Antirassismus

#momobleibt: „Wir wollen eine Stimme für alle werden“

Schon über 10.000 Menschen haben die Petition #momobleibt gegen die Abschiebung von Mohammad Jaffari (Momo) unterschrieben. Wir sprachen mit dem Sozialpädagogischen Assistenten aus Hamburg über seine Geschichte, über Jugendarbeit und Rap – und über Solidarität.

#momobleibt:

Klasse Gegen Klasse: Hallo Momo! Du bist Sozialpädagogischer Assistent in Hamburg. Im Iran wirst du aufgrund deiner Konversion zum Christentum verfolgt und wurdest fast getötet. Deshalb bist du geflohen. Aber der deutsche Staat glaubt dir nicht und will dich trotzdem abschieben. Kannst du unseren Leser:innen deinen Fall erklären?

Momo: Guten Morgen! Ich bin konvertiert zum Christentum. Deshalb bin ich aus dem Iran geflohen. Ich habe die Bibel gelesen. Im Iran gibt es Kirchen, aber man darf da nicht rein, wenn man nicht als Christ geboren ist, weil das gefährlich sein könnte. Vor allem, wenn man vom Islam konvertiert ist. Ich habe versucht, heimlich mit ein paar Leuten Gottesdienste zu machen, die Bibel zu lesen, darüber zu sprechen, was das alles zu bedeuten hat.

Zwei Wochen später wurde ich auf der Straße von fünf Leuten angegriffen und mit dem Messer attackiert. Der Angriff war heftig, ich wurde zweimal angestochen, durch die Rippen bis zur Lunge. Im Krankenbett lag ich fast eine Minute tot und wurde von Ärzten wieder ins Leben zurückgeholt.

Danach bin ich geflüchtet. Hier, beim Asylverfahren, habe ich von den Messerstichen erzählt. Aber das hat gar nicht interessiert. Es hat nur interessiert, dass sie glauben – oder behaupten zu glauben -, ich wäre kein Christ, kein Gläubiger. Dass ich eine Minute tot auf dem Krankenbett lag, ist komplett vergessen worden. Den Staat interessiert nur, ob ich Christ bin, und wenn ich Christ wäre, dann müsste ich das beweisen.

Das ist mein Fall: Sie glauben mir nicht und sagen, dass ich Deutschland verlassen muss, entweder unterschreibe ich meine Ausreise freiwillig. Oder sie werden mich abschieben. Und dafür bräuchten sie einen iranischen Pass von mir, den ich gar nicht habe. In die iranische Botschaft zu gehen, ist aber zu gefährlich für mich. Ich bin einerseits konvertiert, aber andererseits auch politisch aktiv gegen das Regime im Iran. Videos und Texte von mir mit ungefähr 60.000 Aufrufen wurden auch im Iran veröffentlicht. Es wäre Selbstmord, einfach die iranische Botschaft zu betreten.

Bis zum 17. März hättest du Zeit gehabt, Deutschland „freiwillig“ zu verlassen. Wie geht es jetzt weiter?

Die „freiwillige Ausreise“ habe ich nicht unterschrieben. Im Brief an mich stand, wenn ich das nicht unterschreibe und meinen iranischen Pass nicht bei der Ausländerbehörde vorlege, könnte ich bestraft werden. Ich könnte von der Polizei gesucht oder festgenommen werden. Sie könnten mich auch in Abschiebehaft nehmen oder in den Knast sperren.

Das Asylverfahren an sich ist damit komplett abgeschlossen und abgelehnt. Ich habe weder Chancen auf einen Folge- noch auf einen Härtefallantrag. Abgesehen vom Petitionsausschuss gibt es nur noch den Weg der Ausbildungsduldung. Ich fange im Sommer mit einer Weiterbildung zum Erzieher an und nebenbei mache ich mein Fachabi, damit ich studieren kann, falls ich es möchte.

Schon über 10.000 Menschen haben die Petition #momobleibt unterschrieben, die sich gegen deine Abschiebung richtet. Wie kam es zu dieser Kampagne?

