Geschichte und Kultur

Marxismus, Stalinismus und Queerfeindlichkeit

Ein historischer Abriss zu Marxismus und queerem Leben, von der jungen Sowjetunion bis zur "konservativen Linken".

Marxismus, Stalinismus und Queerfeindlichkeit
Lesbians and Gays support the miners | Foto: Ian Sanderson on Unsplash

Große Empörung rief kürzlich das Abstimmungsverhalten einiger Fraktionsmitglieder der Partei DIE LINKE im Bundestag bei der Frage der Novellierung des sogenannten Transsexuellengesetzes (TSG) hervor. Gemeinsam mit der Regierungskoalition und der AfD stimmten vier Linkspartei-Abgeordnete gegen eine Reform, die für trans Menschen eine spürbare Verbesserung ihrer Situation bedeutet hätte. Die weitaus prominenteste Figur unter den vieren war sicherlich die ehemalige Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht. Ihre Ignoranz gegenüber den Interessen der LGBTI-Community fand erst kürzlich in ihrem Buch „Die Selbstgerechten“ ihren Ausdruck im inzwischen beinahe berüchtigten Begriff der „immer skurrileren Minderheiten“.

Es sind solche Aussagen und Handlungen, die bei vielen den Eindruck festigen, das Interesse linker Politik für Fragen der Unterdrückung aufgrund sexueller oder geschlechtlicher Differenz sei höchstens oberflächlich. Nun gehört Wagenknecht, die lange Zeit als Marxistin galt, heute als Anhängerin ordoliberaler Wirtschaftspolitik und Gegnerin dessen, was sie als Identitätspolitik bezeichnet, sicher nicht zum linken Flügel der Partei. Denn Wagenknechts politische Herkunft ist nicht etwa der Marxismus, sondern der späte Stalinismus der Wendejahre: Noch im Frühsommer 1989 trat sie der sterbenden SED bei und engagierte sich nach der Umbenennung in PDS in der Kommunistischen Plattform, dem Sammelbecken der Apologet:innen der stalinistischen Bürokratie. In diesem Zusammenhang ergibt es Sinn, dass auch die LINKEN-Abgeordnete Sevim Dağdelen gegen die Reform des TSG gestimmt hat. Seit den 90ern ist sie in der Föderation der Demokratischen Arbeitervereine (DIDF) aktiv, deren Ursprung in der stalinistischen EMEP in der Türkei liegt.

Die reaktionären Positionen des Stalinismus zu sexueller und geschlechtlicher Unterdrückung spiegeln jedoch nicht im Geringsten das Erbe des Marxismus selbst wieder, wie ein Blick in die Geschichte der revolutionären Arbeiter:innenbewegung zeigt. Der revolutionäre Sozialismus wies in Russland mit der Oktoberrevolution vielmehr den Weg für eine umfassende Aufhebung der materiellen und ideologischen Grundlagen von LGBTI-Diskriminierung. Zu reaktionären Abweichungen kam es, als Parteien und Organisationen ihrem sozialistischen Selbstverständnis zum Trotz den revolutionären Horizont aufgaben und sich mit der kapitalistischen Welt zu arrangieren versuchten. Diese historische Erkenntnis kann uns heute dabei helfen, klarer zu fassen, welche Politik wir für die Emanzipation brauchen.

Der bolschewistische Vorstoß

In Russland hatte sich in der zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in den wichtigsten Städten des Landes, Sankt Petersburg und Moskau, eine schwule Szene gebildet. Sie hatte bekannte Orte zur Kontaktaufnahme, zum Beispiel Badehäuser, sprachliche Codes (tetki, was in etwa Tantchen bedeutet, als Fremd- und Selbstbezeichnung homosexueller Männer) sowie Elemente einer Kleiderordnung; zumindest in Privaträumen auch Cross-Dressing. Wie der Historiker Dan Healey in seinem Standardwerk zur Geschichte der Homosexualität im revolutionären Russland und der Sowjetunion „The Homosexual Desire in Revolutionary Russia“ (dt.: Das homosexuelle Begehren im revolutionären Russland) schreibt, zeugt es von „heterosexistischem und nationalistischem Chauvinismus, zu behaupten, dass diese homosexuelle Subkultur im zaristischen Russland oder in der UdSSR aus dem Ausland importiert oder von einer kommunistischen Missherrschaft geschaffen wurde.“1

