Geschichte und Kultur

Eine Rezension zum antifaschistischen Heimatkrimi „Hinterwald“

Max van Beveren betreibt einen Blog zu rechter Traditionspflege in Oberbayern und hat zur Aufarbeitung der Gebirgsjäger-Verbrechen ein Heft veröffentlicht. Für „Klasse Gegen Klasse“ rezensiert er den Roman „Hinterwald“, der sich zeitgenössisch mit diesem Thema befasst.

Eine Rezension zum antifaschistischen Heimatkrimi „Hinterwald“

Foto aus dem Medienarchiv der Wikimedia Commons

Zugegeben: Als ich einen ersten Vorabdruck des Romans „Hinterwald“ im Mittenwalder Landboten gelesen habe, einer Zeitung, die eigens für die Proteste gegen die Brendtenfeier der Gebirgsjäger in Mittenwald im vergangenen Juni gedruckt wurde, war ich sehr skeptisch. Er machte den Eindruck eines pöbeligen, autonomen Romans, der lediglich darauf ausgelegt schien, klandestine Treffen zu beschreiben, die politische Aktionen planen. Mit dem Stereotyp eines Staatsschützers, männlich, weiß, biertrinkend, mit einem Faible für Grillen und Fußball und einem Hass auf alles Linke. Keine großen Neuigkeiten also, dachte ich erst. Doch weit gefehlt! Denn der von Lissbeth Lutter geschriebene Roman Hinterwald, der im Mai dieses Jahres erschien, ist wahnsinnig gut!

Die Geschichte beginnt im Mai 2002. Zum 45. Mal soll die sogenannte Brendtenfeier der Gebirgsjäger stattfinden. Ausgetragen, wie schon seit 1957, vom Kameradenkreis der Gebirgstruppe, ein Verband in dem sich ehemalige und aktive Gebirgsjäger vereinen, also von der Wehrmacht bis zur Bundeswehr. Gemeinsam wollen sie ihrer Gefallenen der beiden Weltkriege und der Bundeswehr gedenken. Dass es aber insbesondere in den Reihen der Gebirgsjäger der Wehrmacht Soldaten und Einheiten gab, die für Zerstörungen von Dörfern, für Massenerschießungen von Zivilist*innen, für die Deportation von Jüdinnen* und Juden*, allgemein also für Terror in ganz Europa und der Sowjet Union verantwortlich sind, scheint nicht von Bedeutung zu sein. Ritterlichkeit, Tapferkeit, Ehre und Vaterland stehen im Mittelpunkt und so soll es auch im Mai 2002 bleiben. Doch die alljährliche Idylle wird aufgebrochen, als sich rund 50 antifaschistische Aktivist*innen auf den Weg nach Hinterwald machen, an den Ort, an dem die Brendtenfeier stattfinden soll. Sie wollen auf die Verbrechen der Gebirgsjäger aufmerksam machen, zeigen, dass es im Kameradenkreis nach wie vor Kriegsverbrecher gibt, die bis heute unbehelligt leben, dass sogar der Vater des Hinterwalder Bürger*innenmeisters Rudolf Leisinger ein nachweislicher Verbrecher war, aber bis heute, mit Foto inklusive Wehrmachtsabzeichen, in der örtlichen Kapelle geehrt wird.

Die*der Leser*in findet sich zu Beginn in einer Hinterwalder Gastwirtschaft wieder, in welcher der obligatorische Kameradschaftsabend, am Tag vor der Brendtenfeier, stattfindet, als plötzlich die Gruppe der 50 Aktivist*innen auftaucht. Ausgerüstet mit Pappschildern, auf denen Bilder von Wehrmachtsoffizieren zu sehen sind, die für Verbrechen verantwortlich waren, betreten sie den Saal, um eine Schweigeminute für die Opfer der Gebirgstruppe abzuhalten. Doch schon nach wenigen Sekunden eskaliert die Situation, als Veteranen und junge Gebirgsjäger der Bundeswehr die Aktivist*innen beschimpfen und schließlich zuschlagen, Aschenbecher und Bierkrüge nach ihnen werfen. Eine der Hauptprotagonist*innen des Romans, Karina Mertens, wird dabei schwer verletzt und auch Genoss*innen von ihr tragen Verletzungen davon. Trotzdem sind sich danach alle einig, dass diese Aktion durchaus gelungen war und nur der Anfang einer antimilitaristischen Kampagne sein sollte.

