Nicht alles, was glänzt, ist Gold

16.01.2026, Lesezeit 8 Min.
Gastbeitrag

Welche Perspektiven gibt es für die aktuelle Protestbewegung in Iran?

1
Foto: Mahmoud Mahdi Photo/shutterstock.com

Derzeit erleben wir im Iran landesweite Proteste gegen die iranische Regierung. Menschen aller sozialen Schichten und ethnischen Zugehörigkeiten gehen auf die Straßen und fordern grundlegende Veränderungen. Diese Proteste müssen jedoch differenziert betrachtet werden, insbesondere im Vergleich zur Protestbewegung des Jahres 2022, die im Zuge des Todes der kurdischstämmigen Frau Mahsa Amini ausgelöst wurde.

Mahsa Amini wurde infolge staatlicher Gewalt durch Institutionen der Islamischen Republik getötet, weil sie die verpflichtende Kopftuchregelung nicht eingehalten haben soll. Ihr Tod brachte ein jahrzehntelang gewachsenes gesellschaftliches Spannungsfeld zum Explodieren. Die Proteste von 2022 waren Ausdruck einer tief verankerten Ablehnung der theokratischen Repression, insbesondere der geschlechterbasierten Unterdrückung von Frauen. International kam es zu breiten Solidaritätsbekundungen; tausende mutige Frauen und Männer demonstrierten weltweit gegen die staatliche Gewalt im Iran.

Die aktuellen Proteste knüpfen an diese Repressionserfahrungen an, unterscheiden sich jedoch in ihrer sozialen Zusammensetzung und ihren Auslösern. Neben der weiterhin bestehenden theokratischen Unterdrückung befindet sich der Iran in einer massiven wirtschaftlichen Krise. Diese ist das Ergebnis jahrelanger westlicher Sanktionen, struktureller Fehlentwicklungen sowie militärischer Eskalationen, die die Ressourcen des Landes weiter erschöpft haben.

Ende 2025 erreichte der iranische Rial einen historischen Tiefstand. Während beim Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen im Mai 2018 ein US-Dollar auf dem freien Markt etwa 64.500 Rial kostete, liegt der Wechselkurs heute bei rund 1.463.500 Rial. Diese Abwertung treibt die Inflation weiter an und hat unmittelbare Folgen für die Bevölkerung. Lebensmittelpreise stiegen zuletzt um über 70 Prozent. Viele Menschen versuchen, ihre Ersparnisse in Gold oder Fremdwährungen zu retten – zunehmend zu ihrem eigenen Nachteil.

Am stärksten betroffen ist dabei die arbeitende Bevölkerung. Die iranische Arbeiter:innenklasse trägt die Hauptlast aus Inflation, Lohnverlust, Prekarisierung und staatlicher Repression. Diese ökonomische Krise verschärft die bereits bestehende theokratische Unterdrückung und vertieft soziale Ungleichheiten.

Hinzu kommt, dass der Iran ein multiethnisches Land ist. Ethnische Minderheiten wie Aserbaidschaner:innen, Kurd:innen, Lur:innen, Belutsch:innen, Turkmen:innen und Araber:innen sind seit Jahrzehnten von politischer, kultureller und ökonomischer Marginalisierung betroffen. Ethnische Repression ist ein struktureller Bestandteil des Systems und verstärkt die gesellschaftlichen Spannungen zusätzlich.

Nach Angaben unabhängiger Quellen gibt es im Zusammenhang mit den aktuellen Protesten mindestens 3.000 Tote. Hinzu kommen tausende Verletzte sowie eine unbekannte Zahl an Inhaftierten. Aufgrund der repressiven Lage im Iran, der eingeschränkten Berichterstattung und der systematischen Geheimhaltung durch staatliche Stellen sind verlässliche offizielle Zahlen kaum zugänglich. Es ist daher davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl der Toten, Verletzten und Gefangenen deutlich höher liegt. Die Dunkelziffer bleibt ein zentrales Merkmal dieser Repression.

