Hintergründe

Russische Revolution: Erinnerungen an die Zukunft

Vor 100 Jahren führten die Bolschewiki etwas durch, das nur wenige für möglich hielten. Ein Essay über die Bedeutung der Russischen Revolution fürs 21. Jahrhundert von Christian Castillo, Anführer der Partei Sozialistischer Arbeiter*innen (PTS).

Russische Revolution: Erinnerungen an die Zukunft

Der Aufstand, der von Trotzki in Petrograd minutiös vorbereitet wurde, wurde von einer Abstimmung mit großer Mehrheit im zweiten Allrussischen Sowjetkongress begleitet. Dessen Zusammensetzung hatte sich im Vergleich zum ersten Kongress drastisch verändert, als noch die Versöhnler*innen dominierten.

In den Vorwochen hatten Millionen in jeder Fabrik, Kaserne, Nachbarschaft, an der ganzen Front diskutiert und ein unverrückbares Mandat beschlossen: Die Macht müsste von der immer verknöcherteren Provisorischen Regierung auf die Sowjets (Räte) der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten übergehen. Für Lenin hatte sich so seine Orientierung materialisiert, die er seiner Partei nach seiner Rückkehr aus dem Exil – nicht ohne harten internen Widerstand zu überwinden – gegeben hatte. Diese hatte er in Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution festgehalten, auch als Aprilthesen bekannt. Dort sagte er unter anderem:

Keinerlei Unterstützung der Provisorischen Regierung, Aufdeckung der ganzen Verlogenheit aller ihrer Versprechungen, insbesondere hinsichtlich des Verzichts auf Annexionen. Entlarvung der Provisorischen Regierung statt der unzulässigen, Illusionen erweckenden „Forderung“, diese Regierung, die Regierung der Kapitalisten, solle aufhören imperialistisch zu sein. […]

Aufklärung der Massen darüber, daß die Sowjets der Arbeiterdeputierten die einzig mögliche Form der revolutionären Regierung sind und daß daher unsere Aufgabe, solange sich diese Regierung von der Bourgeoisie beeinflussen läßt, nur in geduldiger, systematischer, beharrlicher, besonders den praktischen Bedürfnissen der Massen angepaßter Aufklärung über die Fehler ihrer Taktik bestehen kann.

Noch im März 1917 lautete die Orientierung der Prawda ganz anders, als sie unter Führung von Stalin und Kamenjew stand. Ihre Linie kann man so zusammenfassen, dass man an der Provisorischen Regierung „das Gute unterstützen und das Schlechte kritisieren“ müsse.

Zwischen April und Oktober bewiesen die Bolschewiki ein meisterhaftes taktisches Verständnis und wurden von einer „schwachen Minderheit“ in den Sowjets, wie Lenin in den Aprilthesen selbst anerkennt, zur Mehrheitskraft. Im Moment der Machtübernahme waren sie verbündet mit dem linken Flügel der Sozialrevolutionäre, die sich im stürmischen Verlauf der Ereignisse gespalten hatten. Sie nutzten verschiedene Formen der Einheitsfront-Taktik und schlugen in einem Augenblick den Versöhnler*innen sogar vor, dass sie mit der Bourgeoisie brechen und die Sowjets, damals noch von Menschewiki und Sozialrevolutionären angeführt, die Macht übernehmen sollten. Die Bolschewiki würden in diesem Falle eine friedliche Opposition bleiben.

Lenin und seine Anhänger*innen sprachen die tiefsten Hoffnungen der Massen an. Die Soldaten wollten nicht weiter in den Schützengräben sterben und die Arbeiter*innen wollten nicht weiter für einen Krieg hungern, dessen Sinn sie nicht sahen. Die Bauern*Bäuerinnen wollten sofort Land, denn für irgendwas hatten sie ja den Zarismus gestürzt. Die liberale Bourgeoisie demgegenüber wollte den imperialistischen Krieg fortführen und den britischen und französischen Diktaten weiter folgen. Menschewiki und die Mehrheit der Sozialrevolutionäre passten sich diesem Ziel an.

„Land, Brot und Frieden“ und „Alle Macht den Sowjets“ riefen die bolschewistischen Redner*innen und erfuhren immer mehr Sympathie und Zustimmung bei den Massen. Mitte Juni waren sie im Petrograder Proletariat schon in der Mehrheit, aber die Mehrheit musste unter den Arbeiter*innen und Bauern*Bäuerinnen im gesamten Land errungen werden. Auch das würden sie erreichen.

