Geschichte und Kultur

Die Herausforderungen der Russischen Revolution und die Rechte der Frauen

Dies ist der zweite Artikel einer Serie, welcher die Fortschritte im Bereich der Frauenrechte untersucht, die durch die Russische Revolution erzielt wurden, sowie die Schwierigkeiten bei der Umsetzung dieser Fortschritte angesichts der materiellen Bedingungen in Russland nach 1917.

Die Herausforderungen der Russischen Revolution und die Rechte der Frauen

Im Jahr 1921 war die Wirtschaft des jun­gen Sow­jet­staates am Boden zer­stört. „Uns man­gelt es […] an Zivil­i­sa­tion, um unmit­tel­bar zum Sozial­is­mus überzuge­hen“, meinte Lenin mit Blick auf die Rück­ständigkeit der Indus­trie, den rel­a­tiv gerin­gen städtis­chen Bevölkerungsan­teil und die dominierende Rolle der Land­wirtschaft in der Ökonomie. Er schlug die Neue Ökonomis­che Poli­tik (NEP) vor, mit der in eini­gen Agrarsek­toren das pri­vate Eigen­tum an den Pro­duk­tion­s­mit­teln wieder­hergestellt und die Beschränkun­gen des Außen­han­dels gelock­ert wur­den. Durch die kon­trol­lierte Anwen­dung bes­timmter Mark­t­mech­a­nis­men ver­suchte die UdSSR, die ruinierte Wirtschaft wiederzubeleben. Unter­dessen unter­drück­te die deutsche Regierung gewalt­sam den von der KPD geführten Auf­s­tand der Arbeiter*innen, wodurch die rev­o­lu­tionären Kräfte Europas geschwächt und die Iso­la­tion der UdSSR noch ver­stärkt wur­den.

Die NEP führte zur Entste­hung ein­er expandieren­den Mit­telschicht, die die Sit­u­a­tion zu ihren eige­nen Gun­sten aus­nutzte. Im Jahr 1922 erre­ichte die land­wirtschaftliche Pro­duk­tion drei Vier­tel des Vorkriegsniveaus. Doch während die bäuer­lichen “Nep­män­ner” eine größere soziale und wirtschaftliche Macht erlangten, wurde die indus­trielle Arbeiter*innenklasse – die Schlüs­selfig­ur der Rev­o­lu­tion — dez­imiert: Ein Großteil der Avant­garde war während des Bürg­erkriegs gefall­en; andere hat­ten Ver­ant­wor­tung als Funktionär*innen des neuen Sow­jet­staates über­nom­men und sich dem bürokratis­chen Umfeld angepasst; und Tausende von Arbeiter*innen ver­ließen während der Hunger­snot die Städte und kehrten in die Dör­fer zurück. Die Indus­trie erholte sich nicht im gle­ichen Tem­po wie die Land­wirtschaft. Die Schw­erindus­trie war gelähmt, während die Leichtin­dus­trie etwa ein Vier­tel der Vorkriegspro­duk­tion erre­ichte.

Es ist nicht schw­er vorstell­bar, dass sich unter den gegebe­nen Umstän­den auch die gesellschaftliche Zusam­menset­zung der bolschewis­tis­chen Partei verän­derte. “Anfang 1917 hat­te sie in ganz Ruß­land nicht mehr als 23 000 Mit­glieder. Während der Rev­o­lu­tion ver­drei- und vervier­fachte sich diese Zahl. Als der Bürg­erkrieg auf seinem Höhep­unkt war, im Jahre 1919, hat­te sich eine Viertelmil­lion Men­schen der Partei angeschlossen. Dieses Wach­s­tum zeigte die schiere Anziehungskraft, die die Partei auf die Arbeit­erk­lasse hat­te. Zwis­chen 1919 und 1922 ver­dreifachte sich die Zahl der Mit­glieder erneut und stieg von 250 000 auf 700 000. Das war aber zum größten Teil bere­its keine wirk­liche Zunahme mehr. Mit­tler­weile war der Andrang (der Arbeiter*innen a. d. Ü.) zum Tri­umph­wa­gen des Siegers voll in Gang gekom­men. […] die echt­en Bolschewi­ki [wur­den] auf eine kleine Min­der­heit reduziert.” (1)

