Geschichte und Kultur

In Zeiten von Esoterik und Verschwörungstheorien muss die Linke wissenschaftlich sein

Esoterik, Verschwörungstheorien, Trump – Irrationalität ist wieder auf dem Vormarsch. Die wissenschaftliche Methode stellt eine Waffe dagegen dar.

In Zeiten von Esoterik und Verschwörungstheorien muss die Linke wissenschaftlich sein

Wir leben in Zeit­en, in denen immer mehr Men­schen die Suche nach ein­er objek­tiv­en Wahrheit aufgeben und sich stattdessen auf eine eigene, eine gefühlte Wahrheit zurückziehen:

Die Erder­wär­mung ist fake, Zuck­erkugeln machen gesund, Ech­sen regieren die Welt, Die Blume des Lebens ener­getisiert das Trinkwass­er, die Erde ist flach und der Nach­bar hat in der Garage die uner­schöpfliche Energiequelle gebastelt.

All diese Dinge ent­pup­pen sich bei näher­er Betra­ch­tung – aber meist schon aus weit­er Ferne – als Unsinn. Und doch glauben Mil­lio­nen von Men­schen daran. Quer durch alle poli­tis­chen Lager und gesellschaftlichen Schicht­en. Warum? Und ist das über­haupt besorgnis­er­re­gend – oder ein­fach nur Pri­vat­sache? Und was hat das mit link­er Poli­tik zu tun?

Kein rationales Wesen

Die Antwort auf die Frage, warum Argu­mente oft hin­ter Gefühlen zurück bleiben, ist ein biss­chen unan­genehm: Der Men­sch ist kein ratio­nales Wesen. Unser gesamtes Erleben, vom sinnlichen Wahrnehmen bis zum Ver­ar­beit­en der Infor­ma­tio­nen, ist bee­in­flusst, von unser­er frühkindlichen Prä­gung, dem sozialen Umfeld und unserem beste­hen­den Welt­bild.

Men­schen besitzen die Fähigkeit, Infor­ma­tio­nen nach dem Wesentlichen zu fil­tern. Das Gehör zum Beispiel wird in jun­gen Jahren auf die Mut­ter­sprache kalib­ri­ert. Mit der Folge, dass zwei ver­schiedene Laute aus ein­er frem­den Sprache für eine*n selb­st nicht mehr zu unter­schei­den sind. Dieses Fil­tern, das es uns let­z­tendlich ermöglicht zu abstrahieren, birgt auch die Gefahr, wichtige Infor­ma­tio­nen auszu­sortieren. Wir besitzen eine natür­liche Ten­denz, Infor­ma­tio­nen, die in unser beste­hen­des Welt­bild passen, mehr Gewicht zu ver­lei­hen als anderen.

Dieses Vorge­hen kann hil­fre­ich oder hin­der­lich sein — aber wenn das Welt­bild haupt­säch­lich aus Gefühlen und die Quellen aus willkür­lich gewählten Inter­net­foren beste­hen, kann das zu sehr abstrusen und oft gefährlichen Schlüssen führen.

Grund zur Sorge

Damit möchte ich mich der zweit­en Frage zuwen­den: Ja es ist ver­dammt besorgnis­er­re­gend! Natür­lich schadet es nie­man­dem, wenn jemand sein*ihr Wass­er mit einem Stick­er ‚ener­getisiert‘ und sich damit bess­er fühlt. Aber diese Art, sich völ­lig der gefühlten Wahrheit hinzugeben, bildet auch den Nährbo­den für wirk­lich Gefährlich­es: Impf-Gegner*innen, Klimawandel-Leugner*innen, Eltern, die ihren autis­tis­chen Kindern Ble­ich­mit­tel ein­führen, und eben Trump. All diese Dinge haben reale und unan­genehme bis tödliche Fol­gen.

