Geschichte und Kultur

Moonlight: Ein außergewöhnlicher Gangsterfilm

Gangsterfilme sind leider oft nach dem selben Konzept aufgebaut: Eine Crew bekämpft die andere und am Ende gewinnen diejenigen, die moralisch irgendwie besser sind. Doch der Regisseur Barry Jenkins zeigt in „Moonlight“, dass das Thema viel mehr zu bieten hat. [Spoilerwarnung]

Moonlight: Ein außergewöhnlicher Gangsterfilm

“Moon­light” gren­zt sich von anderen Gang­ster­fil­men ab, indem er den Fokus auf das Innen­leben der homo­sex­uellen Haupt­fig­ur Chi­ron in drei Teilen (Kindheit/Jugend/Erwachsenen) legt. Es wird auf Gewalt verzichtet, die nur die ver­meintliche Härte oder das Gang­ster­sein darstellen soll. Der klein­bürg­er­liche Habi­tus des Gang­ster­tums und die Psy­che Chi­rons ste­hen dage­gen im Mit­telpunkt. So wird im ersten Kapi­tel gezeigt wie Chi­ron als Kind von sein­er crack­süchti­gen Mut­ter ver­stört ist und sich in sich zurückzieht. Gle­ichzeit­ig baut er aber eine Kind-Vater-Beziehung mit dem Deal­er sein­er Mut­ter auf.

Er zeigt auch Szenen, die in Main­stream­fil­men sofort raus­geschnit­ten wor­den wären: So entza­ubert der Film im drit­ten Kapi­tel das Gang­ster­tum Chi­rons, als er vor dem Essen seine gold­e­nen Gril­lz aus dem Mund nehmen muss. Sein alter Schul­fre­und Kevin fragt ihn, was das mit den gold­e­nen Zäh­nen und dem ganzen Schmuck über­haupt soll. Chi­ron antwortet nicht und wirkt dabei mehr wie ein Jugendlich­er, der seine Zahnspange her­aus­nimmt.

Im sel­ben Kapi­tel wird auch erstaunlich viel Arbeit gezeigt. Die bei­den sehen sich nach Jahren das erste Mal in einem Restau­rant wieder, aber Kevin erken­nt Chi­ron nicht wieder. Kevin räumt unzäh­lige Tis­che ab, bevor sie ins Gespräch kom­men. Dann beste­ht Kevin darauf, für Chi­ron zu kochen, was auch in voller Länge gezeigt wird. Der Höhep­unkt kommt, als Kevin in den span­nend­sten Momenten des Gespräch­es auf­ste­ht und die Tis­che der Gäste weit­er abräumt. Die Lohnar­beit ste­ht hier vor jedem emo­tionalen Bedürf­nis. Dieser ehrliche Blick ist eine wirk­liche Sel­tenheit in Fil­men.

Kleinbürgerliche Träume

Im Straßen­rap geht es oft nur darum, das Leben auf der Straße zu ver­her­rlichen. Doch hin­ter dieser Kul­tur ste­hen auf der einen Seite ein Über­leben­skampf und auf der anderen Seite klein­bürg­er­liche Wohl­stand­sträume. Das wird im ersten Kapi­tel von “Moon­light” auch sehr gut ent­larvt: Chi­ron, als Kind, wird von einem auf den ersten Blick sehr net­ten Mann vor den anderen Kindern, die ihn mobben, gerettet. Juan gibt ihm Essen und Obdach. Das Zuhause des Mannes erfüllt das Klis­chee eines klein­bürg­er­lichen Vorstadtlebens: Ein kleines Haus, eine hüb­sche und ein­fühlsame Frau, die der Hausar­beit nachkommt, ein schick­es Auto und ein biss­chen Grün als Garten. Erst später wird klar, dass der Mann jen­er Dro­gen­deal­er ist, der sein­er Mut­ter Crack verkauft. So wird das ganze Gang­ster­leben schon im ersten Kapi­tel zer­legt. Die Träume, die teil­weise umge­set­zt wur­den, wer­den von der Real­ität über­schat­tet. Das schöne Leben der erfol­gre­ichen Gang­ster wird anders als in fast allen anderen Fil­men sehr zwiespältig dargestellt.