Tatsächlich war es nicht nur der Anfang einer Kampagne, sondern auch der Beginn von Verfolgung, Flucht und Mord, womit der Roman zum Krimi wird. Denn nur wenige Wochen später wird Karina Mertens‘ Freund Lukas Roehm ermordet. Ausgerechnet er, der Nachforschungen zu den Verbrechen der Gebirgsjäger anstellte und dann auch noch im Archiv der Gebirgstruppe, wo er sich mit einer Journalistin des Mittenwalder Tagblattes treffen will, die mehr über die Gebirgstruppe und ihre Geschichte erfahren möchte. Schließlich nahm die Journalistin an besagtem Kameradschaftsabend vor der Brandtenfeier teil, um einen gewohnt positiv gehaltenen Artikel zu schreiben. Doch während Polizei und Staatsschutz bei den linken Aktivist*innen selbst nach einer*einem Tatverdächtigen suchen, kommt für Karina Mertens und ihre Mitstreiter*innen die*der Mörder*in eindeutig aus einem anderen Umfeld, nämlich aus dem Kameradenkreis selbst. Und damit ist die*der Leser*in, nachdem die ersten Kapitel teils etwas langatmig erscheinen, mitten im Geschehen. Während Karina und ihre Genoss*innen an weiteren Aktionen rund um die revisionistische Traditionspflege der Gebirgsjäger arbeiten und den Tod ihres Freundes Lukas versuchen aufzuklären, merkt auch die Lokaljournalistin, die lediglich mit dem Namen „Heilige Johanna“ oder „Jean d’Arc“ erwähnt wird, dass im Hinterwalder Idyll etwas nicht stimmt, dass unter dem Alpenpanorama, den Wandmalereien und der Geigenbautradition eine verbrecherische Geschichte liegt, der sie im Laufe des Romans mehr und mehr auf die Spur kommt.

Schließlich spitzt sich die Situation aber weiter zu, als es einen zweiten Mord gibt. Diesmal ist der Tote jedoch selbst ein ehemaliger Gebirgsjäger und Mitglied des Kameradenkreises. Haben sich die linken Aktivist*innen damit an Lukas Roehms Mord gerecht? Oder ist es die*der selbe Täter*in, die*der Lukas ermordete? Doch warum sollte ein Mitglied des Kameradenkreises einen eigenen Kameraden ermorden, wie etwa Karina denkt? Die Polizei und der Staatsschutz suchen einmal mehr bei den linken Aktivist*innen nach Antworten, schließlich ist die Lokaljournalistin am Tatort von der eintreffenden Polizei gefunden worden und die scheint nach den Ansichten des Staatsschützers Max Forster mittlerweile sowieso mit „den Linksextremist*innen“ unter einer Decke zu stecken – womit er gar nicht so Unrecht behalten sollte. Doch auch dieser zweite Mord sollte nicht der letzte sein, denn die*der Mörder*in scheint stets mehr Karina und die Journalistin und schließlich sogar die Proteste gegen die Brendtenfeier ein Jahr später, im Mai 2003, zu denen viele Menschen angereist sind, ins Visier zu nehmen. Je mehr Karina und Johanna ihr*ihm auf die Spur kommen, desto entschlossener ist sie*er, das Morden weiterzuführen. Doch die*der Mörder*in hat das Vorhaben ohne eine entscheidende weitere Person geplant, die seit frühester Kindheit Rache üben möchte.

Ja, der Roman hat seine etwas abgedroschenen und stereotypen Momente, ist darüber hinaus jedoch nicht nur gut geschrieben, sondern überzeugt vor allem durch die Beschreibung realer Schauplätze und insbesondere durch das Einflechten von historischen Tatsachen. Denn, dass die Gebirgsjäger der Wehrmacht Verbrechen begangen haben, ist Tatsache. Dass ihre Geschichte bis heute beschönigt wird, ist Tatsache. Welche weiteren Überschneidungen es mit der Wirklichkeit gibt, sei der*dem Leser*in selbst überlassen herauszufinden! Wichtig zu erwähnen ist zudem, dass Lissbeth Lutter darauf verzichtet hat, die Hauptcharaktere klassisch „männlich“ zu besetzen, wie es in Krimis zu oft der Fall ist, sondern Frauen* diese Rollen schreibt, die sich nicht nur gegen Übergriffigkeit, Sexismus und Machogehabe zur Wehr setzen, sondern für Aufklärung in mehrfachem Sinn kämpfen.

Ein wirklich guter Heimatkrimi, der dringend weiterempfohlen wird!

 

Literatur

Lisbeth Lutter: Hinterwald, De Noantri Verlag 2019, 474 Seiten, 20 Euro. Hier zu bestellen.

Max van Beveren: Im Schatten der Alpen. Ehrungen für die Gebirgsjäger der Wehrmacht in Oberbayern. E.i.S. 2019, 18 Seiten. Zu bestellen unter rechtesoberbayern@web.de.

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