„So ist die men­schliche Natur nun mal. Da kön­nen wir nix machen!“ Zum Glück nicht! Der Men­sch mag kein von Natur aus ratio­nales Wesen sein, doch er hat im Laufe der Jahrhun­derte Mit­tel und Wege gefun­den, sich trotz allem ein ratio­nales Welt­bild aufzubauen. Der entschei­dende Anstoß für diese Entwick­lung war die Epoche der Aufk­lärung.

Aufk­lärung ist der Aus­gang des Men­schen aus sein­er selb­st ver­schulde­ten Unmündigkeit.

Immanuel Kant

Die Welt sollte durch die Anwen­dung der Ver­nun­ft, statt durch Aber­glauben und Tra­di­tio­nen, erk­lärt wer­den. Die mod­erne Wis­senschaft wurde geboren. Sie erken­nt die unzulängliche Natur des Men­schen an, aber auch, dass die Welt, in der wir leben, eine fun­da­men­tal ratio­nale ist.

Alles, was die Natur selb­st anord­net, ist zu irgen­dein­er Absicht gut. Die ganze Natur über­haupt ist eigentlich nichts anderes, als ein Zusam­men­hang von Erschei­n­un­gen nach Regeln; und es gibt über­all keine Regel­losigkeit.

Immanuel Kant

Die Kom­bi­na­tion von The­o­rie und Exper­i­ment ermöglicht es, den Regeln, die die Welt bes­tim­men, auf den Grund zu gehen — bei gle­ichzeit­iger Min­imierung der Gefahr, unserem Infor­ma­tions­bias zum Opfer zu fall­en. Um Vorher­sagen über die Welt tre­f­fen zu kön­nen, wer­den The­o­rien kon­stru­iert, die einen bes­timmten Aspekt der Welt mit logisch verknüpften Regeln zu erk­lären ver­suchen. In erster Instanz wer­den The­o­rien vor allem auf der Basis von Wahrnehmung und Gefühlen kon­stru­iert wer­den. Solange die The­o­rie in sich kon­sis­tent ist und sich nicht selb­st wider­spricht, ist das erst mal kein Prob­lem.

Es ist richtig, daß wir im Leben vieles auf Grund bloßer Ver­mu­tun­gen tun, aber es ist falsch, daß unsere Ideen bloß auf Ver­mu­tun­gen beruhen.

Baruch de Spin­oza

Doch jet­zt kommt das Entschei­dende: Das Exper­i­ment. Die Vorher­sagen der The­o­rie wer­den getestet. Trifft die Vorher­sage nicht zu, heißt das, die The­o­rie ist falsch oder fehler­haft. Trifft sie zu, heißt das, die The­o­rie ist zumin­d­est gar nicht so schlecht. Sie ist jedoch dadurch nicht bewiesen, denn sobald es eine Beobach­tung gibt, die mit der aktuellen The­o­rie nicht vere­in­bar ist, greift wieder der erste Fall. Eine neue The­o­rie muss her, die nun nicht nur die neue Beobach­tung erk­lären muss, son­dern auch die vorheri­gen.

Dieser Kreis­lauf aus The­o­rie und Exper­i­ment hat den heute beste­hen­den wis­senschaftlichen Kanon her­vorge­bracht, das über Gen­er­a­tio­nen gesam­melte und immer weit­er ver­fein­erte Wis­sen über die Welt. Die zu erk­lären­den Beobach­tun­gen sind mit immer aus­ge­feil­teren Mess- und Unter­suchungsmeth­o­d­en expo­nen­tiell gestiegen, doch so auch die Kom­plex­ität der sie erk­lären­den The­o­rien.

Ein solch­er sich stets selb­st verbessernde und sich an Ratio­nal­ität aus­rich­t­ende Kanon der Wis­senschaft sollte das fun­da­men­tale Welt­bild darstellen, in denen Men­schen kri­tisch ver­suchen, neue Infor­ma­tio­nen einzu­bet­ten.