Westlicher Imperialismus und geopolitische Interessen

 Die aktuelle Instabilität im Iran kommt westlichen imperialistischen Interessen entgegen. Proteste und soziale Verwerfungen werden selektiv instrumentalisiert, während die realen sozialen Forderungen der iranischen Arbeiter:innenklasse vereinnahmt oder ignoriert werden. Der Iran stellt mit seiner anti-zionistischen Haltung ein geopolitisches Hindernis dar, insbesondere im Hinblick auf israelische Regionalmachtansprüche und sogenannte „Großisrael“-Fantasien.

Zudem spielen die engen wirtschaftlichen, diplomatischen und militärischen Beziehungen des Iran zu China und Russland nicht zugunsten der USA, deren weltpolitische Hegemonie zunehmend an Einfluss verliert. In einer Phase, in der Washington seine Rolle als globale Ordnungsmacht nicht mehr uneingeschränkt durchsetzen kann, entziehen sich solche Partnerschaften bewusst westlicher Kontrolle. Hinzu kommt, dass der Iran über eines der größten Erdöl- und Erdgasvorkommen weltweit verfügt. Diese energetische Schlüsselrolle verleiht dem Land eine strategische Bedeutung, die weit über regionale Konflikte hinausgeht.

Ein sogenannter „Regime Change“, wie er in der Vergangenheit im Irak, in Libyen oder anderswo betrieben wurde, würde daher in erster Linie westlichen Interessen dienen. Während des jüngsten zwölftägigen Angriffskrieges im Sommer 2025 wurde diese Haltung erneut deutlich. Westliche Akteure machten ihre Bereitschaft zu einem politischen Umsturz offen, während zivile Opfer relativiert oder legitimiert wurden. Der deutsche Kanzler Merz bezeichnete einen völkerrechtswidrigen Angriff, bei dem Zivilist:innen starben, als „Drecksarbeit“. Donald Trump überbot dies, indem er sich offen an der Seite der israelischen Regierung positionierte und am 22. Juni 2025 einen völkerrechtswidrigen Angriff auf iranische Atomanlagen unterstützte.

Die Pahlavi-Dynastie und das Märchen vom demokratischen Erbe

In dieses geopolitische Szenario fügt sich der Sohn des 1979 gestürzten Schahs, Reza Pahlavi, aus dem Exil ein. Er fordert offen den Sturz der Islamischen Republik und bietet sich selbst als politische Übergangsfigur an. Um diese Rolle einzuordnen, ist ein Blick auf die Geschichte der Pahlavi-Dynastie unerlässlich.

Reza Schah Pahlavi (1925-1941)  wurde 1941 nicht durch inneren Widerstand gestürzt, sondern im Zweiten Weltkrieg von Großbritannien und der Sowjetunion zur Abdankung gezwungen. Ausschlaggebend waren Irans strategische Bedeutung für Ölversorgung und militärische Nachschubrouten sowie Reza Schahs Bestrebungen, sich westlichem Einfluss teilweise zu entziehen und enger mit Deutschland zu kooperieren. Der Machtwechsel war somit Ergebnis geopolitischer Interessen, nicht iranischer Selbstbestimmung.

Nach seiner Abdankung übernahm 1941 Mohammad Reza Pahlavi den Thron (1941-1979) – unter massivem westlichem Einfluss. In dieser Phase gewann der iranische Nationalismus an Bedeutung, insbesondere durch Premierminister Mohammad Mossadegh, der die Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie durchsetzte. Dieses Projekt fand breite Unterstützung, auch in der Arbeiterbewegung sowie bei der damals verbotenen kommunistischen Tudeh-Partei.

Mossadegh stellte sich damit direkt gegen britische und US-amerikanische Interessen. 1953 wurde er in einem von CIA und britischem Geheimdienst organisierten Putsch gestürzt. In der Folge errichtete Mohammad Reza Pahlavi ein autoritäres Herrschaftssystem, gestützt durch westliche Unterstützung. Der Geheimdienst SAVAK – aufgebaut mit Hilfe der USA und Israels  entwickelte sich zum zentralen Repressionsinstrument. Systematische Folter, willkürliche Verhaftungen, Verschwindenlassen und außergerichtliche Tötungen gehörten zur Praxis. Zehntausende Oppositionelle wurden gefoltert, tausende ermordet, über 50.000 politische Gefangene inhaftiert. Besonders betroffen waren Linke, Gewerkschafter:innen, Studierende und Intellektuelle.