Gleichzeitig war der gleichgeschlechtliche Sex zwischen Männern in Tradition der religiösen Regeln der orthodoxen Kirche verboten. Bis 1917 wurde die einvernehmliche „Sodomie“ mit dem Exil nach Sibirien bestraft. Die tatsächliche Umsetzung dieser Strafandrohung blieb jedoch lückenhaft. Mit der Annahme eines neuen Gesetzbuches 1922 verschwand die „Sodomie“ aus den offiziellen Rechtstexten des jungen Staates, nachdem durch die Abschaffung der zaristischen Gesetzbücher 1917 die Homosexualität bereits de facto dekriminalisiert worden war. Nach dem revolutionären Frankreich des 18. Jahrhunderts war die Sowjetunion damit einer der ersten Staaten der Welt, in dem die Homosexualität legalisiert war, während in der Weimarer Republik der §175 aus dem Kaiserreich weiterhin in Kraft blieb, bevor er im Faschismus verschärft und letztlich erst 1994 in der Bundesrepublik abgeschafft wurde – ein Menschenalter nach der Dekriminalisierung in der Sowjetunion.

Frauen, die romantische oder sexuelle Beziehungen zu anderen Frauen eingingen, hatten in Russland einen geringeren Zugang zur öffentlichen Sphäre und dementsprechend fiel es ihnen schwerer eine zusammenhängende soziale Gemeinschaft zu bilden. Zudem existieren hierzu weniger Quellen, da gleichgeschlechtlicher Sex unter Frauen nicht unter Strafe stand und sich deshalb beispielsweise nicht in Gerichtsakten niederschlug. Dennoch gelang es besonders wirtschaftlich unabhängigen Frauen, Netzwerke zu bilden und jenseits der erwarteten heterosexuellen Familie Beziehungen einzugehen. Im militärischen Klima der Bürgerkriegsjahre nach der Oktoberrevolution nahmen viele Frauen einen maskulinen Stil an, was einerseits eine Loyalität zur Revolution und den Willen zu ihrer Verteidigung signalisierte, aber für gleichgeschlechtlich liebende Frauen auch ein Code sein konnte, um andere Frauen anzuziehen. Die Grenzen zur Transgeschlechtlichkeit waren hierbei mitunter fließend. Auf eine Umfrage über Sexualität an der Moskauer Swerdlow-Universität im Jahr 1923 lautete eine Antwort: „Ich will ein Mann sein. Ich erwarte ungeduldig die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Kastration und die Transplantation männlicher Organe.“2 Tatsächlich wurden in den 20er Jahren solche Operationen durchgeführt, auch wenn ihr Erfolg aufgrund der noch sehr mangelhaften Methoden zweifelhaft war. Auch abseits medizinischer Eingriffe nutzten viele die Möglichkeit, ihre Geschlechtsidentität zu verändern, ließen sich entsprechende Ausweisdokumente ausstellen, nahmen männliche Varianten ihrer alten Namen an und veränderten ihre Kleidung und ihr Auftreten. Damit einher gingen lebhafte wissenschaftliche Debatten über Ursprung und Wesen der Homosexualität und des Geschlechts, die weithin als eng miteinander verbunden betrachtet wurden. Der Biologe Nikolai Konstantinowitsch Kolzow vertrat darin die Position: „Natürlich gibt es kein Zwischengeschlecht, sondern vielmehr eine unendliche Quantität der Zwischengeschlechter.“3

Jewgeni Fjodorowitsch M. begann 1915 mit 17 Jahren, eine männliche Identität anzunehmen. Während der Revolution ließ er seinen Namen in den offiziellen Papieren ändern und begann im Geheimdienst zu arbeiten. 1922 heiratete Jewgeni mit den neuen Dokumenten eine Frau, die in den Quellen S. genannt wird. Auch nachdem der Identitätswechsel bekannt geworden war, scheiterte ein Gerichtsverfahren der lokalen Behörden wegen „Verbrechen wider die Natur“ und die Ehe blieb bestehen. Sie war legal, weil sie durch beiderseitige Zustimmung zustande gekommen war – die geschlechtliche Identität der Ehepartner:innen war hierfür nicht relevant. Das Paar lebte noch mehrere Jahre mit einem Kind, das S. nach einer Affäre mit einem Kollegen zur Welt gebracht hatte, als Familie zusammen.4 Der revolutionäre Aufbruch und die Ablehnung überkommener Normen wurde nicht etwa nur von den Spitzen der Bolschewiki vertreten, sondern erlaubte Menschen wie Jewgeni ein ungekanntes Maß an Selbstbestimmung.