Ursachen

Die liberalen Historiker*innen wollen uns heute erklären, der Sieg im Oktobers und die nachfolgende Konsolidierung der Revolution hätten auf Zufällen beruht. Früher hatten sie es als reinen bolschewistischen Putsch präsentiert, wie der Klassiker „Technik des Staatsstreichs“ (zuerst 1931 in Paris veröffentlicht) des italienischen Essayisten, Schriftstellers und Diplomaten Curzio Malaparte urteilt. Jener war damals Faschist, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens und schließlich Sympathisant von Maos China. Im Gegensatz zu diesen oberflächlichen Sichtweisen wusste Trotzki das Zusammenspiel von objektiven und subjektiven Faktoren aufzuzeigen, die erklären, warum im rückständigen zaristischen Russland die Arbeiter*innen und Bauern*Bäuerinnen die Lehren der Pariser Kommune von 1871 aufnehmen und die Macht übernehmen konnten.

Der erfolgreiche Aufstand vom 25. Oktober (7. November nach dem gregorianischen Kalander,der damals im Westen und heute fast überall auf der Welt genutzt wird) 1917 fiel nicht vom Himmel. Der Präsident des Petrograder Sowjets von 1905 erklärt acht historische Voraussetzungen, die sie ermöglichten. Die ersten fünf sind „organische“, also strukturelle Voraussetzungen:

1. Die Fäulnis der alten herrschenden Klassen, des Adels, der Monarchie, der Bürokratie.

2. Die politische Schwäche der Bourgeoisie, die keine Wurzeln in den Volksmassen hatte.

3. Der revolutionäre Charakter der Bauernfrage.

4. Der revolutionäre Charakter des Proletariats der unterdrückten Nationen.

5. Das bedeutende soziale Gewicht des Proletariats.

Diese Voraussetzungen waren die Grundlage für den kühnen Vorschlag Trotzkis über die revolutionäre Dynamik in Russland, den er in seiner Überarbeitung des Konzepts der „permanenten Revolution“ (verglichen mit dem, was Marx während der 1848er Revolutionen formulierte) machte. Dieses Konzept hatte er schon vor dem revolutionären Prozess von 1905 entworfen, aber erst in Ergebnisse und Perspektiven fester begründet. Den Text schrieb Trotzki 1906 im Gefängnis, nach der Niederlage dieser „revolutionären Generalprobe“.

Die besondere kapitalistische Entwicklung in Russland hatte ein Proletariat geschaffen, das relativ gesehen stärker als die Bourgeoisie war, die durch die Herrschaft des Zarismus eingeschränkt blieb. Das Proletariat – wenn auch im Vergleich zur Bauernschaft in der Minderheit – hatte sich gemeinsam mit der Industrie mithilfe ausländischen Kapitals entwickelt und war hoch konzentriert in den Städten, in denen die politischen und wirtschaftlichen Fäden des Landes zusammenliefen. Die Revolution von 1905 hatte bestätigt, dass das russische Proletariat eine führende Rolle im Kampf gegen den Zarismus spielen kann.

Der Ausbruch einer neuen russischen Revolution, so Trotzki, würde diese Mechanik wiederholen. Die Arbeiter*innenklasse – bewaffnet an der Spitze der Revolution, die Bauernschaft anführend – würde nicht an der Tür des Privateigentums stehenbleiben, sondern würde kompromisslos darüber hinausgehen, um ihre Forderungen durchzusetzen. Die demokratische Revolution würde in eine sozialistische Revolution übergehen und Russland könnte sich in das erste Land verwandeln, wo Arbeiter*innen und Bauern*Bäuerinnen die Macht übernehmen. Das könnte der revolutionären Entwicklung in ganz Europa einen Impuls geben, besonders in Deutschland. Eine Vorhersage, die sich gut ein Jahrzehnt später bewahrheiten würde.

Zu den fünf organischen oder strukturellen Voraussetzungen fügte der Gründer der Roten Armee als außergewöhnlich wichtige konjunkturelle Elemente hinzu:

6. Die Revolution von 1905 war die große Schule oder, nach Lenins Ausdruck, die „Generalprobe“ der Revolution von 1917. Es genügt zu sagen, daß Sowjets als unersetzliche Organisationsform der proletarischen Einheitsfront in der Revolution zum ersten Male im Jahre 1905 gebildet worden sind.