Zu dieser Kampagne kam es spontan. Ein Freund von mir hat das vorgeschlagen und eine Vorlage für die Fotoaktion online gestellt, wie du sie auf der Seite @momobleibt siehst. Erst dachte ich nicht, dass es sich so heftig verbreiten würde. Aber auf einmal ist das explodiert, alle kamen dazu, es gab sehr viel Verbreitung und Support.

Daraus ist die Kampagne entstanden. Eine echt gute Freundin von mir hat dann die Petition gestartet und die Spendensammlung (PayPal). Aus meiner Crew, Rapfugees, haben die Leute Aufgaben übernommen. Das alles war ehrlich gesagt unerwartet, dass es so riesig wird.

Du arbeitest beruflich mit Jugendlichen. Was machst du in deiner Arbeit und was bedeutet sie für dich?

Ich habe mit Jugendlichen, und erstmal mit Kindern, an Texten gearbeitet. Das tue ich sehr gerne, weil ich als Jugendlicher und in meiner Kindheit gar kein gutes Leben hatte. Deshalb ist mir wichtig, was ich schon alles erlebt und durchgemacht hat. Unsere neue Generation, unsere Kinder, sollen nicht das gleiche erleben.

Eine Lehrerin in meiner Ausbildung zum Sozialpädagogischen Assistent meinte zu mir: Wir müssen leider die Kinder so „formen“, dass sie irgendwann für die Gesellschaft ertragbar werden können. Und das würde ich niemals machen, ich möchte niemals ein Bildhauer sein, sondern ein Gärtner. Was wir sähen, werden wir auch ernten. Alles, was es jetzt in der Gesellschaft gibt, haben wir gesät.

Ich möchte den Jugendlichen sagen: Ich verstehe euch, ich bin einer von euch, ich möchte euch helfen. Wenn man eine Nebenstraße, eine Gasse durchgeht bis zum Ende und dann wieder zurück geht, hat man gar keine Zeit mehr, dann ist man alt geworden, dann ist das Leben um. Ich möchte, dass die Kinder lernen, mit Liebe und Respekt miteinander umzugehen. Egal welcher Herkunft, Nationalität, Hautfarbe. Uns unterscheidet das Aussehen, aber nicht die Seele.

Ich möchte, dass weniger Jugendliche im Knast landen. Man kann auf jeden Fall Rap-Texte schreiben, aber man sollte von der Wahrheit schreiben. Unsere Jugendlichen schreiben teilweise von Koks, Dealer sein, dies und das, Knarre tragen, killen. Was nicht wahr ist, was nicht real ist, das ist schwierig. Die Jugendlichen und Kinder sollen von Anfang an lernen, miteinander mit Liebe umzugehen.

Du rappst und schreibst Gedichte. Worum geht es in deinen Texten?

Um die Wahrheit. So würde ich das beschreiben. Was ich selbst erlebt habe, was ich selbst durchgemacht habe, was ich selbst gesehen habe. Es geht um Liebe, Hass, Leben, Freundlichkeit, um Krieg, um die gestorbenen Leute, um die selbst geopferten Leute.

Es geht darum, was der Unterschied zwischen Nachvollziehen und Verstehen ist. In einem Text von mir geht es zum Beispiel um eine Kippe, um eine Zigarette, wie sie brennt. Das ist eine Metapher. Die meisten Texte gehen um Flucht, dies und das, Familie, Ungerechtigkeit und das wir aufwachen müssen, dass wir versuchen müssen, eine bessere Welt und ein besseres Leben zu schaffen.

Es gibt noch viele weitere Fälle wie deinen, in denen der deutsche Staat Menschen abschiebt. Mit #momobleibt gibt es sehr viel Aufmerksamkeit gegen deine Abschiebung. Was kann das für andere bedeuten, die in einer ähnlichen Lage sind wie du?