In der bürgerlichen Geschichtsforschung wurde gelegentlich behauptet, die Bolschewiki hätten mit der Abschaffung der zaristischen Gesetzbücher die Homosexualität gar nicht legalisieren wollen. Simon Karlinsky etwa behauptete, die Oktoberrevolution habe die Fortschritte der Revolutionen von 1905 und Februar 1917 für die Schwulenrechte umgekehrt und negiert, und versteckt die erstmalige Dekriminalisierung der „Sodomie“ in einem Nebensatz.5 Healey kommt auf Grundlage der seit der Öffnung der sowjetischen Archive 1991 zugänglichen Akten des Justizkommissariats jedoch zu dem eindeutigen Schluss:

Während diese Dokumente das Sodomiegesetz nicht im Detail diskutieren, zeigen sie doch einen prinzipientreuen Willen, den Akt zwischen zustimmenden Erwachsenen zu dekriminalisieren, der sich in den ersten Versuchen, 1918 ein sozialistisches Strafgesetzbuch zu schreiben, bis zu der letztlichen Annahme der Gesetzgebung 1922 ausdrückte.6

Mit der Entkriminalisierung der männlichen Homosexualität reihten sich die Bolschewiki in eine lange Tradition der Arbeiter:innenbewegung ein. 1898 war etwa der Anführer der SPD August Bebel der erste Politiker gewesen, der in einem Parlament die homosexuelle Emanzipation forderte. Drei Jahre zuvor hatten Sozialist:innen bereits den berühmten Schriftsteller Oscar Wilde verteidigt, als dieser wegen seiner Homosexualität vor Gericht stand. Eduard Bernstein kritisierte dabei scharf die Vorstellung, die Homosexualität weiche von der „Natur“ ab, schlug stattdessen vor, sie als eine Abweichung von der „noch immer in der Fiktion festgehaltenen Norm“ zu verstehen, und hielt fest, dass „ein vernünftiger Grund nicht abzusehen“ sei, warum ein Kontrakt zwischen Mann und Mann strafrechtlich geahndet werden solle.7 Tatsächlich waren Sozialist:innen nicht die einzigen, die die Legalisierung der Homosexualität forderten. Es waren jedoch sie, die nach der Oktoberrevolution nicht nur die Forderung danach aufstellen, sondern sie tatsächlich in die Tat umsetzen konnten.

Einen Eindruck für die offizielle Position der Bolschewiki in den ersten Jahren nach der Revolution vermittelt die Broschüre „Die sexuelle Revolution in Russland“, die 1923 vom Leiter des Moskauer Instituts für Sozialhygiene, Dr. Grigorii Batkis, verfasst wurde. Darin schreibt er:

[Die sowjetische Gesetzgebung] erklärt die absolute Nichteinmischung des Staates und der Gesellschaft in sexuelle Belange, solange niemand verletzt wird und niemandes Interessen beschränkt werden. Homosexualität, Sodomie und verschiedene andere Formen der sexuellen Befriedigung, die in der europäischen Gesetzgebung als Verstöße gegen die öffentliche Moral gelten, behandelt die sowjetische Gesetzgebung genauso wie den sogenannten ,natürlichen’ Verkehr. Alle Formen des sexuellen Verkehrs sind private Angelegenheiten.8