All dies geschah, bevor Lenin im Mai 1922 seinen ersten Schla­gan­fall erlitt — ein Ereig­nis, wodurch er vorüberge­hend an der Führung der bolschewis­tis­chen Partei gehin­dert war, bis er sich let­z­tendlich, angesichts seines zweit­en Schla­gan­falls im Dezem­ber, ganz von sein­er poli­tis­chen Arbeit zurückziehen musste. Im sel­ben Jahr wurde Stal­in zum Gen­er­alsekretär der Partei ernan­nt. Später, nach einem drit­ten Schla­gan­fall, ver­lor Lenin seine Fähigkeit zu sprechen, blieb bet­tlägerig und ver­starb am 21. Jan­u­ar 1924. Aber in diesen let­zten Lebens­monat­en, in denen seine Kräfte krankheits­be­d­ingt dez­imiert waren, führte Lenin seinen let­zten Kampf für die Wiedere­in­führung des 1922 abgeschafften Außen­han­delsmonopols; gegen die Unter­drück­ung der Nation­al­itäten und gegen die Bürokratie, die begonnen hat­te, an der Organ­i­sa­tion der bolschewis­tis­chen Partei und des Sow­jet­staates zu nagen.

“Kolos­sale Kräfte hat­ten sich in Bewe­gung geset­zt: die der impe­ri­al­is­tis­chen Belagerung; die ein­er Agrar­bour­geoisie, die immer wieder neu ent­stand; die ein­er fein verästel­ten Bürokratie, die sich in allen Gefü­gen des Ver­wal­tungsap­pa­rates immer mehr aus­bre­it­ete. Trotz­dem set­zt Lenin bis zu seinem let­zten Atemzug auf das Bewusst­sein der Avant­garde […]. Er richtet sich an die Avant­garde der Avant­garde, an die gesun­den Ele­mente, die es in der Parteiführung noch geben kann. […] Das Jahr 1923 besiegelt das Ende der rev­o­lu­tionären Krise, die fünf Jahre lang ganz Europa erschüt­tert hat. Bis dahin hat die junge rus­sis­che Rev­o­lu­tion Wider­stand geleis­tet und hart­näck­ig an der Hoff­nung ein­er siegre­ichen Rev­o­lu­tion in Deutsch­land fest­ge­hal­ten, ohne die ihre eigene Zukun­ft the­o­retisch undenkbar erscheint. Das Scheit­ern des deutschen Okto­bers macht den Weg frei für den zukün­fti­gen Auf­stieg des Nazis­mus und ist das Vor­spiel für die Nieder­lage der linken Oppo­si­tion in Rus­s­land. Die Bürokratie erhebt diese dauer­hafte Isolierung zu ein­er The­o­rie und macht sich daran, die Rev­o­lu­tion in die Gren­zen des ‘Sozial­is­mus in einem Land’ einzus­per­ren. […] Lenin set­zt sich diesen von der Geschichte ent­fes­sel­ten Kräften ent­ge­gen. Von seinem Kranken­bett aus schlägt er Trotz­ki einen Pakt vor, um eine let­zte Schlacht gegen die Bürokratie zu schla­gen.“ (2) Aber die Bürokratie hat­te ihre Wurzel in der Nieder­lage der inter­na­tionalen Rev­o­lu­tion und der sozialen, wirtschaftlichen und kul­turellen Rück­ständigkeit Rus­s­lands.

