Geschichte und Kultur

Die Herausforderungen der Russischen Revolution

Dies ist der erste von zwei Artikeln, welcher die Fortschritte im Bereich der Frauenrechte untersucht, die durch die Russische Revolution erzielt wurden, sowie die Schwierigkeiten bei der Umsetzung dieser Fortschritte angesichts der materiellen Bedingungen in Russland nach 1917.

Die Herausforderungen der Russischen Revolution

I

Entgegen der sozialdemokratischen Annahme, dass der Sozialismus zunächst in den hochindustrialisierten Nationen entstehen würde, erschufen die Arbeiter*innen Russlands die erste Diktatur des Proletariats. Fundamentale Verbesserungen wurden durch die bewaffnete Revolution in der am wenigsten entwickelten Nation Europas errungen, wodurch Russland zur weltgeschichtlichen Avantgarde wurde. Doch die wirtschaftliche und kulturelle Rückständigkeit des Landes, kombiniert mit den Niederlagen der Arbeiter*innenbewegung in den Industrieländern, blockierte den Weg vom Anfangsmoment der Revolution zum finalen Ziel des Sozialismus.

Von 1918 bis 1921, als der brandneue Arbeiter*innenstaat den sogenannten „Kriegskommunismus“ durchlief, konzentrierten sich die Bemühungen auf die Entwicklung der Militärindustrie und die Bekämpfung des Hungers, der die Städte heimsuchte. In ganz Russland produzierte die Industrie weniger als ein Fünftel dessen, was sie vor dem Ersten Weltkrieg produziert hatte. Die Moskauer Bevölkerung war auf die Hälfte des Vorkriegsniveaus gesunken, Petrograd auf kaum ein Drittel. Unterdessen wurde die Revolution in Deutschland, einem der fortschrittlichsten kapitalistischen Länder Europas, besiegt, wodurch die konservativen Kräfte des alten europäischen Regimes wieder an Boden gewinnen konnten. Anfang 1919 war das reaktionäre europäische Vorhaben, die aufstrebende Sowjetrepublik zu umzingeln, bereits vollendet.

Die Hoffnung, die die bolschewistische Führung in die deutsche Revolution setzte, war kein bloßer Tagtraum unbedarfter Anführer; das Überleben der Sowjetmacht in ihren ersten Monaten war dem europäischen Proletariat zu verdanken; unter ihnen ragte die heldenhafte deutsche Arbeiter*innenklasse heraus – diese Arbeiter*innen hatten das Reich inmitten des imperialistischen Krieges gestürzt. Das Schicksal der Russischen Revolution war in den Augen von Lenin und Trotzki untrennbar verknüpft mit der Beendigung des monumentalen Kampfes zwischen zwei Klassen in einem der am weitesten entwickelten kapitalistischen Länder dieser Zeit.

Als das Schicksal Sowjetrusslands auf dem Spiel stand, verabschiedete der erste Arbeiter*innenstaat der Geschichte eine noch nie dagewesene Gesetzesmaßnahme. „Das sowjetische Regime existierte noch nicht einmal einen Monat, als ein Dekret veröffentlicht wurde, zu dem die Provisorische Regierung in den acht Monaten an dder Macht nicht fähig gewesen war: das neue Scheidungsrecht und vor allem die Scheidung in beiderseitigem Einvernehmen. (Fast zur gleichen Zeit ersetzte die Zivilehe die religiöse Ehe.)“ (1) Der Historiker Henri Chambre betont, dass die sowjetische Gesetzgebung auf zwei Grundprinzipien beruhte: „die Emanzipation der Frauen und die Abschaffung ungleicher Rechte zwischen ehelichen und unehelichen Kindern“. Wendy Goldman teilt diese Einschätzung: „Aus einer vergleichenden Perspektive war das Gesetzbuch von 1918 seiner Zeit außergewöhnlich weit voraus. In Amerika und vielen europäischen Ländern gab es keine vergleichbare Gesetzgebung in Bezug auf die Geschlechtergleichheit, die Scheidung, die Anerkennung unehelcher Kinder und das gemeinsame Eigentum in der Ehe. Trotz all der radikalen Innovationen des Gesetzbuches wiesen die Juristen bald darauf hin, dass ‚diese Gesetzgebung nicht sozialistisch ist, sondern die Gesetzgebung einer Übergangsepoche‘. Denn im Gesetzbuch wurde das Eheregister beibehalten, ein Unterhaltsrecht für Frau und Kinder und andere Regelungen, die mit der noch immer bestehenden Notwendigkeit der Familieneinheit zusammenhingen. Als Marxisten waren die Juristen in der seltsamen Position, Gesetze zu entwerfen, von denen sie dachten, dass sie schon bald überholt sein würden“(2).