Selbstverständlich waren in der jungen Sowjetunion nicht vom einen auf den anderen Tag alle Vorurteile beseitigt, die sich in den Jahrzehnten und Jahrhunderten zaristischer Rückständigkeit eingeschliffen hatten. Die Legalisierungspolitik der Bolschewiki erstreckte sich zudem nicht auf den gesamten Bereich der Sowjetunion. Das 1926 etablierte Gesetzbuch der usbekischen SSR enthielt etwa weiterhin Paragrafen gegen die Homosexualität. Denn während diese im europäischen Zentrum des Landes als angeborene Eigenschaft einer Minderheit verstanden wurde, erschien sie in der Peripherie als weit verbreitetes, aus den sozialen Gegebenheiten erwachsenes Phänomen. Healey spricht hierbei von einem „Widerspruch zwischen dem erklärten sexuellen Avantgardismus der Sowjetunion und seiner Politiken in den entlegenen Regionen“9. Nach der Revolution 1917 schwand im Verlauf der 20er Jahre auch in den städtischen Zentren gleichzeitig mehr und mehr der Zugang zu mietbaren Innenräumen, was, so eine gängige Interpretation, zu einem Rückzug ins Private geführt habe. Dagegen spricht allerdings, dass homosexuelle Männer in der jungen Sowjetrepublik bedeutende öffentliche Rollen spielten. Der aus adligen Verhältnissen stammende Autor Michail Kusmin, der 1906 mit „Flügel“ den ersten die Homosexualität bejahenden Coming-Out-Roman geschrieben hatte, sympathisierte mit der Revolution und war gemeinsam mit Personen wie Wladimir Majakowski Vorsitzender der Petrograder Künstlervereinigung. Kusmin war befreundet mit dem offen schwul lebenden Georgi Tschiterin, der ab 1918 als Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, also in etwa sowjetischer Außenminister, fungierte.

Als Argument für eine angeblich prüde Position der Bolschewiki in Fragen der Sexualität werden oft einige vereinzelte Aussagen Lenins herangezogen. In der Korrespondenz mit der französischen Sozialistin Inessa Armand 1915 wehrte er sich gegen die Forderung nach einer „Freiheit der Liebe“.10 In wenigen Zeilen argumentierte er, dass die Freiheit von materiellen Sorgen, religiösen Vorurteilen oder „von den Fesseln des Gesetzes, des Gerichts und der Polizei“ damit schlecht ausgedrückt würden und man darunter auch die Freiheit „vom Ernst der Liebe“ oder „vom Kinderkriegen“ verstehen könne, was er als bürgerliche Forderung bezeichnete. Auch Healey leitet daraus (und aus ähnlichen Aussagen, die Lenin nach seinem Tod von Clara Zetkin zugeschrieben wurden11) ab, Lenin habe wohl sagen wollen, dass diejenigen, die an einer „persönlichen Abnormalität“ in ihrem Sexualleben litten, das im Privaten tun sollten, während sie sich der Revolution widmeten.12 Sherry Wolf lehnt diese „recht gestelzte Lesart von Lenins Gedanken“ in „Sexuality and Socialism“ (dt. Sexualität und Sozialismus) entschieden ab, da sie lediglich der aus dem Kalten Krieg stammenden Karikatur Lenins als abstinentem Asketen entspreche.13 Tatsächlich wurden Lenins Briefe an Armand erst 1939 unter Stalin veröffentlicht, um zu signalisieren, wie Healey in einer Fußnote selbst schreibt, dass die „Veränderungen der Familienpolitik in den 1930ern leninistische Ursprünge hätten.“14

Der stalinistische Rollback

Entgegen der Hoffnung der Bolschewiki war aus dem gesamteuropäischen revolutionären Aufschwung nach dem ersten Weltkrieg bis 1923 kein weiterer sozialistischer Staat hervorgegangen. In der kapitalistischen Umzingelung, der materiellen Not nach Jahren erst des Welt- und dann des Bürgerkrieges und der daraus resultierenden massiven Dezimierung des sowjetischen Industrieproletariats hatte sich in allen Bereichen der Verwaltung eine weit verästelte Bürokratie durchgesetzt, die die Isolation mit dem „Sozialismus in einem Lande“ in den Rang einer Theorie zu erheben versuchte.