Für Frauen führte diese Peri­ode zu einem Anstieg der Arbeit­slosigkeit und in den Städten zu ein­er sicht­bar erhöht­en Anzahl von Frauen, die in der Pros­ti­tu­tion arbeit­eten. Wie Wendy Z. Gold­man betonte, waren in den 1920er Jahren 86 Prozent der Frauen, die sich pros­ti­tu­ieren müssen, zuvor Arbei­t­erin­nen oder Selb­ständi­ge (als Schnei­derin­nen, Handw­erk­erin­nen usw.). Es waren Arbei­t­erin­nen, die aus der Pro­duk­tion ver­trieben wor­den waren, die den Abbau der kosten­losen Ver­sorgung durch Kindertagesstät­ten und Heime für allein­erziehende Müt­ter erlebt hat­ten und durch den vorherrschen­den Hunger und die mis­er­ablen Lebens­be­din­gun­gen in die Pros­ti­tu­tion gedrängt wor­den waren. Die Umstände waren allerd­ings kein Hin­der­nis für das uner­schrock­ene Han­deln der bolschewis­tis­chen Anführer*innen. “Eben dadurch wird aber auch eine enge Abhängigkeit zwis­chen unseren Erfol­gen auf dem Gebi­ete des All­t­agslebens von unseren Erfol­gen auf dem Gebi­ete der Wirtschaft fest­gestellt. Es beste­ht allerd­ings nicht der ger­ing­ste Zweifel darüber, dass wir selb­st bei dem heuti­gen Wirtschaft­sniveau bedeu­tend mehr Ein­fluss der Kri­tik, Ini­tia­tive und Ver­nun­ft in unser Leben hinein­tra­gen kön­nten. Ger­ade hierin beste­ht eine der Auf­gaben der Epoche. Noch klar­er aber ist es, dass die radikale Umgestal­tung des Lebens: die Emanzi­pa­tion der Frau von ihrer Lage als Haussklavin, die öffentliche Erziehung der Kinder, die Befreiung der Ehe von den Ele­menten des wirtschaftlichen Zwanges usw. – sich nur der gesellschaftlichen Akku­mu­la­tion und dem zunehmenden Übergewicht der sozial­is­tis­chen Wirtschafts­for­men über die kap­i­tal­is­tis­chen entsprechend ver­wirk­lichen lässt”, erk­lärte Trotz­ki 1923. Später betonte er die rev­o­lu­tionäre Rolle der kollek­tiv­en Kreativ­ität bei der Umgestal­tung von Gewohn­heit­en: “Alle neuen For­men […] müssen in die Spal­ten der Presse kom­men, zur all­ge­meinen Ken­nt­nis gebracht wer­den, die Fan­tasie und das Inter­esse weck­en und damit das kollek­tive Schöpfer­tum neuer Lebens­form vor­wärt­streiben. […] Das Resul­tat davon wird sein, dass das Leben reich­er, bess­er, geräu­miger, bunter, klangvoller wer­den wird. Das aber ist das Wesentliche.” (3)

Das Pri­vatleben war ein Bestandteil der Ver­ant­wor­tung der andauern­den Rev­o­lu­tion, so als ob der in den 1970ern von Fem­i­nistin­nen erhobene Slo­gan, “Das Pri­vate ist poli­tisch”, durch die bolschewis­tis­chen Vorstel­lun­gen, über die weib­liche Emanzi­pa­tion antizip­iert wor­den wäre: “die erste Auf­gabe, die tief­ste und drän­gend­ste, ist es, mit dem Schweigen, welch­es die Fra­gen des All­t­agslebens umgibt, zu brechen” (4). Wie weit ent­fer­nt sind diese Worte von der Art und Weise, in der die herrschende Bürokratie kurze Zeit später die eige­nen Zugeständ­nisse an das Klein­bürg­er­tum, die patri­ar­chalen Ide­olo­gien und die bru­tal­en Rückschläge im Namen des Sozial­is­mus glo­ri­fizierte!

Konterrevolution und Frauenrechte

Vielle­icht mehr als jed­er andere, musste Trotz­ki bei zahlre­ichen Gele­gen­heit­en auf die Frage antworten, weshalb er “Macht” ver­loren hat­te, da er, neben Lenin, der promi­nen­teste Anführer der Rus­sis­chen Rev­o­lu­tion gewe­sen war: “Wenn Rev­o­lu­tionäre, die die Eroberung der Macht geleit­et haben, an ein­er bes­timmten Etappe – ‘friedlich’ oder katas­trophal – sie zu ver­lieren begin­nen, so bedeutet das in Wirk­lichkeit den Nieder­gang des Ein­flusses bes­timmter Ideen und Stim­mungen in der führen­den Schicht der Rev­o­lu­tion oder den Nieder­gang der rev­o­lu­tionären Stim­mungen bei den Massen selb­st oder bei­des zusam­men.” (5). Die Bürokratisierung der Partei und des Staates wurde immer akzen­tu­iert­er, und Trotz­ki hat dies bril­lant zusam­menge­fasst: “Die jew­eilige Etappe begann sich für viel zu viele in eine End­sta­tion zu ver­wan­deln. Es ent­stand ein neuer Typus” (6).

