Hintergründe

Russische Revolution: Erinnerungen an die Zukunft

Vor 100 Jahren führten die Bolschewiki etwas durch, das nur wenige für möglich hielten. Ein Essay über die Bedeutung der Russischen Revolution fürs 21. Jahrhundert von Christian Castillo, Anführer der Partei Sozialistischer Arbeiter*innen (PTS).

Russische Revolution: Erinnerungen an die Zukunft

Der Auf­s­tand, der von Trotz­ki in Pet­ro­grad minu­tiös vor­bere­it­et wurde, wurde von ein­er Abstim­mung mit großer Mehrheit im zweit­en All­rus­sis­chen Sow­jetkongress begleit­et. Dessen Zusam­menset­zung hat­te sich im Ver­gle­ich zum ersten Kongress drastisch verän­dert, als noch die Versöhnler*innen dominierten.

In den Vor­wochen hat­ten Mil­lio­nen in jed­er Fab­rik, Kaserne, Nach­barschaft, an der ganzen Front disku­tiert und ein unver­rück­bares Man­dat beschlossen: Die Macht müsste von der immer verknöchert­eren Pro­vi­sorischen Regierung auf die Sow­jets (Räte) der Arbeiter‑, Bauern- und Sol­da­ten­deputierten überge­hen. Für Lenin hat­te sich so seine Ori­en­tierung mate­ri­al­isiert, die er sein­er Partei nach sein­er Rück­kehr aus dem Exil – nicht ohne harten inter­nen Wider­stand zu über­winden – gegeben hat­te. Diese hat­te er in Über die Auf­gaben des Pro­le­tari­ats in der gegen­wär­ti­gen Rev­o­lu­tion fest­ge­hal­ten, auch als Aprilthe­sen bekan­nt. Dort sagte er unter anderem:

Kein­er­lei Unter­stützung der Pro­vi­sorischen Regierung, Aufdeck­ung der ganzen Ver­logen­heit aller ihrer Ver­sprechun­gen, ins­beson­dere hin­sichtlich des Verzichts auf Annex­io­nen. Ent­larvung der Pro­vi­sorischen Regierung statt der unzuläs­si­gen, Illu­sio­nen erweck­enden „Forderung“, diese Regierung, die Regierung der Kap­i­tal­is­ten, solle aufhören impe­ri­al­is­tisch zu sein. […]

Aufk­lärung der Massen darüber, daß die Sow­jets der Arbei­t­er­deputierten die einzig mögliche Form der rev­o­lu­tionären Regierung sind und daß daher unsere Auf­gabe, solange sich diese Regierung von der Bour­geoisie bee­in­flussen läßt, nur in geduldiger, sys­tem­a­tis­ch­er, behar­rlich­er, beson­ders den prak­tis­chen Bedürfnis­sen der Massen angepaßter Aufk­lärung über die Fehler ihrer Tak­tik beste­hen kann.

Noch im März 1917 lautete die Ori­en­tierung der Praw­da ganz anders, als sie unter Führung von Stal­in und Kamen­jew stand. Ihre Lin­ie kann man so zusam­men­fassen, dass man an der Pro­vi­sorischen Regierung „das Gute unter­stützen und das Schlechte kri­tisieren“ müsse.

Zwis­chen April und Okto­ber bewiesen die Bolschewi­ki ein meis­ter­haftes tak­tis­ches Ver­ständ­nis und wur­den von ein­er „schwachen Min­der­heit“ in den Sow­jets, wie Lenin in den Aprilthe­sen selb­st anerken­nt, zur Mehrheit­skraft. Im Moment der Machtüber­nahme waren sie ver­bün­det mit dem linken Flügel der Sozial­rev­o­lu­tionäre, die sich im stür­mis­chen Ver­lauf der Ereignisse ges­pal­ten hat­ten. Sie nutzten ver­schiedene For­men der Ein­heits­front-Tak­tik und schlu­gen in einem Augen­blick den Versöhnler*innen sog­ar vor, dass sie mit der Bour­geoisie brechen und die Sow­jets, damals noch von Men­schewi­ki und Sozial­rev­o­lu­tionären ange­führt, die Macht übernehmen soll­ten. Die Bolschewi­ki wür­den in diesem Falle eine friedliche Oppo­si­tion bleiben.