Über den Haufen geworfen

Natür­lich gab es in der Geschichte der Wis­senschaft viele Momente, in denen der beste­hende Kon­sens völ­lig über den Haufen gewor­fen wurde und sich damit ganz neue Türen öffneten. Doch wodurch wurde dieser Kon­sens erset­zt? Durch The­o­rien, die neue Phänomene erk­lären kon­nten und gle­ichzeit­ig alles, was davor schon erk­lärt war. Auch heute noch gibt es in jedem Winkel unser­er Welt Dinge, für die wir keine Erk­lärung gefun­den haben und an denen fieber­haft geforscht wird. Das ist ja der Grund, warum es immer noch Wis­senschaft gibt. Aber eine solche Erk­lärung muss sich entwed­er ohne Wider­sprüche in den beste­hen­den Kanon ein­fü­gen oder eben eine neue The­o­rie liefern, die diese Wider­sprüche auflöst.

Und das ist es, was Esoteriker*innen, Verschwörungstheoretiker*innen und Pseudowissenschaftler*innen eben nicht tun. Es wer­den keine alter­na­tiv­en Erk­lärungsmod­elle ange­boten, die auch nur in sich kon­sis­tent wären, geschweige denn nicht vor Wider­sprüchen zu gängi­gen wis­senschaftlichen The­o­rien star­ren wür­den. Es wird meist nicht mal der Ver­such gemacht, die eigene Welt­sicht in Ein­klang mit Wis­senschaft zu brin­gen. Wichtig ist nur, dass es mit der gefühlten Wahrheit übere­in­stimmt, auch wenn für den Fall der Richtigkeit dieser Wahrheit  wahrschein­lich wed­er der Men­sch, der sie fühlt, noch das Inter­net, in dem sie ver­bre­it­et wird existieren kön­nten.

Warum also sind Eso­terik und Ver­schwörungs­the­o­rien heute immer noch so ver­bre­it­et und in der Lage – mit Beispiel Trump und seinen Breitbart-Berater*innen – einige der mächtig­sten Macht­po­si­tio­nen in unser­er Gesellschaft zu beset­zten, obwohl wir doch in ein­er „aufgek­lärten” Gesellschaft leben soll­ten?

Bürgerliche Irrationalität

Das erk­lärte Ziel der Aufk­lärung war es, die Welt mit der Ver­nun­ft zu begreifen und Gesellschaften nach Prinzip­i­en des Natur­rechts und der Gle­ich­heit zu organ­isieren. Unter diesem Ban­ner der Ver­nun­ft und im Namen der Gerechtigkeit und des Fortschritts rebel­lierte die erstark­ende Bour­geoisie gegen den in Tra­di­tio­nen erstar­rten Feu­dal­is­mus. So gebar die Epoche der Aufk­lärung nicht nur die mod­erne Wis­senschaft, son­dern auch den mod­er­nen bürg­er­lichen Staat.

Doch die bürg­er­liche Gesellschaft kon­nte ihre eige­nen Ver­sprechen nicht hal­ten. Die kon­se­quente Anwen­dung von ratio­nalem Denken, mit dem Ziel ein­er Gesellschaft, die dem Wohle aller dient, musste zwangsläu­fig über eine kap­i­tal­is­tis­che Gesellschaft hin­ausweisen. Obwohl der Kap­i­tal­is­mus – angewiesen auf ständi­ge Inno­va­tion – auch heute noch abhängig ist von akku­rater Wis­senschaft, so ist diese beschnit­ten auf Bere­iche, die Prof­ite ver­sprechen oder das Sys­tem selb­st stützen. Wie in jed­er Epoche der Geschichte wer­den kri­tis­che Gedanken, die das herrschende Sys­tem in Frage stellen, unter­drückt.

Die herrschen­den Ideen ein­er Zeit waren stets nur die Ideen der herrschen­den Klasse.