Momo: Mein Bruder, ich weiß es auch, dass es da draußen viele, viele andere gibt, die gar keine Stimme wie meine haben. Die gar keine Unterstützung bekommen wie ich. Ich weiß es auf jeden Fall. Von daher haben wir uns entschlossen, dass wir eine Stimme für alle werden, die da draußen so ähnliche Situationen wie meine haben. Ich setze mich für alle ein. Mit der Kampagne #momobleibt werden wir das auf jeden Fall weiter machen. So viel wir es schaffen. Dass sie ihr eigenes Leben hier haben können, zufrieden und frei leben können.

Was sollte eigentlich das mit den Grenzen? Es macht auch keinen Unterschied, ob man sich für die Gesellschaft hier in Deutschland bemüht oder nicht, ob man sich verbessert oder nicht, ob man die deutsche Kultur kennengelernt hat oder nicht. Abgesehen davon sind wir doch alle Mensch und Menschen sind gleich.

Wenn man es so beurteilt, dass die Verbrecher abgeschoben werden müssen und hier nicht leben dürfen, frage ich: Wie viele Deutsche sind Verbrecher? Das sollte man ganz offen und direkt sagen. Oder wie viele Iraner sind Verbrecher im Iran? Oder wie viele Ausländer sind hier Verbrecher, trotzdem dürfen sie hier leben. Das macht keinen Sinn für mich, dass man sagt: „Der eine ist Verbrecher, der muss auf jeden Fall abgeschoben werden. Aber der andere ist gut, gut integriert, perfekt.“ Auf das Wort „integriert“ an sich komme ich gar nicht klar.

Ganz ehrlich: Man darf keinen verurteilen. Wenn du mich verurteilen willst, dann zieh dir bitte meine Schuhe an, lauf damit, dann verstehst du, was ich meine. Dann verstehst du, wie ich gelaufen bin.

Gibt es außerdem etwas, das du unseren Leser:innen noch sagen möchtest?

Momo: Tu deinem Nächsten das, was du von ihm auch erwartest. Liebe deinen nächsten genauso wie du dich selbst liebst. Und wir müssen versuchen, unsere Kinder und Jugendlichen in den Arm zu nehmen. Die meisten Jugendlichen, die zu den Nazis gehen, sehen bei Familie und Freunden keine Möglichkeit mehr, in den Arm genommen zu werden, respektiert und akzeptiert zu werden. Sie werden von Nazis dann gut behandeln und fühlen sich dann sicher, zugehörig. Versuchen wir, mit Liebe, statt mit Wut zu handeln.

Man sollte vom Regen lernen: Wenn man regnet, dann sollte man auf alle regnen. Nicht verurteilen, sondern Barmherzigkeit haben. Ich bedanke mich bei allen, die mich unterstützen, die mich kennen, die mich nicht unterstützen, die mich gar nicht kennen, die mich lieben und die mich hassen. Ich habe viel gelernt und verstanden durch die heftige Sache, die mir passiert ist.

Ich bin froh, so viel Unterstützung zu haben, aber es ist auch unsere Aufgabe, denen zu helfen, die wie gesagt keine Stimme haben. Ein Freund von mir hat mir ein Foto geschickt von einem Brief, wie ich ihn auch bekam, zur Ausreise, bei ihm war es die zweite Mahnung, riesig in einer roten Schrift geschrieben: Ausreise oder Abschiebung. Er meinte: „Sprich auch für mich, Bruder, du hast jetzt eine laute Stimme. Keiner hört mich, aber dich schon einige.“ So ist es. Und ich danke dir für dein Interesse.

Für weitere Unterstützung

Bitte unterschreibt und teilt die Petition #momobleibt auf http://chng.it/mvrZJ4DKyS

Außerdem braucht er dringend finanzielle Unterstützung, um seinen Anwalt zu bezahlen: https://www.paypal.com/pools/c/8xWSPhTESC

One thought on “#momobleibt: „Wir wollen eine Stimme für alle werden“

  1. Daniel Lais sagt:

    Gottes Segen Momo!

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