II

Die Revolution von 1917, der Erste Weltkrieg, der post-revolutionäre Bürgerkrieg, Dürren und Plagen, hatten das alte Russland auf den Kopf gestellt. Bis Ende 1920 hatten Krankheiten, Hunger und eisige Temperaturen 7,5 Millionen Russ*innen getötet, während der Krieg 4 Millionen weitere Todesopfer gefordert hatte.

Tausende von Kindern streiften durch die Straßen und suchten nach Brotkrumen, um zu überleben. Sie waren die Waisenkinder des Krieges, der Revolution und der Hungersnot und hatten Bedürfnisse, die der junge Arbeiter*innenstaat nur schwer erfüllen konnte. Die „besprizornost“ (Straßenkinder) waren Diebstahl, Landstreicherei, die grobe Behandlung durch die Behörden und ihr hartes Leben gewöhnt, und als die Agrarwirtschaft angekurbelt wurde, wurden sie auf die Felder geschickt. „1926 wurden 19.000 obdachlose Kinder aus staatlich finanzierten Kinderheimen entfernt und zu Großbauernhöfen gebracht, um mit einem jahrhundertealten Holzpflug zu säen und mit Sichel und Sense zu ernten“, beschreibt Goldman (3). Im Jahr 1925 gebrauchte der Pädagoge T.E. Segalow Fouriers berühmte Aussage über Frauen und wandte sie auf Kinder an. Er schreibt: „Die Art und Weise, wie eine Gesellschaft die Kindheit schützt, spiegelt das bestehende wirtschaftliche und kulturelle Niveau wider.“ In mancher Hinsicht verhieß dies nichts Gutes für die UdSSR.

Gleichzeitig gab es auch enorme Innovationen in der Erforschung der kindlichen Entwicklung und eine beispiellose pädagogische Revolution. Jede*r, die*der lesen und schreiben konnte, wurde für eine massive Alphabetisierungskampagne mobilisiert; literarische Klassiker wurden veröffentlicht, gemischtgeschlechtliche Schulen wurden eingerichtet und die Ausbildung erhielt einen polytechnischen und kollektiven Charakter. Prüfungen wurden abgeschafft und die Schulen wurden von einem Rat aus Arbeiter*innen der Einrichtung, Vertreter*innen lokaler Arbeiter*innenorganisationen und Schüler*innen ab dem Alter von zwölf Jahren verwaltet. Die neue Sowjetrepublik machte die gesamte Universitätsausbildung kostenlos.

Revolutionen, unabhängig ihrer Ideale und Absichten, müssen für eine radikale Änderung der Gesellschaft mit den bestehenden materiellen Bedingungen arbeiten. Dazu gehört es auch, schwierige Entscheidungen in einem Geflecht herzzerreißender Widersprüche zu treffen, wie es in der UdSSR der Fall war. Inmitten dieser heftigen Widersprüche kämpfte die Revolution ums Überleben und fand ihren Weg. Nicht selten landeten billige Bücher, die ursprünglich der Alphabetisierungskampagne dienen sollten, im Feuer, um ihre angedachten Leser*innen davor zu schützen, aufgrund des Brennstoffmangels zu erfrieren.

Dies waren die Gegensätze der UdSSR nach der Revolution.

Fußnoten
(1) Marcel Liebman, zit. nach Andrea D’Atri, Brot und Rosen. Geschlecht und Klasse im Kapitalismus, Hamburg, Argument, 2019.
(2) Wendy Goldman, zit. nach Andrea D’Atri, a.a.O.
(3) Wendy Goldman, Women, the State and Revolution, Cambridge, University Press, 1993. Eigene Übersetzung.

Der zweite Artikel dieser Reihe wird in den nächsten Tagen erscheinen.

Dieser Artikel erschien zuerst im Juli 2018 bei Left Voice.

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