Drohende Bodeninvasion: Trumps gefährliche Flucht nach vorn

03.04.2026, Lesezeit 9 Min.
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Foto: Lance Cpl. Victor Gurrola/U.S. Marine Corps, Public Domain

Während die USA im Krieg gegen den Iran in einer Sackgasse stecken, steigt das Risiko einer Bodenoffensive.

Gut einen Monat nach Beginn des imperialistischen Angriffs auf den Iran kann auch der Nebel des Krieges eine Wahrheit kaum noch verschleiern: Die USA verlieren. Trotz einer Reihe taktischer Erfolge, wie der Ausschaltung großer Teile der iranischen Führungsriege, scheint das US-israelische Lager weit davon entfernt, irgendeines ihrer – ohnehin unklar definierten – strategischen Ziele zu erreichen. Während die Aggression bereits die Massakrierung von tausenden Zivilist:innen und jahrzehntelang andauernde Umweltschäden nach sich gezogen hat und die wirtschaftlichen Auswirkungen drohen, Abermillionen Menschen in die Armut zu stürzen, ist die Aussicht auf einen schnellen Sieg verschwunden. Trump, der angetreten war, „Amerika wieder groß zu machen“, hat sich spektakulär verkalkuliert und die Götterdämmerung der Supermacht nur noch offener zutage treten lassen.

Die Vereinigten Staaten suchen nun fieberhaft nach einem Ausweg aus dieser strategischen Sackgasse, der im Inland wie international glaubhaft als „Sieg“ verkauft werden kann. Die widersprüchlichen Signale aus Washington spiegeln diese Orientierungslosigkeit wider: In den letzten Tagen sprach Trump erneut davon, den Krieg in Kürze beenden zu wollen, selbst ohne die Wiederöffnung der Straße von Hormus erreicht zu haben. Nachdem sich die großspurigen Behauptungen des US-Präsidenten über produktive Verhandlungen mit der iranischen Führung als Bluff erwiesen haben, kündigt er nun an: „Iran muss keinen Deal machen, nein.“ 

Zugleich wird die Eskalationsspirale weitergedreht. Falls der Iran sich nicht auf einen Deal einlasse, werde die US-Armee das Land „härter als jemals zuvor angreifen“ und „die Hölle entfesseln“, so Trump am Mittwoch. In diesem Zusammenhang verdichten sich die Hinweise, dass eine Bodenoffensive von US-Truppen bevorstehen könnte. In den vergangenen Tagen wurden Teile der 82. Luftlandedivision der US-Armee, die auf Fallschirmoperationen spezialisiert ist, und tausende Marines, die auf amphibische Kriegsführung spezialisiert sind, in die Region verlegt. Gestern veröffentlichte das US-Kriegsministerium Fotos von US-Marines, die einen simulierten amphibischen Angriff durchführten.

Im Zentrum dieser Planungen stehen begrenzte, aber hochriskante Operationen. Am wahrscheinlichsten erscheint die Besetzung der Insel Kharg, über die 90 Prozent der iranischen Ölexporte abgewickelt werden. Aber auch weitere gezielte Vorstöße entlang der iranischen Küste, um militärische Infrastruktur zu zerstören und die Kontrolle über den Seeweg zu erzwingen, könnten vorbereitet werden. Während eine großangelegte Invasion des iranischen Festlandes selbst für die – dem Größenwahn nicht abgeneigte – Trump-Administration keine Option darstellt, wäre die politische und militärische Bedeutung auch solcher ‚begrenzter‘ Operationen enorm und würden den Übergang in eine neue Phase des Krieges einläuten, in der US-Soldat:innen direkt auf iranischem Territorium kämpfen würden.