Den Interessen der Bürokratie nach Selbsterhalt in der Koexistenz mit dem kapitalistischen Westen entsprach der gesteigerte Bedarf nach Arbeitskraft, was zu einer Politik der Geburtensteigerung führte. An die Stelle der Bemühungen um die Aufhebung der Familie, deren Aufgaben für die soziale Reproduktion durch die Einrichtung von öffentlicher Kinderbetreuung, Waschsalons oder staatlichen Kantinen überflüssig gemacht werden sollten, trat die Festigung traditioneller Familien- und Geschlechternormen. In einer Gewerkschaftszeitung schrieb Aron Solz, der bis zu seiner Amtsenthebung 1938 führende Ämter in der sowjetischen Justiz bekleidet hatte: „Die sowjetische Frau hat dieselben Rechte wie der Mann, aber das entbindet sie nicht von der großen und edlen Pflicht, die die Natur ihr auferlegt hat: Sie ist Mutter, sie schenkt Leben.“15

Die ideologische Rechtfertigung für die erneute Kriminalisierung der Homosexualität lieferte 1934 Stalins Sprachrohr in Kulturfragen, der Autor Maxim Gorki. Er schrieb der Homosexualität einen verderblichen Einfluss auf die Jugend zu und stellte den Mythos eines „reinen” Russlands dem Verfall des „überzivilisierten” Westens entgegen, der mit der Homosexualität auch den Faschismus hervorbringe. Seine Auslassung gipfelt in der infamen Aussage: „Zerstört die Homosexuellen – und der Faschismus wird verschwinden.“16

So wie die Dekriminalisierung der Homosexualität 1922 Teil einer umfassenderen Anstrengung zur Überwindung jeder Form der Unterdrückung aufgrund von Geschlecht oder Sexualität gewesen war, beschränkten sich die Konterreformen der 1930er Jahre ebenfalls nicht nur auf die Wiedereinführung der Verfolgung der Homosexualität. Auch die Prostitution wurde wieder kriminalisiert, Abtreibungen verboten und die Frauensektion im Zentralkomitee der Partei aufgelöst. Leo Trotzki bezeichnete diese Politik der Verbote als „Philosophie eines Pfaffen, der zudem noch die Macht des Gendarmen ausübt!“17 Diese Wende hin zu einem Kult der Mutterschaft ging mit der grausamen Verfolgung jeder tatsächlichen oder eingebildeten politischen Opposition einher. In „Brot und Rosen“ beschreibt Andrea D’Atri in Bezug auf die Frauenpolitik die Diskontinuität zwischen den ersten Dekreten im entstehenden Arbeiter:innenstaat und den ungeheuerlichen späteren Vorschriften der Bürokratie. Für die Bürokratie war klar: „Der Revolution muss eine Konterrevolution entgegengesetzt werden.”18 Dieser Bruch wurde mit der Deportation, Inhaftierung, Folter und Ermordung unzähliger Menschen durchgesetzt.

Mithilfe der – ihres revolutionären Inhalts beraubten – Komintern trug die stalinistische Bürokratie ab Mitte der 1920er Jahre ihre reaktionäre Ideologie auch in die Kommunistischen Parteien im Rest der Welt und übte in den folgenden Jahrzehnten einen starken konservativen Einfluss auf die gesamte Linke aus. Die Queerfeindlichkeit in der Linken beschränkte sich damit über lange Zeit hinweg nicht nur auf stalinistischen Organisationen. Auch etwa die trotzkistische Socialist Workers Party (SWP) in den Vereinigten Staaten schloss in den Jahren um den Stonewall-Riot, also mitten in der Entstehung einer radikalisierten LGBT-Befreiungsbewegung, „inoffiziell“ Homosexuelle und trans Menschen aus der Organisation aus, während der Ausschluss aus ihrer Jugendorganisation sogar öffentlich war, auch wenn sich das bald als nicht durchsetzbar herausstellte. Und auch als sie 1975 in einer Broschüre ihre Position veränderte und in den USA für Schwulenrechte eintrat, argumentierte sie, es sei „Kulturimperialismus“ diese Forderung auf das stalinistische Kuba anzuwenden, wo zu dieser Zeit die öffentliche Zurschaustellung der Homosexualität verboten war. Vor der kubanischen Revolution 1959 war Homosexualität dort jedoch legal gewesen. Die Implikation, Kubaner:innen seien besonders konservativ oder gar alle heterosexuell, war schon damals nichts mehr als ein rassistischer Stereotyp.