Lenin und seine Anhänger*innen sprachen die tief­sten Hoff­nun­gen der Massen an. Die Sol­dat­en woll­ten nicht weit­er in den Schützen­gräben ster­ben und die Arbeiter*innen woll­ten nicht weit­er für einen Krieg hungern, dessen Sinn sie nicht sahen. Die Bauern*Bäuerinnen woll­ten sofort Land, denn für irgend­was hat­ten sie ja den Zaris­mus gestürzt. Die lib­erale Bour­geoisie demge­genüber wollte den impe­ri­al­is­tis­chen Krieg fort­führen und den britis­chen und franzö­sis­chen Dik­tat­en weit­er fol­gen. Men­schewi­ki und die Mehrheit der Sozial­rev­o­lu­tionäre passten sich diesem Ziel an.

„Land, Brot und Frieden“ und „Alle Macht den Sow­jets“ riefen die bolschewis­tis­chen Redner*innen und erfuhren immer mehr Sym­pa­thie und Zus­tim­mung bei den Massen. Mitte Juni waren sie im Pet­ro­grad­er Pro­le­tari­at schon in der Mehrheit, aber die Mehrheit musste unter den Arbeiter*innen und Bauern*Bäuerinnen im gesamten Land errun­gen wer­den. Auch das wür­den sie erre­ichen.

Ursachen

Die lib­eralen Historiker*innen wollen uns heute erk­lären, der Sieg im Okto­bers und die nach­fol­gende Kon­so­li­dierung der Rev­o­lu­tion hät­ten auf Zufällen beruht. Früher hat­ten sie es als reinen bolschewis­tis­chen Putsch präsen­tiert, wie der Klas­sik­er „Tech­nik des Staatsstre­ichs“ (zuerst 1931 in Paris veröf­fentlicht) des ital­ienis­chen Essay­is­ten, Schrift­stellers und Diplo­mat­en Curzio Mala­parte urteilt. Jen­er war damals Faschist, wurde nach dem Zweit­en Weltkrieg Mit­glied der Kom­mu­nis­tis­chen Partei Ital­iens und schließlich Sym­pa­thisant von Maos Chi­na. Im Gegen­satz zu diesen ober­fläch­lichen Sichtweisen wusste Trotz­ki das Zusam­men­spiel von objek­tiv­en und sub­jek­tiv­en Fak­toren aufzuzeigen, die erk­lären, warum im rück­ständi­gen zaris­tis­chen Rus­s­land die Arbeiter*innen und Bauern*Bäuerinnen die Lehren der Paris­er Kom­mune von 1871 aufnehmen und die Macht übernehmen kon­nten.

Der erfol­gre­iche Auf­s­tand vom 25. Okto­ber (7. Novem­ber nach dem gre­go­ri­an­is­chen Kalander,der damals im West­en und heute fast über­all auf der Welt genutzt wird) 1917 fiel nicht vom Him­mel. Der Präsi­dent des Pet­ro­grad­er Sow­jets von 1905 erk­lärt acht his­torische Voraus­set­zun­gen, die sie ermöglicht­en. Die ersten fünf sind „organ­is­che“, also struk­turelle Voraus­set­zun­gen:

1. Die Fäul­nis der alten herrschen­den Klassen, des Adels, der Monar­chie, der Bürokratie.

2. Die poli­tis­che Schwäche der Bour­geoisie, die keine Wurzeln in den Volks­massen hat­te.

3. Der rev­o­lu­tionäre Charak­ter der Bauern­frage.

4. Der rev­o­lu­tionäre Charak­ter des Pro­le­tari­ats der unter­drück­ten Natio­nen.

5. Das bedeu­tende soziale Gewicht des Pro­le­tari­ats.

Diese Voraus­set­zun­gen waren die Grund­lage für den küh­nen Vorschlag Trotzkis über die rev­o­lu­tionäre Dynamik in Rus­s­land, den er in sein­er Über­ar­beitung des Konzepts der „per­ma­nen­ten Rev­o­lu­tion“ (ver­glichen mit dem, was Marx während der 1848er Rev­o­lu­tio­nen for­mulierte) machte. Dieses Konzept hat­te er schon vor dem rev­o­lu­tionären Prozess von 1905 ent­wor­fen, aber erst in Ergeb­nisse und Per­spek­tiv­en fes­ter begrün­det. Den Text schrieb Trotz­ki 1906 im Gefäng­nis, nach der Nieder­lage dieser „rev­o­lu­tionären Gen­er­al­probe“.

Die beson­dere kap­i­tal­is­tis­che Entwick­lung in Rus­s­land hat­te ein Pro­le­tari­at geschaf­fen, das rel­a­tiv gese­hen stärk­er als die Bour­geoisie war, die durch die Herrschaft des Zaris­mus eingeschränkt blieb. Das Pro­le­tari­at – wenn auch im Ver­gle­ich zur Bauern­schaft in der Min­der­heit – hat­te sich gemein­sam mit der Indus­trie mith­il­fe aus­ländis­chen Kap­i­tals entwick­elt und war hoch konzen­tri­ert in den Städten, in denen die poli­tis­chen und wirtschaftlichen Fäden des Lan­des zusam­men­liefen. Die Rev­o­lu­tion von 1905 hat­te bestätigt, dass das rus­sis­che Pro­le­tari­at eine führende Rolle im Kampf gegen den Zaris­mus spie­len kann.

Der Aus­bruch ein­er neuen rus­sis­chen Rev­o­lu­tion, so Trotz­ki, würde diese Mechanik wieder­holen. Die Arbeiter*innenklasse – bewaffnet an der Spitze der Rev­o­lu­tion, die Bauern­schaft anführend – würde nicht an der Tür des Pri­vateigen­tums ste­hen­bleiben, son­dern würde kom­pro­miss­los darüber hin­aus­ge­hen, um ihre Forderun­gen durchzuset­zen. Die demokratis­che Rev­o­lu­tion würde in eine sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion überge­hen und Rus­s­land kön­nte sich in das erste Land ver­wan­deln, wo Arbeiter*innen und Bauern*Bäuerinnen die Macht übernehmen. Das kön­nte der rev­o­lu­tionären Entwick­lung in ganz Europa einen Impuls geben, beson­ders in Deutsch­land. Eine Vorher­sage, die sich gut ein Jahrzehnt später bewahrheit­en würde.

Zu den fünf organ­is­chen oder struk­turellen Voraus­set­zun­gen fügte der Grün­der der Roten Armee als außergewöhn­lich wichtige kon­junk­turelle Ele­mente hinzu:

6. Die Rev­o­lu­tion von 1905 war die große Schule oder, nach Lenins Aus­druck, die „Gen­er­al­probe“ der Rev­o­lu­tion von 1917. Es genügt zu sagen, daß Sow­jets als uner­set­zliche Organ­i­sa­tions­form der pro­le­tarischen Ein­heits­front in der Rev­o­lu­tion zum ersten Male im Jahre 1905 gebildet wor­den sind.