Der Wider­stand gegen die Forderun­gen der Rev­o­lu­tion ver­wan­delte sich allmäh­lich in eine Kam­pagne gegen Trotz­ki selb­st, der die Oppo­si­tion gegen den Kurs der herrschen­den Kaste anführte. Aber er war gezwun­gen, seine Posten im Arbeiter*innenstaat aufzugeben, ver­ließ später die Führungs­gremien der bolschewis­tis­chen Partei und wurde schließlich endgültig aus der Partei aus­geschlossen. Den­noch verkör­perte Trotz­ki die Kon­ti­nu­ität des Lenin­is­mus und die gelebte Erfahrung der siegre­ichen Rev­o­lu­tion. Aus diesem Grund wurde er 1928 nach Alma Ata deportiert, wo er Die per­ma­nente Rev­o­lu­tion schrieb. In dem Buch argu­men­tierte er gegen Stal­ins nation­al­is­tis­che The­o­rie der Möglichkeit, den Sozial­is­mus schrit­tweise und evo­lu­tionär in einem einzi­gen Land aufzubauen. Para­dox­er­weise schränk­te die Sow­je­tu­nion im Namen des Sozial­is­mus die Entwick­lung der Verge­sellschaf­tung von Dien­stleis­tun­gen wie Kinder­be­treu­ung, Wäschereien und Kan­ti­nen ein. Um sich an der Spitze des Staates zu behaupten, ent­deck­te die Bürokratie den alten Fam­i­lienkult wieder, weil das neue Sys­tem das Bedürf­nis “nach ein­er sta­bilen Hier­ar­chie der gesellschaftlichen Beziehun­gen und nach der Diszi­plin­ierung der Jugend durch 40 Mil­lio­nen Stützpunk­te der Autorität und der Macht” (7) hat­te.

Vor dem zehn­ten Jahrestag der Okto­ber­rev­o­lu­tion führte das Stal­in-Regime die zivile Ehe als einzige legale Form der Lebens­ge­mein­schaft in den Augen des Staates wieder ein. Später löste es die Frauensek­tion des Zen­tralkomi­tees der Partei auf, bestrafte Homo­sex­u­al­ität und krim­i­nal­isierte Pros­ti­tu­tion. Wendy Z. Gold­man erk­lärte, “Das Ver­bot der Abtrei­bung im Juni 1936 wurde von ein­er Kam­pagne zur Diskred­i­tierung der lib­ertären Ideen begleit­et, die die Sozialpoli­tik in den 1920er Jahren geprägt hat­ten” (8). Weit­er sagte sie, “Die Dok­trin des ‘Abster­bens des Staates’, die einst für das sozial­is­tis­che Ver­ständ­nis der Fam­i­lie, des Rechts und des Staates zen­tral war, wurde verurteilt” (9). Die stal­in­is­tis­che Bürokratie, die die Macht aus den Hän­den der Arbeiter*innenklasse riss, lobte die Fig­uren des “Großen Vaters Stal­in” und der helden­haften rus­sis­chen Mut­ter der Arbeiter*innenklasse, welche Opfer für den patri­o­tis­chen Fortschritt bracht­en; sie erlaubte den Ehe­frauen der Beamten, mit einem Chauf­feur zu den Super­märk­ten zu fahren, während die Arbei­t­erin­nen auf­grund von Nahrungsmit­telk­nap­pheit und Rationierung in end­losen Schlangen warten mussten.

Aber die vom stal­in­is­tis­chen Regime aufer­legte Kon­ter­rev­o­lu­tion war nicht die unver­mei­dliche Kon­ti­nu­ität des Bolschewis­mus (wie sie viele Feinde der sozial­is­tis­chen Rev­o­lu­tion dazustellen ver­suchen), son­dern ihre Nega­tion. Sie musste eine ganze Gen­er­a­tion durch Exil, Verurteilun­gen zu Zwangsar­beit­slagern, gefälschte Prozesse und Exeku­tio­nen liq­ui­dieren. Der Ther­mi­dor, der die Eroberun­gen der Rev­o­lu­tion wegfegte, führte die Todesstrafe für Men­schen ab 12 Jahren ein und genehmigte Folterun­gen, sowie mas­sive und willkür­liche Hin­rich­tun­gen – bekan­nt als die Moskauer Prozesse –, die die Gen­er­a­tion der alten Bolschewi­ki eli­m­inierten, die es wagten, ihre Ablehnung des Regimes zu bekun­den.