Karl Marx

Ide­ale wie uni­verselle Men­schen­rechte, Gle­ich­heit und Frei­heit haben nur als bloße Hüllen und Phrasen über­dauert. Frei­heit und Demokratie wer­den hochge­hal­ten und gepriesen, und gle­ichzeit­ig mit Nation­al­is­mus, Aus­beu­tung und chao­tis­ch­er Pro­duk­tion gle­ichge­set­zt. In dieser Gesellschaft – die das Erbe der Aufk­lärung für sich reklamiert, aber nichts als Krisen, Kriege und Aus­beu­tung pro­duziert – ist es nicht über­raschend, dass sich Men­schen von diesem Erbe abwen­den.

Was bedeutet das alles nun für eine linke Poli­tik? Eine Gesellschaft, die auf der Basis ein­er nach­halti­gen Wirtschaft aufge­baut ist, welche auf die Bedürfnisse der Men­schen aus­gerichtet ist und gelenkt wird durch poli­tis­che Entschei­dungs­find­ung, die auf dem Aus­tausch und Abwä­gen von Argu­menten basiert, muss ver­lässlich nach ratio­nalen Prinzip­i­en funk­tion­ieren. Nur durch Wis­sen, gesam­melt mit Hil­fe der Wis­senschaft, kön­nen Vorher­sagen über die Auswirkun­gen des Han­delns gemacht und damit fundierte Entschei­dun­gen getrof­fen wer­den.

Das heißt: Das Ziel link­er Poli­tik muss eine Gesellschaft mit wis­senschaftlich­er Basis sein. Eine, die das Erbe der Aufk­lärung ernst nimmt, und kon­se­quent bis zum Ende denkt. Wenn wir eine nach­haltigere, sozialere Gesellschaft auf­bauen wollen, müssen wir allerd­ings nicht nur Wis­sen sam­meln, son­dern zuerst den Kap­i­tal­is­mus abschaf­fen.

Doch wie? Mit Moral? Mit guten Vibes? Mit Wahlen? Nein! Mit ein­er Analyse des Beste­hen­den und sein­er Dynamik, mit ein­er Wis­senschaft der sozialen Umbrüche. Nur wenn wir ver­ste­hen, was ist und wie es sich entwick­elt, kön­nen wir Vorher­sagen darüber tre­f­fen, wie es zu über­winden ist.

Man soll die Welt nicht belachen, nicht beweinen, son­dern begreifen.

Baruch de Spin­oza

Diese Wis­senschaft muss den gle­ichen Kreis­lauf von The­o­rie, Vorher­sage und Prax­is durch­laufen, mit der Geschichte als dem entschei­den­den Exper­i­ment. Marx und Engels haben einst den Beginn des Sozial­is­mus als Wis­senschaft ein­geläutet und den Weg bere­it­et für eine Fülle von Theoretiker*innen und Experimentator*innen.

Doch nicht nur die bürg­er­liche Gesellschaft führt einen Kampf gegen diese Wis­senschaft – auch in der radikalen Linken ver­liert sie heutzu­tage immer mehr an Bedeu­tung. The­o­riefeindlichkeit aber auch Ver­schwörungs­the­o­rien und Eso­terik hal­ten immer mehr Einzug in radikale linke Poli­tik. The­o­rien wie Reformis­mus oder Stal­in­is­mus, die längst durch die Geschichte als unzure­ichend oder falsch offen­bart wur­den, wer­den immer noch vehe­ment vertreten. Es gibt keinen wis­senschaftlichen Kon­sens, alles scheint Inter­pre­ta­tion­ssache zu sein.

Die radikale Linke ste­ht zer­bröck­elt und ohne gemein­sames Konzept da. Das muss sich ändern, wenn wir das Feld nicht Trump und Co über­lassen wollen. Wir müssen einen Kampf für kri­tis­che Wis­senschaft an Uni­ver­sitäten und in der Gesellschaft führen, aber auch die eigene Prax­is wieder an der wis­senschaftlichen Meth­ode ori­en­tieren. Eine sozial­is­tis­che Gesellschaft, die dem Men­schen ermöglicht, trotz sein­er Natur ratio­nale Entschei­dun­gen zu tre­f­fen, lässt sich nur auf ein­er wis­senschaftlichen Grund­lage erkämpfen und auf­bauen.

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