7. Der impe­ri­al­is­tis­che Krieg ver­schärfte alle Gegen­sätze, riß die rück­ständi­gen Massen aus dem Zus­tand der Unbe­weglichkeit her­aus und bere­it­ete dadurch das grandiose Aus­maß der Katas­tro­phe vor. Doch alle diese Bedin­gun­gen, die voll­ständig genügten für den Aus­bruch der Rev­o­lu­tion, waren ungenü­gend, um den Sieg des Pro­le­tari­ats in der Rev­o­lu­tion zu sich­ern. Für diesen Sieg war noch eine Bedin­gung nötig:

8. Die Bolschewis­tis­che Partei.

Warum kon­nten die Bolschewi­ki diese entschei­dende Rolle spie­len? Lenin erk­lärte, dass „der Bolschewis­mus im Jahre 1903 auf der fes­ten Grund­lage der marx­is­tis­chen The­o­rie ent­standen“ war. Über diese „gran­itne the­o­retis­che Grund­lage“ hin­aus aber, hat­te der Bolschewis­mus – und wir entschuldigen uns für dieses lange Zitat –

eine fün­fzehn­jährige (1903–1917) prak­tis­che Geschichte hin­ter sich, die an Reich­tum der Erfahrung nicht ihres­gle­ichen ken­nt. Denn kein anderes Land hat­te in diesen 15 Jahren auch nur annäh­ernd soviel durchgemacht an rev­o­lu­tionär­er Erfahrung, an rapi­dem und man­nig­faltigem Wech­sel der ver­schiede­nen For­men der Bewe­gung: der legalen und ille­galen, der friedlichen und stür­mis­chen, der unterirdis­chen und offe­nen, der Zirke­lar­beit und der Masse­nar­beit, der par­la­men­tarischen und der ter­ror­is­tis­chen Form der Bewe­gung. In keinem anderen Lande war in einem so kurzen Zeitraum ein solch­er Reich­tum an For­men, Schat­tierun­gen und Meth­o­d­en des Kampfes aller Klassen der mod­er­nen Gesellschaft konzen­tri­ert gewe­sen, und zwar eines Kampfes, der infolge der Rück­ständigkeit des Lan­des und des schw­eren Jochs des Zaris­mus beson­ders schnell her­an­reifte und sich beson­ders begierig und erfol­gre­ich das entsprechende „let­zte Wort“ der amerikanis­chen und europäis­chen poli­tis­chen Erfahrun­gen zu eigen machte.

Eine Partei mit ein­er fes­ten the­o­retis­chen Grund­lage also, die in den ver­schieden­sten For­men des Klassenkampf geschmiedet war, wo sie die fort­geschrit­ten­sten Erfahrun­gen der inter­na­tionalen Poli­tik auf­saugte. Die Bolschewi­ki blieben im Ersten Weltkrieg inter­na­tion­al­is­tisch und kon­fron­tierten alle For­men des reak­tionären Patri­o­tismus. Unter dem Ein­fluss Lenins behiel­ten sie ihre Unab­hängigkeit von der Regierung der lib­eralen Bour­geoisie, danach von der Koali­tion­sregierung zwis­chen Lib­eralen, Men­schewi­ki und Sozial­rev­o­lu­tionären.

Sie erkan­nten in den Sow­jets die For­men ein­er neuen Macht. Und hier ist es wichtig inne zu hal­ten, denn diese Räte wur­den zum Instru­ment der Ein­heits­front im Kampf für die Macht auf der Grund­lage eines neuen Staat­sty­pus, der fort­geschrit­ten­sten pro­le­tarischen Demokratie, die wir in der Geschichte bish­er gese­hen haben.

Lenin stützte sich auf die Lehren der Paris­er Kom­mune, um zwis­chen Feb­ru­ar und Okto­ber in diesem meis­ter­haften, unvol­len­den­ten Werk Staat und Rev­o­lu­tion die Charak­ter­is­tiken aufzuzeigen, die der pro­le­tarische Staat haben würde. Ein Staat­sty­pus, der sich von allen vorheri­gen unter­schei­det. Nicht dazu da, damit eine Min­der­heit ihre despo­tis­che Herrschaft über die Mehrheit ausübt, wie es bis zu dem Moment war, son­dern damit die aus­ge­beutete Mehrheit eine vorüberge­hende Herrschaft über die aus­beu­tende Min­der­heit ausübt – mit dem Ziel, die Rev­o­lu­tion auf weltweite Ebene auszudehnen, den Kom­mu­nis­mus zu errin­gen und alle For­men der Unter­drück­ung zu been­den. Ein Staat­sty­pus, den Marx „Dik­tatur des Pro­le­tari­ats“ nan­nte – ein Konzept, das von den Bar­rikaden des rev­o­lu­tionären Paris im Juni 1848 stammt.