Unterdrückungsformen aller Art

In dem ganzen Film wer­den viele Unter­drück­ungs­for­men der bürg­er­lichen Gesellschaft gezeigt. Doch der Film begin­nt nicht mit den oft behan­del­ten Unter­drück­un­gen wie Ras­sis­mus oder Sex­is­mus. Im ersten Kapi­tel wird gezeigt, wie Chi­ron als Kind nicht auf die bürg­er­liche Real­ität klarkommt und Außen­seit­er wird.

Auch Wider­sprüche wer­den in dem Film immer weit­er zuge­spitzt. Im ersten Kapi­tel wird Chri­on als „Schwuch­tel“ beze­ich­net und man sieht wie es ihn belastet. Dage­gen wird er im zweit­en Kapi­tel dafür schon geschla­gen. In der darauf­fol­gen­den Szene sieht man auch wie die Wut aus ihm her­aus bricht und er auf seine Peiniger bru­tal los­ge­ht. Gewalt wird nicht ver­her­rlicht oder als notwendig dargestellt, son­dern als ein Akt der Verzwei­flung und der anges­taut­en Wut. So kann man die Gewalt zwar sehr gut nachvol­lziehen, aber gle­ichzeit­ig nicht ver­her­rlichen.

Visuelle Ästhetik

Unter­stützt wird die ganze Geschichte von ein­er sehr span­nen­den Ästhetik. Während in den meis­ten Fil­men Far­ben nur genutzt wer­den, um möglichst pro­fes­sionell zu wirken, unter­stützen sie hier wirk­lich ein­drucksvoll die Aus­sage des Films. Die Pastelltöne bestärken anfangs die fre­undliche und famil­iäre Stim­mung, die von dem Mafiosi Juan gegenüber Chi­ron aus­ge­ht. Diese gehen dann naht­los in einen sehr dun­klen Look im Stre­it zwis­chen Juan und Chi­rons Mut­ter über. Auch das Cyan in den Tiefen passt sehr gut zum Film: In den Nacht­szenen unter­stützt es das kalte Mondlicht – passend zum Titel – und ist gle­ichzeit­ig die Kom­ple­men­tär­farbe zu Haut­tö­nen (siehe Far­bkreis in der Grafik).

Auch von der Musik würde man bei einem Gang­ster­film erwarten, dass sämtliche Hip-Hop-Hym­nen aus­gepackt wer­den. Der Film wird aber von anges­pan­nter, aufwüh­len­der Klas­sik unter­stützt, die das Innen­leben des Pro­tag­o­nis­ten darstellt. Nur in ein­er Szene, in der Chi­ron mit Gril­lz, einem teuren Auto und Gold­ket­ten rumpro­llt, läuft über sein Autora­dio Gang­ster­rap.

Keine Lösung 

Auch wenn der Film die Schat­ten­seit­en des klein­bürg­er­lichen Gang­ster­tums gut aufzeigt, schafft er es nicht über eine ober­fläch­liche Kri­tik hin­auszuge­hen. Die Ein­tönigkeit und Frus­tra­tion im Kap­i­tal­is­mus bringt Men­schen dazu, Dro­gen zu nehmen und auch zu verkaufen, aber das wird nur am Rande dargestellt. „Moon­light“ kri­tisiert nur die Auswüchse der Pro­duk­tion­sweise, aber nicht das Sys­tem an sich. Linke, die Gang­ster­rap zu ernst nehmen, tun trotz­dem sich­er gut daran, sich den Film anzuse­hen und sich Gedanken darüber zu machen, ob das dort propagierte Leben wirk­lich so cool ist. Oder ob der Klassenkampf eine bessere Per­spek­tive bietet.

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