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In Rostock demonstrieren Studierende und Erzieher*innen für bessere Bildung – aber warum getrennt?

Die Erzieher*innen sind empört über wenig Personal. Die Student*innen nutzen den Besuch der Bildungsministerin um für eine gerechtere Hochschulfinanzierung zu demonstrieren. Doch die Kämpfe finden getrennt statt.

In Rostock demonstrieren Studierende und Erzieher*innen für bessere Bildung – aber warum getrennt?

‪Um 15 Uhr‪ versammeln sich 50 Studierende der Universität Rostock‬‪ und einzelne Unterstützer*innen zu einer Kundgebung vor dem Hauptgebäude‬ ‪der Universität. Grund für die Versammlung ist eine CDU-Konferenz in den‬ Räumen der Universität. An dieser nahm auch Johanna Wanka teil. Als‬ ‪Bildungsministerin ist sie für Einsparung‬ im Hochschulbereich und die sogenannte Elitenförderung zuständig.‬

‪Aufgerufen hatte der Allgemeine Studierenden-Ausschuss (AStA). In‬ ‪einzelnen Gruppen stehen die Teilnehmenden vorm Hauptgebäude. Manche‬ ‪haben es sich auf der Wiese davor gemütlich gemacht. Der AStA hat einen‬ kleinen Handwagen mitgebracht, worüber Musik abgespielt wird.‬

‪“Zeckenrap“ und die Liedermacherin Dota beschallen die Straße vor dem‬ Hauptgebäude. Ein Megaphon ist für Ansagen und Redebeiträge mitgebracht‬ ‪worden. Die Rede der Juso-Aktivistin und Asta-Referentin für‬ Hochschulpolitik, Katharina Wilke, war kämpferisch, begrenzte sich aber‬ ‪auf die Belange der Studierenden. Leider wurde im Redebeitrag vergessen‬ ‪zu erwähnen, dass von der Sparpolitik der Bundesregierung nicht nur‬ ‪Studierende betroffen sind, sondern auch Beschäftigte, wie die‬ ‪Reinigungskräfte. Weiterhin wurde nicht erwähnt, dass im Anschluss am‬ ‪Doberaner Platz die Demo der GEW für mehr Personal und Zeit in Kitas‬ ‪beginnt. Wer nicht lernt die einzelnen Kämpfe zu verbinden, braucht sich‬ über geringe Beteiligung nicht zu wundern. Das‬ Verhalten der Jusos beim AStA zeigt, dass Sektierer*innentum auch in‬ ‪reformistischen Organisationen Praxis ist.‬

Kämpferische Beschäftigte

‪Um 17 Uhr‪ stehen 200 Erzieher*innen am Doberaner Platz. Sie fordern‬ ‪mehr Personal in den Kindertagesstätten. Dafür soll der‬ Betreuungsschlüssel angehoben werden. Die GEW hat Westen, Pfeifen und Ratschen bereitgestellt. Die‬ aufgebrachten Lohnabhängigen machen viel Lärm. Ein*e unsolidarische*r‬ ‪Anwohner*in beschwert sich über die „Belästigung“. Der Sozialsenator der‬ ‪Hansestadt und Politiker der Linkspartei, Steffen Bockhahn, kommt ans‬ ‪Mikrofon. Die Erzieher*innen werden laut. Gerade hat sich die GEW mit‬ ‪ihm einen Rechtsstreit geliefert und gewonnen. Nach der letzten‬ ‪Tarifrunde im Sozial- und Erziehungsdienst sind die Löhne der‬ ‪Erzieher*innen 2015 leicht gestiegen. Der Politiker der Linkspartei‬ ‪wollte die erkämpfte Lohnerhöhung nicht zahlen.