Diese Repression, kombiniert mit steigenden Lebenshaltungskosten, Überwachung, politischer Unterdrückung und der Abhängigkeit von westlichen Staaten, mündete schließlich in der Revolution von 1979.

Reza Pahlavi baut seine heutige politische Legitimation auf den vermeintlichen Erfolgen seines Vaters und Großvaters auf. Er besitzt keine politische Erfahrung, keine gesellschaftliche Verankerung im Iran und hat es versäumt, die Verbrechen seiner Familie aufzuarbeiten. Stattdessen solidarisiert er sich offen mit autoritären und faschistischen Regierungen, insbesondere mit der israelischen Regierung, selbst nach völkerrechtswidrigen Angriffskriegen gegen die iranische Bevölkerung. In jüngster Zeit appellierte er sogar an Donald Trump, militärisch im Iran zu intervenieren.

Gerade diese Haltung macht ihn für den Westen attraktiv. Die Geschichte zeigt, dass westliche Mächte bereit sind, politische Figuren zu installieren, wenn es ihren Interessen dient,unabhängig von den menschlichen Kosten. Irak, Libyen und Venezuela stehen exemplarisch für diese Praxis.

Dass die Proteste nicht losgelöst von sozialen und klassenpolitischen Kämpfen verstanden werden können, zeigen auch Stellungnahmen aus der iranischen Arbeiter:innenbewegung selbst. In einer Erklärung der „Workers’ Union of Tehran and Suburbs Bus Company“, die im englischsprachigen Socialist Worker veröffentlicht wurde und auf dieser Website ebenfalls zur Verfügung steht, wird die aktuelle Protestwelle ausdrücklich als Ausdruck sozialer Ungleichheit, politischer Repression und ökonomischer Ausbeutung benannt. Diese Perspektive macht deutlich, dass es sich nicht um einen abstrakten Machtkampf handelt, sondern um reale Kämpfe der arbeitenden Bevölkerung gegen ein System aus Unterdrückung, Prekarisierung und Gewalt.

Figuren wie Reza Pahlavi vertreten weder die Interessen der iranischen Arbeiter:innenklasse noch jene eines selbstbestimmten Mittelstands. Sie fungieren vielmehr als politische Stellvertreter westlicher imperialistischer Interessen, deren Ziel nicht die soziale Befreiung, sondern die erneute Einbindung des Iran in ein abhängiges Machtgefüge ist. Dabei wird bewusst ausgeblendet, dass der Iran über ausreichende gesellschaftliche, ökonomische und intellektuelle Ressourcen verfügt, um sich eigenständig aus seiner Krise zu erheben – ohne westliche Intervention. Seit Jahrzehnten gibt es im Iran mutige Intellektuelle, Frauen und Männer, Gewerkschafter:innen, Studierende und Aktivist:innen, die für soziale Gerechtigkeit und politische Freiheit kämpfen. Viele von ihnen wurden zum Schweigen gebracht: auf den Straßen, in den Gefängnissen oder im Exil. Gerade sie – und nicht selbsternannte Exilfiguren mit imperialer Rückendeckung – vertreten die tatsächlichen Interessen der iranischen Bevölkerung.

In diesen Zeiten gilt unsere Solidarität den mutigen Menschen im Iran, die unter staatlicher Repression, ökonomischer Ausbeutung und politischer Entrechtung leiden. Wir stellen uns gegen jede Form westlicher Intervention im Nahen Osten, die unter dem Deckmantel von Freiheit und Menschenrechten imperialistische Hegemonieansprüche verfolgt.

Eine wirkliche Befreiung kann nur von unten kommen – durch die Menschen selbst, insbesondere durch jene, die den höchsten Preis zahlen: die arbeitende Bevölkerung.

Mehr zum Thema