgerliche Gesellschaft selbst, gibt es für die Kapitalist*innenklasse den bürgerlichen Staat und seine Institutionen. Das Justizsystem, die Gesetze, die bürgerlichen Parteien und ihre Medienorgane ermöglichen mit ihren unterschiedlichen Funktionen, dass diese Hegemonie aufrechterhalten und täglich reproduziert wird. Das Privateigentum wird durch die Verfassung rechtlich geschützt und politische Streiks von Arbeiter*innen sind verboten. Die bürgerlichen Parteien repräsentieren verschiedene Kapitalfraktionen, Teile der Bourgeoisie im Parlament und agieren je nach ihrem Interesse. Die bürgerlichen Medien reproduzieren tagtäglich Rassismus, Sexismus und andere unterdrückerische Ideologien, die die Arbeiter*innenklasse spalten und die Herrschaft des Kapitals sichern.

Die bürgerliche Hegemonie in der Wissenschaft

Die Universitäten haben innerhalb dieser Hegemonie ihre eigene Funktion: Sie sind zuständig für die Ideologieproduktion, gestaltet durch die Lerninhalte und Forschungsprojekte. Die Universität ist ein Ort, in dem nach den Interessen der herrschenden Klasse geforscht und gelehrt wird. Die Studierenden haben keinen Einfluss auf die Inhalte, die sie lernen müssen. Durch Verträge zwischen den Universitäten und den bürgerlichen Institutionen und die Finanzierung von Projekten durch Unternehmen und den bürgerlichen Staaten, wird die Forschung gestaltet. Kritische Wissenschaftler*innen werden entlassen oder ausgestoßen.

Was beweist die Geschichte der Ideen anders, als dass die geistige Produktion sich mit der materiellen umgestaltet? Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse. (Karl Marx/Friedrich Engels – Kommunistisches Manifest)

In sozialwissenschaftlichen Fächern wie der Volkswirtschaftslehre, die in der Politik und bei gesellschaftlichen Fragen eine zentrale Rolle spielt, ist die Situation besonders dramatisch. Neoklassik und Neokeynesianismus, der sogenannte „Mainstream“, bilden fast die gesamten Lerninhalte. Sie fokussieren sich bei ihren Analysen auf Individuen und einzelne Akteure, anstatt auf Klassen. Sie schließen die Machtfrage aus und machen Grundannahmen, die in begrenzten Modellen immer wieder dieselben Ergebnisse erzielen, stellen dabei aber meistens nur eine Delokalisierung des Problems dar.

Die Neoklassik ermöglicht es der bürgerlichen Ökonomie, eine „Schutzhülle“ um die Grundprinzipien des Kapitalismus zu bilden. Die Produktionsverhältnisse werden nicht untersucht, dadurch wird das Privateigentum auch nicht in Frage gestellt. Und diese Hülle ist für die Ökonom*innen, die die Widersprüche des Kapitalismus verschleiern und die Politik der bürgerlichen Parteien im Interesse der Kapitalist*innen zu rechtfertigen versuchen, genau deswegen sehr nötig, da diese Produktionsverhältnisse die Grundlage für die ganze kapitalistische Gesellschaft und ihre Gesetze bilden.

Eine Änderung in den Wirtschaftswissenschaften – und allgemein in der Wissenschaft – ist letztlich nur durch eine gesellschaftliche Umwälzung möglich. Nur eine soziale Bewegung, die das Ziel hat, Produktionsverhältnisse zu verändern, kann die Grundlage dafür schaffen, die bürgerliche Hegemonie zu bekämpfen, die Produktionsverhältnisse auch in den Wirtschaftswissenschaften in Frage zu stellen und die Wissenschaft zu revolutionieren.

2 thoughts on “Wirtschafts­wissenschaften ohne Marx?

  1. Andrej sagt:

    Yunus, sehr gut, dass ihr sowas in Berlin auf die Beine gestellt habt. Wir haben in Köln ebenfalls eine Ringvorlesung zur pluralen Ökonomie orgabisiert: https://koeln2017.wordpress.com/

    Kann man irgendwo sehen, welche Referenten ihr hattet? Zur pol. Ökonomie des Marxismus haben wir Mesut Bayraktar eingeladen und versprechen uns viel von Ihm.

    Besten Gruß,

    Andrej

  2. Siberia sagt:

    Dieses Schreiben erinnert an die Kreationisten. „Aber es gibt noch andere, alternative Theorien die wir neben dem Mainstream lehren müssen!“. Bullshit, Marx ist einfach nur ökonomische Esoterik ohne wissenschaftliche Grundlage. Genau wie Kreationismus in der Biologie hat er im VWL nichts verloren.

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