Die SWP war nicht die einzige Organisation in der Tradition des Trotzkismus, die solche Positionen vertrat. In einem Interview erzählt Ray Goodspeed, der 1984 mit „Lesbians and Gays Support the Miners“ (Lesben und Schwule unterstützen die Bergarbeiter, bekannt aus dem Film „Pride“) den großen Streik in den britischen Minen unterstützte, von der Haltung seiner damaligen Organisation: „Militant, die Gruppe, zu der ich damals gehörte, betrachtete Schwulenrechte als ein bürgerliches Anliegen und stellte sich vor, dass die Arbeiter:innen damit nicht umgehen könnten. Als ich jedoch mein Coming-Out hatte, waren es nur die Parteifunktionär:innen, die darauf seltsam reagierten, während die Leute aus der Arbeiter:innenklasse ziemlich locker waren.“

Auch wenn die SWP von sich behauptete, das revolutionäre Erbe des Trotzkismus weiterzutragen, nahm sie in dieser Frage offensichtlich reaktionäre Positionen ein. Diese waren aber nicht etwa nur eine isolierte Verirrung, sondern eine Konsequenz der Abweichung von der politischen Methode des Marxismus. Diese Abweichung bestand in einem verstärkten „Objektivismus“, also der Relativierung der Rolle der politischen Avantgarde der Klasse und der daraus folgenden Anpassung an das Gegebene. Statt zu versuchen das rückständige Bewusstsein in weiten Teilen der damaligen Arbeiter:innenklasse der USA mithilfe von Übergangsforderungen zu heben, passte sie sich diesem Konservatismus an. Ihre unkritische Haltung zu Kuba führte sie gleichzeitig dazu, die notwendige Verteidigung der Errungenschaften der kubanischen Revolution mit der Verteidigung der Bürokratie zu vermischen, die nicht nur Homosexuelle verfolgte, sondern auch jede Form der proletarischen Demokratie unterdrückte.

Das Erbe

Die Widersprüche, die in der bolschewistischen Politik gegenüber der Homosexualität nach 1917 fortbestanden, können nicht verstanden werden, ohne sie in den Kontext des materiellen Mangels und der internationalen Isolation des jungen Sowjetstaates zu setzen. Heute bestehen diese historisch spezifischen Umstände jedoch nicht mehr und die beträchtliche Produktivkraftentwicklung in Folge der enormen Verheerungen des Zweiten Weltkrieges würde einem neuen sozialistischen Anlauf eine ungleich bessere Ausgangsposition verschaffen. Während im jungen Sowjetstaat etwa die Ansätze für eine Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit scheitern mussten und das Projekt der Aufhebung der heteronormativen Familie in den Ansätzen stecken blieb, sind die ökonomischen Voraussetzungen für ein solches Projekt heute ungleich besser. Die Möglichkeiten für die Befreiung von geschlechtlicher und sexueller Unterdrückung sind ohne jeden Zweifel gegeben.

Besonders empört über die Aussagen Sahra Wagenknechts haben sich Teile ihrer eigenen Partei gezeigt, die sich auf die Fahnen schreiben, Kämpfe gegen soziale Ungleichheit und „Identitätspolitik“ unter dem Begriff einer „verbindenden Klassenpolitik“ zusammenzubringen. Von einer Politik der Befreiung von sexueller und geschlechtlicher Unterdrückung sind jedoch auch sie weit entfernt. Mit der vollständigen Integration in den bürgerlichen Staat, die ihren Höhepunkt im Streben nach der Beteiligung an einer Regierung unter Führung der Grünen findet, verfolgen sie eine Politik, die sich im besten Fall auf einige Reförmchen beschränkt, dabei in der Praxis aber jede Perspektive der Überwindung des Kapitalismus aufgibt (siehe auch MZ#4 „Warum wir 2021 noch für queere Befreiung kämpfen“). Wie das Beispiel der Bolschewiki jedoch eindrücklich beweist, ist gerade die Überwindung des Kapitalismus die erste Bedingung für die tatsächliche Überwindung der vielfältigen Formen der Unterdrückung. Das bedeutet jedoch ebenso, dass es zu diesem Ziel für sozialistische Organisationen, die sich in die revolutionäre Tradition der Bolschewiki stellen, keine gemeinsame Organisierungsperspektive mit dem „Regierungssozialismus“ der Partei DIE LINKE geben kann.