Der Begriff “Dik­tatur des Pro­le­tari­ats” zeugt vor allem davon, welche Klasse sozial herrscht, während die “demokratis­che Repub­lik” nichts als eine Ver­schleierung der Herrschaft der Dik­tatur des Kap­i­tals ist, nicht so sehr von den genauen poli­tis­chen For­men, die diese Herrschaft annehmen kann. Deshalb war für Marx und Engels in der Paris­er Kom­mune der erste Entwurf dieser neuen Staats­form enthal­ten. Eine Dik­tatur über die Bour­geoisie, der die bewaffneten Arbeiter*innen keine Erlaub­nis abver­langten, um ihre Fab­riken, Län­dereien und Banken zu enteignen, während sie die größt­mögliche demokratis­che Frei­heit für die Arbeiter*innenklasse und die Gesamtheit der Aus­ge­beuteten und Unter­drück­ten garantiert. Eine Staats­form, in der die Polizei und die Beruf­sarmee durch die bewaffneten Massen erset­zt wer­den; wo die poli­tis­chen Funktionär*innen so viel wie ein*e Facharbeiter*in ver­di­enen und von den Wähler*innen abwählbar sind; wo die exeku­tive und leg­isla­tive Gewalt in ein­er wirk­lichen „arbei­t­en­den Kör­per­schaft“ fusion­iert wer­den, die die poli­tis­che und wirtschaftliche Zukun­ft der Gesellschaft disku­tiert und entschei­det.

Die Bolschewi­ki hat­ten es gewagt, dies in einem kul­turell und wirtschaftlich rück­ständi­gen Land umzuset­zen, das noch dazu vom Ersten Weltkrieg und dann später vom Bürger*innenkrieg ver­wüstet war. Angesichts all dessen voll­bracht­en sie Wun­der. Sie set­zten die Dritte Inter­na­tionale in Gang. Sie schlu­gen 14 Armeen, „weiße“ und impe­ri­al­is­tis­che, nieder. Sie rev­o­lu­tion­ierten die Kün­ste, die Bil­dung und die Wis­senschaften. Die Gle­ich­heit der Frauen war größer als in jedem anderen Land zu sein­er Zeit, inklu­sive der voll­ständi­gen Gewährung aller poli­tis­chen Rechte, der Schei­dung und der Legal­isierung der Abtrei­bung. Sie ver­sucht­en diverse For­men der Verge­sellschaf­tung der Hausar­beit. Rus­s­land ver­wan­delte sich in eine Indus­triemacht mit einem Rhyth­mus, den keine andere Nation erre­icht hat­te.

Aber der Preis der Rück­ständigkeit und der Iso­la­tion der Sow­je­tu­nion, nach­dem die soziale Rev­o­lu­tion in anderen Län­dern Europas – beson­ders in Deutsch­land – nicht siegte, musste gezahlt wer­den: mit der Bürokratisierung der Sow­jets und der Partei, was mit ein­er inter­nen Kon­ter­rev­o­lu­tion durchge­set­zt wurde, deren erstes Opfer die Linke Oppo­si­tion wurde.