Dies deutet nicht auf eine Kon­ti­nu­ität zwis­chen den ersten gewagten Dekreten des neuge­bore­nen Arbeiter*innenstaates von 1917 und den düsteren Anord­nun­gen der von der Bürokratie fest­gelegten Ord­nung für den Fortschritt der Nation hin. Die Rev­o­lu­tion wurde durch eine Kon­ter­rev­o­lu­tion gestoppt.

Lehren für die Gegenwart

Die Bolschewi­ki glaubten, dass die Schaf­fung ein­er poli­tis­chen Gle­ich­stel­lung zwis­chen Män­nern und Frauen die leicht­este Auf­gabe sei. Aber die Ver­wirk­lichung der Gle­ich­heit im täglichen Leben war eine unendlich kom­pliziert­ere Auf­gabe, da sie nicht von Rev­o­lu­tions­dekreten abhängig war. Um diese Gle­ich­stel­lung zu erre­ichen, war eine große bewusste Anstren­gung des gesamten Pro­le­tari­ats notwendig, ein Plan, der ein starkes Bedürf­nis nach Bil­dung und Fortschritt voraus­set­zte. Wie kon­nte man dann sagen, dass der Sozial­is­mus beina­he zur gle­ichen Zeit erre­icht war, während Abtrei­bung ver­boten und Pro­pa­gan­da betrieben wurde, wonach Frauen in ihre Häuser zurück­kehren und sich wieder auf Haushalt­sauf­gaben beschränken soll­ten? Trotz­ki prangerte dies ohne Umschweife an: “Die Okto­ber­rev­o­lu­tion hat­te sich die Emanzi­pa­tion der Frau auf ihre Fahne geschrieben und schuf die pro­gres­sivste Ehe- und Fam­i­lienge­set­zge­bung der Geschichte. Das heißt natür­lich nicht, dass die sow­jetis­che Frau sofort ein ›glück­lich­es Leben‹ zu erwarten hat­te. Die wahre Emanzi­pa­tion der Frau ist unvorstell­bar ohne eine generelle Hebung des wirtschaftlichen und kul­turellen Niveaus, ohne die Zer­störung der wirtschaftlichen Ein­heit der klein­bürg­er­lichen Fam­i­lie, ohne die Ein­führung von verge­sellschafteter Nahrungszu­bere­itung und ohne Erziehung. Und unter­dessen sorgt sich die Bürokratie, geleit­et von ihrem kon­ser­v­a­tiv­en Instinkt, um den ›Zer­fall‹ der Fam­i­lie. Sie begin­nt Loblieder zu sin­gen auf das gemein­same Aben­dessen und das Wäschewaschen für die Fam­i­lie, das heißt auf die Haussklaverei der Frau.” (10).

Im gle­ichen Sinne argu­men­tiert Wendy Z. Gold­man, dass, “obwohl materielle Bedin­gun­gen eine äußerst wichtige Rolle in der Unter­grabung der Vision der 1920er Jahre spiel­ten, sie nicht in let­zter Instanz für ihren Unter­gang ver­ant­wortlich [waren]. […] Die ide­ol­o­gis­che Kehrtwende der 1930er Jahre war wesentlich poli­tisch, nicht ökonomisch oder materiell, und trug all die Merk­male stal­in­is­tis­ch­er Poli­tik in anderen Bere­ichen. Das Gesetz von 1936 wurzelte in den pop­ulären und offiziellen Kri­tiken der 1920er Jahre, aber seine Mit­tel und sein Zweck bedeuteten einen drastis­chen Bruch mit früheren Denkmustern, ja sog­ar mit ein­er jahrhun­derte­lan­gen Tra­di­tion rev­o­lu­tionär­er Ideen und Prax­en” (11).

Mil­lio­nen von Men­schen wuch­sen unter der Vorstel­lung auf, dass der Stal­in­is­mus ein Syn­onym des Sozial­is­mus sei. Das rev­o­lu­tionäre Ban­ner wurde etwas mehr als ein halbes Jahrhun­dert lang von den mon­strösen Ver­brechen der Bürokratie befleckt. Vor diesem Hin­ter­grund schienen sich die Ideen von Rev­o­lu­tion und Frei­heit zu tren­nen oder gar im Wider­spruch zueinan­der zu ste­hen.