Er verwies auf die‬ ‪finanziellen Schwierigkeiten der Stadtverwaltung und lud die‬ ‪Verantwortung auf die Landesregierung ab. Auf kämpferische Verhandlungen ‬‪des Sozialsenators brauchen die Erzieher*innen aber nicht zu hoffen.‬ ‪Steffen Bockhahn versucht lieber auf juristischem Weg sich vor höheren‬ ‪Löhnen zu drücken. Dabei offenbaren die Panama Papers weshalb angeblich‬ ‪das Geld fehlt. Während Großkonzerne dank Briefkastenfirmen kaum Steuern‬ ‪zahlen, sucht Steffen Bockhahn nach Erklärungen für sein Verhalten und‬ lobt die gute Arbeit der Erzieher*innen.‬

‪Dann zieht die Demonstration über den Schröderplatz und die Lange Straße ‬zum Kröpeliner Tor. Kurzzeitig werden die Straßenbahnschienen blockiert‬ ‪und die Fahrgäste müssen sich gedulden. Auch der Straßenverkehr erfährt‬ Einschränkungen. Zwei junge Demonstrant*innen versuchen Parolen zu‬ ‪rufen. Trotz großer Nähe sind sie kaum zu verstehen. Der‬ Lautsprecherwagen der GEW beschallt die Demonstration mit den aktuellen ‬‪Charts. Nach einer kurzen Besprechung wird die Musik ausgemacht.

Durchs‬ Mikrophon erklingt: „Viele Kinder, wenig Zeit, die Bildung auf der‬ Strecke bleibt“. Der Spruch kommt gut an, viele Erzieher*innen rufen‬ ‪enthusiastisch mit. Auf der Abschlusskundgebung wird der regionale‬ Charakter der Demonstration betont. Auch aus den umliegenden Landkreisen‬ ‪sind Erzieher*innen gekommen. Die Teilnehmenden gehören zur Belegschaft ‬verschiedener Träger. Gekommen sind u.a. Erzieher*innen beim DRK, ASB und ‬‪der Volkssolidarität. Weitere Aktionen werden angekündigt.

Auch in‬ Güstrow, Bad Doberan und Ribnitz-Damgarten soll es Demonstrationen‬ ‪geben. Diese sollen ebenfalls regional beworben werden. Eine ganze‬ ‪Kampagne für mehr Personal in Kindergärten soll es geben.‬

Wer nicht lernt die einzelnen Kämpfe zu verbinden, braucht sich über geringe Beteiligung nicht wundern. Hätten AStA, GEW und die Reinigungskräfte, Bürokräfte und Beschäftigte des Botanischen Gartens der Universität gemeinsam für eine gerechtere Finanzierung im Bildungsbereich demonstriert, wären sie vielleicht auf ingesamt 300 Teilnehmende gekommen und hätten eine gemeinsame, kämpferische Demo gestaltet. Für den Schulterschluss zwischen Studierenden, der Jugend und Arbeiter*innen nach dem Motto:One struggle, One fight!

Richtigstellung
In einer früheren Version dieses Artikels wurde Katharina Wilke mit falschem Nachnamen zitiert.

4 thoughts on “In Rostock demonstrieren Studierende und Erzieher*innen für bessere Bildung – aber warum getrennt?

  1. Katharina sagt:

    Ich fühle mich sehr geehrt dass ich mit Katharina König verwechselt werde aber doch bin ich Katharina Wilke. Und bei der Kundgebung des AStA wurde auf die Kundgebung am Dobi hingewiesen und es waren auch dann Personen mit bei der Demo.

    1. webmaster sagt:

      Das tut uns leid. Wir haben es jetzt korrigiert. Sorry!

  2. CaroB sagt:

    Gut recherchierter Artikel, wenn man nicht man den Namen der AStA Referentin weiß, die im übrigen auch auf die Kundgebung am Dobi hingewiesen hat.
    Außerdem finden sich die Studierenden durch die Kundgebung am Dobi auch nicht wirklich gut repräsentiert- da muss das Thema dann allgemein „Mehr Geld für Bildung“ sein. Aber dann kommt vermutlich keiner mehr…

  3. Sunny sagt:

    Schöner Artikel! Es wäre einfach schön die Studierenden aus dem studentischen Sumpf befreien… und vom Personalschlüssel in Kitas sind auch Studierende betroffen, wenn sie Kinder haben oder mal haben werden.

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