7. Der imperialistische Krieg verschärfte alle Gegensätze, riß die rückständigen Massen aus dem Zustand der Unbeweglichkeit heraus und bereitete dadurch das grandiose Ausmaß der Katastrophe vor. Doch alle diese Bedingungen, die vollständig genügten für den Ausbruch der Revolution, waren ungenügend, um den Sieg des Proletariats in der Revolution zu sichern. Für diesen Sieg war noch eine Bedingung nötig:

8. Die Bolschewistische Partei.

Warum konnten die Bolschewiki diese entscheidende Rolle spielen? Lenin erklärte, dass „der Bolschewismus im Jahre 1903 auf der festen Grundlage der marxistischen Theorie entstanden“ war. Über diese „granitne theoretische Grundlage“ hinaus aber, hatte der Bolschewismus – und wir entschuldigen uns für dieses lange Zitat –

eine fünfzehnjährige (1903–1917) praktische Geschichte hinter sich, die an Reichtum der Erfahrung nicht ihresgleichen kennt. Denn kein anderes Land hatte in diesen 15 Jahren auch nur annähernd soviel durchgemacht an revolutionärer Erfahrung, an rapidem und mannigfaltigem Wechsel der verschiedenen Formen der Bewegung: der legalen und illegalen, der friedlichen und stürmischen, der unterirdischen und offenen, der Zirkelarbeit und der Massenarbeit, der parlamentarischen und der terroristischen Form der Bewegung. In keinem anderen Lande war in einem so kurzen Zeitraum ein solcher Reichtum an Formen, Schattierungen und Methoden des Kampfes aller Klassen der modernen Gesellschaft konzentriert gewesen, und zwar eines Kampfes, der infolge der Rückständigkeit des Landes und des schweren Jochs des Zarismus besonders schnell heranreifte und sich besonders begierig und erfolgreich das entsprechende „letzte Wort“ der amerikanischen und europäischen politischen Erfahrungen zu eigen machte.

Eine Partei mit einer festen theoretischen Grundlage also, die in den verschiedensten Formen des Klassenkampf geschmiedet war, wo sie die fortgeschrittensten Erfahrungen der internationalen Politik aufsaugte. Die Bolschewiki blieben im Ersten Weltkrieg internationalistisch und konfrontierten alle Formen des reaktionären Patriotismus. Unter dem Einfluss Lenins behielten sie ihre Unabhängigkeit von der Regierung der liberalen Bourgeoisie, danach von der Koalitionsregierung zwischen Liberalen, Menschewiki und Sozialrevolutionären.

Sie erkannten in den Sowjets die Formen einer neuen Macht. Und hier ist es wichtig inne zu halten, denn diese Räte wurden zum Instrument der Einheitsfront im Kampf für die Macht auf der Grundlage eines neuen Staatstypus, der fortgeschrittensten proletarischen Demokratie, die wir in der Geschichte bisher gesehen haben.

Lenin stützte sich auf die Lehren der Pariser Kommune, um zwischen Februar und Oktober in diesem meisterhaften, unvollendenten Werk Staat und Revolution die Charakteristiken aufzuzeigen, die der proletarische Staat haben würde. Ein Staatstypus, der sich von allen vorherigen unterscheidet. Nicht dazu da, damit eine Minderheit ihre despotische Herrschaft über die Mehrheit ausübt, wie es bis zu dem Moment war, sondern damit die ausgebeutete Mehrheit eine vorübergehende Herrschaft über die ausbeutende Minderheit ausübt – mit dem Ziel, die Revolution auf weltweite Ebene auszudehnen, den Kommunismus zu erringen und alle Formen der Unterdrückung zu beenden. Ein Staatstypus, den Marx „Diktatur des Proletariats“ nannte – ein Konzept, das von den Barrikaden des revolutionären Paris im Juni 1848 stammt.

