Geschichte und Kultur

„Der junge Karl Marx“: Die Geburt des Kommunismus auf der Großleinwand

Am 2. März startet bundesweit „Der junge Karl Marx“, ein Film über die politische Entwicklung von Karl Marx und Friedrich Engels von 1843-48. Wir haben uns diesen Film über Marx’ junge Jahre und die Entstehung des Sozialismus als Wissenschaft und Politik zugleich schon vorab angeschaut.

„Der junge Karl Marx“: Die Geburt des Kommunismus auf der Großleinwand

Normalerweise müsste man vor einer Filmrezension vor dem offiziellen Kinostart ein großes „Spoiler Alert“ platzieren. „Der junge Karl Marx“ von Regisseur Raoul Peck mit August Diehl als Karl Marx, Stefan Konarske als Friedrich Engels und Vicky Krieps als Jenny Marx funktioniert ein bisschen anders, denn die inhaltlichen Stationen des Films sind wohlbekannt: Marx’ Arbeit bei der Rheinischen Zeitung, sein Exil in Paris, seine Bekanntschaft mit Engels, die Auseinandersetzung mit den Junghegelianern und dem Anarchismus, sowie die Gründung des Bundes der Kommunisten und die Geburt des Kommunistischen Manifests.

Was „Der junge Karl Marx“ so spannend macht, ist natürlich zum Einen diese Geschichte, zum Anderen aber die Zeit, in der der Film veröffentlicht wird. Die größte Weltwirtschaftskrise seit den 1930er Jahren ist immer noch nicht abgeschlossen. Jahrzehnte nach dem angeblichen „Ende der Geschichte“, als der stalinistische Ostblock zerfiel und der Neoliberalismus den Siegeszug antrat, wird der Hunger nach Alternativen außerhalb des traditionellen politischen Systems immer größer. „Der junge Karl Marx“ zeigt gerade zur richtigen Zeit, dass die Suche nach Alternativen nicht zwangsläufig in rechten Varianten wie Trump, Front National oder AfD enden muss, sondern eine ganz andere Gesellschaft möglich ist – und was die Grundlagen dafür sein können. Der Film kommt auch pünktlich zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution in die Kinos, dem größten sozialistischen Experiment der Menschheitsgeschichte.

Umso wichtiger, den Film nicht all denen zu überlassen, die Marx als Spektakel vermarkten oder sich mit ihm schmücken wollen, sondern stattdessen den Film so zu lesen, wie Marx diese Jahre seines Werdens selbst verstand: als Einleitung in die Geschichte des Sozialismus als Wissenschaft und Politik zugleich.

Denn die Message des Films ist klar: Die Ideen Marx’ und Engels’ fallen nicht vom Himmel, sondern sind einerseits Ausdruck der Widersprüche der brutalen Klassengesellschaft, und andererseits Produkte eines Prozesses der politischen Klärung und des ideologischen Kampfes. Ohne die Anschauung der Lage der Arbeiter*innenklasse, ohne die am eigenen Leibe erlebte Repression, ohne die Auseinandersetzung mit den Junghegelianern wäre das Kommunistische Manifest nie entstanden. Oder anders gesagt: Ihr Verständnis von Sozialismus ist Ausdruck einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Klassengesellschaft und ihren Ideologien.

Zugleich wird im Film auch klar, dass Marx und Engels keine abgehobenen Theoretiker waren, sondern zum Einen viele menschliche Seiten – und Schwächen – mit sich tragen, und zum Anderen – was vielleicht noch wichtiger ist –, immer aktiv in die Politik interveniert haben. Die Gründung des Bundes der Kommunisten und vor allem die politischen Aktivitäten von Marx und Engels nach 1848 (der Film endet dort) wie der lange Weg zur Gründung der Ersten Internationale und ihre Beiträge zum Aufbau der Arbeiter*innenbewegung in Europa sind untrennbar mit ihrer Theorie verbunden.

Hervorzuheben ist auch, dass Raoul Peck Marx’ Partnerin Jenny, die von Vicky Krieps mit viel Leben gefüllt wird, nicht als Statistin inszeniert, sondern als scharfsinnige Mitdiskutantin mit eigener Persönlichkeit.

Um dann doch noch einen „Spoiler Alert“ einzuschieben: Im Film gibt es natürlich auch einige Wermutstropfen, wie die geringe Tiefe der Figur von Marx, oder dass der Abspann eine eklektische Sammlung von Bildern ist, in dem neben Situationen des Klassenkampfes auch solche Figuren wie Nelson Mandela vorkommen, von denen Marx und Engels sich sicherlich ideologisch scharf abgegrenzt hätten.

Das ändert aber nichts daran, dass der Film eine sehr gut gelungene Einführung in die grundlegenden Ideen von Marx und Engels und in den Kampf um ihre Durchsetzung gibt. Klasse Gegen Klasse empfiehlt auf jeden Fall, den Film aufmerksam anzuschauen. Wir freuen uns auch über ergänzende Meinungen, Zusendungen usw. zu diesem Film. Denn – wie schon erwähnt – dürfen wir uns diese Geschichte nicht von denen nehmen lassen, die ihre politischen Schweinereien mit Marx rechtfertigen wollen.

Denn natürlich machen auch die etablierten Parteien jetzt Politik mit diesem Film. In ganz Deutschland premiert der Film mit prominenten „Filmpat*innen“, besonders Parteimitgliedern der Linkspartei, aber auch der SPD und sogar der Grünen. Für die Linkspartei fanden sich so hochrangige Politiker*innen wie Gregor Gysi, Katja Kipping, Petra Pau, Gesine Lötzsch und Sabine Zimmermann, die größtenteils zum rechten Parteiflügel gehören. Für die SPD gehen sogar Thorsten Schäfer-Gümbel (stellvertretender SPD-Vorsitzender) und Johanna Uekermann (Juso-Vorsitzende) in den Ring. Sogar Kriegstreiber Jürgen Trittin (Grüne) stellt den Film vor. Hinzu kommen verschiedene Lokal- und Landespolitiker*innen dieser Parteien.

Das ist nicht nur deshalb perfide, weil der Film auch die Auseinandersetzung von Marx und Engels mit den Strömungen porträtiert, die der Meinung sind, den Kapitalismus verwalten zu können. Es ist auch skandalös, dass jemand wie Marx, der aufgrund seiner politischen Überzeugungen immer wieder dem repressiven Zugriff des Staates sowie mehreren Abschiebungen ausgesetzt war, auf der großen Leinwand von Politiker*innen präsentiert wird, die hier und heute in Deutschland mitverantwortlich für die Abschiebung von Geflüchteten in Kriegsgebiete sind.

Der junge Karl Marx – Kino-Start am 2. März 2017

Der junge Karl Marx
Regie: Raoul Peck
Mit August Diehl, Stefan Konarske und Vicky Krieps
118 Minuten
Frankreich, Deutschland, Belgien 2017

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