Gestern und heute

Wir haben diese Zeilen „Erin­nerun­gen an die Zukun­ft“ genan­nt. Stellen wir uns vor: Mit den wis­senschaftlichen und tech­nis­chen Fortschrit­ten, die wir heute haben (die der Kap­i­tal­is­mus in erster Lin­ie in Verbindung mit der Mil­itärindus­trie entwick­elt), haben wir unendlich bessere Bedin­gun­gen als die Bolschewi­ki, um das Werk voranzutreiben, das sie begonnen haben. Während der Rev­o­lu­tion errangen die rus­sis­chen Arbeiter*innen den Acht-Stun­den-Tag. Heute wäre seine Reduzierung auf sechs Stun­den und die Verteilung der Arbeit auf Beschäftigte und Arbeit­slose nur ein erster Schritt, den die Entwick­lung der Pro­duk­tivkräfte erlaubt, um die Arbeit­szeit noch weit­er zu reduzieren. Damit die Freizeit genutzt wer­den kann mit einem ver­all­ge­mein­erten Zugang zu Kul­tur, Wis­senschaft und Kun­st, indem wir die ent­fremdete, erzwun­gene Arbeit hin­ter uns lassen und sie durch eine freie und kreative, koop­er­a­tiv durchge­führte Aktiv­ität erset­zen.

Deshalb ist die Erin­nerung an 100 Jahre Okto­ber­rev­o­lu­tion für uns das Gegen­teil eines religiösen Rit­u­als oder ein­er rou­tine­haften Bege­hung eines Jahrestags. Auf die Okto­ber­rev­o­lu­tion zurück­zukom­men ist vor allem deshalb uner­lässlich, weil sie uns die Vor­bere­itung der Zukun­ft ermöglicht.

Viel Zeit ist ver­gan­gen seit jen­em rev­o­lu­tionären Sieg, der später von der stal­in­is­tis­chen Bürokratie ver­rat­en wurde. Mit dem Neolib­er­al­is­mus wurde der Kap­i­tal­is­mus auf ver­schiede­nen Wegen in dem Gebi­et der Sow­je­tu­nion und der Mehrheit der Län­der, wo das Kap­i­tal im 20. Jahrhun­dert enteignet wurde, wie in Osteu­ropa und in Chi­na, restau­ri­ert – auch wenn die Partei an der Macht sich „kom­mu­nis­tisch“ nan­nte.

Nichts­destotrotz ist der kap­i­tal­is­tis­che Tri­umphzug, der das let­zte Jahrzehnt des 20. Jahrhun­derts charak­ter­isierte, ein Relikt der Ver­gan­gen­heit. Seit Aus­bruch der Krise, die zur „Großen Rezes­sion“ 2008 führte, sind die weltweite Poli­tik und Ökonomie von Insta­bil­ität sowie sozialer und poli­tis­ch­er Polar­isierung geprägt. Die Parteien der „extremen Mitte“ befind­en sich in der Krise. Die geopoli­tis­chen Span­nun­gen steigen. „Schwarze Schwäne“ – also unvorherge­se­hene Ereignisse mit ein­schnei­den­der Wirkung – wer­den immer häu­figer, vom „Brex­it“ bis Trump, oder der Unab­hängigkeit­serk­lärung in Kat­alonien.

In den impe­ri­al­is­tis­chen Zen­tren und in der Periph­erie entste­hen rück­wärts gewandte und schock­ierende poli­tis­che Phänomene, aber wir sehen auch unbeständi­ge Ver­suche von bre­it­en Massensek­toren, beson­ders in der Jugend, die eine gle­ich­berechtigte Gesellschaft wollen. Gewiss, die soziale Rev­o­lu­tion hat sich in diesem neuen Jahrhun­dert noch nicht gezeigt. Ihr Auftritt stand zur Jahrtausendwende in Lateinameri­ka und in gerin­gerem Maße zu Beginn des ara­bis­chen Früh­lings bevor.