Der Begriff „Diktatur des Proletariats“ zeugt vor allem davon, welche Klasse sozial herrscht, während die „demokratische Republik“ nichts als eine Verschleierung der Herrschaft der Diktatur des Kapitals ist, nicht so sehr von den genauen politischen Formen, die diese Herrschaft annehmen kann. Deshalb war für Marx und Engels in der Pariser Kommune der erste Entwurf dieser neuen Staatsform enthalten. Eine Diktatur über die Bourgeoisie, der die bewaffneten Arbeiter*innen keine Erlaubnis abverlangten, um ihre Fabriken, Ländereien und Banken zu enteignen, während sie die größtmögliche demokratische Freiheit für die Arbeiter*innenklasse und die Gesamtheit der Ausgebeuteten und Unterdrückten garantiert. Eine Staatsform, in der die Polizei und die Berufsarmee durch die bewaffneten Massen ersetzt werden; wo die politischen Funktionär*innen so viel wie ein*e Facharbeiter*in verdienen und von den Wähler*innen abwählbar sind; wo die exekutive und legislative Gewalt in einer wirklichen „arbeitenden Körperschaft“ fusioniert werden, die die politische und wirtschaftliche Zukunft der Gesellschaft diskutiert und entscheidet.

Die Bolschewiki hatten es gewagt, dies in einem kulturell und wirtschaftlich rückständigen Land umzusetzen, das noch dazu vom Ersten Weltkrieg und dann später vom Bürger*innenkrieg verwüstet war. Angesichts all dessen vollbrachten sie Wunder. Sie setzten die Dritte Internationale in Gang. Sie schlugen 14 Armeen, „weiße“ und imperialistische, nieder. Sie revolutionierten die Künste, die Bildung und die Wissenschaften. Die Gleichheit der Frauen war größer als in jedem anderen Land zu seiner Zeit, inklusive der vollständigen Gewährung aller politischen Rechte, der Scheidung und der Legalisierung der Abtreibung. Sie versuchten diverse Formen der Vergesellschaftung der Hausarbeit. Russland verwandelte sich in eine Industriemacht mit einem Rhythmus, den keine andere Nation erreicht hatte.

Aber der Preis der Rückständigkeit und der Isolation der Sowjetunion, nachdem die soziale Revolution in anderen Ländern Europas – besonders in Deutschland – nicht siegte, musste gezahlt werden: mit der Bürokratisierung der Sowjets und der Partei, was mit einer internen Konterrevolution durchgesetzt wurde, deren erstes Opfer die Linke Opposition wurde.

Gestern und heute

Wir haben diese Zeilen „Erinnerungen an die Zukunft“ genannt. Stellen wir uns vor: Mit den wissenschaftlichen und technischen Fortschritten, die wir heute haben (die der Kapitalismus in erster Linie in Verbindung mit der Militärindustrie entwickelt), haben wir unendlich bessere Bedingungen als die Bolschewiki, um das Werk voranzutreiben, das sie begonnen haben. Während der Revolution errangen die russischen Arbeiter*innen den Acht-Stunden-Tag. Heute wäre seine Reduzierung auf sechs Stunden und die Verteilung der Arbeit auf Beschäftigte und Arbeitslose nur ein erster Schritt, den die Entwicklung der Produktivkräfte erlaubt, um die Arbeitszeit noch weiter zu reduzieren. Damit die Freizeit genutzt werden kann mit einem verallgemeinerten Zugang zu Kultur, Wissenschaft und Kunst, indem wir die entfremdete, erzwungene Arbeit hinter uns lassen und sie durch eine freie und kreative, kooperativ durchgeführte Aktivität ersetzen.

Deshalb ist die Erinnerung an 100 Jahre Oktoberrevolution für uns das Gegenteil eines religiösen Rituals oder einer routinehaften Begehung eines Jahrestags. Auf die Oktoberrevolution zurückzukommen ist vor allem deshalb unerlässlich, weil sie uns die Vorbereitung der Zukunft ermöglicht.

Viel Zeit ist vergangen seit jenem revolutionären Sieg, der später von der stalinistischen Bürokratie verraten wurde. Mit dem Neoliberalismus wurde der Kapitalismus auf verschiedenen Wegen in dem Gebiet der Sowjetunion und der Mehrheit der Länder, wo das Kapital im 20. Jahrhundert enteignet wurde, wie in Osteuropa und in China, restauriert – auch wenn die Partei an der Macht sich „kommunistisch“ nannte.