Die Legalisierung der Homosexualität in der Sowjetunion war nicht nur ein Meilenstein in der Geschichte sexueller Befreiung, sondern zeugt von der Macht eines Marxismus, der sich unabhängig von allen Institutionen des bürgerlichen Staates organisiert und, wie es Lenin 1902 formulierte, „es versteht, auf alle Erscheinungen der Willkür und Unterdrückung zu reagieren, wo sie auch auftreten mögen, welche Schicht oder Klasse sie auch betreffen mögen“.19

Korrektur: In der ursprünglich veröffentlichten Version des Artikels war ein Zitat von Aron Solz fälschlicherweise Stalin zugeschrieben worden. Wir bitten diese Ungenauigkeit zu entschuldigen. 

Fußnoten

1. Dan Healey: Homosexual Desire in Revolutionary Russia. The Regulation of Sexual and Gender Dissent, Chicago und London 2001, S. 48, eigene Übersetzung.
2. Zit. nach ebd., S. 63, eigene Übersetzung.
3. Zit. nach ebd., S. 166, eigene Übersetzung.
4. Ebd., S. 68.
5. Simon Karlinsky: Russia’s Literature and Culture. The Impact of the October Revolution, in: Martin Bauml Duberman, Martha Vicinus und George Chauncey, Jr. (Hg.): Hidden From History. Reclaiming Gay and Lesbian Past, New York 1989, S. 347-364, hier: S. 357.
6. Healey: Desire., S. 116, eigene Übersetzung.
7. Eduard Bernstein: Die Beurtheilung des widernormalen Geschlechtsverkehrs, in: Die Neue Zeit, 13/2 (1895), S. 228-233.
8. Zit. nach: Sherry Wolf: Sexuality and Socialism. History, Politics, and Theory of LGBT Liberation, Chicago 2009, S. 91, eigene Übersetzung.
9. Healey: Desire, S. 162, eigene Übersetzung.
10. An I. F. Armand, in: W. I. Lenin: Briefe, Band IV, August 1914-Oktober 1917, Berlin 1967, S. 49f.
11. Clara Zetkin: Erinnerungen an Lenin, Berlin 1975.
12. Healey: Desire, S. 113.
13. Wolf: Sexuality and Socialism, S. 93.
14. Healey: Desire, S. 301.
15. Zit. nach Victoria I. Sakevich und Boris P. Denisov: Birth Control in Russia. Overcoming the State System Resistance, Moskau 2014, S. 9, eigene Übersetzung.
16. Zit. nach Healey: Desire, S. 189f.
17. Leo Trotzki: Verratene Revolution. Was ist die UdSSR und wohin treibt sie?, in: Ders.: Schriften 1. Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur, Band 1.2 (1936-1940), Herausgegeben von Helmut Dahmer, Rudolf Segall und Reiner Tosstorff, Hamburg 1988, S. 687-1011, hier: S. 842.
18. Andrea D’Atri: Brot und Rosen. Geschlecht und Klasse im Kapitalismus, Hamburg 2019, S. 148.
19. W.I. Lenin: Was Tun? Brennende Fragen unserer Bewegung, Frankfurt am Main 1970, S. 118.

Dieser Artikel erscheint im Klasse gegen Klasse Magazin #4 – Für einen revolutionären Pride Month!. Schau dir hier die gesamte Ausgabe an.

One thought on “Marxismus, Stalinismus und Queerfeindlichkeit

  1. Stefan sagt:

    Unter Bezugnahme auf Walter Benjamins These von 1936, dass die faschistische „Ästhetisierung der Politik“ den Wunsch der Ausgebeuteten bediene, sich ästhetisch ausdrücken und zeigen zu können, z. B. auf Militärparaden oder im Massensport, formuliert auch der spanische Philosoph José Luis Pardo von der Universität Complutense Madrid die These, dass der Staat nach der Finanzkrise von 2008–2012 die Politik einer sozialen Angleichung und Gleichstellung aufgegeben habe zugunsten der Förderung einer Identitätspolitik, die als eine rein symbolische Politik wesentlich billiger sei. Als wichtigstes Forum dafür sieht Pardo die sozialen Netze an, die aber die Ungleichheit nur demagogisch kaschieren und dem Konsensgedanken schaden könnten.

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