Gle­ichzeit­ig erhiel­ten Frauen im 20. Jahrhun­dert Zugang zu allen Ebe­nen der staatlichen Bil­dung, das Recht zur Ausübung aller Berufe und bis zu einem gewis­sen Grad zur Kon­trolle unser­er eige­nen Sex­u­al­ität und unseres Lebens. Den­noch wer­den diese Rechte nach wie vor nur den Reich­sten der Gesellschaft in vollem Umfang gewährt und von ihnen gelebt. Diese Erfolge ste­hen in schar­fem Gegen­satz zum All­t­ag von Mil­lio­nen von Frauen, die zu prekären Arbeit­splätzen, zu Arbeit­slosigkeit und Aus­beu­tung, zu Krankheit und Tod durch ille­gale Abtrei­bun­gen verurteilt sind, die von inter­na­tionalen Men­schen­han­del­snet­zen als bloße Ware zur sex­uellen Aus­beu­tung verkauft und gehan­delt wer­den, und ohne Trinkwass­er oder Strom mit nur zwei Dol­lar pro Tag leben.

Die Refor­men, die heute von ein­er Hand­voll Frauen erre­icht wur­den, fließen wie Wass­er zwis­chen unseren Fin­ger hin­durch und wer­den es auch weit­er­hin tun. Refor­men erlauben es eini­gen weni­gen, Rechte gel­tend zu machen, die Mil­lio­nen ver­weigert wer­den, oder sie ermöglichen es uns, diese Rechte lediglich kurze Zeit zu genießen, bevor die näch­ste kap­i­tal­is­tis­che Offen­sive Kürzun­gen und Beschränkun­gen aufer­legt. Aus diesem Grund betra­cht­en wir das zitierte Buch von Wendy Z. Gold­man nicht nur als eine Erin­nerung an die Ver­gan­gen­heit, son­dern als eine Quelle, aus der man trinken kann, um sich auf die gegen­wär­ti­gen und zukün­fti­gen Kämpfe für unsere Befreiung vorzu­bere­it­en. Denn schließlich, wie der bel­gis­che Marx­ist Mar­cel Lieb­man in seinem meis­ter­haften Werk bewiesen hat, “war es nicht der Kampf für Refor­men, der zur Rev­o­lu­tion führte, son­dern die Rev­o­lu­tion, die den Weg für die tief­greifend­sten Refor­men ebnete”.

Fußnoten
(1) Isaac Deutsch­er, Der unbe­waffnete Prophet, Stuttgart, W. Kohlham­mer, 1962.
(2) Zitiert aus dem Vor­wort von Daniel Ben­saïd für die franzö­sis­che Aus­gabe von Moshe Lewin, El últi­mo com­bate de Lenin, Barcelona, Lumen, 1970. Eigene Über­set­zung.
(3) Leo Trotz­ki, Fra­gen des All­t­agslebens, Essen, Arbeit­er­presse, 2001.
(4) Ebd.
(5) Leo Trotz­ki, Mein Leben. Ver­such ein­er Auto­bi­ogra­phie, Berlin, Man­i­fest, 2018.
(6) Ebd.
(7) Leo Trotz­ki, Ver­ratene Rev­o­lu­tion. Was ist die Sow­je­tu­nion und wohin treibt sie?, Essen, Arbeit­er­presse, 1990.
(8) Wendy Gold­man, Women, the State and Rev­o­lu­tion, Cam­bridge, Uni­ver­si­ty Press, 1993. Eigene Über­set­zung.
(9) Ebd.
(10) Leo Trotz­ki, „Twen­ty Years of Stal­in­ist Degen­er­a­tion“, in: Fourth Inter­na­tion­al, Bd. 6, Nr. 3, März 1945. Zuerst veröf­fentlicht im Bul­letin der Rus­sis­chen Oppo­si­tion, Nr. 66–67, Mai–Juni 1938. Eigene Über­set­zung.
(11) Gold­man, a.a.O..
(12) Mar­cel Lieb­man, Lenin­ism under Lenin, Lon­don, Mer­lin, 1989. Eigene Über­set­zung.

Dieser Artikel erschien zuerst im Juli 2018 bei Left Voice. Hier geht’s zum ersten Artikel dieser Rei­he.

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