Geschichte und Kultur

Drei außergewöhnliche Filme für die Quarantäne

Viele vermeintlich moderne Filme machen müde, man hat das Gefühl, ein Film gleiche dem anderen. Trotzdem muss man seinen Blick gar nicht so weit jenseits des Mainstreams schweifen lassen, um Filme zu finden, die aus dem bewährten Trott ausbrechen. Hier sind drei spannende Filme, die du vielleicht noch nicht gesehen hast.

Drei außergewöhnliche Filme für die Quarantäne

Foto: Erik Mclean

Viele vermeintlich moderne Filme machen müde. Bis zum Rand mit mehr oder weniger guten CGI-Effekten vollgestopft, bleiben sie sonst in alten, ausgetretenen Pfaden. Die Muster („Tropes“) sind ausgelutscht und ihre Erzählweise bleibt in ihren Genres stecken. Die filmische Weiterentwicklung ist leider oft kaum vorhanden, und man hat das Gefühl, ein Film gleiche dem anderen. Trotzdem muss man seinen Blick gar nicht so weit jenseits des Mainstreams schweifen lassen, um Filme zu finden, die aus dem bewährten Trott ausbrechen. Hier sind drei spannende Filme, die du vielleicht noch nicht gesehen hast.

In Den Gängen, 2018

„In den Gängen“ von Thomas Stuber ist ein Film über das Arbeitsleben und die Liebe. Er spielt hauptsächlich in einem Getränkemarkt und zeigt einen pessimistischen Blick auf die kleine Welt nach der kapitalistischen Restauration Ostdeutschlands.

Anders als andere Heimatfilme romantisiert er nicht im klassischen Sinne. Statt dessen setzt der Film auf starke Elemente von eines Melodramas, konzentriert sich also stark auf die inneren Konflikte von Charakteren. Themen wie Depression und Monotonie im Kapitalismus werden dabei in einen kritischen, und teilweise auch fortschrittlichen Film verpackt. Dazu gibt es fantastische Aufnahmen von Gabelstaplern, die zu klassischer Musik fahren. Die kleinen und großen Sorgen, Nöte und Hindernisse des Alltags spielen hier die Hauptrolle. Auch wenn dieser Film es nicht schafft, eine fortschrittliche Antwort auf die kapitalistische Restauration zu geben und die Übergriffigkeit des Protagonisten teilweise verharmlost, zeigt er deutlich: Heimatfilme müssen keine billige Schnulze , sondern können auch großes Kino sein.

 

The Irishman, 2019

„The Irishman“ von Martin Scorsese ist ein ungewöhnlicher Film. Er zeigt die Geschichte des Auftragsmörder Frank Sheeran und seinen Aufstieg in der Mafia, sowie seine Verstrickungen im Fall des Verschwindens des reaktionären Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa. Der Film basiert auf dem Buch “I Heard You Paint Houses“, in dem Frank Sheeran als alter Mann die Geheimnisse einer mittlerweile ausgestorbenen Mafia-Familie offenlegt.

Der Film wird von dem im Altersheim lebenden Frank Sheeran erzählt, und zeigt seine Sicht auf sein Leben. Das führt nicht nur zu der Lauflänge des Films von drei Stunden, dazu, dass eine kleine Nebengeschichte nach der anderen gezeigt wird, sondern auch dazu, dass es absolut keine Cliffhanger gibt. Der Film nimmt sich ein Stück weit selbst vorweg. In dem Moment, in dem er Charaktere vorstellt, wird oft der Ausgang ihres Lebens in wenigen Worten ausgeführt. Er ist das Gegenstück zu modernen Serienproduktionen, die sehr stark auf Cliffhanger bauen, und die allgegenwärtige Angst vor Spoilern sogar dazu führt, dass oft nicht mehr über den eigentlichen Inhalt diskutiert wird. Der radikale Gegenentwurf in „The Irishman“ nimmt einem etwas von dem Fiebern auf den neuesten Höhepunkt, doch er erlaubt einem auch, sich über den Inhalt und die Aussage des Filmes mehr und mehr Gedanken zu machen.