Nichtsdestotrotz ist der kapitalistische Triumphzug, der das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts charakterisierte, ein Relikt der Vergangenheit. Seit Ausbruch der Krise, die zur „Großen Rezession“ 2008 führte, sind die weltweite Politik und Ökonomie von Instabilität sowie sozialer und politischer Polarisierung geprägt. Die Parteien der „extremen Mitte“ befinden sich in der Krise. Die geopolitischen Spannungen steigen. „Schwarze Schwäne“ – also unvorhergesehene Ereignisse mit einschneidender Wirkung – werden immer häufiger, vom „Brexit“ bis Trump, oder der Unabhängigkeitserklärung in Katalonien.

In den imperialistischen Zentren und in der Peripherie entstehen rückwärts gewandte und schockierende politische Phänomene, aber wir sehen auch unbeständige Versuche von breiten Massensektoren, besonders in der Jugend, die eine gleichberechtigte Gesellschaft wollen. Gewiss, die soziale Revolution hat sich in diesem neuen Jahrhundert noch nicht gezeigt. Ihr Auftritt stand zur Jahrtausendwende in Lateinamerika und in geringerem Maße zu Beginn des arabischen Frühlings bevor.

Aber im ersten Fall wurde der Ausbruch der Massen von Mitte-Links-Regierungen (oder „progressiven“ oder „populistischen“ Regierungen) aufgehalten und kanalisiert, die in keinem Fall die Grenzen des Kapitalismus überschritten, auch wenn ihre radikalsten Varianten (der venezolanische Chavismus und sein ausgerufener und nicht umgesetzter „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“) das behaupteten. Im zweiten Fall setzte sich die Konterrevolution mit Staatsstreichs und Bürger*innenkriegen ohne progressives Lager durch. Dennoch werden in einer Welt, in der die acht reichsten Menschen der Welt genauso viel Reichtum besitzen wir die 3,5 Milliarden ärmsten Menschen, also die Hälfte der Menschheit, früher oder später neue revolutionäre Erhebungen den Planeten erschüttern, wie sie es im vorangegangenen Jahrhundert getan haben. Die kapitalistische Irrationalität – ein System, das sich im Sinne des Profits einer Handvoll großer Monopole bewegt, während hunderte Millionen Menschen in absolutem Elend leben, ist nicht „nachhaltig“. Dasselbe betrifft die Bewohnbarkeit des Planeten, die der Kapitalismus durch die wahnsinnige Nutzung der natürlichen Ressourcen „unseres gemeinsamen Zuhauses“ in Frage stellt. Die Revolution wird im 21. Jahrhundert von sich reden machen. Und sie wird permanent sein, oder gar nicht.

Wenn die Menschheit irgendeine Zukunft haben soll, die nicht diese elende Gegenwart oder die Perspektive einer zivilisatorischen und ökologischen Krise auf großer Skala ist, werden wir durch eine Reihe siegreicher revolutionärer Prozesse gehen müssen. Das vergangene Jahrhundert zeigt, dass die Arbeiter*innen die Macht übernehmen können, trotz aller Herrschaftsmechanismen der Kapitalist*innen. Es zeigte auch eindeutig, dass die Kapitalist*innen nicht widerstandslos ihre Privilegien aufgeben werden, wie es immer in der Geschichte war, und dass das Kapital, wenn es nicht in seinen Gravitationszentren besiegt wird, sich wieder aufbauen und zur Gegenoffensive blasen kann.

Inspiriert von der permanenten Revolution hoffen wir, die Barbarei vermeiden und die „Vorgeschichte der Menschheit“ überwinden zu können, wie Marx die Form der sozialen Organisation nannte, in der wir noch leben. Nichts davon wird geschehen, wenn wir es nicht schaffen, eine revolutionäre politische Organisation der Arbeiter*innenklasse auf nationaler und internationaler Ebene aufzubauen. „Weder Abklatsch noch Kopie“, wie der peruanische Marxist Mariátegui sagte. Aber ohne uns von denen inspirieren zu lassen, die es vor 100 Jahren „gewagt haben“, ohne von der revolutionärsten Partei in der Geschichte der Arbeiter*innenklasse zu lernen, werden wir diese Aufgabe nur schwer durchführen können – die leidenschaftlichste Aufgabe, die man haben kann, wenn man mit diesem System der Ausbeutung und Unterdrückung Schluss machen will…

Dieser Artikel erschien zuerst auf Spanisch in der Sonderausgabe von Ideas de Izquierda zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.