Das Kalkül hinter den Vorbereitungen für eine Bodeninvasion ist klar: Die bisherige Form der US-israelischen Kriegsführung über die Luft hat das Kräfteverhältnis nicht grundlegend verändert. Weder konnte das iranische Regime – wie in Venezuela – zu einer politischen Kapitulation vor dem US-Imperialismus gezwungen werden, noch ist es zusammengebrochen oder militärisch handlungsunfähig gemacht worden. Eine amphibische Offensive wäre vor diesem Hintergrund ein Versuch, die festgefahrene Situation gewaltsam aufzubrechen. Hinter der möglichen Besetzung von Kharg steht die Hoffnung, mit der Kontrolle über diese Schlagader der iranischen Wirtschaft, Teheran zu Zugeständnissen zu zwingen. Von einer gewaltsamen Öffnung der Straße von Hormus verspricht man sich hingegen, den größten Trumpf der iranischen Verteidigung aus dem Weg zu räumen.

Doch die Risiken sind enorm. „Unsere Männer warten darauf, dass die amerikanischen Soldaten vor Ort eintreffen, um sie in Brand zu setzen und ihre regionalen Verbündeten ein für allemal zu bestrafen“, so der iranische Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf. Wie der Analyst Harrison Mann in Responsible Statecraft beschreibt, könnte der Versuch, das „Kronjuwel“ des Irans einzunehmen, zu einem „Selbstmordkommando“ für die US-Armee werden. Kharg liegt nur wenige Kilometer vor der iranischen Küste – ein Gebiet, von dem sich die US-Navy bisher fernhält, weil das Risiko zu hoch ist – und wäre für US-Truppen ein extrem verwundbarer Vorposten. Die militärischen Kapazitäten des Iran, seine Drohnen, Raketen, Artillerie und asymmetrische Taktiken an Land könnten eine solche Operation schnell vereiteln. Selbst wenn es US-Truppen gelingt, auf die Insel einzudringen, was höchst fraglich ist, könnte die iranische Militärführung „jegliche Rettungsversuche vereiteln und die US-Streitkräfte auf Kharg festhalten“ – das Gespenst der Geiselkrise von 1979, die entschieden zur Niederlage von Jimmy Carter bei den Präsidentschaftswahlen beitrug. 

Auch strategisch ist die Annahme, dass der Iran unter dem Druck eines solchen Angriffs kapitulieren würde, fragwürdig. Die vergangenen Wochen haben vielmehr gezeigt, dass die Angriffe den inneren Zusammenhalt des Regimes eher stärken als schwächen. Vor allem würde ein solcher Einsatz die Gefahr einer unkontrollierbaren Eskalation bergen. Aus einem als spektakuläre Prestigeoperation konzipierten Manöver könnte ein langwieriger und blutiger Stellungskrieg werden. Sollte sein ursprünglicher Plan nicht aufgehen, könnte sich das US-Regime gezwungen sehen, den Einsatz massiv auszuweiten – möglicherweise bis hin zu Kämpfen auf dem Festland –, um einer erneuten Demütigung durch das iranische Militär zu entgehen und damit jede Illusion über ein baldiges Ende des Kriegs zerschmettern.

Auch im eigenen Land steht die Trump-Administration mit dem Rücken zur Wand. Laut einer neuen Reuters/Ipsos-Umfrage lehnen bereits 60 Prozent der Bevölkerung den Krieg gegen den Iran in seiner jetzigen Form ab. Währenddessen ist die Unterstützung für eine Bodeninvasion verschwindend gering – nur 18 Prozent der Befragten würden eine solche Eskalation begrüßen. Nach Jahrzehnten endloser Kriege ist die Bereitschaft gering, erneut Tausende US-Soldat:innen zu opfern. Eine Bodenoffensive könnte daher nicht nur militärisch, sondern auch politisch zu einem Desaster werden, indem sie Auftrieb für die Entstehung einer Antikriegsbewegung gibt – die sich bereits in Anfängen auf den jüngsten „No Kings“-Protesten abgezeichnet hat. Gleichzeitig könnte sich die Unterstützung für den Präsidenten im „America First“-Lager – wichtige Figuren der Rechten wie Tucker Carlson bringen bereits jetzt lautstark ihre Ablehnung des Krieges, den sie als Falle Israels darstellen, zum Ausdruck – weiter erodieren.