Spannend ist nicht nur die Erzählweise und zu sehen, wie Mafia und Gewerkschaftsbürokratie unter einer Decke stecken, auch die Entwicklung der Rolle der Frau über den Verlauf des Filmes, dessen Handlung über mehrere Jahrzehnte läuft. So kann man in den Rollen von Frank Sheerans Töchtern den Umgang der Frauen mit der Mafia und die zunehmenden Abgrenzungen zu dieser verfolgen. Während Sheerans Tochter als Kind der Gewalttätigkeit ihres Vater, zum Beispiel gegenüber einem Gemüsehändler, hilflos zusehen muss, ist Sheeran in der letzten Szene so schwach, dass er nicht mehr an seine Tochter herankommt, um sich bei ihr zu entschuldigen. Sie auf der anderen Seite interessiert sich für diese Entschuldigung auch gar nicht mehr. Der Film, auch wenn er in erster Linie ein Gangsterepos ist, schafft es so, die Rolle der Frau gut aufzugreifen.

„The Irishman“ ist ein außergewöhnlicher Film, nicht nur wegen der eingesetzten „Verjüngungstechnik“, mit der Schauspieler*innen durch Nachbearbeitung jünger erscheinen, oder der schauspielerischen Leistung von Robert DeNiro. Der Film erzählt nicht nur eine Gangstergeschichte, er schafft es auch diese zu entzaubern. Einzig eine weniger passive Rolle der Basis der Gewerkschaften hätten wir uns gewünscht.

 

Parasite, 2019

„Parasite“ von Bong Joon-ho, der versierten Kinogänger*in durch den schockierenden „Snowpiercer“ bekannt sein könnte, ist ein absolutes Meisterwerk. Anders kann man es nicht sagen. Die schauspielerische Leistung ist herausragend ist, die Atmosphäre verschiedener Viertel in Seoul beeindruckend eingefangen. Doch nicht nur deswegen, er schafft es, das Genres des Thrillers weiter zu entwickeln. Während Alfred Hitchcock viel auf kleinbürgerliche Verlustängste setzte, um Nervenkitzel zu erzeugen, benutzt Bong Joon-ho den offenen Klassenwiderspruch und daraus resultierende Ängste um „Suspense“ zu erzeugen.

Dieser besteht zwischen einer liberalen Bonzenfamilie, die Angestellte für Reproduktionsarbeit sucht und einer Arbeitslosenfamilie, die in prekären Verhältnissen lebt und ihr Überleben irgendwie sichern muss. Dabei verfällt der Film nicht in einen stumpfen, personifizierten Anti-Kapitalismus. Die Reichen werden keineswegs als böse Ausbeuter dargestellt, oder als gute Weltretter, sondern eher als Träger ihrer Klassenherkunft, die ihre ökonomischen Machtverhältnisse nutzen. Im Gegensatz dazu verhält sich die Arbeitslosenfamilie amoralisch im bürgerlichen Sinne. Mit einstudierten Lügengeschichten und gefälschten Zeugnissen schaffen sie es ,im Haus der reichen Familie Arbeit zu bekommen und ihr Überleben so zu sichern. Dies wird aber keineswegs als negativ, sondern viel mehr als überlebenswichtig dargestellt.

Auch wenn der Film politisch super spannend ist, lebt er auch von seinem unglaublich gut gemachten Thrill und bewegt sich dabei zwischen vielen Genres. Er zeigt Horrorelemente ohne Übernatürliches, Komödie ohne stumpfe Witze und besitzt einen Spannungsaufbau, der seinesgleichen sucht. Basierend auf dem Widerspruch zwischen arm und reich, wird eine unheimlich gut erzählte Geschichte auf die Leinwand gebracht. Der Film hat vollkommen zurecht einen Oskar gewonnen und wird von vielen zu Unrecht übersehen.

 

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