Aber im ersten Fall wurde der Aus­bruch der Massen von Mitte-Links-Regierun­gen (oder „pro­gres­siv­en“ oder „pop­ulis­tis­chen“ Regierun­gen) aufge­hal­ten und kanal­isiert, die in keinem Fall die Gren­zen des Kap­i­tal­is­mus über­schrit­ten, auch wenn ihre radikalsten Vari­anten (der vene­zolanis­che Chav­is­mus und sein aus­gerufen­er und nicht umge­set­zter „Sozial­is­mus des 21. Jahrhun­derts“) das behaupteten. Im zweit­en Fall set­zte sich die Kon­ter­rev­o­lu­tion mit Staatsstre­ichs und Bürger*innenkriegen ohne pro­gres­sives Lager durch. Den­noch wer­den in ein­er Welt, in der die acht reich­sten Men­schen der Welt genau­so viel Reich­tum besitzen wir die 3,5 Mil­liar­den ärm­sten Men­schen, also die Hälfte der Men­schheit, früher oder später neue rev­o­lu­tionäre Erhe­bun­gen den Plan­eten erschüt­tern, wie sie es im vor­ange­gan­genen Jahrhun­dert getan haben. Die kap­i­tal­is­tis­che Irra­tional­ität – ein Sys­tem, das sich im Sinne des Prof­its ein­er Hand­voll großer Mono­pole bewegt, während hun­derte Mil­lio­nen Men­schen in absolutem Elend leben, ist nicht „nach­haltig“. Das­selbe bet­rifft die Bewohn­barkeit des Plan­eten, die der Kap­i­tal­is­mus durch die wahnsin­nige Nutzung der natür­lichen Ressourcen „unseres gemein­samen Zuhaus­es“ in Frage stellt. Die Rev­o­lu­tion wird im 21. Jahrhun­dert von sich reden machen. Und sie wird per­ma­nent sein, oder gar nicht.

Wenn die Men­schheit irgen­deine Zukun­ft haben soll, die nicht diese elende Gegen­wart oder die Per­spek­tive ein­er zivil­isatorischen und ökol­o­gis­chen Krise auf großer Skala ist, wer­den wir durch eine Rei­he siegre­ich­er rev­o­lu­tionär­er Prozesse gehen müssen. Das ver­gan­gene Jahrhun­dert zeigt, dass die Arbeiter*innen die Macht übernehmen kön­nen, trotz aller Herrschaftsmech­a­nis­men der Kapitalist*innen. Es zeigte auch ein­deutig, dass die Kapitalist*innen nicht wider­stand­s­los ihre Priv­i­legien aufgeben wer­den, wie es immer in der Geschichte war, und dass das Kap­i­tal, wenn es nicht in seinen Grav­i­ta­tion­szen­tren besiegt wird, sich wieder auf­bauen und zur Gegenof­fen­sive blasen kann.

Inspiri­ert von der per­ma­nen­ten Rev­o­lu­tion hof­fen wir, die Bar­barei ver­mei­den und die „Vorgeschichte der Men­schheit“ über­winden zu kön­nen, wie Marx die Form der sozialen Organ­i­sa­tion nan­nte, in der wir noch leben. Nichts davon wird geschehen, wenn wir es nicht schaf­fen, eine rev­o­lu­tionäre poli­tis­che Organ­i­sa­tion der Arbeiter*innenklasse auf nationaler und inter­na­tionaler Ebene aufzubauen. „Wed­er Abklatsch noch Kopie“, wie der peru­anis­che Marx­ist Mar­iátegui sagte. Aber ohne uns von denen inspiri­eren zu lassen, die es vor 100 Jahren „gewagt haben“, ohne von der rev­o­lu­tionärsten Partei in der Geschichte der Arbeiter*innenklasse zu ler­nen, wer­den wir diese Auf­gabe nur schw­er durch­führen kön­nen – die lei­den­schaftlich­ste Auf­gabe, die man haben kann, wenn man mit diesem Sys­tem der Aus­beu­tung und Unter­drück­ung Schluss machen will…

Dieser Artikel erschien zuerst auf Spanisch in der Son­der­aus­gabe von Ideas de Izquier­da zum 100. Jahrestag der Rus­sis­chen Rev­o­lu­tion.

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