Während die US-Bevölkerung unter enorm gestiegenen Spritpreisen leidet, ist damit zu rechnen, dass eine Bodeninvasion die ohnehin katastrophalen wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges – das World Food Programme schätzt, dass der Krieg mindestens 45 Millionen Menschen in ärmeren Ländern in Hungersnot zwingen wird – verschärfen wird. Selbst in dem vom bellizistisch und pro-zionistisch ausgerichteten ThinkTank Foundation for Defense of Democracies herausgegebenen Long War Journal wird davor gewarnt, dass eine „Eroberung von Kharg die Wiederöffnung der Straße von Hormus eher verzögern als beschleunigen würde“. Vor diesem Hintergrund könnte eine Bodeninvasion für die USA in einer historischen Demütigung enden und ihre internationale Stellung weiter untergraben. Doch trotz aller Fallstricke scheint eine riskante ‚Flucht nach vorn‘, um sich aus der aktuellen Sackgasse herauszufinden, wahrscheinlich. Im US-Regime selbst sind die Meinungen gespalten: Teile des republikanischen Parteiapparates und des Pentagons appellieren aus Furcht vor schlechten Wahlergebnissen, wirtschaftlichen Auswirkungen und einem militärischen Desaster an Trump, den Krieg herunterzufahren. Währenddessen drängen die neokonservative Fraktion der Republikaner um Lindsay Graham, Teile seines Kabinetts und allen voran Israel auf eine Eskalation.

Angesichts der Gefahren einer langanhaltenden und schmerzhaften Wirtschaftskrise und der unsicheren Perspektiven der US-zionistischen Kriegsführung, zeichnet sich im Falle der europäischen Staatschefs ein Bild von Ratten, die versuchen, das sinkende Schiff zu verlassen. Nach der Vertagung des Grönlandskonflikts hat der Krieg gegen den Iran die Spannungen im transatlantischen Verhältnis wieder an die Oberfläche gebracht. Neben dem spanischen Premier Pedro Sanchez hat nun auch Giorgia Meloni – eigentlich eine eingefleischte Transatlantikerin – angekündigt, den USA keine italienischen Militärbasen zur Verfügung stellen zu wollen. Selbst Merz, der den Krieg zu Beginn ausdrücklich begrüßte, sieht sich nun gezwungen, ein Stück von der Nibelungentreue zu den USA und Israel abzurücken und eine vorsichtige Distanzierung vorzunehmen. Diese Entwicklung sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die europäischen Mächte, allen voran Deutschland mit der US-Basis in Ramstein und Waffenlieferungen an Israel, weiterhin eine Mitverantwortung für die imperialistische Aggression tragen.

Die europäischen Regierungen sind weder willens noch fähig, Trump und Netanjahu Einhalt zu gebieten. Die Gefahr einer Bodeninvasion und eines sich daraus ergebenden Flächenbrandes – dessen Leidtragende an erster Stelle die Arbeiter:innen und Unterdrückten im Iran und der gesamten Region sein werden – verdeutlicht die Notwendigkeit, eine weltweite Bewegung gegen den Krieg und für die Niederlage der USA und Israels aufzubauen. Der Rückzug von ICE aus Minneapolis hat bereits gezeigt, dass Trump mit den Mitteln des Klassenkampfes geschlagen werden kann. In Deutschland besteht die wichtigste Aufgabe darin, auf die Schwächung des imperialistisch-zionistischen Lagers hinzuarbeiten, mit gemeinsamen Streiks, Protesten und Blockaden von Schüler:innen, Arbeiter:innen und Studierenden für die Schließung der US-Militärbasen und den Abbruch aller militärischen und politischen Beziehungen mit Israel.

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